Bimail – Bibel für Wagemutige

Bimail

Das Team um P. Georg Sporschill SJ greift für jede Woche im Jahr
einen Satz aus der Bibel heraus. Das Wort wird erklärt und
durch Erfahrung veranschaulicht. Bimails sind Bibelworte
für unsere Zeit: keine Predigten, sondern Anleitungen
zum Weiterdenken.
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15. Februar 2019
von Josef Steiner
Unter einem Dach

Mit Tieren leben und für sie sorgen

Allen Tieren der Erde, allen Vögeln des Himmels und allem, was auf der Erde kriecht, das Lebensatem in sich hat, gebe ich alles grüne Gewächs zur Nahrung. Und so geschah es.
Gen 1,30

Mit Tieren leben und für sie sorgen

Allen Tieren der Erde, allen Vögeln des Himmels und allem, was auf der Erde kriecht, das Lebensatem in sich hat, gebe ich alles grüne Gewächs zur Nahrung. Und so geschah es.

Gen 1,30

Kindheitserinnerungen. Menschen und Tiere unter einem Dach, Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude – bei uns hieß es seiner hauptsächlichen Bestimmung entsprechend „Futterhaus“ – nur durch einen schmalen, fensterlosen, finsteren Gang getrennt. Beim Eingang des Stalles links die Schweine, Mutters Lieblingstiere. In der Speisekammer neben der Küche stand ein großes hölzernes Gefäß, in dem alle essbaren Speisereste, vor allem Kartoffeln, Rüben, Getreide, Obst, Gemüse, als Futter für sie gesammelt wurden. Es ging ihnen gut. Aber einmal im Jahr, in der kalten Winterzeit, kam für das größte von ihnen der Tag der Schlachtung. Ein Trauertag für die Mutter. Als wir Kinder größer wurden, durften wir von einem Fenster der Stube aus zuschauen. Wie der Vater und der Metzger, ein liebenswerter und sanfter Onkel, das fürchterlich laut greinende Schwein aus dem Stall in den kalten Schnee zerrten; wie der Onkel den Schussapparat auf die Stirn des Schweines setzte, ein Knall und es lag mit allen Vieren auf dem Schneeboden. Wenn wir am Abend des Schlachttages ein Schnitzel aßen, wussten wir, wer dafür sein Leben hatte geben müssen.

Neben den Schweinen, den größeren Teil des Stalls einnehmend, Kälber, Rinder und fünf Kühe, Pinzgauer Rasse. Jede Kuh hatte einen Namen und einen ausgeprägten Charakter, der uns Kindern besonders beim Hüten auffiel. Die „Elsa“ ein zähes Luder, die sich auch nicht durch zornige Schläge eines Kindes zu einer schnelleren Gangart treiben ließ. Dagegen die „Braune“, die schönste von allen, selbstbewusst und anhänglich, auf ihr durften wir Kinder sogar reiten. Wieder anders die „Wanda“, ein rauflustiges Tier, aggressiv und bockig. Von den Kühen bekamen wir Milch, Butter und Käse für den Alltag, manchmal beim Verkauf eines schönen Rindes auch etwas Geld. Für sie mussten wir die Hauptarbeit auf dem Bauernhof verrichten. Zweimal im Jahr  die Grasfelder im Tal mähen, das Heu zum Trocknen aufhängen und im Heustadel lagern. Alles mit der Hand und ohne technische Hilfsmittel. Das Leben mit den Kühen benutzen die Eltern auch, um uns in die Geheimnisse von Zeugung und Geburt einzuführen. Unvergesslich das Erlebnis bei der Geburt eines Kälbleins, wie der Vater um die sich langsam zeigenden Vorderfüße, zwischen denen der Kopf des kleinen Tieres herauslugte, ein dünnes Seil wand und kräftig ziehend Geburtshilfe leistete. Wie das Kalb in die Kuh kam, wurde uns durch die Mitnahme zur Besamung beim Gemeindestier zu vermitteln versucht. Es war interessant zuzuschauen, aber wozu, wurde mir nicht klar. Und geredet wurde ja nicht. Erinnerungen an ein unaufgeregtes Miteinander von Menschen und Tieren, an gegenseitiges Geben und Nehmen.

Die Bibel bezeugt Gottes Fürsorge für die Tiere. Der Ertrag des Landes soll ihnen zur Nahrung dienen. Legebatterien und Käfigeier, Schlachthäuser und Schlachthöfe sind ihr ebenso fremd wie saisonale Designerkleidung für Hunde und Gourmet Menüs für Katzen.

8. Februar 2019
von Ruth Zenkert
Ungewöhnliche Partnerschaften

Wo bin ich in die Partnerschaft zwischen Gott und Mensch eingebunden? Mit Ideen für Neues, als Helfer, als Erzieher.

Dann sprach Gott: Siehe, ich gebe euch alles Gewächs, das Samen bildet auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.
Gen 1,29

Wo bin ich in die Partnerschaft zwischen Gott und Mensch eingebunden? Mit Ideen für Neues, als Helfer, als Erzieher.

Dann sprach Gott: Siehe, ich gebe euch alles Gewächs, das Samen bildet auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.

Gen 1,29

Von Fliegen übersät lag das kleine Mädchen da, in einem Hemdchen mit dem Aufdruck „Papas Liebling“. Vom Papa weit und breit keine Spur. Das Baby war verdreckt, fast leblos lag es auf der verwahrlosten Couch in der Lehmhütte, inmitten von Schmutzwäsche, einer leeren Zigarettenschachtel, Deo-Spray-Dosen, Zeitungspapier, alten Brotkrumen. Die Mutter war seit zwei Tagen verschwunden. Die vier Geschwister hatten uns geholt, weil sie nicht wussten, was sie mit der Kleinen machen sollten. Wir gingen mit ihnen zum Brunnen, die Brüder hüpften in das kalte Becken, aus dem sonst die Kühe trinken, lachend bespritzten sie sich gegenseitig. Das Baby wuschen wir unter dem schwachen Wasserstrahl. Durchfall und Dreckkrusten mussten von der zarten Haut geschrubbt werden. Dann holten wir Brot, Milch und Bananen. Die Buben aßen wie die Holzhacker. Wir sorgten jeden Tag für die Kinder. Nachdem auch in den nächsten Tagen weder Mutter noch Vater aufgetaucht waren, konnten wir mithilfe der Polizei alle fünf in ein Kinderheim in der Nähe bringen. Wenn ich sie besuche, laufen sie mir zum Tor entgegen. Es geht ihnen gut, sie halten zusammen, die Erzieher schauen auf sie. Zu Weihnachten haben die Buben sich ein Fahrrad gewünscht. Eine Freundin hat jedem eines geschenkt. Sie sind glücklich, vielleicht geht es ihnen besser als manchen Kindern im Reichtum.

Als ich in der Hütte das Elend der verlassenen Kinder sah, fragte ich mich: Wie können die Eltern ihre kleinen Kinder einfach sich selber überlassen? Manche fragen, wie kann Gott das zulassen? Hat er nicht gesagt: „Siehe, ich gebe euch alles Gewächs, das Samen bildet auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin. Euch sollen sie zur Nahrung dienen“? Wer gibt den Kindern in der elternlosen Hütte Nahrung? Gott schenkt nicht nur Leben, er sorgt auch für Ernährung, in Partnerschaft mit den Eltern, die Mitschöpfer Gottes sind. Bei unserer Familie musste Gott anstelle der Eltern andere Partner finden. Oft erfüllen Großeltern, Freunde, Sozialarbeiter die Aufgabe der Ernährung. Sie ergänzen, was bei den Eltern fehlt. In der Armut mag es Brot sein, im Reichtum kann es Liebe sein; körperliche oder geistige Nahrung.

Verantwortete Elternschaft heißt, Kinder zu zeugen und zu erziehen; ihnen das Leben zu schenken, aber auch für die Erhaltung des Lebens zu sorgen. In unseren verwahrlosten Vierteln freuen sich Mütter und Väter über ihre vielen Kinder, wie man es sonst nicht erlebt. Tests in der Schwangerschaft, um eine Behinderung zu erkennen, oder Abtreibung sind kein Thema. Doch wie können diese Kinder ernährt werden? Unsere Aufgabe ist es, Partner zu sein für die Eltern, für die Kinder, für Gott. In der Hoffnung, dass die Kinder mittels Schule und Ausbildung einmal selbständige Partner Gottes sein können, wenn sie selber Nachwuchs bekommen.

Wo bin ich in die Partnerschaft zwischen Gott und Mensch eingebunden? Mit Ideen für Neues, als Helfer, als Erzieher.

1. Februar 2019
von Max Heine-Geldern SJ
Der Icebreaker

Wenn einem die Beweislast genommen wird.

„Gott sprach zu ihnen: Füllt die Erde und unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen.“
Gen 1,28b

Wenn einem die Beweislast genommen wird.  

„Gott sprach zu ihnen: Füllt die Erde und unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen.“

Gen 1,28b

Es roch nach Klebstoff, Sägespänen und Kaffee. Hektik lag in der Luft. Das Modell nahm beinahe den ganzen Raum der Werkstatt ein. Achtsamkeit war gefordert, denn kein Fehler durfte passieren. In knapp vier Stunden war Abgabe. Das Team funktionierte, obwohl es die letzten Tage ohne Unterbrechung gearbeitet hatte. Der Architekturwettbewerb für die Umgestaltung der Exhibition Road in London konnte zum Sprungbrett für Thomas Heatherwick werden. Er konkurrierte mit Architekturgrößen wie Zaha Hadid und Norman Foster.

Thomas war gerade 33 Jahre alt. Zehn Jahre zuvor hatte er sein Studio gegründet. Eine Oase des Schöpferischen, die einen staunen ließ. Modelle von Handtaschen bis zu Hochhäusern füllten neben Skulpturen und Pläne jeden Winkel. Sie wurden in der hauseigenen Werkstatt entwickelt. Gut sechs Mitarbeiter aus den verschiedensten Fachbereichen wirkten zusammen. Am runden Tisch in der Mitte floss die gesamte Kreativität zusammen.

Vor drei Wochen hatte ich bei ihm zu arbeiten begonnen. Nun sollte ich den „glass dome“ in das Modell einsetzen. Es war das Herzstück des Entwurfs, eine feine gläserne Vase, ein Unikat. Ihre zugleich konvexe und konkave Gestalt machte die Formung der Halterung zu einer Millimeterarbeit. Sie wollte nicht passen! Thomas merkte mein Ringen, bot sich an zu übernehmen, doch ich wollte mich beweisen. Langsam führte ich die Vase in die Form, übte Druck aus. Ein schrilles Klirren durchschnitt das Treiben. Stille. Hatten sie es gehört? Wie groß war der Sprung? Mein Chef übernahm gekonnt, ohne Hektik. Wenige Minuten später vertraute er mir eine neue Aufgabe an.

Gott überträgt dem Menschen große Verantwortung. Er soll sich die Erde untertan machen, das heißt sie besiedeln, indem er über sie herrscht. Sie ist ihm zur Entfaltung gegeben worden. Dafür muss er sie nicht an sich reißen, sondern sie achten wie Gott, dessen Mitarbeiter er ist. Insofern verleiht der Schöpfungshymnus der Form des Herrschens einen klaren Charakter. Denn der Mensch soll dies im Geiste Gottes verwirklichen, der alles Geschaffene als sehr gut beurteilt. Entscheidend ist dabei, dass er sich selbst ebenso unter diesem achtenden Blick Gottes sieht. Dieser schenkt die Freiheit, sich nicht ängstlich beweisen zu müssen, sondern kreativ mit dem umzugehen, was da ist.

Die Reaktion von Thomas war alles andere als herrschsüchtig. Vielmehr brachte er mir in der Situation meines Scheiterns viel Achtung entgegen und verwandelte so das gesprungene Glas zu einem Icebreaker. Ich musste mich nicht mehr vor ihm beweisen, sondern konnte mich frei in seinem Studio einbringen und bei der Entfaltung der Projekte mitwirken.

Vor knapp zwei Jahren saß ich wieder mit Thomas am runden Tisch. Um uns schwirrten im neuen Studio mehr als 200 Mitarbeiter und ließen ihrem kreativen Geist freien Lauf.

25. Januar 2019
von Ruth Zenkert
Riskante Zuwendung

Die Suche nach Führungskräften beginnt mit der Frage: Wem gebe ich besondere Aufmerksamkeit?

Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch!
Gen 1,28a

Die Suche nach Führungskräften beginnt mit der Frage: Wem gebe ich besondere Aufmerksamkeit?

Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch!

Gen 1,28a

Als es hupte, stürmten die Kinder wie wild aus der Musikschule, um im Kleinbus die vorderen Plätze zu ergattern. Das Auto brachte die Schüler zurück ins Nachbardorf und holte die nächsten zum Unterricht. Sebi blieb in der Schule. „Du musst noch ein Stück üben, es ist schwieriger. Aber du wirst es lernen.“ Der Saxophonlehrer Mircea zeigte Sebi spezielle Griffe, damit er die Melodie schneller spielen konnte. Sebi probierte es, nach einigen Versuchen ging es immer besser. Dann gab ihm Mircea noch ein Stück zum Lernen. Sebi begriff schnell, es wurde ein Duett. Die beiden spornten einander an, improvisierten, hatten viel Freude am gemeinsamen Spielen. Die nächsten Schüler kamen, Sebi machte im Übungsraum alleine weiter, bis Mircea wieder Zeit hatte. Zum Abschluss probierten sie dann noch die neuen Melodien. So ergab es sich, dass Mircea Sebi am Abend nach Hause brachte, weil das Schulauto schon weg war. Wenn die Schüler am Mittwoch in der gemeinsamen Probe ihre Stücke spielten, stach Sebi heraus. Er spielte Solo, eine zweite Stimme, war den anderen schon weit voraus. Sebi, früher ein Störenfried, wurde zum Musterschüler. Bei all den Schwierigkeiten, die er bereitet hatte, hatte Mircea doch seine Begabung gespürt. Mit besonderer Liebe baute er ihn auf. Und nun bewundern ihn nicht nur die Mädchen, auch seine Freunde möchten spielen können wie er. Für Sebi gibt es nur noch eines: Er will ein großer Musiker werden. Wie Mircea.

Dem Lehrer ist es gelungen, einen Schüler groß zu machen, der nun viele andere mit seiner Begeisterung ansteckt. Viel Phantasie hat es gebraucht, um die Widerstände zu überwinden. Die Freundschaft zwischen den beiden hat Unglaubliches bewirkt. Eine solche intensive Beziehung lese ich heraus, wenn die Bibel von der Schöpfung der Menschen erzählt. „Gott segnete sie und sprach zu ihnen.“ Im Unterschied zur Tierwelt (Gen 1,22), die bloß gesegnet wird, ist dem Menschen eine doppelte Zuwendung und Ansprache geschenkt. Das besondere Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen verleiht ihm die Kraft, fruchtbar zu werden und sich zu mehren. Ein Beispiel ist der Patriarch Jakob, der seinen Sohn Josef, dessen Führungskraft und Begabung er spürt, mehr als alle Kinder liebte. Er ließ ihm einen bunten Rock machen, was die Eifersucht und den Hass der Brüder hervorrief. Die besondere Zuwendung brachte Josef zwar in Lebensgefahr, machte aber aus ihm eine Führungsgestalt. Er wurde am Hof des ägyptischen Pharaos der Minister, der das Volk und seine Familie aus der Hungersnot nach sieben mageren Jahren rettete.

Die starke Liebe, wie der Mensch sie in der Schöpfung von Gott erfährt oder wie sie Josef von seinem Vater bekommt, ist ein riskantes Geschenk und mit Verantwortung verbunden. Aber sie ist unabdingbar für Fruchtbarkeit und Mehrung. „Deine Zuneigung machte mich groß.“ So dankt der Psalmbeter (Ps 18,36b). Die Größe des Menschen, des Musikschülers und des Lebensretters ist aus einer intensiven Beziehung hervorgegangen.

Die Suche nach Führungskräften beginnt mit der Frage: Wer braucht besondere Zuwendung, um Großes leisten zu können?

18. Januar 2019
von Josef Steiner
Kein Kampf der Geschlechter

Was verbinde ich mit „weiblich“, was mit „männlich“?

Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.
Gen 1,27

Was verbinde ich mit „weiblich“, was mit „männlich“?

Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.

Gen 1,27

Kindheitserinnerungen. Unser Vater, sehr musikalisch. In der Mitte der Bauernstube stehend, schwingt er die Gitarre und imitiert das Glockengeläute der Kirche. Jede Saite einzeln zupfend, von den hohen Tönen bis zum Bass, dann alle zusammen. In seiner Begeisterung knallt er die Gitarre an die getäfelte Decke der Stube, lacht verschmitzt und lässt dann das Läuten langsam vor seiner auf dem Boden beeindruckt zuhörenden Kinderschar verklingen. Der Vater, Kinder liebend, spielfreudig und ohne körperliche Berührungsangst. Mitten in der Stube muss er als ein Tragetier herhalten. Wir sitzen auf seinen Rücken, hängen uns an seine Arme, Beine und an seinen Hals, schlüpfen unter seinen Bauch und halten uns an den Hosenträgern fest. Auf allen Vieren beginnt er sich langsam zu bewegen, Schritt für Schritt, richtet sich halb auf, die Arme ausgestreckt, wir an ihm hängend, und wiehert wie ein Pferd. Wir kreischen und lachen und staunen über solch körperliche Kraft. Der Vater, ein begnadeter Geschichtenerzähler. Zusammengedrängt auf harten Holzbrettern auf dem warmen gemauerten Heizofen sitzend, lauschen wir gespannt seiner Geschichte. Das Märchen von „Hänsel und Gretel“ frei interpretierend führt er uns in einen dunklen Wald. Aus Hänsel und Gretel sind mehrere Kinder geworden, aus der Hexe ein männlicher, Furcht erweckender Waldgeist. Rettung kommt – wie bei seinen Geschichten fast immer – durch die besorgten Eltern. Ein Vater – musikalisch, gefühlsbetont, dichtend –, zeichnet das einen Mann aus? Sind das männliche Eigenschaften?

Die Mutter, tüchtig und klug, ein Organisationstalent. Sie heiratet als Tochter eines Bürgermeisters in einen abgelegenen, schwer verschuldeten Bauernhof, ihr Mann ist kein Finanzgenie. Sie macht den Hof schuldenfrei, baut ein neues Wirtschaftshaus, begleitet Planung und Bau, bringt in der schwierigsten Bauphase alle Kinder bei Verwandten und Bekannten kurzfristig unter, vergrößert den Viehbestand, stellt Mägde und Knechte ein. Aus dem maroden Hof wird ein Selbsterhaltungsbetrieb für fünfundzwanzig Leute. Die Mutter, kommunikativ und engagiert, eine Sozialpolitikerin. Neben Familie und Hof sind ihre Welt das Dorf und die Dorfgemeinschaft. Der tägliche morgendliche Messbesuch dient der Erholung von anstrengender Familienarbeit und der Kommunikation im Dorf. Ihre vielen abendlichen Ausgänge führen sie in Häuser von Kranken, Sterbenden und Neugeborenen. Die Mutter, intelligent und offen, eine Gebildete. Sie liest viel, wenn sich Gelegenheit bietet, reist sie, sie diskutiert, hört zu, denkt nach. Eine Mutter – klug, politisch, gebildet -, zeichnet das eine Frau aus? Sind das weibliche Eigenschaften?

Die Bibel eignet sich nicht für den ideologischen Geschlechterkampf. Ihr Menschenbild ist eindeutig. Dreimal verwendet sie ein nur göttlichem Schaffen vorbehaltenes Wort, um die Differenz der Geschlechter als dem Menschsein eingestiftete Gabe und Aufgabe zu betonen. Ein Unterschied, der auf Entdeckungsreise schickt. Was verbinde ich mit „weiblich“, was mit „männlich“?

11. Januar 2019
von Ruth Zenkert
Von der Erdverbundenheit des Menschen

Der Glaube an das Göttliche hilft, niemanden aufzugeben und mit Feinden umzugehen.

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!
Gen 1,26 a

Der Glaube an das Göttliche hilft, niemanden aufzugeben und mit Feinden umzugehen.

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!

Gen 1,26 a

„Ist er das?“, fragte mich die Volontärin, als wir uns in Ziegental dem Brunnen näherten. Dort hantierte ein alter Mann mit einigen Milchkannen, die er auswusch und auf den Pferdewagen hievte. Tagelöhnerdienste, er verrichtete sie für einen rumänischen Bauern. Nun nahm der Alte einen Schluck aus der Bierdose. Ich grüßte ihn, und wir unterhielten uns ein wenig, über die Ernte in diesem Jahr, wie gut es sei, dass jetzt endlich eine Wasserleitung ins Dorf komme. Das ewige Warten am Brunnen, wo nur wenig Wasser fließe …

Die Volontärin war empört. „Mit dem redest du? Der ist doch ein Schwein!“, fauchte sie mit jugendlichem Zorn. Das stimmte. Und stimmte nicht. Auch ich war erschüttert von dem gewesen, was ich bei meinen ersten Begegnungen in Ziegental über den alten Mann gehört hatte. Jeder wusste es. Im Sommer ging er als Hirte mit den Kühen im Dorf auf die Weide. Seine Tochter begleitete ihn. Wenn sie im Herbst zurückkamen, war die Tochter schwanger. Seither lebten – ganz selbstverständlich – der Mann mit seiner Frau, der Tochter und drei Kindern in der kleinen Hütte. Ein Schwein. Wie hielt das die Tochter aus? Was sagte die Frau dazu? Nichts. Sie war in diesem Jahr gestorben. Nun kümmert der Mann sich um seine Kinder. Sie sind leicht behindert – wegen des Inzests? Wem würde es helfen, wenn er ins Gefängnis käme? Hier in diesem Dorf geschieht so viel Schreckliches, sind die Menschen so weit entfernt von dem, was wir an Moral und Zivilisation kennen. Wir können nur durch unsere Begleitung ein wenig Menschlichkeit spüren lassen. Vielleicht überträgt sich die Liebe, zumindest auf die Kinder?

Es ist unbegreiflich, was der alte Mann getan hat. Wie kann ich ihn als Mensch annehmen? Noch mehr: Wie soll ich in ihm ein Abbild Gottes sehen können? Hat er von Gott die gleiche Würde bekommen wie ich? Wo sind da die göttlichen Spuren? Ist Gott ein betrunkener Kinderschänder? Er hat doch gesagt: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ Der Mensch ist das Bild Gottes, anders übersetzt, eine Statue, die ihn in der Welt repräsentiert. Der Mensch darf und muss in Gottes Namen handeln. Der Psalm 8 beschreibt Würde und Aufgabe des Menschen: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße.“ Wir sind aber nicht gleich wie Gott, wir sind erdverhaftet. Das drückt der Name aus: Adam, hebräisch, ist abgeleitet von adamah, Erde. Der Mensch, das Abbild Gottes, ist ganz irdisch. Die Schöpfungserzählung zeigt in Adam die Spannung von göttlicher Größe und irdischen Grenzen.

In jedem Menschen, und wenn er noch so schmutzig, widerlich, verwahrlost ist, widerspiegeln sich die Gesichtszüge des Adam, des Menschen, oft verschüttet durch Missbrauch oder durch Gewalt entstellt wie beim gekreuzigten Jesus. Der Glaube an das Göttliche hilft, niemanden aufzugeben oder mit Feinden umzugehen.

 

4. Januar 2019
von Max Heine-Geldern SJ
Päpstlicher Fitnessplan

Gründen – Vertiefen – Reifen

Dann sprach Gott: Die Erde bringe Lebewesen aller Art hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Wildtieren der Erde nach ihrer Art. Und so geschah es. Gott machte die Wildtiere der Erde nach ihrer Art, das Vieh nach seiner Art und alle Kriechtiere auf dem Erdboden nach ihrer Art. Gott sah, dass es gut war.
Gen 1,24f

Gründen – Vertiefen – Reifen

Dann sprach Gott: Die Erde bringe Lebewesen aller Art hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Wildtieren der Erde nach ihrer Art. Und so geschah es. Gott machte die Wildtiere der Erde nach ihrer Art, das Vieh nach seiner Art und alle Kriechtiere auf dem Erdboden nach ihrer Art. Gott sah, dass es gut war.

Gen 1,24f

Der Saal ist prächtig geschmückt. Kostbare Gobelins hängen unter einem kunstvollen Fries, deckenhohe Vorhänge lassen nur diffuses Licht in den Raum fallen. Die Stühle sind in Reih und Glied aufgestellt. Uns gegenüber steht ein weißer Thron. Meine Mitbrüder und ich warten auf den Höhepunkt unseres 50-jährigen Jubiläums des „Collegio Internazionale del Gesù“. Es ist jener Ort in Rom, an dem Ignatius von Loyola den Jesuitenorden gegründet und bis zu seinem Tod geleitet hatte. Vor 50 Jahren machte ihn sein Nachfolger Pedro Arrupe zu einem internationalen Studienort, wo heute 50 junge Jesuiten aus fast 30 Nationen gemeinsam Theologie studieren.

Die Stimmung ist gut, wir blödeln, machen Selfies. Da geht die Tür auf, ruhig tritt Papst Franziskus ein. Klein und müde wirkt er in all dem Prunk. Seine Haltung hat nichts Theatralisches, genauso wenig seine Worte. Er kommt gleich zur Sache. Erinnern heißt sich wieder neu gründen, sagt er. Das heißt für uns, zu dienen und nicht bedient zu werden, auch wenn das Verleumdung und Verfolgung auslöst. Aber unser Trost ist nicht weltliche Anerkennung, sondern Ostern. Wenn wir dazu nicht bereit sind, sind wir nicht gut verankert. Dann setzt er mit dem zweiten Punkt fort, dem Wachstum. Ein Prozess, der im Verborgenen stattfindet und tieferer Sinn der langen Ausbildung ist. Der Papst verwendet das Bild eines mit Gott vernetzten Herzens, das es sich nicht gemütlich einrichtet, sondern ständig wachsen möchte. Das Krisen nicht fürchtet, weil sie Zeichen des aktiven Ringens mit den Versuchungen des eigenen Egos und einer verweltlichten Spiritualität sind. In dieser Auseinandersetzung empfiehlt er uns das persönliche Gespräch mit dem Gekreuzigten.

Schließlich kommt er zum dritten Punkt, dem Reifen. Wir reifen, indem wir Früchte hervorbringen, die wiederum Samen auf die Erde fallen lassen. Aber bitte nicht dort, wo schon viele säen! Franziskus fordert uns auf, dorthin zu gehen, wo Ideologien aufeinanderprallen, an die Grenzgebiete, wo die Kirche nicht ist, in die Wüsten der Menschheit. Sie sind Teil des einen Lebensraumes, der einen Welt, die Gott so liebt. Auch wenn wir uns wie Lämmer unter die Wölfe gesandt fühlen. Abrupte Pause, er blickt uns an: „Aber bleibt Lämmer!“ Fordernde Worte von einem Mann, der weiß, wovon er spricht. Mitten in all dem Prunk höre ich seine Sehnsucht nach einer armen Kirche für die Armen, die mehr einem Feldlazarett gleichen soll. Deren Hirten wie ihre Schafe riechen und die Eucharistie nicht wie eine Belohnung für die Braven verteilen sollen. Und ich höre das Heulen der Wölfe, das ihm entgegenschallt. Es geht mir unter die Haut, denn es kommt von gar nicht so fern.

Wie gerne aber würden wir uns diese Wildtiere vom Leibe halten! Im Schöpfungshymnus werden sie an dritter Stelle genannt, nach den zahmen Tieren, dem Vieh, und nach den Kriechtieren. Möglichst weit weg. In der zweiten Aufzählung hingegen rücken sie an die erste Stelle. Es ist die Perspektive Gottes, der ihnen nahe sein will.

Diese Sehnsucht pocht im Herzen des Papstes. Sie lässt ihn unermüdlich immer wieder neu aufbrechen. Gründen, Vertiefen, Reifen – dieser Dreischritt hält ihn dabei fit.

28. Dezember 2018
von Ruth Zenkert
Guten Appetit – mit Respekt vor dem Schwein

Wie achten wir das Leben der Tiere, von denen wir uns ernähren?

Gott segnete die Tiere und sprach: Seid fruchtbar und mehrt euch! Füllt das Wasser im Meer und die Vögel sollen sich auf Erden vermehren. Es wurde Abend und es wurde Morgen: fünfter Tag.
Gen 1,22-23

Wie achten wir das Leben der Tiere, von denen wir uns ernähren?

Gott segnete die Tiere und sprach: Seid fruchtbar und mehrt euch! Füllt das Wasser im Meer und die Vögel sollen sich auf Erden vermehren. Es wurde Abend und es wurde Morgen: fünfter Tag.

Gen 1,22-23

Liebevoll streicht Bogdan über sein kräftiges, großes graues Pferd. Er ist stolz auf seinen Freund, träumt doch jeder Bub im Dorf davon, ein Pferd zu haben. Er ordnet die Mähne, löst Schmutz heraus und prüft die Hufe. Dann versucht er dem Pferd eine Decke überzuwerfen. Nicht leicht, denn die Decke ist schwer, immer wieder rutscht sie vom Rücken des Tieres. Endlich ist es geschafft. Bogdan redet auf seinen Freund ein, lobt ihn. Das Pferd neigt den Kopf und genießt die Zuwendung. Es bekommt Zucker und Gras. Dann schwingt sich Bogdan auf seinen Rücken. Am kräftigen Hals kann sich der Bub festhalten, die Decke muss als Sattel dienen. Bogdan nimmt die Zügel, zieht nach rechts und gibt einen schnurrenden Laut von sich. Schon setzt sich das Tier in Bewegung, zunächst langsam, dann galoppiert es über die Dorfstraße. Eine Staubwolke bleibt. Wenig später rast es um die nächste Ecke, gefolgt von einem zweiten Pferd mit jungem Reiter. Die Burschen machen ein Wettrennen. Katzen, Hunde und alte Mütterlein springen zur Seite. Dann parken die Burschen ihre Pferde vor dem großen Strohhaufen. Wieder werden die Tiere gestreichelt, geputzt, begutachtet.

Bogdan liebt sein Pferd. So wie Gott die Tiere liebt. Als Gott zum ersten Mal zu seiner Schöpfung spricht, segnet er die Tiere, sie erhalten seine ganz besondere Zuwendung. Die Pflanzen wurden nicht gesegnet, denn sie erzeugen nur unbewusst Samen und Früchte, ihr Wachstum hängt von Sonne und Regen ab. Tiere hingegen gesellen sich zur Fortpflanzung zusammen. So segnet Gott mit seinem Wort die Gemeinschaft: „Seid fruchtbar und mehrt euch!“ Das bedeutet: Sie sollen sich nicht nur fortsetzen, sondern mehr werden. Das ist notwendig, weil der Mensch sich an den Tieren bedient und ihre Anzahl vermindert. Er fängt, tötet und isst sie: So deuten die jüdischen Rabbiner die doppelte Aufforderung Gottes.

Gott vertraut dem Menschen die Tiere an und erlaubt ihm, davon zu essen. Dieser wiederum muss den von Gott gesegneten Wesen Respekt und Ehrfurcht entgegenbringen und so auf den Segen antworten. Es beginnt damit, den Tieren ein artgerechtes Leben zu ermöglichen. Sie nicht in Ställen zusammenzupferchen, um schnell Fleisch für den Teller zu produzieren. Auch beim Essen um das Leben und den Wert des von Gott geschaffenen Tieres zu wissen. Ein befreundeter Buddhist saß mit uns am Tisch und betrachtete sein Gulasch. Sein „Gebet“ lautete: Liebes Schwein, ich entschuldige mich, dass du wegen mir sterben musstest. Danke für dein Leben und die gute Speise, mit der du mich stärkst. – Vielleicht ist das eine Anregung, wie man auf die lebenden Tiere schauen könnte. Müssen wir jedes Insekt, das uns stört, töten? Wie gehen wir um mit den Tieren, die Gott selbst anspricht? Sie, die ihm so nahe sind, vertraut er uns an. Geben wir ihnen genügend Lebensraum?

Achten wir das Leben der Tiere, von denen wir uns ernähren? Segnen wir die Tiere?

Guten Appetit – mit Respekt vor dem Schwein!

21. Dezember 2018
von Josef Steiner
Ein gutes Auge

Gott schaut auf die Menschen – zu Weihnachten besonders.

Gott sah, dass es gut war.
Gen 1,21

Gott schaut auf die Menschen – zu Weihnachten besonders.

Gott sah, dass es gut war.

Gen 1,21

Kindheitserinnerungen. Am Beginn der Adventszeit bekam jedes von uns dreizehn Kindern eine gereinigte, gewellte kleine Holzschindel als persönliches Krippelein. Immer wenn wir etwas Gutes taten – nicht Streiten, nicht Lügen, auf Süßigkeiten Verzichten oder beim abendlichen Rosenkranz nicht Einschlafen –, durften wir in die symbolische Krippe einen Strohhalm legen, um so dem Christkind ein warmes und weiches Bett vorzubereiten. Ein Adventskalender der besonderen Art.

Am Vormittag des Heiligen Abends wurden wir – normalerweise ein wilder Haufen – angehalten, auf alles, was Lärm machte, zu verzichten, um das noch schlafende Christkind nicht zu wecken. Alles Schreien, Raufen, Fluchen, selbst Husten sollen wir vermeiden. Eine kluge pädagogische Maßnahme, um zumindest für ein paar Stunden im Haus etwas Ruhe und Stille zu schaffen.

Am Abend zog dann die gesamte Hausgemeinschaft prozessionsartig durch das Haus. Voran der Vater, eine alte gusseiserne Pfanne schwingend, in der glühende Kohlen getrocknete Kräuter und Weihrauchkörner verbrannten. Zimmer für Zimmer, Gang für Gang, Ecke für Ecke wurden „ausgeräuchert“. Selbst in den Heustadel wagte sich der Vater. Er der sonst eindringlich vor allem Zündeln und mit dem Feuer Spielen in der Nähe des Stadels warnte, schwang die Pfanne, Funken sprühten. Aber die geweihten Kräuter und das Weihwasser, das wir hinterher spritzen, würden in dieser Nacht den Feuerteufel schon in die Schranken weisen. Wohnhaus und Wirtschaftshaus, von Rauchschwaden und besonderem Duft durchzogen, waren an diesem Abend von allen bösen Geistern gereinigt.

Um elf Uhr in der Nacht wurden wir aus dem Schlaf gerissen und zur Christmette in die Dorfkirche geschickt. Eine halbe Stunde Weg, meist war es bitterkalt, der gefrorene Schnee knirschte unter den Füßen. Dann eineinhalb Stunden Singen, Beten, Zuhören in der Kirche. Alles war leicht auszuhalten, denn das Christkind kam bei uns erst nach der Mitternachtsmesse. Selten liefen wir so schnell nach Hause wie in dieser Nacht. Die Wohnstube war mit Geschenken übersät, das Suchen begann. Es waren meistens kleine praktische Dinge, von Tanten gestrickte Socken, Mützen und Handschuhe, kleine Spielsachen und Süßigkeiten aus dem Gemischtwarengeschäft des Dorfes – die drei Pflegekinder kamen von dort.

Wenn wir Buben dann, zu viert in einer engen Kammer auf unseren Strohsäcken sitzend, die von der Mutter gebackenen einfachen Kekse und ein paar Süßigkeiten verzehrten, war alles gut. Schöne Weihnachten. Nur einmal verweinte ich den Rest der Nacht. Mein zwei Jahre älterer Bruder hatte seine ersten Schi bekommen, ich einen Spielesel mit eingebauter mechanischer Feder. Wenn man sie aufzog, wedelte der Esel mit dem Schwanz. Kindheitserinnerungen.

Gott blickt in diesen weihnachtlichen Tagen auf ein gewaltiges Lichtermeer, auf geschmückte Häuser und Wohnzimmer, auf eine beeindruckende Geschenkkultur, auf eine Flut von Grußkarten, Briefen und Segenswünschen. Er sieht, dass es gut ist. Mit seiner Schöpfung, mit seinem Volk Israel, mit seinem Messias Jesus aus Nazareth ist ihm etwas Großes gelungen. Alle Welt schaut nun Gottes Heil.

14. Dezember 2018
von Ruth Zenkert
Das Gewissen strahlt mehr als die Macht

Auf den hören, der dich geschaffen hat. Mut zur Entscheidung.

Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: vierter Tag.
Gen 1,17-19

Auf den hören, der dich geschaffen hat. Mut zur Entscheidung.

Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: vierter Tag.

Gen 1,17-19

Dan stand vor mir, den Blick auf den Boden gerichtet, die Hände in den Hosentaschen, und murmelte, es sei alles zu schwierig. Die Leute machten nicht mit, wenn er mit ihnen arbeiten wolle. Er selber sei schon krank und überhaupt, warum bekomme er nicht wie alle anderen ein Haus? Ich war unzufrieden mit seiner Leistung. Gewiss, er hatte keine leichte Aufgabe. Vor einem Jahr waren hier noch Lehmhütten gestanden, Familien hausten in äußerster Not, viele Kinder hatten Hepatitis. Kein Wasser, kein Strom, überall Müll. Auf Drängen des Bürgermeisters hatten wir mit den Männern die Hütten abgerissen und zwölf neue Häuser gebaut, in die die Familien eingezogen waren. Nun stand dort eine Reihe bunter Häuschen mit kleinen Gärten. Aus dem Elendsviertel wurde das „Cartier Marghita“, mit einem Sozialzentrum, in dem die Kinder essen, sich waschen, die Zähne putzen, Hausaufgaben machen, spielen.

Wir bauen weiter. Im Zentrum ist es sauber, die Kinder haben schnell gelernt, sich an einfache Regeln zu halten. Aber sobald man ins Cartier Marghita kommt, zeigt sich das alte Problem: Aus allen Ecken quillt der Müll. Dan sollte mit den Leuten saubermachen, Mülleimer aufstellen, Häuser und Gärten pflegen. Leider war nicht zu sehen, dass er irgendwo eingegriffen hätte. Das einzige Ergebnis war, dass alle im Viertel ihn hassten, weil er sich bei ihnen als Chef aufgespielt hatte. Jetzt schlurfte er davon und vergrub die Hände noch tiefer in den Taschen.

Ratlos fragten wir Doina, ob sie nicht mitmachen wolle. Sie sorgt für ihre behinderte Schwester und für ihre Kinder. Ihr Mann ist schon lange verschwunden. Auch wenn sie fast nichts hat, es ist immer blitzsauber in dem rot ausgemalten Zimmer. Sie gibt den anderen Müttern ein Beispiel und packt mit ihnen an. Bald wird das nächste Haus fertig. Dan hatte schon allen verkündet, es sei für ihn. Doina aber bestimmte jetzt, dass Florin mit seiner großen Familie einziehen werde. Er geht arbeiten, in seine alte Hütte regnet es herein, er braucht am dringendsten ein winterfestes Haus. Doina hat eine mutige Entscheidung getroffen, obwohl sie sich damit auch einen Mächtigen zum Feind gemacht hat.

Doina ist für mich wie ein Licht, das Gott an das Himmelsgewölbe setzte, „damit sie über die Erde leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden“. Die Lichter, die Gott geschaffen hat und am vierten Tag am Gewölbe befestigt, sind wörtlich übersetzt „leuchtende Körper“. Sie leuchten nicht selbst, sondern haben die Funktion, das Licht weiterzugeben. Sie dienen und sind nicht eigenmächtige Herrscher. Neben der wichtigsten Aufgabe, die Erde zu erhellen, geben sie dem Menschen Orientierung. Sie regeln den Kalender, Jahreszeiten, Festtage, sie unterscheiden Tag und Nacht.

Wenn der Mensch sich als Geschöpf des Einen Gottes weiß und auf IHN hört, kann er zwischen Tag und Nacht, zwischen Gut und Böse unterscheiden. Wer auf die Stimme seines Gewissens hört, bekommt Mut zur Entscheidung. Und kann im Sinn des Einen richtig handeln, leuchten, Frieden stiften.