Bimail – Bibel für Wagemutige

Bimail

Das Team um P. Georg Sporschill SJ greift für jede Woche im Jahr
einen Satz aus der Bibel heraus. Das Wort wird erklärt und
durch Erfahrung veranschaulicht. Bimails sind Bibelworte
für unsere Zeit: keine Predigten, sondern Anleitungen
zum Weiterdenken.
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19. Januar 2018
von Dominik Markl SJ
Wähle das Leben, damit du lebst!

Das tiefe Verbundensein mit der göttlichen Gegenwart – Glauben – ist Leben.

Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.
Johannes 20,31

Das tiefe Verbundensein mit der göttlichen Gegenwart – Glauben – ist Leben.

Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

Johannes 20,31

Die letzten Stunden des Lebens sind angebrochen. Mose hält seine Abschiedsreden und schreibt sie nieder. Gott ruft ihn auf den Berg Nebo und zeigt ihm das verheißene Land. Mose stirbt „auf dem Mund Jahwes“ (Deuteronomium 34,5), das heißt, auf Gottes Befehl hin, oder – wie die Rabbinen es deuten – auf Gottes Kuss. Niemand kennt das Grab des Mose (34,6). Würde man es finden und nur einen Spalt weit öffnen, so denken die Rabbinen, könnte die Welt das aus ihm hervorbrechende Licht nicht ertragen. „Nie wieder ist ein Prophet in Israel erstanden wie Mose“, verkündet die Tora an ihrem feierlichen Ende, hinsichtlich all der Zeichen und Wunder, die er getan hat „vor den Augen ganz Israels“ (34,12). Auch das Johannesevangelium verweist an seinem ersten Abschluss feierlich auf die Zeichen, die Jesus „vor den Augen seiner Jünger“ getan hat (20,30).

Für Johannes ist Jesus der Prophet wie Mose, den dieser selbst angekündigt hatte. Obwohl Mose einzigartig war, hatte Gott ihm ja schon am Berg Horeb verkündet: „Einen Propheten wie dich will ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erstehen lassen. Ich will meine Worte in seinen Mund legen, und er wird zu ihnen alles reden, was ich ihm befehlen werde“ (Deuteronomium 18,18). „Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll“, schreibt der Evangelist über Jesus (Johannes 6,14).

Mose, ein Prophet großer Zeichen, ist auch Schriftsteller. Er schreibt die Tora (Deuteronomium 31,9), darin auch Segen und Fluch (Deuteronomium 28). Das geschriebene Wort hat eine verheißungsvolle, aber auch eine bedrohliche Macht (Deuteronomium 29,26, vergleiche Offenbarung 22,18). Mit Segen und Fluch beschwört Mose am Ende seiner Reden eine dramatische Wahl zwischen Leben und Tod herauf: „Wähle das Leben, damit du lebst!“ (Deuteronomium 30,19). Worin besteht das Leben? „Zu lieben Jahwe, deinen Gott, auf seine Stimme zu hören und an ihm zu hängen, denn er ist dein Leben“ (30,20). Auch für das Johannesevangelium geht es letztlich um das Leben. Die Zeichen, die Jesus vollbracht hat, sind darin niedergeschrieben, damit wir glauben, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit wir „als Glaubende Leben haben in seinem Namen“. Das tiefe Verbundensein mit der göttlichen Gegenwart – Glauben – ist Leben.

„Im Anfang war das Wort“ – so beginnt Johannes über den Messias zu sprechen, indem er auf den Beginn der Tora verweist: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Am Ende des Evangeliums zeigt er Jesus als den neuen Mose, indem er das Ende der Tora anklingen lässt. Im Johannesevangelium sind so die fünf Bücher Mose als eine tiefe Sinndimension vorausgesetzt und „aufgehoben“, im mehrfachen Hegel’schen Sinn. Wir können daher das Evangelium nicht so recht verstehen, ohne auch die Worte der Tora, die Schriften des Mose, aufmerksam zu lesen und wie einen basso continuo im Hintergrund des Evangeliums zu hören. Jetzt aber höre ich auf zu schreiben. Würde man alles über Jesus zusammenschreiben, könnte die Welt, vermute ich, die Bücher nicht fassen.

12. Januar 2018
von Ruth Zenkert
In der Überforderung gegen den Strom schwimmen

Wie schreiben wir in diesem Jahr weiter? Welches helle Zeichen setzen wir gegen das Dunkel?

Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind.
Joh 20,30

Wie schreiben wir in diesem Jahr weiter? Welches helle Zeichen setzen wir gegen das Dunkel?

Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind.

Joh 20,30

„Cartier Marghita“ heißt eine neue Siedlung in dem transsilvanischen Ort Nocrich. Bisher standen dort elende Hütten, in denen verwahrloste Roma-Familien hausten, zwischen Müll und Unrat, der nächste Brunnen weit entfernt. Im Dunkel flimmerte nur bei wenigen ein Kerzenlicht. Hepatitis hatte viele Kinder geschwächt. Jetzt leuchten dort in bunten Farben zehn Häuschen, und es wird weitergebaut. Wege wurden geschaffen, im neuen Sozialzentrum bietet Wasser die Möglichkeit zum Waschen, auch in den Häusern wird geputzt. Die wilden Kinder kamen jeden Tag ins Zentrum und wurden gebändigt. Zähneputzen war für sie eine neue lustige Beschäftigung, auch weil die Minze gut schmeckte. Spielen, Zuhören, einen Stift über ein Blatt führen und saubere Linien zeichnen, das wurde mühsam gelernt. Wir hatten den Ehrgeiz, alle für die Schule vorzubereiten, und beschafften die notwendigen Dokumente. Dann kam der erste Schultag. Die Kinder marschierten sauber gekleidet in das große Schulgebäude, das ihnen bisher verschlossen war. Jetzt gehörten sie dazu und durften wie die anderen eine Schultasche tragen. Nach einer halben Stunde waren alle wieder im Zentrum. Alina, die Erzieherin, traute ihren Augen nicht. „Die Lehrer haben uns heimgeschickt, weil wir Läuse haben.“ Enttäuscht warfen die Kinder ihre Taschen in die Ecke. Alina raste in die Schule. Die Lehrer wollten die Unruhegeister nicht. Endlich ließ sich die Direktorin erweichen: Wenn der Schularzt keine Laus mehr finde, dürften die Kinder kommen. Doch dann begann der nächste Konflikt. Nina im Sozialzentrum weigerte sich, die Kinder zu behandeln. Die viele Mühe sei sinnlos, am nächsten Tag würden sie ja doch von zuhause wieder neue Läuse mitbringen. Doch Alina gab nicht nach. Jeden Tag wurden die Kinder mit feinen Kämmen von der „Fußballmannschaft“ – wie sie ihre Kopfbewohner nennen – befreit, mit Essiglösung im Haar wurden neue abgewehrt. Als der Arzt bestätigte, dass die Kinder sauber seien, begann der Kampf, sie am Morgen pünktlich zu versammeln. Die Familien waren nicht gewohnt, morgens im Dunkel aufzustehen. Emil musste jeden Tag an den Häuschen anklopfen und die Kinder herausbringen. Alina schaffte es gegen alle Widerstände, und so zieht jeden Morgen die Kinderschar mit Emil in das Dorf.

In der Dunkelheit der Welt kann niemand generalstabmäßig Lösungen finden. Mit einem Zeichen kann ich jedoch dem Strom eine Richtung geben, die der Hoffnung gegen Lähmung. Ich bin die Erste, die von diesem Strom getragen wird. Es ist interessant, wie das Evangelium endet: Mit dem Hinweis, dass es noch viele andere Zeichen gebe, die nicht in diesem Buch aufgeschrieben seien. Ein Buch wird geschlossen und ein neues eröffnet, nämlich das Buch unseres eigenen Lebens. Wo sind heute die Zeichen, die uns an das Gute glauben lassen? Unsere Aufgabe ist es, das Evangelium mit unserem eigenen Leben weiterzuschreiben, das fünfte Evangelium, vielleicht das wichtigste. Und es an unsere Kinder weiterzugeben.

Wie schreiben wir in diesem Jahr weiter? Welches helle Zeichen setzen wir gegen das Dunkel?

5. Januar 2018
von Georg Sporschill SJ
Zwei Wege zum Lebensglück

Der Weg der Braven oder der Schwierigen, der Kindlichen oder der Kritischen. Welchen Weg zum Lebensglück darfst du gehen?

Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Joh 20,29

Der Weg der Braven oder der Schwierigen, der Kindlichen oder der Kritischen. Welchen Weg zum Lebensglück darfst du gehen?

Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Joh 20,29

„Kerzerlschlucker, schauts liaber, dass eire Oarschlecher ned bei de Nochbarn die Hittn zerlegen!“ Mit diesen rauen Worten erwartete mich der Polizeiinspektor nach der Messe vor der Hauskapelle. Das war vor dreißig Jahren im Jugendhaus der Caritas in Wien. Am Kragen hielt er den betrunkenen Horstl, der kaum noch stehen konnte. Horstl hatte im Gasthaus „Gösser“ um die Ecke eine Schlägerei begonnen. Der Wirt hatte die Polizei geholt, doch außer Inspektor Matthias wagte keiner sich zu den gewalttätigen Burschen. In unser Haus kamen die Polizisten grundsätzlich nur zu zweit, Matthias wurde unser Kontaktbeamter. Der „Kieberer“ war für unsere Schützlinge eine Autorität, er kannte die richtige Sprache für sie, und er setzte sich für sie ein. Auch wir Mitarbeiter hatten Respekt vor ihm. Oft musste er das Gästebuch kontrollieren, ob nicht ein gesuchter Verbrecher bei uns untergetaucht war. Manchmal blieb er bei uns auf einen Kaffee. Nie brachte ich ihn in die Kirche, obwohl ich ihn oft eingeladen hatte. Einmal schaffte ich es, dass er während der Messe blieb. Wir ließen die Kapellentüre offen, und er stellte sich ganz ans Ende des Ganges und rauchte. Dann wurden wir versetzt, Matthias in ein anderes Kommissariat und ich nach Rumänien. Wir verloren uns aus den Augen.

Eines Tages rief er mich an, viele Jahre später. Er habe eine Bitte. Ob ich nicht in seiner Gemeinde bei einer Wallfahrt predigen könne. Ich traute meinen Ohren nicht. „Matthias, was für eine Gemeinde?“ Ich musste zweimal nachfragen. Da war wieder sein strenger Polizeiton: Red nicht lang herum, komm! Er beschrieb mir, wie ich zur Kirche ins südliche Burgenland gelange. Ich gehorchte. Nicht viele Wallfahrer kamen, treue Kirchgänger zogen mit einer Marienfahne ein. In der ersten Reihe nahm Matthias Platz, und neben ihm – ich kannte das Gesicht – ja, es war Horstl! Beide saßen da und weinten wie Schlosshunde. Ich musste bei der Predigt wegschauen, sonst wäre auch ich in Tränen ausgebrochen. Matthias hat mit den Schwierigsten, die aus dem Gefängnis gekommen waren, über all die Jahre Kontakt gehalten. Er begleitet Horstl und einige der „Oarschlecher“ in Freundschaft, hilft ihnen bei der Arbeitssuche und nimmt sie in sein Haus mit. Er hat es geschafft, dass Horstl nicht mehr trinkt. In der Gemeinde, wo Matthias jetzt lebt, unterstützt er den Monsignore, er ist der gute Geist für alles und der Mesner, der die Kerzen anzündet, die angeblich andere schlucken.

Zwei Wege des Glaubens sind in dieser Geschichte beschrieben. Der eine führt über Schwierigkeiten zum Glauben. Matthias musste sich den Weg erkämpfen, bis er sehen konnte. Den anderen Weg gehen die Wallfahrer und der Monsignore, die sich wundern über die „ungläubige Jugend, die nicht in die Kirche geht“. Sie machen sich Sorgen und beten für sie. Für sie gilt: Selig sind sie, die nicht sehen und glauben!

Der Weg der Braven oder der Schwierigen, der Kindlichen oder der Kritischen. Welchen Weg zum Lebensglück darfst du gehen?

29. Dezember 2017
von Josef Steiner
Lehrer. Freund. Vorbild

Schüler wählen starke Vergleiche, um ihren Respekt und ihre Wertschätzung prägenden Führungspersonen gegenüber auszudrücken.

Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott.
Joh 20,28

Schüler wählen starke Vergleiche, um ihren Respekt und ihre Wertschätzung prägenden Führungspersonen gegenüber auszudrücken.

Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott.

Joh 20,28

Die Schüler des Rabbi Israel ben Elieser – als Begründer der spirituellen Bewegung des Chassidismus bekam er später den Ehrentitel Baalschemtow, „Herr des guten Namens“ – schwärmten in höchsten Tönen von ihrem Lehrer. Gegenüber der Spiritualität der Aufklärung, die Vernunft, Kritik, Analyse und Logik in die Mitte ihrer Religiosität stellte, betonte Israel ben Elieser Mystik, Meditation, Emotion. Sein Grundsatz war: In und aus jedem Menschen strahlt ein göttlicher Funke. Er verkündete eine geerdete Mystik, die sich in sozialem Engagement und einer äußerst demütigen Lebenseinstellung ausdrückte. Und sie hatte eine unbändige und heilsame Lebensfreude zur Folge, so dass Tanzen, Singen, fröhliche Mähler und Weingelage zu Kennzeichen dieser Spiritualität wurden. Martin Buber hat in seinen chassidischen Erzählungen die Begeisterung der Schüler in zwei schönen Szenen festgehalten. Einem Sohn des Baalschemtow erschien der verstorbene Vater einmal im Traum in Gestalt eines großen Feuerbergs, der sich in unzählige Funken teilte. Auf die Frage des Sohnes, warum er so erscheine, antwortete er ihm: „So habe ich Gott gedient.“ Und ein anderer Schüler, Rabbi Löb, sagte einmal zu Leuten, die vom Baalschemtow erzählten: „Ich sage euch, hätte Rabbi Israel ben Elieser im Zeitalter der Propheten gelebt, er wäre ein Prophet geworden. Und hätte er im Zeitalter der Erzväter gelebt, er wäre ein bestimmter Mann geworden, so dass man, wie man sagt: ´Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs´, auch sagen würde:´Gott Israels´.“ Was für Hochschätzung, ein Feuer versprühender Lehrer, eingereiht in die größten Gestalten der Glaubensgeschichte!

Jesus hat einen guten Ruf bei den Menschen. Seine eindrucksvollen Reden und klugen Ratschläge erinnern sie an die Gestalt Mose. Sein kämpferisches und mutiges Auftreten gleicht dem des Propheten Jeremia. Seine therapeutische Kraft lässt den Propheten Elischa gegenwärtig werden. Und der Zustrom der Menschen und die entstehende Volksbewegung gleichen denen des Johannes des Täufers. Näher am Geheimnis seiner Person sind die Frauen, Männer und Kinder, die Tag und Nacht mit ihm unterwegs sind, mit ihm leben und von ihm lernen dürfen. Petrus wagt sogar einmal, Jesus mit der erwarteten Gestalt des Messias zu vergleichen. Am meisten beschenkt aber ist Thomas. Sein einforderndes Wort, erst durch Berührung der Narben Jesu an seine bleibende Wirksamkeit zu glauben, haben ihm eine persönliche mystische Begegnung mit ihm geschenkt. Sie lassen Thomas die schönsten und stärksten Worte seiner Bibel aussprechen: „Mein Herr und mein Gott.“ Es ist das Bekenntnis, in Jesus das Geheimnis und die Wirklichkeit des mitgehenden Gottes hautnah erleben zu dürfen. Er ist für ihn der Größte geworden, ein göttlicher Lehrer und Meister, dessen Werk er weiterführen will. Schüler wählen starke Vergleiche, um ihren Respekt und ihre Wertschätzung prägenden Führungspersonen gegenüber auszudrücken.

 

22. Dezember 2017
von Max Heine-Geldern SJ
Der Rosenkavalier

Unscheinbar, doch unvergessen.

Die Ros ist ohn Warum. Sie blühet, weil sie blühet.
Sie acht nicht ihrer selbst. Fragt nicht, ob man sie siehet. (Angelus Silesius)

Unscheinbar, doch unvergessen.

Die Ros ist ohn Warum. Sie blühet, weil sie blühet.

Sie acht nicht ihrer selbst. Fragt nicht, ob man sie siehet. (Angelus Silesius)

Die Altstadt von Genua zwängt sich zwischen Hafen und den steil aufsteigenden Apennin. Auf engstem Raum spielt sich hier das Leben ab. Kleine Obstläden, Werkstätten und Friseursalons wechseln sich ab mit hippen Bars, feinen Restaurants und finsteren Spelunken. Schulterbreite Gassen winden sich labyrinthartig durch das verbaute Gebiet. Wenn sie sich weiten, schaffen sie Raum für wundervolle Kirchenfassaden. Gerade in der sonstigen Enge lassen die überraschend großen Kirchenräume aufatmen. Nur wenige der eingesessenen Genovesen wohnen noch hier. Viele Häuser sind baufällig, trotzdem tönt Musik aus ihren Fenstern. Vor allem Migranten und Touristen beleben die engen Gassen. Die pulsierende Dichte ist faszinierend. Die unmittelbare Nähe von Arm und Reich, von strahlenden Geschäften und bröckelnden Mauern, der Duft von frischen Gewürzen und Katzenpisse, all das liefert ungeschminkte Eindrücke. Gelassen zieht der Schuhverkäufer an seiner Zigarette, während er amerikanischen Touristen seine Ware anbietet. Fluchend bahnt sich ein Mann auf dem Motorroller seinen Weg durch die Massen. Zwei Männer in Anzügen kippen filmreif ihre Espressi und eilen weiter. Mitten in diesem Gewirr stehen Prostituierte in den schmalen Gassen um die Straße Maria Maddalena und warten auf ihre Freier. Es ist nicht zu übersehen: Genua ist ein Melting Pot, ein Mikrokosmos, in dem sich die verschiedensten Seiten des Menschen ausleben.

Eine der schönsten zeigte mir ein junger Mann. Er ging vor mir in einer besonders engen Gasse, mit drei Rosen in der Hand. Zielstrebig ging er auf drei Prostituierte zu, die gerade mit ein paar Männern sprachen. Ohne Worte, mit einer kleinen Verneigung, übergab er jeder eine Rose und zog weiter seines Weges. Diese Geste war so unaufdringlich, geradezu schüchtern, dass ich zunächst nicht sicher war, ob sie wirklich geschehen war. Aber die drei Frauen hatten noch immer die Rosen in der Hand. Der junge Mann war verschwunden. Wir blickten einander an. Wer von uns wohl verblüffter dreinschaute? Ein stiller Moment Ewigkeit. Langsam veränderte sich bei einer der Beschenkten ihr Blick in ein freudiges, sanftes Strahlen. Die nach vorne hängenden Schultern richteten sich leicht auf, ihr Hals streckte sich, ihr Kinn hob sich. Ein Hauch von Stolz zeigte sich. Staunend, ergriffen tauchte ich wieder in den Alltag.

Heute, vor dem kleinen Kind in der Krippe, habe ich erneut die Geste des Rosenkavaliers vor meinem inneren Auge. Was hat sie verändert? Ging doch unser Alltag nahtlos weiter. Wäre der junge Mann darüber enttäuscht? Raubt die scheinbare Sinnlosigkeit seiner Tat ihre Schönheit? Sie ist so unscheinbar geschehen, unaufgeregt und doch voller Liebe. Kein Hauch von Bewertung lag in seiner Bewegung. Kein Warum zwängte sich in die Begegnung. Eine friedvolle Freiheit schwang mit ihr mit. Seine Geste hat mich ergriffen und blüht noch weiterhin in mir. Sie öffnet mich für die Botschaft des Kindes in der Krippe und lässt mich über das kleine Blümlein staunen, in dem sich Gott mir schenken will.

 

15. Dezember 2017
von Ruth Zenkert
Wie innere Kräfte geweckt werden

Es ist ein entscheidender Unterschied, ob du über die Not redest oder sie berührst. Wann ist dir ein Mensch begegnet, der dich gebraucht hat?

Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und siehe meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
Joh 20,27

Es ist ein entscheidender Unterschied, ob du über die Not redest oder sie berührst. Wann ist dir ein Mensch begegnet, der dich gebraucht hat?

Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und siehe meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!

Joh 20,27

Das Gespräch mit Paco, einem Spanier, war deprimierend. Er hat in unserem rumänischen Dorf eine Parkettfabrik, die er fast auf Nullbetrieb reduzieren musste, weil er im Land kein Eichenholz mehr bekommt. Alles wird an die Chinesen verkauft, sagt er. Die meisten Mitarbeiter sind entlassen, die Fachkräfte sind noch da, aber ohne Arbeit. Kannst du mir nicht deinen Tischler leihen, solange ihr nichts zu tun habt?, fragte ich ihn. Da Paco nur Spanisch spricht, übersetzte sein Mitarbeiter das Gespräch. Auf dem Weg zurück läutete das Telefon. Andrei – er war der Übersetzer – sagte: Ich möchte zu euch kommen! Ich übernehme die Tischlerei. Wir verhandelten – und er begann. Aber dann kam das Erwachen: In unserer Tischlerei sind keine Tischlergesellen, wie er sie gewohnt war, sondern Jugendliche, die nie im Leben in einer Schule waren oder gearbeitet haben. An den ersten Tagen war morgens keiner zur Stelle. Andrei wollte seine Aufträge erledigen, dann eben ohne seine Schüler, allein. Auf keinen Fall, kämpfe um sie, hole sie aus ihren Hütten, ermutigte ich ihn. Mit Florin suchte er seine Kandidaten auf. Als er sah, wie sie hausten, verstand er, dass sie nicht pünktlich zur Arbeit kommen konnten. Ohne Licht und ohne Uhr, in der kalten Hütte, wo die Eiszapfen von der Decke hingen. Er machte mit ihnen sauber. Er setzte Türen und Fensterstöcke ein. Er baute mit ihnen Betten und besorgte Matratzen. Am Wochenende machten sie Ausflüge, gingen fischen. So gewann er seine Lehrlinge, Neue kamen dazu. Sie haben die Zahlen gelernt, damit sie den Maßstab lesen können. Andrei kennt alle ihre Probleme. Trotz seiner ursprünglichen Angst vor dem Elend hat er ihre Hütten betreten. Das hat ihn fähig gemacht, ihnen zu helfen. Heute hat Andrei eine treue Schar von Burschen, die auf ihren Meister schwören. Sie arbeiten an den großen Maschinen und fertigen die Möbel für unsere Sozialzentren.

Der Tischler hat mit Thomas im Evangelium gemeinsam, dass sie die Wunden berühren mussten. Die eigene Erfahrung der Not hat Andrei zum Aufbruch gebracht, genauso wie Thomas zum Glauben fand, als er an den Händen und an der Seite Jesu die Wunden berühren konnte. Wer von der Not gepackt wird, muss etwas tun. Er spürt in sich ungeahnte Kräfte und ein bedingungsloses Muss: Ich kann und muss etwas tun. Ein Beispiel: Ganz unterschiedlich ist der Ton in Gesprächen mit Menschen, die Flüchtlinge aufgenommen haben oder auch nur einen Flüchtling persönlich kennen, und mit anderen, die das Thema nur aus den Medien und aus dem Mund von Wahlkämpfern kennen. Die einen sehen bloß die Probleme, die anderen glauben an Lösungen.

Es ist ein Geschenk, die Hände oder den Finger in eine Wunde legen zu dürfen. Glaubenskraft und Mut werden freigesetzt. Der entscheidende Unterschied, ob du über die Not redest oder sie berührst. Wann ist dir ein Mensch begegnet, der dich gebraucht hat?

8. Dezember 2017
von Georg Sporschill SJ
„Geht nicht“ gibt’s nicht

Wer bringt Spannung in eine Gruppe? Wer sind die Aufständischen? In die Beziehung mit ihnen spricht Jesus den Friedensgruß.

Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!
Joh 20,26

Wer bringt Spannung in eine Gruppe? Wer sind die Aufständischen? In die Beziehung mit ihnen spricht Jesus den Friedensgruß.

Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!

Joh 20,26

Wieder einmal war die monatliche Sitzung mit unseren Erziehern eskaliert. Die Meinungen gingen auseinander, wie Jugendliche, die auf der Straße aufgewachsen waren, wohn- und arbeitsfähig werden könnten. Die meisten glaubten, dass es zu schwer für die labilen Jugendlichen sei, in die Gesellschaft hineinzuwachsen. Sie sollten in einem Heim für Obdachlose Unterschlupf finden und könnten sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten. Mehr könne man ihnen nicht zumuten. Claudiu allerdings war überzeugt, dass seine Schützlinge es schaffen würden, wenn sie nur alleine wohnen könnten. Er ließ sich nicht überstimmen, sondern argumentierte immer leidenschaftlicher, bis er sagte: „Wenn ihr mir eine Wohnung gebt, ziehe ich mit fünf Kandidaten ein. Ihr werdet sehen, dass sie alle arbeiten werden. Gebt mir die Chance, dass ich es ausprobiere.“ Claudiu bekam die Wohnung, lebte selbst mitten unter den Jugendlichen – und nach turbulenten Anfängen kamen einige aus dem Teufelskreis heraus. Sie begannen zu arbeiten und suchten sich bald schon eine eigene Unterkunft. Andere brauchten mehrere Anläufe. Einen musste er auf die Straße setzen, weil er zu nichts zu bewegen war. Heute sind die betreuten Jugendwohngemeinschaften für uns der wichtigste Schritt, um die Heranwachsenden auf den Weg zur Selbständigkeit zu bringen.

Claudiu ist ein Typ wie Thomas im Evangelium, dem Unglaube nachgesagt wurde, weil er der Erzählung von der Auferstehung nicht sofort Glauben schenkte. Oft kommt Claudiu nicht zu Besprechungen, weil er auf der Straße seinen Schützlingen nachgeht. Ist er dann doch einmal bei einer Sitzung dabei, stiftet er Unruhe. Kaum hat man zu einer gemeinsamen Meinung gefunden, ist er dagegen. Manchen Fall, der für uns abgeschlossenen war, hat er wieder aufgerollt. Doch schwierigste Kinder, mit denen wir nicht weiterkonnten, gaben ihm Recht. Sie waren seine Freunde, und manche überraschten uns. Carmen, die mit sechzehn ihr Kind auf der Straße herumschleppte, betreute die neue Wohngemeinschaft. Sie wurde seine wichtigste Mitarbeiterin. Ich mochte den Unruhestifter nicht mehr in unserem Team missen. Oft und oft durchbrach er unsere Phantasielosigkeit, wenn die Tore zu einer Lösung verschlossen waren. An das, worüber sich alle so sicher waren, konnte er nicht glauben. Doch wie oft freuten wir uns mit ihm über verlorene Kinder, die uns überraschten – dank seines Widerstandes. Niemand schmiedete unsere Gruppe mehr zusammen als der „ungläubige Claudiu“. Wie Thomas im Evangelium bewies er uns den stärkeren Glauben, einen kritischen Glauben.

In jeder Gemeinschaft gibt es die Kritischen. Wenn man keinen Weg weiß, flüchten sie nicht in Phrasen. In der Bedrohung wollen sie mehr wissen. „Geht nicht“ gibt’s nicht, wie es ein Manager formulierte. Wer bringt Spannung in eine Gruppe? Wer sind die Aufständischen? In die Beziehung mit ihnen spricht Jesus den Friedensgruß.

1. Dezember 2017
von Josef Steiner
Narben der Liebe

Hingabe und Einsatz bringen auch Verletzungen, Kränkungen und Wunden. Sie sind besondere Momente des Lernens.

Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe, glaube ich nicht.
Joh 20,25

Hingabe und Einsatz bringen auch Verletzungen, Kränkungen und Wunden. Sie sind besondere Momente des Lernens.

Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe, glaube ich nicht.

Joh 20,25

Rabbi Mosche von Kobryn hatte die Fähigkeit, große Fragen und tiefgründige Reflexionen in kurze und bildhafte Worte zu fassen. Mitbedingt war das durch seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen in einem kleinen litauischen Dorf, als Sohn von Eltern, die ihr tägliches Brot hart erarbeiten mussten. Sie formten sein pragmatisches Denken und sein klares Sprechen. Ein schönes Beispiel seiner geistigen Einstellung und Formulierungskunst hat Martin Buber in der Sammlung seiner Chassidischen Erzählungen festgehalten. Es führt in die Kindheit Mosches, als er einmal erleben musste, wie eine große Hungersnot in Litauen ausbrach. Auch durch sein Dorf zogen täglich Scharen von armen Menschen auf der Suche nach Nahrung und Überleben. Mosches Mutter mahlte tagaus, tagein mit einer Handmühle Korn, backte Brot und verteilte es unter den Armen. „An einem Tag“, so erzählt Buber, „kam eine größere Schar als sonst, das Brot reichte nicht für alle. Aber der Ofen war geheizt, Teig lag in den Schüsseln, eilig nahm die Frau davon, knetete die Laibe zurecht und schob sie in den Ofen. Die Hungrigen jedoch brummten, weil sie warten mussten, und etliche Freche unter ihnen verstiegen sich zu Scheltworten und Flüchen. Darüber brach die Frau in Tränen aus. ,Weine nicht, Mutter`, sagte der Knabe, ,tu nur deine Arbeit und lass sie fluchen und erfülle Gottes Gebot! Vielleicht, wenn sie dich lobten und segneten, wäre es weniger erfüllt.`“ Ein kurzer Satz mit tiefer Aussage. Eine kleine Kränkung, gedeutet als besonderer Moment des Lernens.

Thomas ist ein besonderer Schüler Jesu. Er hat dessen erstes Wort, mit ihm und von ihm zu lernen – „Kommt und seht!“ -, ernst genommen. Auch nach Jesu Sterben am Kreuz. Die überraschende Erzählung seiner Mitkämpfer und Mitleidenden, dass sie Jesus gesehen haben, genügt ihm nicht. Das muss er zuerst selber sehen. Sein Blick richtet sich auf die Hände Jesu. Hände, die so viel Gutes getan haben. Die blinden Menschen Augenlicht und Durchblick schenkten, verstopfte und verschlossene Ohren öffneten, erstarrte Zungen zum Sprechen und gelähmte Menschen zum Gehen brachten. Diese Hände der Liebe, des Zupackens und Handelns, die am Kreuz durch eingehämmerte Nägel oder durch fesselnde Stricke entmachtet und zur Untätigkeit verurteilt waren, sie will er mit eigenen Augen wahrnehmen. Auf ihre Narben, Einschläge, Wunden, Verletzungen schauen und von ihnen lernen. Er will Augenzeuge sein, dass diese gezeichneten und verletzten Hände leben und weiterwirken. An solchen Händen will er sein Vertrauen und seinen Glauben an Jesus festmachen. „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe, glaube ich nicht.“ Ein berechtigter Wunsch des Schülers Thomas, der ihm eine besondere Begegnung mit seinem Herrn und Meister schenken wird. Liebe hinterlässt Spuren. Hingabe und Einsatz bringen auch Verletzungen, Kränkungen und Wunden. Sie sind besondere Momente des Lernens.

 

1. Dezember 2017
von Dominik Markl SJ
Martin Luther – der Reformator und der Sozialaktivist

Mose wollte das Gelobte Land sehen, Thomas den auferstandenen Christus. Welche Sehnsucht gibt mir Perspektive?

Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
Johannes 20,24

Mose wollte das Gelobte Land sehen, Thomas den auferstandenen Christus. Welche Sehnsucht gibt mir Perspektive?

Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.

Johannes 20,24

Martin Luther King beschloss seine letzte Rede am 3. April 1968 mit den Worten: „Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen. Wie jeder, möchte auch ich ein langes Leben leben. Aber das kümmert mich jetzt nicht. Ich möchte nur Gottes Willen tun. Und er hat mir erlaubt, auf den Berg zu steigen. Und ich habe hinübergeschaut und das Gelobte Land gesehen. Vielleicht kann ich nicht mit euch hineinkommen. Aber heute Abend sollt ihr wissen, dass wir, als Volk, ins Gelobte Land kommen werden! So bin ich glücklich heute Abend. Ich bin um nichts besorgt. Ich fürchte keinen Menschen! Meine Augen haben die Glorie der Ankunft des Herrn gesehen!“ Am folgenden Tag wurde Martin Luther King erschossen – unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen. Morddrohungen hatten ihm bewusst gemacht, dass sein Leben in Gefahr war. Er rechnete mit dem Schlimmsten. Aber er war zuversichtlich, dass das Ziel seines Lebensprojektes – die Gleichberechtigung schwarzer und farbiger US-Amerikaner – unabwendbar und zum Greifen nahe gekommen war. Er verglich sich mit Mose, der nach vierzig Jahren in der Wüste, nach allen Kämpfen mit Pharao und nach mühsamen Auseinandersetzungen mit dem eigenen Volk, vom Berg Nebo aus das Gelobte Land sehen durfte. Mose konnte nicht selbst in das Land kommen, doch er starb in der Zuversicht, dass sein Volk an sein Ziel gelangen würde.

Im Jahr 1934 hatte Kings Vater Michael am Weltkongress der Baptisten in Deutschland teilgenommen. Beeindruckt von der Reise auf den Spuren Martin Luthers entschloss sich Michael, für sich selbst und für seinen Sohn den Namen des deutschen Reformators anzunehmen. Er ahnte wohl nicht, dass sein Sohn zu einem der größten Sozialaktivisten des 20. Jahrhunderts werden sollte. Martin Luther King Jr. hatte unter den Rassengesetzen persönlich zu leiden. Als Kind verlor er einen weißen Freund, als dessen Vater den Kontakt aus rassistischen Gründen unterband. Als junger Mann beendete Martin die Beziehung zu einer weißen Geliebten, die er heiraten wollte, weil die Ehe sozial nicht akzeptabel gewesen wäre, auch für seine eigene Mutter nicht. Als Jugendlicher hatte Martin Zweifel am christlichen Glauben. Doch entschloss er sich schließlich, Pastor zu werden. Er war überzeugt, dass die Bibel wichtige Wahrheiten enthielt und dass er als Prediger zum sozialen Wandel beitragen könnte. 1964 erhielt King den Friedensnobelpreis.

Die Boston University, an der King sein Doktorat erworben hatte, ehrt ihn mit einem Denkmal – nur zwei Kilometer vom Tatort der Boston Bombings entfernt. Die Stahlskulptur stellt einen Vogelschwarm dar, der himmelwärts aufsteigt. In Stein graviert sind Kings Worte zu lesen: „Weit entfernt davon, die Anordnung eines frommen Utopisten zu sein, ist das Gebot, den eigenen Feind zu lieben, eine absolute Notwendigkeit für unser Überleben.“ Mose wollte das Gelobte Land sehen, Thomas den auferstandenen Christus. Welche Sehnsucht gibt mir Perspektive?

1. Dezember 2017
von Ruth Zenkert
Ihr seid Richter der Welt

Wegschauen. Ich bin überfordert. Es ist nicht meine Aufgabe. Was tue ich, wenn Unrecht geschieht?

Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.
Joh 20,23

Wegschauen. Ich bin überfordert. Es ist nicht meine Aufgabe. Was tue ich, wenn Unrecht geschieht?

Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Joh 20,23

Mit einem Affenzahn raste Novac mit dem Fahrrad davon, ich sah nur noch Staubwolken. Freunde waren angekommen und hatten einige Sachen gebracht, die wir gerade aus dem großen Auto ausluden. Schnell bildete sich eine Traube von Neugierigen und vor allem Gierigen, die ihre Wünsche anbringen wollten. Ahnungslos gaben die Freunde die Pakete den Leuten, die ihre Mithilfe als Anrecht auf ein Geschenk verstanden. Wir hatten alle Mühe, die Sachen ins Haus zu bringen, damit wir sie am nächsten Tag in Ruhe an die wirklich Bedürftigen verteilen konnten. Diese Situation nutzte auch die junge Dorfbande, sie war höchst interessiert an den modernen Fahrrädern. Und so passierte es, dass Novac das tolle Mountainbike nicht in unseren Hof stellte, sondern davonrauschte. Ich sagte der wilden Bande, sie sollten Novac nachlaufen und das Rad zurückbringen, dann hätten sie eine Chance, eines zu bekommen. Sie drucksten bloß herum. Unseren Mitarbeiter fragte ich, warum er nicht besser aufgepasst habe und ob er nicht zu Novacs Vater gehen könne, um das gestohlene Rad zurückzuholen. Doch er hatte Angst. Dann blieb wohl nichts anderes übrig, als selber mit Novac zu reden. Vorher wollte ich noch schauen, dass die Gäste etwas zu essen bekamen. Da sah ich wieder eine Staubwolke. Victor bremste scharf vor mir – mit dem gestohlenen Fahrrad. „Das gehört sicher euch?“, fragte er und schob das Rad in unseren Hof. „Ich habe gesehen, dass ein ausländisches Auto ins Dorf fährt. Und dann kam Novac mit einem neuen Rad … ich habe ihn gestoppt, und er hat zugegeben, dass er es geklaut hat.“ „Danke, lieber Victor! Das Fahrrad gehört dir.“ Victor ist Lehrling in unserer Tischlerei, er wird sicher eine gute Führungskraft.

Mich hat beeindruckt, wie Victor ins Geschehen eingegriffen hat. Er hat nicht gesagt: Was geht mich das an? Er ist nicht feig ausgewichen, er hat sich nicht klein gemacht und gesagt: Was kann ich schon tun? Nein, er hat beherzt das Unrecht aufgedeckt und das Diebesgut zurückgebracht. Alles war wieder dort, wo es hingehörte. Das meint Jesus, wenn er seinen Schülern zutraut: „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen.“ Er ermächtigt seine Schüler, sich für die Schöpfungsordnung einzusetzen. Im biblischen Sinn heißt das als Erstes, die Schwachen zu schützen und Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Jesus setzt seine Schüler als „Richter für die Welt“ ein. Ihre Aufgabe ist es, zwischen Gerechten und Frevlern zu unterscheiden. Sie werden den einen entgegentreten und für die anderen eintreten, sie aufrichten. Dazu stattet Jesus seine Schüler mit göttlicher Vollmacht aus. Niemand soll sagen: Das ist Aufgabe der anderen, Kompetenz des Klerus. Nichts können wir auf die Chefs oder gar auf Gott abschieben. Nein, wir haben von Jesus den Auftrag und sogar die Ermächtigung. Wie ernst es Jesus ist, zeigt seine Drohung: „Denen ihr die Sünden behaltet, sind sie behalten“.

Wegschauen. Ich bin überfordert. Es ist nicht meine Aufgabe. Was tue ich, wenn Unrecht geschieht?