Bimail – Bibel für Wagemutige

Bimail

Das Team um P. Georg Sporschill SJ greift für jede Woche im Jahr
einen Satz aus der Bibel heraus. Das Wort wird erklärt und
durch Erfahrung veranschaulicht. Bimails sind Bibelworte
für unsere Zeit: keine Predigten, sondern Anleitungen
zum Weiterdenken.
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12. Oktober 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Fünf Lichtblicke

Worauf ich am Ende eines Tages blicke, kann mein Leben verändern.

Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis.
Gen 1,4

Worauf ich am Ende eines Tages blicke, kann mein Leben verändern.

Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis.

Gen 1,4

Schüsse fielen, Schreie gellten, Menschen rannten in Panik davon. Hände ergriffen Alexis Prem und rissen ihn in den vorbeirasenden Jeep. Binnen weniger Sekunden war der Jesuitenpater zur Geisel der Taliban geworden. Damit begann eine achtmonatige Leidenszeit. Drei Jahre zuvor war der Inder als Regionalleiter des Jesuitenflüchtlingsdienstes (JRS) nach Afghanistan gekommen. Er hatte die Sprache erlernt, lebte unter den Menschen und hielt sich strikt an das Missionsverbot. Gute Beziehungen waren erwachsen. Auf diese Weise konnte der JRS viele Schulen für die zurückkehrenden Flüchtlinge führen. Auch Mädchen wurden unterrichtet. Das war den Taliban ein Dorn im Auge.

Nun reichten sie ihre Beute untereinander weiter. Neun Mal musste Pater Alexis den Ort wechseln. Meist fand er sich mit gefesselten Händen und Füßen in irgendwelchen Höhlen wieder. Angst und Ungewissheit rissen ihn hin und her. Was wird mit mir geschehen? Werden sie mich töten? Wenn nicht heute, dann vielleicht morgen. Die Handbewegung eines Jungen, mit der er eine durchschnittene Kehle angedeutet hatte, verfolgte Prem. Manch einer seiner Wächter trieb sadistische Spiele mit ihm, andere wiederum achteten ihn wie einen Gast.

Lebendig erzählte mein Mitbruder im Jugendzentrum von seiner Passion. Wir hingen an seinen Lippen. „Was hat Ihnen Kraft gegeben?“, fragte einer der Jugendlichen. „Das Gebet, mein Glauben.“ Täglich verbrachte Alexis Prem drei Stunden im Gebet. Das respektierten seine Entführer. Und es half ihm, dem aufsteigenden Hass zu widerstehen. Er wollte innerlich so frei wie möglich bleiben. Jeden Abend blickte er auf den Tag zurück. Mindestens für fünf Dinge wollte er Gott danken. Etwa für das Essen, für ein gutes Wort oder für einen freundlichen Bewacher. Die kleinsten Gesten konnten sich zu Lichtblicken verwandeln. Er lernte in all dem Durcheinander zu unterscheiden, was gut war.

Auf diese Weise folgte Prem in seinen täglichen Reflexionen dem ersten Schöpfungsakt Gottes. Mitten in die wirre und finstere Welt hinein schuf Gott Licht. Erstmals war dadurch Sehen möglich und damit die Basis für Unterscheiden und Bewerten geschaffen. Die einzelnen Elemente erhielten Identität und wurden geordnet. Eine Welt von Kontrasten und Vielfalt erwuchs. Das Licht wurde zur Quelle des Lebens.

Ebenso wurden die täglichen fünf Lichtblicke zur Überlebenskraft für meinen Mitbruder, in einer Zeit, in der er sich oft als tot erlebte. In seinen Schilderungen verklärte Prem seine Erfahrungen nicht. Niemandem würde er solche Erlebnisse wünschen. Genauso wenig schwieg er über seine intensiven Glaubenserfahrungen. Sie lehrten ihn, im Licht seines Glaubens selbst in seiner wirren und düsteren Umwelt etwas Helles zu erkennen. Und so wich langsam sogar der Schatten des Feindes im Angesicht seiner Nächsten.

 

5. Oktober 2018
von Ruth Zenkert
Du bist das Licht der Welt

Für wen kann ich das Leben heller machen, wer macht mein Leben hell?

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.
Gen 1,3

Für wen kann ich das Leben heller machen, wer macht mein Leben hell?

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.

Gen 1,3

Ein junger Mann in elegantem Anzug steht am Waldrand und spielt auf dem Horn eine Melodie aus Bizets „Carmen“. Das Sonnenlicht wirft den Schatten des Instruments auf sein weißes Hemd, so dass auch auf diesem ein Horn zu sehen ist. Catalin war ein Straßenkind. Seine Mutter stand mit vielen Kindern allein da, sie konnte ihm nichts zu essen geben und hatte keinen Platz. So wuchs Catalin bei uns im Kinderhaus auf. Und nun singt er nach dem klassischen Stück noch mit Robert, seinem Freund aus dem Kinderhaus, Roma-Lieder.

Die beiden sind nicht allein. An diesem Tag wurde in Schönbach im Waldviertel die „Via Lucis“ eingeweiht. Dieser Lichtweg führt vom Ortsrand aus hinauf auf einen Hügel. Wie ein Kreuzweg hat er vierzehn Stationen; er setzt da an, wo der Kreuzweg endet. Die erste Station heißt „Auferstehung“. Oben am Hügel soll der abschließende „Pfingstkreis“ dem Besucher die Kraft geben, mit den Gedanken, die ihn unterwegs erhellt haben, in die Welt hinaus zu gehen und guten Geist auszustrahlen. Jede Station deutet ein biblisches Thema, das von Künstlern gestaltet wurde. Und alle Stationen sind sozialen Organisationen gewidmet. So begleiten Waisenkinder, Arbeitslose, Straßenkinder, Kranke und ihre Helfer die Lichtweg-Gehenden. Mich hat besonders die Station „Das leere Grab“ beeindruckt: Ein aufgestellter Quader, ohne Wände, am Boden eine Betonplatte mit Fußabdrücken, sie lädt ein, hineinzutreten. Selbstverständlich richte ich den Blick nach oben. Dort ist ein Spiegel – ich sehe mich selbst! Und ich höre das Wort Jesu: „Du bist das Licht der Welt.“

Am Tag der Einweihung gingen wir von Station zu Station. Eine Gruppe von Saxophonisten entführte uns mit einer zarten Melodie in die Fragen des Herzens. Die Belastungen des Alltags schienen abzufallen, mit jedem Schritt, an jeder Station spürte ich, wie Licht in meine Seele drang. Oben angekommen, gelangten wir zum „Pfingstkreis“, einem gepflasterten Platz, in den es alle hineinzog. Hier hatten Catalin und Robert musiziert. Zwei Roma-Jugendliche, Kinder von der Straße, die den Weg aus der Dunkelheit zum Licht gegangen sind. Sie haben gekämpft, gelernt, studiert. Catalin ist Hornist geworden, Robert macht Karriere in einem österreichischen Unternehmen. Jetzt strahlen sie und arbeiten mit, damit die Welt heller wird.

„Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.“ Nachdem Gott Himmel und Erde geschaffen hat, ist seine zweite Großtat die Erschaffung des Lichts. Ihm ist wichtig, dass die Dunkelheit überwunden wird. „Du hüllst dich in Licht wie in einen Mantel“ (Ps 104,2): ein Bild für Gott. Mit ihm sind wir eingehüllt in den Mantel des Lichts und können es weitergeben. Die sozialen Werke, auf dem Lichtweg Station für Station, bringen Menschen, die im Dunkel sind, ans Licht. Die Welt ist hell, wo wir einander helfen, wo Flüchtlinge aufgenommen werden, wo wir Freude ausstrahlen, unsere Begabung für andere einsetzen. Wer Leben aufbaut und rettet, arbeitet als Partner Gottes mit an der Schöpfung, jeden Tag.

Für wen kann ich das Leben heller machen, wer macht mein Leben hell?

 

28. September 2018
von Josef Steiner
Tohuwabohu – Finsternis – Urflut

„Nichts kann entstehen ohne Chaos.“ (Albert Einstein)

Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über den Wassern.
Gen 1,2

„Nichts kann entstehen ohne Chaos.“ (Albert Einstein)

Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über den Wassern.

Gen 1,2

Sie waren unterwegs auf der Heimreise von einer Projektsitzung im Waldviertel, er Architekt, sie Ärztin. Bei der Fahrt durch einen kleinen Ort, etwas erhöht liegend, mit schöner Aussicht, fiel es ihnen gleich ins Auge. Beide mit einem guten Blick für Formen, Stile und Gebäude ausgestattet, entdeckten sie direkt neben der Kirche ein von Bäumen und wild wachsenden Sträuchern umwuchertes, kaum sichtbares Haus. Sie hielten an. Aus dem Dickicht lugte eine Renaissance-Fassade mit Graffiti, Quader-Zeichnungen, Reste eines barocken Portals, daneben verwischt und vergilbt eine Jahreszahl aus dem 16. Jahrhundert. Auch eine riesige Scheune deutet sich in Umrissen in diesem „Urwald“ an. Ihr Interesse war geweckt.

Das gewaltige Tor zum Innenhof ließ sich überraschenderweise öffnen. Durch das Dickicht aus Ahornbäumen und Akazien, durch ein Gestrüpp von wilden Rosen, verrottetem Holz, Brennnesseln und Unkräuter tasteten sie sich zur Scheune vor. Auch sie war nicht abgesperrt. In ihr herrschte ein unglaubliches Chaos aus geschlichteten Bretterstapeln, Sperrholz, alten Türen, darüber ehemalige Kirchenbänke, Räder von alten Fuhrwerken. Ein Wahnsinns-Durcheinander.

Wieder im Hof, folgten sie einem kleinen Pfad durch den „Dschungel“ zum Haus. Eine schmale Tür mit abgeblättertem grünem Anstrich führte in einen durch Arkaden kunstvoll gestalteten, halb offenen Gang, der die ursprüngliche Schönheit des Gebäudes erahnen ließ. Der Boden mit Glasflaschen und Scherben, mit Gesteinsbrocken und Mauerresten übersät, die Stromleitungen frei im Raum hängend, ein Hindernislauf. Sie arbeiteten sich durch das Tohuwabohu weiter. Eine erste Tür in einen Raum, kein Licht, finster, die Hälfte eines Tischtennistisches, überhäuft mit Alltagsgegenständen aus den 50iger Jahren, alles ramponiert. Eine weitere Tür in einen Raum. Unglaublich. Ein riesiger Saal, abwechselnd Spätbiedermeier-Betten und Spätbiedermeier-Kasten nebeneinander gestellt. Ein ehemaliger Schlafsaal? Die Kastentüren geöffnet. Diverse Utensilien auf dem Boden zerstreut. Alles von einer dicken, gelblich-weißen Schimmelschicht überzogen. Überall Spinnennetze. Gruselig, wie in einem Horrorfilm. So ging es Raum für Raum.

Die beiden setzen sich auf eine marode Bank im Gang. Vom Nachbargrundstück strömte der Gestank einer Schweinezucht durch die Fenster. Sie staunten über diesen Ort der Vergessenheit und begannen zu phantasieren, wie sie es anstellen könnten, den Pfarrhof – das war die ursprüngliche Funktion dieses Gebäudekomplexes – aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Ihr Geist, ihr Mut zum Abenteuer und zur Gestaltung trieben sie an. Sie entschieden sich, diesem Chaos Form und Ordnung zu geben. Und kauften das Anwesen.

Die Botschaft der Bibel ist klar. Die von Gott geschaffene Erde stellt sich so dar: Sie ist ein riesiges Durcheinander. Finster, undurchschaubar, mit einer Flut von Möglichkeiten. Aus ihnen wird der Geist Gottes einen Lebensraum für den Menschen erstellen. Also keine Angst vor Chaos im Leben. Auch der Schöpfer beginnt damit.

21. September 2018
von Ruth Zenkert
Alles hängt von dir ab

Gott will Partner, nicht Kinder. Aus der Spannung von Himmel und Erde ergibt sich der nächste Schritt.

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Gen 1,1

Gott will Partner, nicht Kinder. Aus der Spannung von Himmel und Erde ergibt sich der nächste Schritt.

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Gen 1,1

Die kleinwüchsige Savina sitzt mit einem Baby im Arm in der kleinen Hütte. Um sie tummeln sich ihre vielen Buben. George hat eine Brandwunde am Kopf, weil er beim Raufen an den kleinen Herd gestoßen wurde. Viorel wird immer aggressiver und provoziert, wo es geht. Im Raum steht ein Schrank, aus dem alles Mögliche herausquillt: Wäsche, Maispulver für Mamaliga, eine Taschenlampe, die Geburtsurkunden der Kinder. Zwei Betten, beladen mit Schmutzwäsche und Plastikteilen, zerlegtem Spielzeug, alten Batterien. Dort schläft ein Kind, das Gesicht von Fliegen besetzt. Savina kann hier nur noch versuchen, von einem Augenblick zum nächsten zu überleben, bis die Kinder aus dem Haus sind. Ihr Mann Milu kommt herein, er hat ein paar Äste gebracht, damit sie auf dem Herd Mamaliga kochen kann, etwas anderes gibt es selten. Zur Familie gehört der behinderte Onkel, auch er muss versorgt werden.

Unter den Kindern ist eine einzige Tochter, Maria. Man sah ihr lange nicht an, dass sie ein Mädchen ist, weil auch sie verwildert war und wegen der Läuse ganz kurze Haare hatte. Oft fürchtete sie sich, weil in der ohnehin schon überfüllten Hütte fremde Männer ein und aus gingen. Nachts versteckte sie sich in einer Luke unter dem Dach oder bei Nachbarn. Wir nahmen Maria in unsere Gemeinschaft auf. Aus dem verschreckten kleinen Wesen entpuppte sich bald ein hübsches Mädchen. Sie ging in die Schule und zeigte gute Leistungen, machte mit in unserem Chor, bekam extra Gesangsunterricht. Sie wurde ein kleiner Star. Doch je mehr sie sich entwickelte, desto mehr verlor sie das Interesse an ihrer Familie. Der Erfolg stieg ihr zu Kopf, sie drückte sich vor dem Küchendienst, wurde zickig und unzufrieden. Bis zu dem Tag, als die Delegation vom Kinderschutzamt kam und kontrollierte. Es sei illegal, hieß es, dass Maria hier wohne, sie musste zurück in die Lehmhütte. In den Schmutz mit Läusen und Flöhen, zu den wilden Brüdern und Männern, die das schöne Mädchen begehrten. Es war eine Katastrophe, für Maria und für uns. Wir begleiteten sie zu den Eltern, die nicht verstanden, was geschah. Unter Tränen richtete sich Maria ein Plätzchen ein, wo sie schlafen wollte.

Mit allen Mitteln kämpften wir darum, sie aus der schrecklichen Situation herauszuholen. Schließlich durfte sie zurück in unsere Gemeinschaft und konnte wieder lernen. Seit diesem Tag ist Maria verwandelt. Die Rückkehr zu den Eltern in Armut hat sie aufgeweckt. Die himmlische Stimme ist jetzt geerdet.

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, oben und unten. Aus dem Hohen und Niederen soll eine Partnerschaft werden zwischen Gott und Mensch. „Der Himmel ist Himmel des Herrn, die Erde aber gab er den Menschen.“ (Psalm 145,16) Ignatius von Loyola formulierte es pädagogisch: „Handle so, als ob alles von dir selbst abhinge, und wisse zugleich, dass alles von Gott abhängt.“ Eine zweifache Verantwortung.

Wir konnten Maria aus dem Elend herausholen. Genauso wichtig wie unsere Hilfe aber wird ihre Mitarbeit sein. Wenn sie ihre Eltern ehrt, lernt, sich um andere kümmert, dann wird sie es schaffen. Sie muss geerdet bleiben, sonst wird sie nicht selbständig.

Gott will Partner, nicht Kinder. Aus der Spannung von Himmel und Erde ergibt sich Zukunft, zumindest der nächste Schritt.

14. September 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Schöpfung – Raum für den Anderen

Wofür setze ich meine Kreativität ein?

„Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.“
Gen 1,1

Wofür setze ich meine Kreativität ein?  

„Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.“

Gen 1,1

Hinter zwei Körben blickten mich freundliche Augen an und riefen mich unmissverständlich auf, mich nützlich zu machen. Die Last aufgeteilt balancierten wir den rutschigen Boden hinab zum Hühnerstall. Während Vroni das Futter ausstreute, sprach sie fröhlich vor sich hin. Ob zu den Hühnern oder zu mir war nicht ganz eindeutig. Meine Führung durch das Waldhüttl, einem Gehöft am Stadtrand von Innsbruck, hatte begonnen.

Kaum waren wir zurück beim Haupthaus trat Jussuf aus dem Stall. Bilderbuchmäßig stand er da in Latzhosen und Heugabel. Nur seine Nickelbrille verriet, dass er hier nicht seinem Hauptberuf nachging.

Vroni und Jussuf sind stadtbekannt. Liebevoll wird das Ehepaar „das Gewissen Innsbrucks“ genannt. Vor Jahrzehnten hatte Jussuf das erste offene Jugendzentrum für Lehrlinge gegründet, arbeitete danach als Entwicklungshelfer in Brasilien, leitete das Innsbrucker Integrationshaus der Caritas und begleitete viele Seelen im Gefängnis. Er kennt die Folgen systematischer Ausgrenzung.

Mit einem herzlichen Grinser übernahm er mich. Wir traten in das Vorzimmer, wo vergilbte Bilder junger Gesichter hängen. Schon in den dreißiger Jahren war das Waldhüttl ein Ort des Widerstandes gegen den Zeitgeist. Viele von ihnen gaben dafür ihr Leben.

Wir erklommen die knirschende Holztreppe. Süßer Duft brutzelnden Teiges erfreute meine Nase. Anna bereitete gerade mit einer slowakischen Freundin Palatschinken vor. Die junge Köchin erwartete ihr zweites Kind. Wie die meisten Bewohner des Hauses ist sie eine Roma. Im Integrationshaus war Jussuf vielen von ihnen begegnet. Er wusste, dass zahlreiche Roma in Autos hausten. Vor sechs Jahren machten sich Vroni und er auf die Suche nach einem festen Dach für sie. Vom Stift Wilten erhielten sie kostenfrei das Waldhüttl. Hier schufen sie Raum für mehrere Familien und Menschen, die aus verschiedensten Gründen ausgegrenzt werden.

Wir schlüpften durch eine niedrige Holztüre hinein in die weiträumige Kulturscheune. Das wunderbare Gebälk verkündete zusammen mit den Girlanden färbiger Glühbirnen und den herumliegenden Instrumente Feststimmung. In diesem herrlichen Ambiente thronte ein niegelnagelneuer Leiterwagen. Ihn hatte Annas Mann Adrian für ihren gemeinsamen Sohn geschaffen. Er sollte wissen, welches Handwerk seine Familie seit Generationen tradierte.

An Pizzaofen und Gulaschkanone vorbei ging es weiter zum Gemeinschaftshaus. Doch bevor wir eintreten sollten, riss etwas meine Aufmerksamkeit an sich. Ein riesen Tipi stand mitten auf der Wiese und sog mich auf. In Sekundenschnelle war ich ein kleiner Junge voll Abenteuerlust und Fantasie. Wahrlich, im Waldhüttl ist der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Jeder Winkel lädt zur Begegnung ein.

Im Wohnraum nahmen wir Platz in einer mit Teppichen ausgelegten Nische. Sie dient als Kapelle. Es war 19 Uhr. Langsam trudelten andere Hausbewohner und Freunde ein. Das Abendgebet begann. Ein Roma spielte auf der Geige, Anna sang. Wir hörten einen Psalm, dann folgten persönliche Gebete. In einer entwaffnenden Kindlichkeit wandten wir uns an Gott. Dankbar erinnerten wir uns, dass er Ursprung von allem ist. Dass er mit Himmel und Erde einen Raum für die Begegnung mit dem Anderen, mit dem Nicht-Göttlichen, mit uns geschaffen hat.

 

7. September 2018
von Ruth Zenkert
„Du bist im Anfang“: die Botschaft der Sozialarbeit

In dunklen Momenten ist es entscheidend, nach dem neuen Schritt zu suchen.

Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.
Gen 1,1

In dunklen Momenten ist es entscheidend, nach dem neuen Schritt zu suchen.

Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.

Gen 1,1

„Kommt doch herein, auf ein Glas Saft!“, rief uns Stanuz nach. Sonst war ich an seinem Haus immer schnell vorbeigegangen, weil ich mich nicht ärgern wollte. Wir hatten es für seine Familie gebaut, ihm hatten wir einen Arbeitsplatz in der Baufirma verschafft. Zunächst war er fleißig und sorgte für seine Familie. Ich war stolz auf ihn. Doch seit Neuestem fehlte er immer öfter bei der Arbeit, holte sich einen Vorschuss, war verschwunden. Tauchte wieder auf, bekam eine neue Chance in der Firma. Dann kam eine Nacht mit Freunden und Alkohol, die mit einer fürchterlichen Schlägerei endete und bei ihm mit einem gebrochenen Bein. Wieder konnte er wochenlang nicht arbeiten, und die Familie brauchte Geld. Die zwei Großen hatte ich auch aufgegeben. Beatrice war eine gute Geigenschülerin, aber sie kam einfach nicht mehr. Wir versuchten sie für die Haushaltsschule zu gewinnen, nach kurzer Zeit war auch da Schluss. Alex ist ebenfalls begabt, doch Akkordeon und Trommeln hatte er an den Nagel gehängt. Ich war mit meiner Phantasie am Ende.

Und nun kam die überraschende Einladung des Vaters, die wir nicht abschlagen konnten. Im Hof brutzelten Würste auf dem Grill, drinnen saßen viele Leute, festlich gekleidet, unter ihnen der orthodoxe Pfarrer mit Frau. Sie feierten die Taufe des Jüngsten, David. Die Patin hatte das Festkind auf dem Schoß. Die Männer bekamen Bier, Frauen tranken Saft. Wir konnten gar nicht alles essen, manches Würstchen landete unterm Tisch für den Hund, der freudig mit dem Schwanz wedelte. Stanuz war glücklich, er nahm David auf den Arm und tanzte. Dann setzte er sich zu uns und schenkte sich Saft ein. „Saft?“, fragte ich. „Ja, seit dem gebrochenen Fuß trinke ich keinen Tropfen mehr. Das kann ich meiner Familie nicht mehr antun. Und noch einmal wird mich der Chef nicht wieder aufnehmen nach so einer Geschichte.“ Seine Frau sah ihn verliebt an und nickte heftig. Das hieß: Wir auch nicht. Im anderen Raum saßen Beatrice und Alex mit ihren Freunden. Und was ist mit den beiden?, wollten wir wissen. „Beatrice hat einen Partner, sie wird bald heiraten. Aber Alex sollte arbeiten, er ist jetzt fertig mit der Schule. Kann er in eure Lehrwerkstatt kommen?“ Alles schien uns erstaunlich und unfassbar, selbst das Haus war sauber und aufgeräumt. Alex, komm morgen in die Tischlerei! Und vielleicht sollte ich die beiden auch fragen, ob sie nicht doch wieder in die Musikschule kommen möchten.

Mein Mut war wieder da, wie am Anfang. Das lässt mich an den Beginn der Bibel denken: Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde; das bedeutet, dass der Anfang etwas Bleibendes ist. Die Schöpfungskraft fließt weiter. Wir sind nie am Ende, sondern immer „im Anfang“, wir haben immer neue Möglichkeiten. Mit Stanuz und seiner Familie habe ich mich durch seine Einladung auf ein Glas Saft plötzlich im Anfang wiedergefunden und gespürt, wie Gott Neues schafft. Auch mit uns als seinen MitarbeiterInnen. „Du bist im Anfang“ ist für mich die Botschaft der Sozialarbeit, die oft mit Menschen zu tun hat, die glauben, „am Ende“ zu sein. In dunklen Momenten ist es entscheidend, nach dem neuen Schritt zu suchen.

 

 

27. Juli 2018
von Ruth Zenkert
Das fünfte Evangelium

Ich versuche, die Wunder zu entdecken und im Herzen aufzuschreiben.

Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.
Joh 21,25

Ich versuche, die Wunder zu entdecken und im Herzen aufzuschreiben.

Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.

Joh 21,25

Das ist der letzte Vers des Johannesevangeliums. Er schließt das Evangelium nicht ab, sondern öffnet es. Und der letzte Satz zwingt den Leser, auf das zu schauen, wovon noch nicht die Rede war, nämlich auf das, was Jesus in den Gemeinden, die sich auf ihn berufen, bewirken wird. Wer immer die Bibel, Altes und Neues Testament, liest und bedenkt, wird zum Tun geführt. Mit der Bibel wird man die Welt verändern, in Konflikte eingreifen, zu Ungerechtigkeiten nicht schweigen, wird an Einsamen nicht vorbeigehen, sondern Beziehungen stiften. Das Leben wird zur Berufung. Wer könnte diese Dynamik fassen, die von der Bibel ausgeht! Sie macht mein Leben jeden Tag spannend. Jesus überrascht mich durch Trost und Aufträge bis zur Überforderung. Auf diese Weise kommt er mir liebevoll entgegen.

Hätte ich alles in meinem Leben selbst entscheiden können oder müssen, wo und wer wäre ich heute? Über viele Umwege, Schmerzhaftes und Glück bin ich in Hosman gelandet. Ein Dorf in Siebenbürgen, mitten unter Roma-Familien. Wir brauchen keinen Fernseher, weil wir die wildesten Abenteuer, Romanzen, tragisches Unglück und Krimis täglich selbst erleben. Paula ist acht und wohnt seit zwei Jahren in unserer Gemeinschaft. Wir sind zusammengewachsen, sie vertraut uns und erzählt beim sonntäglichen Spaziergang immer die unglaublichsten Geschichten aus ihrer verwahrlosten Familie. Ob wahr oder unwahr, das Kind schüttet sein Herz aus. Ein Dorfbewohner hat sich bei ihnen eingenistet, er ist in ihre Mutter verliebt und will nicht wahrhaben, dass sie ihn nicht erhören wird. Alle schlafen in einem Raum, das Kind bekommt alles mit. Der Streit, die Mutter schickt den Liebhaber weg, er geht hinaus, die Mutter schläft ein. Paula hat Mitleid mit dem Verstoßenen und spürt, dass etwas nicht stimmt. Sie wartet und kann nicht einschlafen. In der Dunkelheit folgt sie ihm hinaus und sieht im Mondschein, wie er an einem Balken vor dem Haus baumelt. Sie rast ins Haus und sucht ein Messer. Ein Bruder wacht auf und kommt mit. Er klettert hinauf und schneidet das Seil durch. Der Körper plumpst auf die Erde. Dann gibt der Bruder dem Mann ein paar Ohrfeigen, der kommt wieder zu sich. Paula läuft zum Brunnen und bringt ihm Wasser. Ihr Bruder ist wieder schlafen gegangen. Der Mann sitzt noch eine Weile benommen da, steht auf und geht ziellos ins Dorf. Paula erzählte mir diese Geschichte, weil sie den Mann oft sieht. „Ich habe ihn gerettet“, sagte das kleine Mädchen stolz, „er sagt mir jedes Mal: Guten Tag und danke.“

Wie viele große und kleine Wunder erleben wir täglich? Vielleicht nehmen wir sie gar nicht wahr. Oder nur, wenn wir eben von einer schweren Krankheit geheilt wurden. Bemerken wir aber, dass wir eine schwere Krankheit gar nicht erst bekommen haben? Jeder könnte das Evangelium weiterschreiben, das fünfte Evangelium. Es ist unseres. Ich versuche, die Wunder zu entdecken und im Herzen aufzuschreiben.

 

 

20. Juli 2018
von Georg Sporschill SJ
Wir sind Lieblingsjünger

In welchem Freundeskreis finde ich zu den tiefen Fragen meines Lebens?

Dies ist der Jünger, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.
Joh 21,24

In welchem Freundeskreis finde ich zu den tiefen Fragen meines Lebens?

Dies ist der Jünger, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.

Joh 21,24

Am Schluss des Johannesevangeliums tritt ein letztes Mal der Autor auf und wird charakterisiert: Er ist der, der am Herzen Jesu liegen durfte und der Nachwelt überliefern sollte, was er von Jesus gehört hat. Eine zweite Angabe ragt in diesem Vers heraus. Die Gemeinde des Johannes tritt ans Licht: Sie steht dafür ein, dass sein Zeugnis wahr ist. So wird deutlich, dass ein Evangelist ohne seine Gemeinde nicht vorstellbar ist. Er wird von ihr getragen, von ihren Erwartungen und Fragen zum Schreiben geführt. Das „wir“ in diesem Vers meint den Kreis um Johannes, der mit und durch ihn die Liebe Jesu erlebte. Die Leser werden in den johanneischen Kreis hineingenommen, sie werden zu Lieblingsjüngern.

Liebe Leserinnen und Leser, nun sind es fünfzehn Jahre, in denen wir, ein Freundeskreis, jede Woche das Bimail geschrieben haben. Es begann mit dem Versuch, zu jedem Vers des Johannesevangeliums eine persönliche Erfahrung und ein Wort zum Nachdenken zu bringen, Lebenskraft und Heilung aus der Bibel zu finden. Mit der Macht Gottes zu rechnen. Aus der Suche nach Inspiration aus der Heiligen Schrift wurde mehr und mehr ein Dialog mit euch, den Lesern. Ich teilte meine Fragen mit euch. Ihr habt Anteil genommen an meinen Wegen mit unseren Roma-Familien. Oft fragte ich mich: Was bedeutet dieser Gedanke für euch? Könnt ihr als Führungskraft, als Partner, als Vater oder Mutter, im Moment der Verzweiflung und bei waghalsigen Plänen mit diesen Überlegungen etwas anfangen? Ihr und viele Freunde, ihr habt mir geholfen, an die Bibel die wirklichen Fragen zu stellen und Antworten zu suchen oder offen zu lassen. Es war immer ein Dialog mit euch, liebe LeserInnen. Ich fragte nicht nur, was sagt Jesus mir, sondern was sagt er euch, Norbert, Wilfried, Robert, Margit, Peter, Sylvia …

Ein Freund aus Deutschland rief mich an und sagte, in seiner Patchworkfamilie habe er heute Licht gesehen, Mut gefasst. Eine Lehrerin, die viele Ausländerkinder unterrichtet und unter der Bürokratie leidet, schrieb mir, dass sie von denen, die sie überfordern, plötzlich Kraft empfängt, weiterzumachen. Ein alter Jesuit antwortete mir auf jedes Bimail und lässt mich seine Freundschaft spüren. Eine junge Frau meldete sich, sie will bei uns mitarbeiten. Wie viele Proteste hat es wegen Judas gegeben! Aber sie zeigten, dass hier ein wunder Punkt berührt ist, der christliche Antisemitismus. Es kam zu Auseinandersetzungen und zu Verunsicherung, ob die sogenannten Bösen wirklich die Bösen sind oder ob sie diejenigen sind, die eine schwere Last in der Familie zu tragen haben.

Um Johannes ist eine Gemeinde entstanden. Ihre Mitglieder können sagen: „Wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.“ Das gilt auch für euch, liebe LeserInnen der Bimails. Euer Vertrauen und jeder Schritt, zu dem ihr durch das Bedenken eines Evangeliumverses Mut gefasst habt, macht wahr, was wir bezeugen. Dass wir Schüler Jesu sind, der uns liebt, trägt und große Erwartungen an uns hat. Ich bin dankbar für alle, die mit uns zusammengewachsen sind. Auf zu neuen Ufern! Welches biblische Buch lesen wir als Nächstes?

13. Juli 2018
von Josef Steiner
Lieben und bleiben, vertiefen und schreiben

Eine Beziehung als Quelle schöpferischen Tuns zu erleben, das ist ein Geschenk und macht stark und selbstbewusst.

Da verbreitete sich unter den Brüdern die Meinung: Jener Jünger stirbt nicht. Doch Jesus hatte ihm nicht gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an?
Joh 21,23

Eine Beziehung als Quelle schöpferischen Tuns zu erleben, das ist ein Geschenk und macht stark und selbstbewusst.

Da verbreitete sich unter den Brüdern die Meinung: Jener Jünger stirbt nicht. Doch Jesus hatte ihm nicht gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an?

Joh 21,23

Die heute übliche Druckausgabe des babylonischen Talmud umfasst 5894 Seiten, in denen unzählige Lehren, Meinungen und Deutungen von großen Interpreten und Lehrern der Bibel gesammelt sind. Auch die im 18. Jahrhundert in Osteuropa entstandene spirituelle Bewegung des Chassidismus begründet und verwurzelt ihr Denken und Formung des Alltags in großen Gestalten des Talmud. Ein damit verbundenes Problem hat Martin Buber in seiner Sammlung chassidischer Erzählungen in einer Anfrage der Schüler des Rabbi Baruch von Mesbiz, er war ein Enkel des Begründers der Bewegung, festgehalten. „Die Schüler fragten Rabbi Baruch: ,Wie kann wohl ein Mensch zulänglich im Talmud lernen? Da heißt es: Abaji sagt dies, Raba sagt jenes! (Beide Meister des Talmuds in der ersten Hälfe des 4. Jahrhunderts). Es ist, als wäre Abaji aus einer Welt und Raba aus einer anderen. Wie soll man beide aufnehmen und lernen?` Der Rabbi gab zur Antwort: ,Wer Abajis Worte aufnehmen will, muss erst seine Seele an Abajis Seele binden, dann wird er die Worte in ihrer Wahrheit lernen, wie Abaji selber sie spricht. Und will er dann Rabas Worte aufnehmen, muss er seine Seele an Rabas Seele binden. Das ist gemeint, wenn es im Talmud heißt: Wer ein Wort im Namen seines Sprechers spricht, dessen Lippen regen sich im Grab. Wie die Lippen des toten Meisters regen sich seine Lippen.“ Eine innere Verbindung, die Frucht bringt.

Auch das mystische Evangelium des Johannes endet mit dieser Fragestellung, festgemacht im Schicksal des Simon Petrus und des nicht namentlich genannten Lieblingsschülers Jesu. Im letzten Wort Jesu an Simon Petrus – „Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an?“ – muss er lernen, dass es unterschiedliche Wege der Nachfolge gibt. Er, dessen Liebe Jesus noch einmal dreifach erfragen musste, ist gerufen, als Hirte und Führer Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen seiner Liebe in Solidarität mit dem Leiden und Sterben seines Meisters zu tragen, bis hin zum Martyrium. Der Weg des Lieblingsschülers ist ein anderer. Nicht jeder kann führen und leiten, nicht jeder hat die Kraft, sich hinzugeben und muss ein Märtyrer sein. Der Lieblingsschüler darf bleiben. Wie Jesus selber, so formuliert es der Beginn des Johannesevangeliums, am Herzen des Vaters ruhte und auf dessen Herzschlag hörte und immer bei ihm und in ihm bleibend seinen Willen auslegte, so ist am Ende des Evangeliums die Berufung des Lieblingsschülers beschrieben. Bleibend am Herzen Jesu ruhend soll er dessen Willen auslegen. Eine Liebe, die Frucht bringt. Der Lieblingsschüler wird zum Autor bzw. zur Autorin des Johannesevangeliums.

Eine Beziehung als Quelle schöpferischen Tuns zu erleben, das ist ein Geschenk und macht stark und selbstbewusst.

 

6. Juli 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Wechselhaftes Vertrauen

Manche Beziehungen vertiefen sich im Loslassen.

„Jesus sagte zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an? Du folge mir nach!“
Johannes 21,22

Manche Beziehungen vertiefen sich im Loslassen.

„Jesus sagte zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an? Du folge mir nach!“

Johannes 21,22

Was für ein Sommerfest! Im Jesuitengarten wimmelte es von Menschen. Jung und Alt feierten gemeinsam. Jugendbands interpretierten Klassiker und spielten selbstgeschriebene Songs. Ihre Freunde jubelten ihnen zu. Andere chillten gemütlich auf bunten Picknick-Decken und ließen sich von den herumlaufenden Kindern nicht stören. Eltern brachten herrliche Speisen und schufen ein reichhaltiges Buffet. Es war ein lebendiger Abschluss des Schuljahres sowie meiner Zeit in der Jugendarbeit. Denn an diesem Tag feierten wir die offizielle Übergabe der Leitung des Jugendzentrums an meinen Nachfolger Helmut. Neben all dem Lachen, Tanzen und Feiern flossen auch Tränen, wurden liebevolle Gesten und Worte ausgetauscht.

Am nächsten Tag brach ich nach Rom zum Theologiestudium auf. Und brauchte eine lange Zeit, um in der „ewigen Stadt“ anzukommen. Mein Herz und meine Gedanken hafteten bei den Jugendlichen. Wird Stefan die Wiederholungsprüfung schaffen? Werden sich Anna und ihre Mutter bald versöhnen? Wann wird Markus sich selbst mehr zutrauen? Wird Lisa ihrer Neugierde für den Glauben weiter nachgehen? Wird der neue Vorplatz gut angenommen werden? Meine Gedanken wurden vom täglichen Blick auf Facebook und Handy genährt. Jedes noch so kleine Lebenszeichen löste bei mir große Freude aus. Gleichzeitig ließ es mich spüren, dass ich nicht loslassen wollte. Die Trennung durch den Wechsel bohrte an meinem Vertrauen. Würden die Beziehungen halten? Wohin wird ihr Weg sie führen?

Vielleicht war Petrus ähnlich unsicher kurz vor seinem Aufbruch. Jesus hatte ihm eine neue Aufgabe anvertraut. Er sollte Verantwortung für die neu entstehenden Gemeinden übernehmen. Dafür war eine Trennung von seinen Freunden notwendig. Sie hatten viel miteinander erlebt. Die Trauer über den Tod Jesu und die Freude über seine Auferstehung lagen ihnen noch tief in den Knochen. Was wird wohl mit Johannes geschehen? Die harte Antwort von Jesus irritiert. War die Sorge des Petrus für seinen Freund nicht berechtigt? Oder wollte er damit nur von seinen eigenen Ängsten vor der neuen Aufgabe ablenken? Was auch immer zu seinen Worten geführt haben mag, der Aufruf des Auferstandenen „Du folge mir nach!“ stellte Petrus erneut vor die Wahl: vertraust Du mir oder deinen eigenen Vorstellungen? Diese Anfrage durchzieht wie ein roter Faden das Johannesevangelium.

Sie stellte sich mir durch meinen Wechsel nach Rom ähnlich deutlich. Wie bei Petrus war es nicht das erste Mal. Erneut begann mit ihr ein Lernprozess. Je mehr ich sie auf mich wirken ließ, desto weniger wurden meine Blicke auf Facebook und gelassener meine Gedanken an die Jugendlichen. In gewisser Weise vertieften sich die Beziehungen durchs Loslassen, und mein Vertrauen wuchs.

Vor wenigen Tagen fand wieder ein Sommerfest im Jesuitengarten statt. Ein Jahr war vergangen. Vieles war anders. Es war schön zu sehen, wie sich die Jugendlichen weiterentwickelt hatten, und dabei von Helmut liebevoll begleitet wurden.