Bimail – Bibel für Wagemutige

Bimail

Das Team um P. Georg Sporschill SJ greift für jede Woche im Jahr
einen Satz aus der Bibel heraus. Das Wort wird erklärt und
durch Erfahrung veranschaulicht. Bimails sind Bibelworte
für unsere Zeit: keine Predigten, sondern Anleitungen
zum Weiterdenken.
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27. Juli 2018
von Ruth Zenkert
Das fünfte Evangelium

Ich versuche, die Wunder zu entdecken und im Herzen aufzuschreiben.

Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.
Joh 21,25

Ich versuche, die Wunder zu entdecken und im Herzen aufzuschreiben.

Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.

Joh 21,25

Das ist der letzte Vers des Johannesevangeliums. Er schließt das Evangelium nicht ab, sondern öffnet es. Und der letzte Satz zwingt den Leser, auf das zu schauen, wovon noch nicht die Rede war, nämlich auf das, was Jesus in den Gemeinden, die sich auf ihn berufen, bewirken wird. Wer immer die Bibel, Altes und Neues Testament, liest und bedenkt, wird zum Tun geführt. Mit der Bibel wird man die Welt verändern, in Konflikte eingreifen, zu Ungerechtigkeiten nicht schweigen, wird an Einsamen nicht vorbeigehen, sondern Beziehungen stiften. Das Leben wird zur Berufung. Wer könnte diese Dynamik fassen, die von der Bibel ausgeht! Sie macht mein Leben jeden Tag spannend. Jesus überrascht mich durch Trost und Aufträge bis zur Überforderung. Auf diese Weise kommt er mir liebevoll entgegen.

Hätte ich alles in meinem Leben selbst entscheiden können oder müssen, wo und wer wäre ich heute? Über viele Umwege, Schmerzhaftes und Glück bin ich in Hosman gelandet. Ein Dorf in Siebenbürgen, mitten unter Roma-Familien. Wir brauchen keinen Fernseher, weil wir die wildesten Abenteuer, Romanzen, tragisches Unglück und Krimis täglich selbst erleben. Paula ist acht und wohnt seit zwei Jahren in unserer Gemeinschaft. Wir sind zusammengewachsen, sie vertraut uns und erzählt beim sonntäglichen Spaziergang immer die unglaublichsten Geschichten aus ihrer verwahrlosten Familie. Ob wahr oder unwahr, das Kind schüttet sein Herz aus. Ein Dorfbewohner hat sich bei ihnen eingenistet, er ist in ihre Mutter verliebt und will nicht wahrhaben, dass sie ihn nicht erhören wird. Alle schlafen in einem Raum, das Kind bekommt alles mit. Der Streit, die Mutter schickt den Liebhaber weg, er geht hinaus, die Mutter schläft ein. Paula hat Mitleid mit dem Verstoßenen und spürt, dass etwas nicht stimmt. Sie wartet und kann nicht einschlafen. In der Dunkelheit folgt sie ihm hinaus und sieht im Mondschein, wie er an einem Balken vor dem Haus baumelt. Sie rast ins Haus und sucht ein Messer. Ein Bruder wacht auf und kommt mit. Er klettert hinauf und schneidet das Seil durch. Der Körper plumpst auf die Erde. Dann gibt der Bruder dem Mann ein paar Ohrfeigen, der kommt wieder zu sich. Paula läuft zum Brunnen und bringt ihm Wasser. Ihr Bruder ist wieder schlafen gegangen. Der Mann sitzt noch eine Weile benommen da, steht auf und geht ziellos ins Dorf. Paula erzählte mir diese Geschichte, weil sie den Mann oft sieht. „Ich habe ihn gerettet“, sagte das kleine Mädchen stolz, „er sagt mir jedes Mal: Guten Tag und danke.“

Wie viele große und kleine Wunder erleben wir täglich? Vielleicht nehmen wir sie gar nicht wahr. Oder nur, wenn wir eben von einer schweren Krankheit geheilt wurden. Bemerken wir aber, dass wir eine schwere Krankheit gar nicht erst bekommen haben? Jeder könnte das Evangelium weiterschreiben, das fünfte Evangelium. Es ist unseres. Ich versuche, die Wunder zu entdecken und im Herzen aufzuschreiben.

 

 

20. Juli 2018
von Georg Sporschill SJ
Wir sind Lieblingsjünger

In welchem Freundeskreis finde ich zu den tiefen Fragen meines Lebens?

Dies ist der Jünger, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.
Joh 21,24

In welchem Freundeskreis finde ich zu den tiefen Fragen meines Lebens?

Dies ist der Jünger, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.

Joh 21,24

Am Schluss des Johannesevangeliums tritt ein letztes Mal der Autor auf und wird charakterisiert: Er ist der, der am Herzen Jesu liegen durfte und der Nachwelt überliefern sollte, was er von Jesus gehört hat. Eine zweite Angabe ragt in diesem Vers heraus. Die Gemeinde des Johannes tritt ans Licht: Sie steht dafür ein, dass sein Zeugnis wahr ist. So wird deutlich, dass ein Evangelist ohne seine Gemeinde nicht vorstellbar ist. Er wird von ihr getragen, von ihren Erwartungen und Fragen zum Schreiben geführt. Das „wir“ in diesem Vers meint den Kreis um Johannes, der mit und durch ihn die Liebe Jesu erlebte. Die Leser werden in den johanneischen Kreis hineingenommen, sie werden zu Lieblingsjüngern.

Liebe Leserinnen und Leser, nun sind es fünfzehn Jahre, in denen wir, ein Freundeskreis, jede Woche das Bimail geschrieben haben. Es begann mit dem Versuch, zu jedem Vers des Johannesevangeliums eine persönliche Erfahrung und ein Wort zum Nachdenken zu bringen, Lebenskraft und Heilung aus der Bibel zu finden. Mit der Macht Gottes zu rechnen. Aus der Suche nach Inspiration aus der Heiligen Schrift wurde mehr und mehr ein Dialog mit euch, den Lesern. Ich teilte meine Fragen mit euch. Ihr habt Anteil genommen an meinen Wegen mit unseren Roma-Familien. Oft fragte ich mich: Was bedeutet dieser Gedanke für euch? Könnt ihr als Führungskraft, als Partner, als Vater oder Mutter, im Moment der Verzweiflung und bei waghalsigen Plänen mit diesen Überlegungen etwas anfangen? Ihr und viele Freunde, ihr habt mir geholfen, an die Bibel die wirklichen Fragen zu stellen und Antworten zu suchen oder offen zu lassen. Es war immer ein Dialog mit euch, liebe LeserInnen. Ich fragte nicht nur, was sagt Jesus mir, sondern was sagt er euch, Norbert, Wilfried, Robert, Margit, Peter, Sylvia …

Ein Freund aus Deutschland rief mich an und sagte, in seiner Patchworkfamilie habe er heute Licht gesehen, Mut gefasst. Eine Lehrerin, die viele Ausländerkinder unterrichtet und unter der Bürokratie leidet, schrieb mir, dass sie von denen, die sie überfordern, plötzlich Kraft empfängt, weiterzumachen. Ein alter Jesuit antwortete mir auf jedes Bimail und lässt mich seine Freundschaft spüren. Eine junge Frau meldete sich, sie will bei uns mitarbeiten. Wie viele Proteste hat es wegen Judas gegeben! Aber sie zeigten, dass hier ein wunder Punkt berührt ist, der christliche Antisemitismus. Es kam zu Auseinandersetzungen und zu Verunsicherung, ob die sogenannten Bösen wirklich die Bösen sind oder ob sie diejenigen sind, die eine schwere Last in der Familie zu tragen haben.

Um Johannes ist eine Gemeinde entstanden. Ihre Mitglieder können sagen: „Wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.“ Das gilt auch für euch, liebe LeserInnen der Bimails. Euer Vertrauen und jeder Schritt, zu dem ihr durch das Bedenken eines Evangeliumverses Mut gefasst habt, macht wahr, was wir bezeugen. Dass wir Schüler Jesu sind, der uns liebt, trägt und große Erwartungen an uns hat. Ich bin dankbar für alle, die mit uns zusammengewachsen sind. Auf zu neuen Ufern! Welches biblische Buch lesen wir als Nächstes?

13. Juli 2018
von Josef Steiner
Lieben und bleiben, vertiefen und schreiben

Eine Beziehung als Quelle schöpferischen Tuns zu erleben, das ist ein Geschenk und macht stark und selbstbewusst.

Da verbreitete sich unter den Brüdern die Meinung: Jener Jünger stirbt nicht. Doch Jesus hatte ihm nicht gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an?
Joh 21,23

Eine Beziehung als Quelle schöpferischen Tuns zu erleben, das ist ein Geschenk und macht stark und selbstbewusst.

Da verbreitete sich unter den Brüdern die Meinung: Jener Jünger stirbt nicht. Doch Jesus hatte ihm nicht gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an?

Joh 21,23

Die heute übliche Druckausgabe des babylonischen Talmud umfasst 5894 Seiten, in denen unzählige Lehren, Meinungen und Deutungen von großen Interpreten und Lehrern der Bibel gesammelt sind. Auch die im 18. Jahrhundert in Osteuropa entstandene spirituelle Bewegung des Chassidismus begründet und verwurzelt ihr Denken und Formung des Alltags in großen Gestalten des Talmud. Ein damit verbundenes Problem hat Martin Buber in seiner Sammlung chassidischer Erzählungen in einer Anfrage der Schüler des Rabbi Baruch von Mesbiz, er war ein Enkel des Begründers der Bewegung, festgehalten. „Die Schüler fragten Rabbi Baruch: ,Wie kann wohl ein Mensch zulänglich im Talmud lernen? Da heißt es: Abaji sagt dies, Raba sagt jenes! (Beide Meister des Talmuds in der ersten Hälfe des 4. Jahrhunderts). Es ist, als wäre Abaji aus einer Welt und Raba aus einer anderen. Wie soll man beide aufnehmen und lernen?` Der Rabbi gab zur Antwort: ,Wer Abajis Worte aufnehmen will, muss erst seine Seele an Abajis Seele binden, dann wird er die Worte in ihrer Wahrheit lernen, wie Abaji selber sie spricht. Und will er dann Rabas Worte aufnehmen, muss er seine Seele an Rabas Seele binden. Das ist gemeint, wenn es im Talmud heißt: Wer ein Wort im Namen seines Sprechers spricht, dessen Lippen regen sich im Grab. Wie die Lippen des toten Meisters regen sich seine Lippen.“ Eine innere Verbindung, die Frucht bringt.

Auch das mystische Evangelium des Johannes endet mit dieser Fragestellung, festgemacht im Schicksal des Simon Petrus und des nicht namentlich genannten Lieblingsschülers Jesu. Im letzten Wort Jesu an Simon Petrus – „Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an?“ – muss er lernen, dass es unterschiedliche Wege der Nachfolge gibt. Er, dessen Liebe Jesus noch einmal dreifach erfragen musste, ist gerufen, als Hirte und Führer Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen seiner Liebe in Solidarität mit dem Leiden und Sterben seines Meisters zu tragen, bis hin zum Martyrium. Der Weg des Lieblingsschülers ist ein anderer. Nicht jeder kann führen und leiten, nicht jeder hat die Kraft, sich hinzugeben und muss ein Märtyrer sein. Der Lieblingsschüler darf bleiben. Wie Jesus selber, so formuliert es der Beginn des Johannesevangeliums, am Herzen des Vaters ruhte und auf dessen Herzschlag hörte und immer bei ihm und in ihm bleibend seinen Willen auslegte, so ist am Ende des Evangeliums die Berufung des Lieblingsschülers beschrieben. Bleibend am Herzen Jesu ruhend soll er dessen Willen auslegen. Eine Liebe, die Frucht bringt. Der Lieblingsschüler wird zum Autor bzw. zur Autorin des Johannesevangeliums.

Eine Beziehung als Quelle schöpferischen Tuns zu erleben, das ist ein Geschenk und macht stark und selbstbewusst.

 

6. Juli 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Wechselhaftes Vertrauen

Manche Beziehungen vertiefen sich im Loslassen.

„Jesus sagte zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an? Du folge mir nach!“
Johannes 21,22

Manche Beziehungen vertiefen sich im Loslassen.

„Jesus sagte zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an? Du folge mir nach!“

Johannes 21,22

Was für ein Sommerfest! Im Jesuitengarten wimmelte es von Menschen. Jung und Alt feierten gemeinsam. Jugendbands interpretierten Klassiker und spielten selbstgeschriebene Songs. Ihre Freunde jubelten ihnen zu. Andere chillten gemütlich auf bunten Picknick-Decken und ließen sich von den herumlaufenden Kindern nicht stören. Eltern brachten herrliche Speisen und schufen ein reichhaltiges Buffet. Es war ein lebendiger Abschluss des Schuljahres sowie meiner Zeit in der Jugendarbeit. Denn an diesem Tag feierten wir die offizielle Übergabe der Leitung des Jugendzentrums an meinen Nachfolger Helmut. Neben all dem Lachen, Tanzen und Feiern flossen auch Tränen, wurden liebevolle Gesten und Worte ausgetauscht.

Am nächsten Tag brach ich nach Rom zum Theologiestudium auf. Und brauchte eine lange Zeit, um in der „ewigen Stadt“ anzukommen. Mein Herz und meine Gedanken hafteten bei den Jugendlichen. Wird Stefan die Wiederholungsprüfung schaffen? Werden sich Anna und ihre Mutter bald versöhnen? Wann wird Markus sich selbst mehr zutrauen? Wird Lisa ihrer Neugierde für den Glauben weiter nachgehen? Wird der neue Vorplatz gut angenommen werden? Meine Gedanken wurden vom täglichen Blick auf Facebook und Handy genährt. Jedes noch so kleine Lebenszeichen löste bei mir große Freude aus. Gleichzeitig ließ es mich spüren, dass ich nicht loslassen wollte. Die Trennung durch den Wechsel bohrte an meinem Vertrauen. Würden die Beziehungen halten? Wohin wird ihr Weg sie führen?

Vielleicht war Petrus ähnlich unsicher kurz vor seinem Aufbruch. Jesus hatte ihm eine neue Aufgabe anvertraut. Er sollte Verantwortung für die neu entstehenden Gemeinden übernehmen. Dafür war eine Trennung von seinen Freunden notwendig. Sie hatten viel miteinander erlebt. Die Trauer über den Tod Jesu und die Freude über seine Auferstehung lagen ihnen noch tief in den Knochen. Was wird wohl mit Johannes geschehen? Die harte Antwort von Jesus irritiert. War die Sorge des Petrus für seinen Freund nicht berechtigt? Oder wollte er damit nur von seinen eigenen Ängsten vor der neuen Aufgabe ablenken? Was auch immer zu seinen Worten geführt haben mag, der Aufruf des Auferstandenen „Du folge mir nach!“ stellte Petrus erneut vor die Wahl: vertraust Du mir oder deinen eigenen Vorstellungen? Diese Anfrage durchzieht wie ein roter Faden das Johannesevangelium.

Sie stellte sich mir durch meinen Wechsel nach Rom ähnlich deutlich. Wie bei Petrus war es nicht das erste Mal. Erneut begann mit ihr ein Lernprozess. Je mehr ich sie auf mich wirken ließ, desto weniger wurden meine Blicke auf Facebook und gelassener meine Gedanken an die Jugendlichen. In gewisser Weise vertieften sich die Beziehungen durchs Loslassen, und mein Vertrauen wuchs.

Vor wenigen Tagen fand wieder ein Sommerfest im Jesuitengarten statt. Ein Jahr war vergangen. Vieles war anders. Es war schön zu sehen, wie sich die Jugendlichen weiterentwickelt hatten, und dabei von Helmut liebevoll begleitet wurden.

 

29. Juni 2018
von Ruth Zenkert
Der Abschied zeigt, ob die Liebe gesund war

Es gibt Lieblinge. Sie werden verwöhnt. Sie werden beneidet. Die Frage ist: Was wird aus ihnen?

Als Petrus diesen sah, sagte er zu Jesus: Herr, was wird denn mit ihm?
Joh 21,21

Es gibt Lieblinge. Sie werden verwöhnt. Sie werden beneidet. Die Frage ist: Was wird aus ihnen?

Als Petrus diesen sah, sagte er zu Jesus: Herr, was wird denn mit ihm?

Joh 21,21

Eines der ersten Straßenkinder, denen ich in Rumänien begegnete, war Iulian, ein kleiner Wilder, der sich selbstsicher im Untergrund von Bukarest zurechtfand. Er kam in unser Kinderhaus, lief aber oft wieder weg, weil die Verlockungen der Freiheit auf der Straße zu stark waren. Das große Fußballspiel im Stadion war spannender als warme Milch zum Frühstück. Doch Iulian kam immer wieder zurück, bis er blieb. Er überstand mühsam die Schule, eine einfache Berufsausbildung und begann zu arbeiten. Auch da brauchte er viele Ansätze und oft eine Fürsprache beim Arbeitgeber, wenn er wieder einmal gescheiter zu sein glaubte als sein Chef. Iulian war mein besonderer Schützling. Seinen Freunden erzählte er, dass ich seine wahre Mutter sei. Als ich Bukarest verließ, war er der Erste, der alles liegen und stehen lassen wollte, um mitzugehen. Ich zögerte es hinaus, bis wir eine Möglichkeit fanden, dass er im neuen Werk mitarbeiten konnte. Er war fleißig, und ich genoss seine Gegenwart. Abends saßen wir im Garten, um uns Kinder und Freunde aus dem Dorf. Die kleine Gemeinschaft wuchs. Auch Iulian. Würde es immer so sein? Es wäre schön, wenn wir zusammenbleiben könnten.

Dann kamen neue Aufgaben. Iulian half in einem anderen Dorf beim Aufbau des Sozialzentrums. Aus der Ferne machte ich mir viele Sorgen: Ob er seinen Wecker stellte? Ob er wusste, mit wie viel Grad er die Pullover waschen musste? Würde er sein Geld so einteilen, dass es bis zum Monatsende reichte? Hatte ich meinen Liebling zu sehr verwöhnt und umsorgt? Er schlug sich durch, wenn auch manches für mich schmerzhaft war. Eines Tages zog er in die Stadt, um dort zu arbeiten. Er lebt in einem einfachen Zimmer, vieles, was es bei uns gibt, hat er nicht mehr. Aber er ist selbständig. Hat eine Freundin. Schafft sein Leben.

Eine berühmte Geschichte eines Lieblings erzählt das Buch Genesis. Der Stammvater Jakob verwöhnte Josef, der ihm in hohem Alter von seiner geliebten Rahel geboren worden war. Jakob schenkte Josef einen besonders schönen Rock, wie ihn keiner der Brüder bekam. Sie wurden so ärgerlich, dass sie den Lieblingssohn des Vaters in eine leere Zisterne warfen. Josef wurde von Kaufleuten gefunden und an eine Karawane verkauft. Aus dem verwöhnten Kind wurde der ägyptische Josef, der die Großfamilie vom Hof des Pharao aus schließlich rettete. Vorher aber stand der Vater unsägliche Qualen und Zweifel durch. Was mochte aus seinem Sohn geworden sein, dem er sein ganzes Herz geschenkt hatte?

Möglicherweise war auch Petrus, wie die Brüder von Josef, ein wenig eifersüchtig, als er Jesus nach dessen Liebling fragte: Herr, was wird denn mit ihm? Dabei musste ich an meinen Liebling Iulian denken. Auch auf ihn schauten viele eifersüchtig, und ich hatte unruhige Nächte mit der Frage, was aus ihm werden würde. Die Zukunft wird zeigen, ob der Liebling selbständig wird, was die Liebe hinterlassen hat.

Es gibt Lieblinge. Sie werden verwöhnt. Sie werden beneidet. Die Frage ist: Was wird aus ihnen?

22. Juni 2018
von Georg Sporschill SJ
Das Gemeinsame von Judas und Johannes

Was ist das Geheimnis deines Herzens, das du weitergibst?

Petrus wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus liebte und der beim Abendmahl an seiner Brust gelegen und ihm gesagt hatte: Herr, wer ist es, der dich ausliefert?
Joh 21,20

Was ist das Geheimnis deines Herzens, das du weitergibst?

Petrus wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus liebte und der beim Abendmahl an seiner Brust gelegen und ihm gesagt hatte: Herr, wer ist es, der dich ausliefert?

Joh 21,20

Unsere besten Musikschüler waren in Wien und hatten ein Konzert gegeben. Roma-Musik mit feurigem Rhythmus, der alle mitgerissen hatte. Nun waren sie glücklich und erschöpft. Ich lud sie zu einem Abend im Prater ein, das war ihr großer Traum gewesen. Glücklich zogen die jungen Helden in den Vergnügungspark. Mit Julian, einem Praktikanten blieb ich zurück. Wir setzten uns ins Schweizerhaus auf ein Bier. Der junge Mann überraschte mich mit seinem Interesse an unserem Orden. „Ist das jesuitisch? Deine Großzügigkeit. Hast du die glücklichen Gesichter gesehen?“ Ich dachte nach und mir fiel das Gebet des Ignatius ein: „Herr, lehre mich die wahre Großmut. Geben, ohne zu zählen …“ Unser Ordensgründer betont die Großherzigkeit. Mit uns, mit Gott, mit anderen. Aber ich dachte auch an einen Moment aus meiner Kindheit, der mir jetzt noch deutlicher vor Augen stand als die Anweisungen des Ignatius. „Das ist nicht nur jesuitisch, das habe ich von meinem Vater“, vertraute ich meinem jungen Freund an. „Als kleiner Bub stand ich neben ihm, als er auf einer Baustelle seinen Mitarbeitern zuschaute. Da winkte er Heribert zu sich, der mit einem riesigen blauen Bagger einen Graben aushob. Der Maschinist stellte den Bagger ab und eilte herbei. Mein Vater zog aus seiner Brieftasche hundert Schilling und überreichte sie dem Baggerfahrer. Der traute seinen Augen nicht. Mit strahlendem Gesicht kletterte er wieder in den Führersitz hinauf. Großzügig sein, anderen mehr zutrauen – das hat mir mein Vater mitgegeben. Ich möchte auch so sein.“

Was ist das Geheimnis deines Herzens, das du weitergibst? Auf diese Frage zielt das Johannesevangelium im Finale. Da richtet sich der Blick noch einmal auf die zwei Hauptfiguren des Werkes, auf Petrus, dem Jesus unter den Zwölf die Führungsaufgabe anvertraut hat, und auf Johannes, den Lieblingsschüler. Das stärkste Bild ist das Abendmahl, bei dem er am Herzen Jesu liegen durfte. So wie Jesus, der Messias, am Herzen Gottes liegt. Dieser Schüler, der Jesus am nächsten war, stellte die eine Frage: Herr, wer ist es, der dich ausliefert? Mit dieser Frage beschreibt Johannes im Schlussakkord des Evangeliums seine eigene Aufgabe, die der des Judas, des Überlieferers, gleichkommt. Johannes hat Jesus ins Wort gefasst, in ein geistliches Evangelium, das die Tiefendimensionen des äußeren Geschehens, wie es in den anderen Evangelien beschrieben ist, offenbart. Er schenkt Jesus, den Messias, den Völkern, wie es Judas bei der Übergabe an Pilatus getan hat. Judas und Johannes überliefern Jesus der Nachwelt. Sie schenken uns den Messias, der aus dem Judentum kommt.

Auch wir sind in die Frage einbezogen: Herr, wer ist es, der dich überliefert, weitergibt, den Kindern von dir erzählt? Wem schenkst du, was du empfangen hast?

15. Juni 2018
von Josef Steiner
Ehrlich und hilfreich

Bei einem Projekt Schwierigkeiten nicht verschweigen und zugleich Hilfe anbieten,
ist kluge Pädagogik. Wer nimmt mir die Angst vor nächsten Schritten?

Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!
Joh 21,19

Bei einem Projekt Schwierigkeiten nicht verschweigen und zugleich Hilfe anbieten, ist kluge Pädagogik. Wer nimmt mir die Angst vor nächsten Schritten?

Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!

Joh 21,19

Wie in jeder spirituellen Bewegung wurde auch im Chassidismus darum gerungen, auf welchem Weg der Mensch zur Tiefe finde – die jüdischen Lehrer nannten es „Anhaften an Gott“, Gott verherrlichen. Durch das Gebet? Durch intensive Beschäftigung mit der Bibel? Leben mit den Armen? Enthaltsamkeit, Fasten und Bußübungen? Martin Buber hat in seinen chassidischen Erzählungen eine lehrreiche Szene festgehalten. Am Rande einer Stadt, in einem einsamen Wald, abgeschieden von den Menschen, lebte ein frommer und gelehrter Mann, streng fastend und sich freiwillig körperlich züchtigend. Als Rabbi Ahron von Karlin von ihm hörte, zog er in dessen Stadt und predigte so lange, bis auch der Fromme erschien. In seiner Gegenwart sagte der Rabbi statt einer Predigt nur den einen Satz: „Wenn einer nicht besser wird, wird er böser.“ „Wie ein Gift“ – so Martin Buber -, „das den Grund des Lebens gegen sich selber erregt, drangen die Worte in den Sinn des Asketen. Er lief zu Rabbi Ahron und bat ihn, dass er ihm aus dem Irrbau, in den er geraten war, heraushelfe.“ Dieser schickte ihn dann mit einem Empfehlungsschreiben, von dem der Asket meinte, dass in ihm seine Größe und Besonderheit festgehalten seien, zu seinem Lehrer, dem Maggid von Mesritsch. Der las dem Mann den Brief laut vor, in dem geschrieben stand, dass an dem Mann, der den Brief überbringe, kein heiles Fleckchen sei. Da brach der Asket in Tränen aus und bat: „So heilet mich!“ Ein ganzes Jahr lang gab sich der Lehrer mit ihm ab und heilte ihn. Aus dem in sich selbst gefangenen Einsiedler wurde der große lehrende Rabbi Chajke. Eine ehrliche Analyse und eine hilfreiche Therapie hatten Wirkung gezeigt.

Jesus hat Petrus eine harte Schule der Liebe zugemutet. Es war eine der schockierendsten Augenblicke für den Jünger, als Jesus in Caesarea Philippi auf seinen Einwand hin, Gott möge sie doch vor Konflikten und Leiden verschonen, zu ihm sagte: Verschwinde, hinter mich, Satan, du Hinderer! Schritt für Schritt musste Petrus lernen, dass auch Leiden, Hingabe und Sterben zum messianischen Weg Jesu gehören, dass sein Tod am Kreuz in den Augen Gottes kein Fluch, sondern ein Segen ist. Auf dem Weg über das Kreuz der Römer kam der Hirte Jesus zu den Völkern, um auch sie auf die biblische Weide zu führen. Diesen neuen Schritt in die Welt der Völker soll jetzt Petrus  als guter Hirte ebenso wagen. Der Auferstandene verschweigt ihm nicht, dass es für ihn nicht leicht sein wird, denn der Schüler steht nicht über dem Lehrer. Jesu einladendes Wort „Folge mir! Begleite mich!“ signalisiert Petrus, dass Jesus ihm vorausgeht, ihn stärken und leiten wird. Eine Zusage, die später zur Legende der Kreuzigung Petrus geführt hat. Ein Martyrium der Treue und Liebe, zum Unterschied von seinem Meister auf eigenen Wunsch mit dem Kopf nach unten.

Bei einem Projekt Schwierigkeiten nicht verschweigen und zugleich Hilfe anbieten, ist kluge Pädagogik. Wer nimmt mir die Angst vor dem nächsten Schritt?

8. Juni 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Erhebende Windeln

Welches Bekenntnis hat meinen Horizont geweitet?

„Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“
Joh 21,18

Welches Bekenntnis hat meinen Horizont geweitet?

„Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“

Joh 21,18

Hugo war mit seinen 85 Jahren der älteste Mitbruder in der Münchner Jesuitenkommunität. Jahrzehntelang hatte er an unserer angrenzenden, philosophischen Fakultät unterrichtet. Seine Erkenntnistheorien sind in der Fachwelt bekannt und werden in Doktorarbeiten besprochen. Häufig frühstückten wir gemeinsam, dabei erzählte Hugo gerne. Selten wärmte er alte Geschichten auf oder lief Gefahr, mich mit theoretischen Abhandlungen zu überfordern, sondern schilderte lebhaft, was er am Vortag erlebt hatte. Kaum einen Vortrag an der Universität oder in der katholischen Akademie ließ er aus. Pastoral half er regelmäßig in einer kleinen Pfarre im bayrischen Wald. Die gesellschaftlichen Veränderungen beobachtete er aufmerksam. Immer wieder hinterlegte er aktuelle Artikel in meinem Postfach. Sein Wissen war unerschöpflich. Er kannte sogar das öffentliche Verkehrsnetz Münchens auswendig. Man konnte den Wecker nach ihm stellen. Jeden Tag, egal bei welchem Wetter, zog er seine ausgedehnten Runden im angrenzenden Englischen Garten. Wie viele Gehstöcke er dabei zur Hilfe nahm, war ein kleines Indiz für seinen tatsächlichen, körperlichen Zustand.

Ende November vor vier Jahren begleiteten ihn meist zwei Stöcke. Sie bestätigten den allgemeinen Eindruck, dass es Hugo nicht gut ginge. Nach längerem Drängen der Mitbrüder willigte er in eine Untersuchung ein. Das sollte der Beginn einer vierwöchigen Odyssee werden. Im Krankenhaus wurde er von einer Abteilung zur anderen verwiesen. Aufgemacht, wieder geschlossen, weitergereicht. Niemand fand die Quelle seiner Leiden.

Hugo wollte nicht ins Spital. Diese Art der Abhängigkeit durchkreuzte seine Lebensenergie. Ebenso wenig wollte Petrus zum Kreuz geführt werden, wie der Auferstandene ihm eben bildlich angekündigt hatte. Niemand strebt einen solchen Tod an. Das wäre völlig unmenschlich. Es wäre eine Ablehnung des Geschenks des Lebens. Als Jesus damals auf dem Weg nach Jerusalem seinen eigenen Kreuzestod ankündigte, rief Petrus fassungslos. „Das darf nicht geschehen! Das soll Gott verhindern!“ Jesus wies ihn scharf zurecht: „Hinter mich Satan! Denn Du willst nicht, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Gottes Wille und der Lebenswille des Menschen krachten aufeinander. Nicht weniger dramatisch wird das eigene Ringen Jesu am Ölberg geschildert, das zu den Worten führte: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille soll geschehen.“ Solch ein Bekenntnis lässt sich schwer in unsere Lebenswelten einordnen. Es ist zu paradox. Widerspricht dem Gottesbild eines liebenden Vaters. Aber gerade in seiner Wucht fordert es, über den eigenen Vorstellungshorizont zu blicken. Eine Herausforderung, der sich Petrus in seinem Leben stellte.

Hugo lag entkräftet im Bett. Das Krankenzimmer war karg eingerichtet. Nur das Rot des Weihnachtssterns am Nachttisch durchbrach die kalten, klinischen Farben. Unser Gespräch erfüllte langsam den Raum mit einer heimischen Atmosphäre. Erstmals erzählte mir mein Mitbruder von seiner Vergangenheit – mit gewohnter Lebendigkeit – bis er unvermittelt innehielt. Seine Augen blickten mich ruhig an. „Weißt Du, Max, hier so in den Windeln gewickelt zu liegen, fühle ich mich dem Kind in der Krippe besonders nahe.“ Was für ein paradoxes Bekenntnis! Was für ein weiter Erkenntnishorizont!

1. Juni 2018
von Ruth Zenkert
Übergeben, was ich aufgebaut habe

Mit wem bin ich so weit gegangen, durch Konflikte und Fragen hindurch, bis sich Misstrauen und Angst aufgelöst haben?

Petrus gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!
Joh 21,17c-d

Mit wem bin ich so weit gegangen, durch Konflikte und Fragen hindurch, bis sich Misstrauen und Angst aufgelöst haben?

Petrus gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!

Joh 21,17c-d

Es war einmal eine Helferin, mit der wir das Projekt Elijah in Siebenbürgen begonnen hatten. Sie war in alles involviert, war immer bei uns. Die Arbeit wurde mehr, neue Mitarbeiter kamen dazu. Auch Leute, denen ich Aufgaben übertrug, die unsere erste Mitarbeiterin begonnen hatte. Sie ertrug es schwer und fühlte sich verdrängt, obwohl sie inzwischen so viel zu tun hatte, dass sie es gar nicht mehr geschafft hätte. Auch die nächsten Mitarbeiter schimpften über die Neuen. Inzwischen sind es über sechzig, Führungskräfte sind herangewachsen und haben einzelne Bereiche übernommen. Ehrgeizige wollen weiter hinauf, lernen, kämpfen um Verantwortung. Mir stellt sich täglich die Frage: Wem kann ich vertrauen, wer kann mehr, wer übernimmt einmal das Werk? Andrei, der einen guten Draht zu den Jugendlichen hat? Cornelia, die sich umsichtig um alles im Büro kümmert? Mariuca, die allen dient und sogar auf Katzen und Hund schaut? Antoaneta, die ohne Rücksicht auf Verluste Aufträge umsetzt? Lili, die alles aushält? Nicu, der überallhin Beziehungen pflegt, aber nirgends anecken will? Robert, der ein wunderbarer Musiker ist und Ideen hat? Ionela, die so viel mitgemacht hat und als Kind für ihre kleinen Geschwister zu sorgen hatte? Sie ist viel zu ernst, sie hatte keine Kindheit. Maria, der Star, die gerne in der Mitte ist, aber die Dienste anderen überlässt? Ionut, der in seinem Clan zuhause ist? Er prügelt die anderen und wirft Steine auf die Mädchen, deshalb wird Rocker genannt. Dann wieder schaut er mich treuherzig an, ein schutzbedürftiges Kind. Seine Eltern sind verschwunden. Stolz sagt er, Jesus sei sein Vater.

Liebe ohne Eifersucht gibt es nicht. Darauf spielt die erste Frage Jesu an Petrus an: Liebst du mich mehr als diese? Auch unter den Schülern Jesu kommt es zu Eifersuchtsszenen. Petrus muss über alle Stufen der Liebe in die Tiefe steigen, bis er sagen kann: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Hier ist keine Konkurrenz mehr. Es ist nur noch das Glück, einander zu kennen und zu verstehen. Dieses Eins-Sein nützt Jesus, um seinem Schüler die Gemeinschaft anzuvertrauen, die er gestiftet hat. Weide meine Schafe!

Jesus hat nichts anderes getan als Mose am Ende des Wüstenzugs beim Blick auf das Gelobte Land. Der war sich im Tiefsten sicher, dass er jetzt Josua vorausgehen lassen konnte. Er würde das Volk führen. Mose durfte Abschied nehmen, weil er den Guten Hirten gefunden hatte. Jesus gibt an seine Schüler den göttlichen Auftrag weiter, gute Hirten zu sein. Wer übernimmt von uns diesem Auftrag, den Gott mit uns teilt?

Wem werde ich einmal mein Lebenswerk übergeben? Wer hält unsere Gemeinschaft zusammen? Wer geht voraus? Wer greift ein, wenn es falsch läuft? Wer ergreift Partei für die, die sich nicht wehren oder sich selbst helfen können? Wer lässt nicht zu, dass die Starken ihre Macht ausnützen? Auf wen kann ich mich verlassen, wenn ich nicht mehr kann? Wo kann ich zuschauen und mich freuen, weil Neues kommt?

25. Mai 2018
von Georg Sporschill SJ
Traurigkeit in der Liebe

Welcher Punkt führt in die Tiefe einer Beziehung? In jene Tiefe, aus der die Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme kommt.

Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Liebst du mich?
Joh 21,17b

Welcher Punkt führt in die Tiefe einer Beziehung? In jene Tiefe, aus der die Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme kommt.

Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Liebst du mich?

Joh 21,17b

Fünfzehn Jahre verheiratet, drei Kinder – eine traumhafte Familie. So schien es. Eines Tages erfuhr ich, dass Andreas ausgezogen war. Ich rief ihn an. Können wir reden, brauchst du Hilfe? Andreas, der immer in Glück und Erfolg gebadet hatte, war zutiefst gekränkt: Sie hat mit einem schwindligen Typen ein Verhältnis! Sie ist verliebt und weiß nicht, was sie tun soll. Sie will uns nicht verlassen, hat mir alles gestanden und bittet um Verzeihung. Ich kann mit ihr nicht mehr leben. Das schaffe ich nicht. Und meine Kinder? Ich weiß es nicht. In langen Gesprächen fragte ich ihn, was die Ursache sein könnte, dass seine Frau Nähe bei einem anderen gesucht hatte. Vielleicht bist du durch deinen anspruchsvollen Beruf einfach zu wenig zuhause, vermutete ich. Denke darüber nach, was du tun kannst, um sie zurückzugewinnen. Ich will sie nicht mehr, war seine Antwort. Erst nach einigen Monaten konnte ich beide gemeinsam treffen. Sie brachten die Kinder mit. Die Kommunikation zwischen den Eheleuten ging über die Kinder. „Frag die Mama, ob sie noch einen Kaffee will.“ „Sag dem Papa, dass ich kurz etwas einkaufe.“ Ich verstand, warum sie gegangen war. Ich verstand, dass er gekränkt war. Ich verstand, dass beide ratlos waren, ob und wie es mit ihren Kindern weitergehen sollte. Und dann zog Andreas wieder zurück zur Familie. Ist alles wieder, wie es war?, fragen seine Freunde. Nein, sagt Andreas. Ich habe meine beruflichen Aktivitäten verändert, bin einen Abend und am Wochenende zuhause. Wir unternehmen viel gemeinsam, ich genieße es. Die Beziehung zur Frau? Nein, sagte Andreas. Ich weiß, dass sie gegangen ist und vielleicht wieder gehen kann. Bin mir nicht mehr so sicher, dass sie mir gehört. Ich muss täglich um sie werben. Dadurch sind wir stärker verbunden als vielleicht jemals zuvor. Sie ist die Mutter unserer Kinder und meine Partnerin. Auf einem verdammt spannenden Weg.

Es gibt keine Liebe ohne Traurigkeit. So wie David um seinen geliebten Sohn trauerte, der ihn verraten hatte und dann von seinen eigenen Leuten ermordet wurde. Jesus musste zur Kenntnis nehmen, dass ein begabter junger Mensch, den er für sein Werk gewinnen wollte, seine Einladung nicht annahm. Traurig gingen sie auseinander, ohne dass Jesus ihm einen Vorwurf gemacht hätte. In der bitteren Stunde war Jesus allein. Gerade dann, als er die Nähe seiner Jünger gebraucht hätte, waren sie eingeschlafen. Und Petrus hatte ihn verleugnet. Später sollte Jesus ausgerechnet ihm sein Werk anvertrauen.

Ernst wird die Liebe da, wo es schwierig wird. Jesus vertraut seine Gemeinde nicht einem Perfekten an, sondern einem, den er liebt, so wie er ist. Die Fehler sind nicht weggewischt. Ein Schmerz erinnert an die Schwäche. Die Unsicherheit bleibt.

Ich hätte Angst vor jemandem, der seine Fehler verleugnet. Ich kann mich jemandem anvertrauen, der unter seinen Fehlern leidet. Liebe, die die Traurigkeit kennt, wird eine tragfähige Partnerschaft.