Bimail – Bibel für Wagemutige

Bimail

Das Team um P. Georg Sporschill SJ greift für jede Woche im Jahr
einen Satz aus der Bibel heraus. Das Wort wird erklärt und
durch Erfahrung veranschaulicht. Bimails sind Bibelworte
für unsere Zeit: keine Predigten, sondern Anleitungen
zum Weiterdenken.
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17. November 2017
von Ruth Zenkert
Ihr seid Richter der Welt

Wegschauen. Ich bin überfordert. Es ist nicht meine Aufgabe. Was tue ich, wenn Unrecht geschieht?

Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.
Joh 20,23

Wegschauen. Ich bin überfordert. Es ist nicht meine Aufgabe. Was tue ich, wenn Unrecht geschieht?

Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Joh 20,23

Mit einem Affenzahn raste Novac mit dem Fahrrad davon, ich sah nur noch Staubwolken. Freunde waren angekommen und hatten einige Sachen gebracht, die wir gerade aus dem großen Auto ausluden. Schnell bildete sich eine Traube von Neugierigen und vor allem Gierigen, die ihre Wünsche anbringen wollten. Ahnungslos gaben die Freunde die Pakete den Leuten, die ihre Mithilfe als Anrecht auf ein Geschenk verstanden. Wir hatten alle Mühe, die Sachen ins Haus zu bringen, damit wir sie am nächsten Tag in Ruhe an die wirklich Bedürftigen verteilen konnten. Diese Situation nutzte auch die junge Dorfbande, sie war höchst interessiert an den modernen Fahrrädern. Und so passierte es, dass Novac das tolle Mountainbike nicht in unseren Hof stellte, sondern davonrauschte. Ich sagte der wilden Bande, sie sollten Novac nachlaufen und das Rad zurückbringen, dann hätten sie eine Chance, eines zu bekommen. Sie drucksten bloß herum. Unseren Mitarbeiter fragte ich, warum er nicht besser aufgepasst habe und ob er nicht zu Novacs Vater gehen könne, um das gestohlene Rad zurückzuholen. Doch er hatte Angst. Dann blieb wohl nichts anderes übrig, als selber mit Novac zu reden. Vorher wollte ich noch schauen, dass die Gäste etwas zu essen bekamen. Da sah ich wieder eine Staubwolke. Victor bremste scharf vor mir – mit dem gestohlenen Fahrrad. „Das gehört sicher euch?“, fragte er und schob das Rad in unseren Hof. „Ich habe gesehen, dass ein ausländisches Auto ins Dorf fährt. Und dann kam Novac mit einem neuen Rad … ich habe ihn gestoppt, und er hat zugegeben, dass er es geklaut hat.“ „Danke, lieber Victor! Das Fahrrad gehört dir.“ Victor ist Lehrling in unserer Tischlerei, er wird sicher eine gute Führungskraft.

Mich hat beeindruckt, wie Victor ins Geschehen eingegriffen hat. Er hat nicht gesagt: Was geht mich das an? Er ist nicht feig ausgewichen, er hat sich nicht klein gemacht und gesagt: Was kann ich schon tun? Nein, er hat beherzt das Unrecht aufgedeckt und das Diebesgut zurückgebracht. Alles war wieder dort, wo es hingehörte. Das meint Jesus, wenn er seinen Schülern zutraut: „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen.“ Er ermächtigt seine Schüler, sich für die Schöpfungsordnung einzusetzen. Im biblischen Sinn heißt das als Erstes, die Schwachen zu schützen und Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Jesus setzt seine Schüler als „Richter für die Welt“ ein. Ihre Aufgabe ist es, zwischen Gerechten und Frevlern zu unterscheiden. Sie werden den einen entgegentreten und für die anderen eintreten, sie aufrichten. Dazu stattet Jesus seine Schüler mit göttlicher Vollmacht aus. Niemand soll sagen: Das ist Aufgabe der anderen, Kompetenz des Klerus. Nichts können wir auf die Chefs oder gar auf Gott abschieben. Nein, wir haben von Jesus den Auftrag und sogar die Ermächtigung. Wie ernst es Jesus ist, zeigt seine Drohung: „Denen ihr die Sünden behaltet, sind sie behalten“.

Wegschauen. Ich bin überfordert. Es ist nicht meine Aufgabe. Was tue ich, wenn Unrecht geschieht?

10. November 2017
von Georg Sporschill SJ
Wie aus Schülern Unternehmer werden

Wann hast du jemanden zu seinem Weg befreit? Wer hat dir Mut gemacht, deinen Weg zu finden?

Er hauchte sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!
Joh 20,22

Wann hast du jemanden zu seinem Weg befreit? Wer hat dir Mut gemacht, deinen Weg zu finden?

Er hauchte sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!

Joh 20,22

Gabriel wollte ein Jahr ehrenamtlich bei uns mitarbeiten. Gerne nahm ich den jungen Mann in unsere Hausgemeinschaft auf. Ich wusste nicht viel über ihn, doch er schien mir etwas betrübt. Bald erzählte er mir, warum er zu uns gekommen sei. „Ich brauche Distanz und Zeit“, begann er seine Geschichte. „Evelyn, meine Partnerin, dreht gerade durch.“ Was ist passiert?, wollte ich wissen. Gabriel holte aus seiner Hosentasche eine kleine Schachtel, mit blauem Filz bezogen, sie war schon ein wenig abgegriffen, wahrscheinlich trug er sie immer bei sich. Er öffnete sie vorsichtig und zeigte mir zwei Ringe. Aus Weißgold, massiv, eckig. Ich las in den Ringen die Namen: Gabriel und Evelyn. „Wir gehören zusammen, schon seit zwei Jahren. Ich möchte sie heiraten, aber Evelyn sagt, das geht nicht. Sie wirft mir vor, ich wolle sie gar nicht, ich suche etwas anderes. Doch ich schwöre, ich will nur sie!“ Er hatte Tränen in den Augen. „Warum glaubt sie, dass du sie nicht willst?“, fragte ich. „Das weiß ich nicht. Ich muss warten, bis sie wieder normal wird.“ Gabriel wartete, es verging kein Tag, an dem er nicht an sie dachte und den Weg zu Evelyn suchen wollte. Das Jahr verging, Gabriel wurde immer stabiler und allmählich ein guter Mitarbeiter. Irgendwann redeten wir nicht mehr über Evelyn, sondern über unsere Schützlinge. Und eines Tages brach er auf, um eine Arbeit zu suchen. Jahre später meldete er sich wieder bei mir: „Ich möchte Priester werden!“ Nun hatte er verstanden, was Evelyn, die ihn geliebt hatte, bei ihm gespürt hatte. Er liebt die Menschen, auch die Frauen, er ist ein Vater, Hirte, Freund für viele – nicht nur für eine Frau, für eine Familie.

Die Frau hatte in dem jungen Mann einen Geist aufgespürt, von dem er nichts wusste. Sie musste ihn wegstoßen, bis er allmählich begriff. Damit tat sie etwas Ähnliches wie Jesus, als er bei seinem Abschied seine Schüler in ihre Lebensaufgabe hineinstößt. „Er hauchte sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“ Jesus nimmt damit auf, was Gott in der Schöpfung tat. Er haucht der Materie den Geist ein, um daraus den Menschen zu machen. Der Geist macht die Wesen liebesfähig, sie werden Partner für Gott, mit dem Auftrag, die Welt zu kultivieren. Wie im Anfang Gott den Menschen erschuf, stiftet jetzt Jesus sein Werk, eine Gemeinschaft, die wie Israel der Humanisierung der Welt zu dienen hat. Für diese Aufgabenstellung gibt es die neue Erwählung, die Kirche. Jesus legt denselben Geist Gottes – keinen neuen, keinen besseren Geist – auf eine Gruppe von Menschen, die zu ihm gehören, die seine Schüler und Schülerinnen sind, sich in seinem Namen versammeln und mit ihm einen Dienst übernehmen, den Gott ihnen gegeben hat, nämlich als „Diener der Freude“ zu den Völkern zu gehen. Paulus nennt sie eine „neue Schöpfung“.

Evelyn hat Gabriel „angehaucht“ mit einem Geist, der ihn befreit hat.

Wann hast du jemanden zu seinem Weg befreit? Wer hat dir Mut gemacht, deinen Weg zu finden?

3. November 2017
von Josef Steiner
Begabt. Erfolgreich. Freigebig

Ein gutes Erbe verpflichtet. Was möchte ich der nächsten Generation weitergeben?

Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Joh 20,21

Ein gutes Erbe verpflichtet. Was möchte ich der nächsten Generation weitergeben?

Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Joh 20,21

Rabbi Elimelech von Lisensk, der Begründer der spirituellen Bewegung des Chassidismus in Galizien, war mit außergewöhnlichen Gaben gesegnet. Sein gutes Auge verlieh ihm eine ausgeprägte Menschenkenntnis, die auch in das Innere seines Gesprächspartners, in seine Gefühle und Verfasstheit zu schauen vermochte. Getrieben von der Suche nach der Wahrheit, redete er den Menschen nicht nach dem Mund, sondern sagte, was ihnen wirklich half und nützte, manchmal mit harten und kritischen Worten. Seine bis zur Ekstase reichende Mystik in Meditation und Gebet band er immer zurück an die realistischen Bedürfnisse der Menschen und der menschlichen Gesellschaft, um ihnen in ihren alltäglichen Handlungen eine Beziehung zu Gott zu ermöglichen und ihnen zu einer geistigen Erneuerung zu verhelfen. Und sein unbestechlicher Geist machte ihn zu einem spirituellen Führer, der sich in die Situation suchender und fragender Menschen hineinversetzte und von ihrem Standpunkt aus Perspektiven und Antworten eröffnete. Von diesem großen spirituellen Lenker des Chassidismus, zu dessen Grab in Lyschansk heute noch an seinem Todestag viele Menschen pilgern, hat Martin Buber in seinen chassidischen Erzählungen folgende Abschiedsszene festgehalten. „Vor seinem Sterben legte Rabbi Elimelech seine Hände auf die Häupter seiner vier liebsten Schüler und teilte sein Gut unter sie aus. Jaakob Jizchak gab er die schauende Kraft seiner Augen, Abraham Jehoschua die richtende Kraft seines Mundes, Israel von Kosnitz die betende Kraft seines Herzens, aber Mendel (gemeint ist Menachem Mendel von Rymanow) gab er die lenkende Kraft seines Geistes.“ All seine Begabungen flossen weiter, auf Schüler, die seine Sendung weiterführten.

Jesus war ein beschenkter Mensch. Alles, was er tun durfte, wozu er sich berufen fühlte, alles, was ihm im Laufe seines Lebenswerks anvertraut und aufgetragen wurde, bezog er aus der Tradition, aus dem Erbe der Bibel und aus dem darin verdichteten Willen Gottes. Als messianischer Geistträger durfte Jesus den Ehrentitel „Sohn Gottes“ tragen und Gott seinen „Vater“ nennen. Wie ein Refrain, über vierzig Mal, durchzieht es das Reden Jesu, dass er nicht in seinem eigenen Namen gekommen ist, sondern dass ihn der Vater gesandt hat. Gesandt, nicht um die Welt der Römer, Griechen und Fremden zu richten und zu beurteilen, sondern um sie zu retten und ihr Perspektiven zu einem biblischen Menschenbild zu öffnen. Und als besonderes Geschenk und Gnade seines Vaters im Himmel empfand es Jesus, dass er Frauen und Männer für diesen Weg zu den Völkern gewinnen konnte. Er war erfolgreich. Er fand Schülerinnen und Schüler, die, von seinem Geist durchdrungen, sein Werk fortsetzen sollten. Ihnen konnte er zum Abschied die Worte sagen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Sie sollten jetzt die Bibel zu den Völkern bringen. Eine solche Sendung, ein solches Erbe verpflichtet.

Was möchte ich der nächsten Generation weitergeben?

26. Oktober 2017
von Max Heine-Geldern SJ
Blinde Liebe

Warum musste mir das geschehen? Wohin will ich gehen?

Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.
Johannes 20,20

 

Warum musste mir das geschehen? Wohin will ich gehen?

Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.

Johannes 20,20

Kaum hatte ich die Türschwelle überschritten, eröffnete sich mir eine kleine Oase mitten in Innsbruck. Jutta hatte ihre Wohnung mit viel Liebe eingerichtet. Licht füllte den Raum, brach sich in den bewusst platzierten, spiegelnden Oberflächen und warf seine Spektralfarben an die weißen Wände. Eine Lebendigkeit, die von zahlreichen Pflanzen ergänzt wurde. Und wo man hinblickte: Bücher – wohl sortiert und beschriftet. Sie lassen erahnen, was Jutta begeistert: Philosophie, Kunst und vor allem die Sprache, das Wort. Ein willkommener Ort für mich als Ausgleich zur Jugendarbeit. Hier konnte ich meine Erfahrungen reflektieren, meine Freuden und Fragen teilen, sowie einfach durchatmen. Jutta war mir dabei eine Freundin, die sich nicht scheute, meine Antworten und Eindrücke zu hinterfragen. Immer wieder forderte sie mich auf, genauer hinzusehen, nicht nur im Kopf verhaftet zu bleiben, sondern auch in das Erlebte hinzuspüren. Dementsprechend hörte Jutta nicht nur zu, sondern war mit ihrer ganzen Präsenz da und schaffte gerade so einen Freiraum. Besonders beeindruckte mich, wie sie mir ohne Scheu in die Augen blickte.

Dabei ist Jutta blind. Eine Folge ihrer Hirnblutung vor 25 Jahren. Seitdem leidet sie an Epilepsie. Schmerzen sind zu ihrem ständigen Begleiter geworden. Manchmal schienen mir unsere Gespräche beinahe surreal, handelten sie doch oft über Vertrauen und Liebe. Sind diese Begriffe nicht viel zu aufgeladen, angesichts der offensichtlichen Härten des Lebens? Schon als Jutta noch völlig gesund und sehend war, setzte sie sich in ihren Studien mit der Liebe auseinander. Vor allem als ein Erkenntnisinstrument. Ihre damaligen Lehrveranstaltungen waren gut besucht. Sie war beliebt. Aber war sie auch geliebt? Diese Frage trieb sie vor sich her, bis sie auf der Intensivstation ein Gedanke mitten ins Herz traf: „Gott sei Dank: Du hast überlebt. Denn du wärst erbärmlich – zum Erbarmen – gestorben, weil du nicht gewagt hast zu lieben.“ Diese Einsicht schenkte ihr ein neues Leben, ein Leben aus einem tiefen Vertrauen heraus, das sie letztlich in Gott aufgehoben findet. Selbst ihre Wunden können ihr diesen Frieden nicht nehmen. Nicht mehr das Warum ihres Schicksals dominiert, sondern ein vertrauensvolles Wohin, das sie mit Gelassenheit für sich selbst, für die Welt und ihre Mitmenschen öffnet.

Durch ihr Lebenszeugnis wird für mich die Begegnung der Jünger mit Jesus lebendig. An seinen Händen und seiner Seite sehen sie die Spuren von Leid und Tod. Aber sie erleben ihn mitten im Leben, vom Frieden sprechend. Die biblischen Erzählungen schweigen nicht über die Zweifel der Jünger. Schritt für Schritt lösten die österlichen Erfahrungen ihr Kreisen um das Warum der Ereignisse hin zu einem Einlassen auf das, wohin sie geführt haben, auf die Gemeinschaft mit Gott.

Juttas Zeugnis ließ mich erleben, dass wir zu einer Liebe befähigt sind, die nicht mehr nach Bestätigung fragt. In der die Frage nach dem Warum zur Nebensache wird. Die sich in einem Vertrauen zeigt, das selbst offensichtlich starken Schmerzen trotzt. Meine Auszeiten in dieser kleinen Oase lösten meinen Blick vom Warum meiner Erlebnisse hin zum Wohin meiner Handlungen.

20. Oktober 2017
von Ruth Zenkert
Vor wem fürchten wir uns?

Friedensarbeit beginnt damit, den Gegner zu identifizieren, nicht die Falschen zu bekämpfen.

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht der Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
Joh 20,19

Friedensarbeit beginnt damit, den Gegner zu identifizieren, nicht die Falschen zu bekämpfen.

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht der Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!

Joh 20,19

Der christliche Sonntag ist im Judentum der Tag nach dem Schabbat, der erste Tag der Woche. Am Abend versammelten sich die Schüler Jesu, nachdem sie von einer Frau gehört hatten, ihr sei der Gekreuzigte erschienen. Sie hatten zwar das leere Grab gesehen, die Frau aber hatte ihn angeblich selbst zu Gesicht bekommen. Jesus sei auf sie zugegangen und habe sie mit ihrem Namen angesprochen. Interessant ist die Bemerkung im Evangelium, dass bei diesem Zusammentreffen die Türen verschlossen waren. Auch der Grund dafür wird angegeben: Aus der Furcht vor den Juden, sagt die Bibel in deutscher Sprache, sowohl in der alten als auch in der neuesten katholischen Übersetzung vom Dezember 2016. Im griechischen Urtext steht hier ein Genitiv, wörtlich müsste die Übersetzung also lauten: „… aus Furcht der Juden“. Damit kommt die Bedrohung von einer ganz anderen Seite. Nicht von den Juden sondern – von wem? Der tatsächliche Feind war damals die römische Besatzungsmacht, der gegenüber die jüdischen Bibelschulen zusammenrückten, aus Angst vor der realen Gefahr, die das ganze jüdische Volk damals bedrohte. Schließlich zerstörten die Römer im Jahr 70 Jerusalem. Der prächtige Tempel, den Herodes für die Juden erbaut hatte, ging in Flammen auf. Unsere Übersetzung aber macht nicht die politischen Machthaber, sondern die unterdrückten Juden zum Feind der Schüler Jesu, ebenso an zwei anderen Stellen im Johannesevangelium 7,13 und 19,38.

Die wörtliche Übersetzung des Genitiv – aus Furcht der Juden – ergibt Sinn, während sich in der übertragenen Übersetzung – aus Furcht vor den Juden – ein Feindbild verbirgt. Warum sollten die Schüler Jesu damals vor den Juden Angst haben, wo sie doch selber Juden waren und eine der vielen Schülergruppen eines Meisters bildeten? So wie es auch heute viele Bibelschulen, Jeschiwot, in Jerusalem gibt, die untereinander konkurrieren, um Gott zu suchen und der Welt den Frieden zu bringen.

Jesus tritt in die Mitte seiner Schüler, um sie auf den Friedensweg zu führen. Der Friedensdienst an der Welt soll ihre Aufgabe werden. Der erste Schritt wird sein, ungerechte Feindbilder zu entlarven. Wenn wir die Falschen zu Sündenböcken machen, wird es nicht zum Frieden kommen, sondern zur Diskriminierung im Namen der Religion. Das aber pervertiert den Friedensauftrag Jesu und jeder Religion.

Was hier als Übersetzungsvariante eines griechischen Genitivs harmlos erscheint, hatte quer durch die Kirchengeschichte bis hin zur Schoa schreckliche Konsequenzen. Kardinal König bekannte dazu, der religiöse Antisemitismus sei die tiefste Wurzel der politischen Katastrophe. Die neue deutsche Bibelausgabe wird hoffentlich noch viele weitere Verbesserungen erleben, die dem Frieden dienen. Für mich stellt sich in der Sozialarbeit oder in einer Familie die Frage: Wen diskriminieren wir zu Unrecht? An wen als Sündenbock haben wir uns schon gewöhnt, weil er sich nicht wehren kann oder weil wir es anderen nachreden?

13. Oktober 2017
von Georg Sporschill SJ
Erinnere dich daran, wie du verliebt warst

Es braucht die Verliebten, die einen tieferen Blick als die Normalen haben. Sie können andere in Bewegung setzen.

Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte.
Joh 20,18

Es braucht die Verliebten, die einen tieferen Blick als die Normalen haben. Sie können andere in Bewegung setzen.

Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte.

Joh 20,18

Nach einem Monat Sprachkurs und Einschulung wurden den neuen Volontären die Aufgaben im Sozialprojekt zugeteilt. Auf der einen Seite waren die Fähigkeiten der jungen Leute zu berücksichtigen, auf der anderen Seite mussten die Bedürfnisse in unserem Werk abgedeckt werden. Ich suchte noch eine Unterstützung für das Sportprogramm der Mädchen im Sozialzentrum. Zu meiner Überraschung meldete sich Angelika. Das hatte ich nicht erwartet, da sie eher ihre künstlerische Begabung gezeigt und sich sportlich nicht beteiligt hatte. Angelika setzte sich unglaublich ein, sie hatte viele Ideen, mit denen sie die drogensüchtigen Mädchen von der Straße für die Körperübungen motivierte: Morgengymnastik, Volleyball, Badminton, Tischfußball, Hindernisläufe und abenteuerliche Wandertouren. Viele machten mit, ja sogar mehr und mehr Burschen waren plötzlich beim Mädchensport, obwohl sie bisher nur für Fußball zu begeistern gewesen waren. Wie konnte die eher unsportliche Angelika solche Energien entwickeln und bei anderen freisetzen? Bald kam ich dahinter: Sie war verliebt in Jan. Jan war verantwortlich für den Sport mit den Burschen. Da war nicht viel los. Sie wollte ihm imponieren – und nun hatte sie auch das Sportprogramm für die Burschen auf den Kopf gestellt. Jan wurde mitgerissen. Das ganze Sozialzentrum kam mir manchmal vor wie ein kleines Olympiatrainingslager. Und Angelika hatte Jan für sich gewonnen. Sie wurden ein Paar.

Mich erinnert die Geschichte an Adam und Eva im Paradies. Eva hatte mehr Mumm als Adam. Sie wollte vom Baum der Erkenntnis essen, weil er „eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden“ (Gen 3,6). Dann brachte sie Adam dazu, davon zu essen. Da sollten ihnen die Augen aufgehen, sie wurden wie Gott und erkannten Gut und Böse. Jetzt trugen sie selber Verantwortung mit Mühen und Zweifeln, weil ihnen die Leichtigkeit der Kindheit genommen war. Die aufgeweckte Eva hatte Adam zum Lernen gebracht, zur Unterscheidung der Geister.

Verliebt wie Eva, wie Angelika, ist Maria von Magdala. In ihrer Sensibilität für Jesus nimmt sie am Grab das Neue wahr und muss es weitersagen. Was sie – befähigt durch die besondere Liebe – sieht und hört, macht sie zur Künderin für die anderen Schüler Jesu. Maria von Magdala steht zum Herrn, auch in der neuen Situation des Verlassenseins. Als Erwachsene begegnet sie ihrem Geliebten auf neue Weise, sehend, hörend, kündend. Sie bleibt nicht von der Trennung gelähmt, sondern wird aktiv. Sie hat etwas zu sagen und bringt andere in Bewegung. Sie wächst mit ihnen im Glauben.

Eva, Maria von Magdala und Angelika, drei gefühlsstarke Frauen, die andere in Bewegung setzen.

Wo sind bei uns Menschen mit herausragendem Gespür, Menschen, die mehr wahrnehmen als die „Normalen“? Wann habe ich eine Liebe empfunden, die mich tiefer schauen ließ, als andere es konnten? Die mich Neues hören ließ, wo andere noch nicht einmal sahen?

6. Oktober 2017
von Josef Steiner
Klug. Großherzig. Mutig

Menschen mit einem weiten Horizont sind eine Freude. In ihrer Nähe weht der Wind der Freiheit.

Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.
Joh 20,17b

Menschen mit einem weiten Horizont sind eine Freude. In ihrer Nähe weht der Wind der Freiheit.

Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.

Joh 20,17b

In Lemberg versammelten sich einmal Leiter von Gelehrtenschulen der jüdischen chassidischen Bewegung. Die Sorge über die Entwicklung vor allem der jungen Menschen in ihren Dörfern und Städten hatte sie zusammengeführt. Sie beobachteten ein stillschweigendes Aufgeben von ihnen wichtigen Lebensformen und Traditionen. Sie beklagten den Sittenverfall, der sich sichtbar zeigte in der Bekleidung und Mode: kurze Röcke anstelle langer Gewänder, geschorene Häupter und rasierte Gesichter anstelle von Schläfenlocken und langen Bärten. Sie sahen eine Generation auf dem Weg zur inneren Emigration aus der jüdischen Glaubenswelt und deuteten das zerbröckelnde Wertesystem als Anzeichen eines Zusammenbruches ihrer gewachsenen Glaubensgemeinschaft. In dieser bedrohlichen Situation „beschlossen die Versammelten“, so berichtet Martin Buber in seiner Sammlung chassidischer Erzählungen, „einen festen Grenzdamm zu errichten und damit zu beginnen, dass den Ungetreuen fortan verwehrt sein sollte, das geistliche Gericht anzurufen. Doch kamen sie überein, die Gültigkeit des Beschlusses auszusetzen, bis auch Rabbi Wolf von Zbaraz ihm zustimmte. Etliche Lehrer überbrachten ihm Bericht und Ansuchen. ,Liebe ich euch denn mehr als sie?‘, sagte er.“ Der Beschluss blieb unausgeführt.

Jesus baute sein Lebenswerk auf das Fundament Grenzen überschreitender Liebe. Maria aus Magdala durfte das auf intensivste Weise erleben. Darum ist sie jetzt jene, die Jesus zur ersten Botin dieses Bauprinzips der neu gegründeten Gemeinschaft macht. Sie soll in die Fußstapfen ihres großen biblischen Vorbildes Ruth, der Urgroßmutter des Königs David, treten. Jene stand als fremde, heidnische Moabiterin in schwieriger Situation zu ihrer jüdischen Schwiegermutter; sie erklärte sich bereit, mit ihr solidarisch jeden Weg und jede Bleibe zu teilen, und prägte die unvergesslichen prophetischen Worte biblischer Fremdenliebe: „Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“

Jesus nimmt diese Worte Ruths auf und formuliert mit ihnen Marias Sendung. „Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Jesus sendet sie zu ihren jüdischen Schwestern und Brüdern, um sie zu einem Lernprozess zu ermutigen: dass der Gott der Bibel nicht nur ein Gott Israels, sondern auch ein Gott der Völker ist. Wie er sich als Vater und Mutter des Volkes Israels erwies, so will er sich auch als Vater und Mutter der Völker zeigen. Darum sollen sie klug, großherzig und mutig sein Werk fortsetzen und Menschen aus allen Völkern in ihrer Gemeinschaft einen Platz einräumen. Und was ebenso wichtig ist: Sie dürfen bei allen Menschen Gottes Mitgehen und seine Gegenwart suchen und entdecken und deren Religionen achten und ehren. Der Gott der Moslems, der Juden, der Christen, ja aller Suchenden ist der Eine. Menschen mit einer solchen Einstellung sind eine Freude. In ihrer Nähe weht der Wind der Freiheit.

 

 

29. September 2017
von Dominik Markl SJ
Ausländerin, Mutter, Chefin

Natasha – eine starke Frau.

Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.
Joh 20,17

Natasha – eine starke Frau.

Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.

Joh 20,17

Natasha stammt aus einer sri-lankischen Familie, ist aber in London aufgewachsen. Sie studierte Jus, ihre Schwester Karen Medizin. Natasha heiratete Justin, der aus dem Westen Englands kommt. Die beiden haben vier – natürlich bezaubernde – Kinder: die ältesten, Nathanael und Tristan, sind Schüler des berühmten Gymnasiums Stonyhurst, nördlich von Manchester. Die kleineren, Pasha und Dominic, wohnen noch zuhause in Londons pittoreskem Viertel Hampstead und gehen dort zur Volksschule. Natasha und ihre Familie haben mich warmherzig aufgenommen, als ich in ihrer Pfarrei Saint Mary’s regelmäßig zur Sonntagsmesse kam. Natasha und Justin musizierten, während ihr damals noch sehr kleiner Dominic lebhaft zwischen den Bänken herumkrabbelte und die alteingesessenen, etwas verklemmten Londoner Damen aus ihrem andächtigen Konzept brachte – seinen verschmitzten asiatischen Augen konnten sie aber doch jedes Mal nicht widerstehen. Natasha lud mich zum Picknick im Park ein, mit den Kids sollte ich Cricket spielen lernen. Eine Frau voller Lachen und Energie. Ihr größtes Anliegen ist, die Persönlichkeit ihrer Kinder zu bilden. Sie sollen verstehen, dass Geld und Prestige nichts zählen, einzig die menschlichen Werte, das Herz, der Glaube. Von ihrem Beruf erzählt sie selten. Erst spät verrät sie mir, dass sie zur Geschäftsführerin eines Unternehmens mit Tausenden Mitarbeitern aufgestiegen war. Als Ausländerin, als Frau, in England. In einem harten, von Männern dominierten Geschäftsumfeld beginnt sie jede wichtige Sitzung mit einem kurzen Gebet. Das Wichtigste ist Unbestechlichkeit, sagt sie. Wo Dinge krumm laufen, muss man hart eingreifen.

Natashas Familie hat mir, dem Ausländer, London zu einer Heimat gemacht. Vor drei Jahren wurde bei Natasha ein Tumor festgestellt. Sie wurde sofort operiert. Nach einem Jahr neue Metastasen. In diesem Sommer ist Natasha gestorben. Die Kinder hatten Ferien und konnten in den letzten Wochen bei ihr sein. Noch am vorletzten Tag sprach sie mit jedem Kind, einzeln, persönlich. Sie wollte nicht sterben. Nur langsam konnte sie ihr Schicksal annehmen. Karen, ihre Schwester, blieb wochenlang bei ihr im Krankenhaus, Tag und Nacht. Für das Requiem hatte Natasha die Lieder ausgesucht. „Shine, Jesus, shine… blaze, Spirit, blaze, set our hearts on fire…“ Wenn Justin, der Vater, sich nicht mehr halten konnte, umarmte ihn Dominic, der Kleinste, tätschelte seinem Papa den Rücken.

Die Tage rund um das Requiem waren in Natashas Haus von einer unbeschreiblichen Stimmung geprägt. Trotz aller drückenden Schwere wussten die Freunde, die aus den USA und Europa angereist waren und im Haus ihr Lager aufgeschlagen hatten, was Natasha sich gewünscht hatte: Party! Kurz vor Mitternacht rief man zum Tanz, die Kleinsten stahlen den Oldies mit akrobatischem Freedance die Show. Es hat mich beeindruckt, wie gefasst die Kinder waren, und doch frei. Sie hatten entschieden, ihre Mutter sollte die letzte, wenig versprechende und belastende Therapiemöglichkeit nicht in Anspruch nehmen. Sie hatten ihre Mutter nicht festgehalten.

22. September 2017
von Ruth Zenkert
Du hörst deinen Namen

Der Name bringt eine Beziehung zum Klingen. Du sprichst jemanden mit Namen an. Was sagst du ihm damit?

Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister.
Joh 20,16

Der Name bringt eine Beziehung zum Klingen. Du sprichst jemanden mit Namen an. Was sagst du ihm damit?

Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister.

Joh 20,16

„Geh zum Teufel! Alle meine Toten sollen dich verfolgen!“ Diese und weitere Flüche hörte ich Moise ausrufen. Wir waren gemeinsam unterwegs. Eine kleine Wanderung war geplant gewesen, aber wir gingen doch weiter als erwartet, und das war ihm zu viel geworden. Ich marschierte voraus, um die Beschimpfungen nicht mehr hören zu müssen. So kamen wir dann alle am Ziel an, Moise mit einer Stunde Verspätung. Nachdem wir uns erfrischt hatten, gab es ein gutes Essen und ein kühles Bier. Am Abend hatte Moise sich erholt und wieder beruhigt. Glücklich saß er am Tisch und ließ den Tag noch einmal vorüberstreifen, alle schönen Begegnungen, Aussichten, Erlebnisse. „Und was machen wir morgen, liebe Argentina?“ fragte er mich. Argentina – das ist der Name seiner verstorbenen Mutter, die er über alles liebte.

Was bedeutet es, einen Namen auszusprechen? In einen Namen ist eine ganze Lebensgeschichte eingeflossen. Im Namen verdichtet sich, was jetzt zwischen mir und dem anderen da ist und wirkt. Jesus geht auf Maria zu und spricht sie mit ihrem Namen an. Maria! Sie hört darin alles, was sie mit Jesus erlebt und von ihm empfangen hat. Seine Einfühlsamkeit, das Verständnis, das er für ihre Leiden hatte, die Heilung, die gemeinsamen Wege und viele schöne Erlebnisse. In diese Geborgenheit führt Jesus die suchende Frau zurück. Und Maria von Magdala antwortet auf diese Geschichte, die er in ihrem Namen ausgelöst hat, mit dem, was er für sie ist. Rabbuni, sagt sie auf Hebräisch, in ihrer gemeinsamen Sprache. Du bist mein Meister. Mit dir darf ich lernen, du führst mich, du vertraust mir Aufgaben an und gibst die Kraft dazu. Bei dir bin ich geborgen, du wirst mich auffangen, wenn ich Fehler mache, du zeigst mir den nächsten Schritt. All diese Zuversicht löst die Weise aus, mit der Jesus auf die Frau zugegangen ist, indem er sie mit ihrem Namen angesprochen hat.

Miriam – Maria – war zurzeit Jesu und ist auch heute noch in Israel ein beliebter Mädchenname. Er erinnert an Miriam, die Schwester von Mose, die ihn als Baby aus dem Nil gezogen und der Tochter des Pharao anvertraut hat. Sie organisierte sogar, dass ihre Mutter als Amme engagiert wurde. Miriam begleitete ihren Bruder auch in schwierigen Aufgaben. Als er das Volk durch die Wüste führte, zeigte sie ihm die Wasserquellen. Sie war treu und doch nicht unkritisch. So war sie zum Beispiel mit seinen Frauenbeziehungen nicht einverstanden. Dem großen Namen Miriam wurden die Mutter Jesu und die andere tapfere Frau, die unter dem Kreuz stand, gerecht. Auch die Schwester des Lazarus, mit der Jesus besonders befreundet war, hieß so.

Maria, in diesen großen Horizont stellt Jesus die Frau am Grab, die aus Magdala gekommen war. Argentina, mit dem Namen der geliebten Mutter verzieh mir Moise, dass ich ihn überfordert hatte.

Du hörst einen Namen. Der Name bringt eine Beziehung zum Klingen. Du spürst, wer du bist und wer der andere für dich ist. Du sprichst jemanden mit Namen an. Was sagst du ihm damit?

15. September 2017
von Georg Sporschill SJ
Ein Mensch, der andere zum Blühen bringt

Der Gärtner als Urbild der Führung. Er pflanzt, gießt, hütet, er entfernt auch das Unkraut.

Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.
Joh 20,15b

 

Der Gärtner als Urbild der Führung. Er pflanzt, gießt, hütet, er entfernt auch das Unkraut.

Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.

Joh 20,15b

Als Polizeichef genoss Nicu in Marpod höchste Anerkennung. Natürlich war es ein Vorteil, sich mit ihm gut zu stellen, da er bei kleinen Vergehen Nachsicht zeigte. Er kannte jeden im Ort, und wenn einmal eingebrochen wurde, ahnte er, wer der Täter war, und kam ihm auf die Spur. Auch bei uns wurde einmal etwas gestohlen. Aber statt den Dieb zu bestrafen, redete er ihm geduldig zu, bis der Mann die Beute zurückbrachte. Inzwischen ist Nicu pensioniert. Jetzt betreibt er sein Hobby als Beruf: Er leitet eine kleine Baufirma. Mit uns baut er Häuser für arme Roma-Familien. Nicu ist nicht mehr Polizist, den Respekt der Leute hat er umso mehr, denn er ist ein guter Chef. Seine Mannschaft findet er in der Umgebung, alle sind froh, dass sie arbeiten können. In seinem Team sind jetzt nicht nur die Bauleute, sondern auch Väter der Familien, für die ein Haus gebaut wird. Das ist nicht immer leicht, denn sie haben nichts gelernt und verlangen viel Geduld, weil sie nicht gewohnt sind zu arbeiten. Heute sind sie nicht da, morgen gehen sie früher, übermorgen gibt es Streit. Nicu bringt die Männer immer wieder zusammen. Burciu fehlte oft. Dann brauchte er Geld, weil seine Frau krank sei. Nicu gab ihm einen Vorschuss. Am nächsten Tag kam er nicht zur Arbeit. Nicu klopfte an seiner Tür, die Frau – quicklebendig – sagte, er sei nach Deutschland gefahren. Zwei Wochen später tauchte Burciu wieder auf, es sei nichts geworden in Deutschland, er habe gehofft, dort mehr zu verdienen. Nicu nahm ihn wieder auf, er forderte nicht einmal den Vorschuss zurück. „Er wird wachsen und ein zuverlässiger Arbeiter werden.“

Nicu ist in unserer schwierigen Gemeinde so etwas wie ein Gärtner. Ihn könnte Maria von Magdala gut nach Jesus fragen, so wie sie den Unbekannten am Grab Jesu fragte. Denn „sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.“ Falsch war ihre Annahme nicht. Sie hat Jesus nicht mit dem Gärtner verwechselt, sondern das richtige Bild für den Menschensohn gefunden, den Menschen, der von ihr das Unkraut – die Dämonen – entfernt hatte. Nach Paulus war Jesus tatsächlich ein Gärtner, eine Anspielung auf Adam, dem Gott den Garten Eden anvertraut hatte, „damit er ihn bearbeite und hüte“ (Gen 2,15). Auch Jesus soll einen Garten anlegen. Wie in Israel soll unter den Völkern eine neue Kultur entstehen, mit Menschenrechten und Schutz der Schwachen. Die neuen Pflanzen sollen Früchte tragen und viele ernähren. Die Welt braucht Gärtner.

Maria von Magdala hat im Gärtner Jesus erkannt. Ähnlich sehen unsere Kinder im Baumeister Nicu den Gärtner. Sie wollen ihn holen und berühren: den Menschen, der sie zum Blühen bringt.

Es ist ein Glück, in der Erziehung und in Leitungsfunktionen einem Gärtner zu begegnen. Er kennt die unterschiedlichen Böden. Er sät, pflanzt, hütet, und er entfernt auch das Unkraut.