Bimail – Bibel für Wagemutige

Bimail

Das Team um P. Georg Sporschill SJ greift für jede Woche im Jahr
einen Satz aus der Bibel heraus. Das Wort wird erklärt und
durch Erfahrung veranschaulicht. Bimails sind Bibelworte
für unsere Zeit: keine Predigten, sondern Anleitungen
zum Weiterdenken.
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15. Juni 2018
von Josef Steiner
Ehrlich und hilfreich

Bei einem Projekt Schwierigkeiten nicht verschweigen und zugleich Hilfe anbieten,
ist kluge Pädagogik. Wer nimmt mir die Angst vor nächsten Schritten?

Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!
Joh 21,19

Bei einem Projekt Schwierigkeiten nicht verschweigen und zugleich Hilfe anbieten, ist kluge Pädagogik. Wer nimmt mir die Angst vor nächsten Schritten?

Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!

Joh 21,19

Wie in jeder spirituellen Bewegung wurde auch im Chassidismus darum gerungen, auf welchem Weg der Mensch zur Tiefe finde – die jüdischen Lehrer nannten es „Anhaften an Gott“, Gott verherrlichen. Durch das Gebet? Durch intensive Beschäftigung mit der Bibel? Leben mit den Armen? Enthaltsamkeit, Fasten und Bußübungen? Martin Buber hat in seinen chassidischen Erzählungen eine lehrreiche Szene festgehalten. Am Rande einer Stadt, in einem einsamen Wald, abgeschieden von den Menschen, lebte ein frommer und gelehrter Mann, streng fastend und sich freiwillig körperlich züchtigend. Als Rabbi Ahron von Karlin von ihm hörte, zog er in dessen Stadt und predigte so lange, bis auch der Fromme erschien. In seiner Gegenwart sagte der Rabbi statt einer Predigt nur den einen Satz: „Wenn einer nicht besser wird, wird er böser.“ „Wie ein Gift“ – so Martin Buber -, „das den Grund des Lebens gegen sich selber erregt, drangen die Worte in den Sinn des Asketen. Er lief zu Rabbi Ahron und bat ihn, dass er ihm aus dem Irrbau, in den er geraten war, heraushelfe.“ Dieser schickte ihn dann mit einem Empfehlungsschreiben, von dem der Asket meinte, dass in ihm seine Größe und Besonderheit festgehalten seien, zu seinem Lehrer, dem Maggid von Mesritsch. Der las dem Mann den Brief laut vor, in dem geschrieben stand, dass an dem Mann, der den Brief überbringe, kein heiles Fleckchen sei. Da brach der Asket in Tränen aus und bat: „So heilet mich!“ Ein ganzes Jahr lang gab sich der Lehrer mit ihm ab und heilte ihn. Aus dem in sich selbst gefangenen Einsiedler wurde der große lehrende Rabbi Chajke. Eine ehrliche Analyse und eine hilfreiche Therapie hatten Wirkung gezeigt.

Jesus hat Petrus eine harte Schule der Liebe zugemutet. Es war eine der schockierendsten Augenblicke für den Jünger, als Jesus in Caesarea Philippi auf seinen Einwand hin, Gott möge sie doch vor Konflikten und Leiden verschonen, zu ihm sagte: Verschwinde, hinter mich, Satan, du Hinderer! Schritt für Schritt musste Petrus lernen, dass auch Leiden, Hingabe und Sterben zum messianischen Weg Jesu gehören, dass sein Tod am Kreuz in den Augen Gottes kein Fluch, sondern ein Segen ist. Auf dem Weg über das Kreuz der Römer kam der Hirte Jesus zu den Völkern, um auch sie auf die biblische Weide zu führen. Diesen neuen Schritt in die Welt der Völker soll jetzt Petrus  als guter Hirte ebenso wagen. Der Auferstandene verschweigt ihm nicht, dass es für ihn nicht leicht sein wird, denn der Schüler steht nicht über dem Lehrer. Jesu einladendes Wort „Folge mir! Begleite mich!“ signalisiert Petrus, dass Jesus ihm vorausgeht, ihn stärken und leiten wird. Eine Zusage, die später zur Legende der Kreuzigung Petrus geführt hat. Ein Martyrium der Treue und Liebe, zum Unterschied von seinem Meister auf eigenen Wunsch mit dem Kopf nach unten.

Bei einem Projekt Schwierigkeiten nicht verschweigen und zugleich Hilfe anbieten, ist kluge Pädagogik. Wer nimmt mir die Angst vor dem nächsten Schritt?

8. Juni 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Erhebende Windeln

Welches Bekenntnis hat meinen Horizont geweitet?

„Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“
Joh 21,18

Welches Bekenntnis hat meinen Horizont geweitet?

„Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“

Joh 21,18

Hugo war mit seinen 85 Jahren der älteste Mitbruder in der Münchner Jesuitenkommunität. Jahrzehntelang hatte er an unserer angrenzenden, philosophischen Fakultät unterrichtet. Seine Erkenntnistheorien sind in der Fachwelt bekannt und werden in Doktorarbeiten besprochen. Häufig frühstückten wir gemeinsam, dabei erzählte Hugo gerne. Selten wärmte er alte Geschichten auf oder lief Gefahr, mich mit theoretischen Abhandlungen zu überfordern, sondern schilderte lebhaft, was er am Vortag erlebt hatte. Kaum einen Vortrag an der Universität oder in der katholischen Akademie ließ er aus. Pastoral half er regelmäßig in einer kleinen Pfarre im bayrischen Wald. Die gesellschaftlichen Veränderungen beobachtete er aufmerksam. Immer wieder hinterlegte er aktuelle Artikel in meinem Postfach. Sein Wissen war unerschöpflich. Er kannte sogar das öffentliche Verkehrsnetz Münchens auswendig. Man konnte den Wecker nach ihm stellen. Jeden Tag, egal bei welchem Wetter, zog er seine ausgedehnten Runden im angrenzenden Englischen Garten. Wie viele Gehstöcke er dabei zur Hilfe nahm, war ein kleines Indiz für seinen tatsächlichen, körperlichen Zustand.

Ende November vor vier Jahren begleiteten ihn meist zwei Stöcke. Sie bestätigten den allgemeinen Eindruck, dass es Hugo nicht gut ginge. Nach längerem Drängen der Mitbrüder willigte er in eine Untersuchung ein. Das sollte der Beginn einer vierwöchigen Odyssee werden. Im Krankenhaus wurde er von einer Abteilung zur anderen verwiesen. Aufgemacht, wieder geschlossen, weitergereicht. Niemand fand die Quelle seiner Leiden.

Hugo wollte nicht ins Spital. Diese Art der Abhängigkeit durchkreuzte seine Lebensenergie. Ebenso wenig wollte Petrus zum Kreuz geführt werden, wie der Auferstandene ihm eben bildlich angekündigt hatte. Niemand strebt einen solchen Tod an. Das wäre völlig unmenschlich. Es wäre eine Ablehnung des Geschenks des Lebens. Als Jesus damals auf dem Weg nach Jerusalem seinen eigenen Kreuzestod ankündigte, rief Petrus fassungslos. „Das darf nicht geschehen! Das soll Gott verhindern!“ Jesus wies ihn scharf zurecht: „Hinter mich Satan! Denn Du willst nicht, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Gottes Wille und der Lebenswille des Menschen krachten aufeinander. Nicht weniger dramatisch wird das eigene Ringen Jesu am Ölberg geschildert, das zu den Worten führte: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille soll geschehen.“ Solch ein Bekenntnis lässt sich schwer in unsere Lebenswelten einordnen. Es ist zu paradox. Widerspricht dem Gottesbild eines liebenden Vaters. Aber gerade in seiner Wucht fordert es, über den eigenen Vorstellungshorizont zu blicken. Eine Herausforderung, der sich Petrus in seinem Leben stellte.

Hugo lag entkräftet im Bett. Das Krankenzimmer war karg eingerichtet. Nur das Rot des Weihnachtssterns am Nachttisch durchbrach die kalten, klinischen Farben. Unser Gespräch erfüllte langsam den Raum mit einer heimischen Atmosphäre. Erstmals erzählte mir mein Mitbruder von seiner Vergangenheit – mit gewohnter Lebendigkeit – bis er unvermittelt innehielt. Seine Augen blickten mich ruhig an. „Weißt Du, Max, hier so in den Windeln gewickelt zu liegen, fühle ich mich dem Kind in der Krippe besonders nahe.“ Was für ein paradoxes Bekenntnis! Was für ein weiter Erkenntnishorizont!

1. Juni 2018
von Ruth Zenkert
Übergeben, was ich aufgebaut habe

Mit wem bin ich so weit gegangen, durch Konflikte und Fragen hindurch, bis sich Misstrauen und Angst aufgelöst haben?

Petrus gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!
Joh 21,17c-d

Mit wem bin ich so weit gegangen, durch Konflikte und Fragen hindurch, bis sich Misstrauen und Angst aufgelöst haben?

Petrus gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!

Joh 21,17c-d

Es war einmal eine Helferin, mit der wir das Projekt Elijah in Siebenbürgen begonnen hatten. Sie war in alles involviert, war immer bei uns. Die Arbeit wurde mehr, neue Mitarbeiter kamen dazu. Auch Leute, denen ich Aufgaben übertrug, die unsere erste Mitarbeiterin begonnen hatte. Sie ertrug es schwer und fühlte sich verdrängt, obwohl sie inzwischen so viel zu tun hatte, dass sie es gar nicht mehr geschafft hätte. Auch die nächsten Mitarbeiter schimpften über die Neuen. Inzwischen sind es über sechzig, Führungskräfte sind herangewachsen und haben einzelne Bereiche übernommen. Ehrgeizige wollen weiter hinauf, lernen, kämpfen um Verantwortung. Mir stellt sich täglich die Frage: Wem kann ich vertrauen, wer kann mehr, wer übernimmt einmal das Werk? Andrei, der einen guten Draht zu den Jugendlichen hat? Cornelia, die sich umsichtig um alles im Büro kümmert? Mariuca, die allen dient und sogar auf Katzen und Hund schaut? Antoaneta, die ohne Rücksicht auf Verluste Aufträge umsetzt? Lili, die alles aushält? Nicu, der überallhin Beziehungen pflegt, aber nirgends anecken will? Robert, der ein wunderbarer Musiker ist und Ideen hat? Ionela, die so viel mitgemacht hat und als Kind für ihre kleinen Geschwister zu sorgen hatte? Sie ist viel zu ernst, sie hatte keine Kindheit. Maria, der Star, die gerne in der Mitte ist, aber die Dienste anderen überlässt? Ionut, der in seinem Clan zuhause ist? Er prügelt die anderen und wirft Steine auf die Mädchen, deshalb wird Rocker genannt. Dann wieder schaut er mich treuherzig an, ein schutzbedürftiges Kind. Seine Eltern sind verschwunden. Stolz sagt er, Jesus sei sein Vater.

Liebe ohne Eifersucht gibt es nicht. Darauf spielt die erste Frage Jesu an Petrus an: Liebst du mich mehr als diese? Auch unter den Schülern Jesu kommt es zu Eifersuchtsszenen. Petrus muss über alle Stufen der Liebe in die Tiefe steigen, bis er sagen kann: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Hier ist keine Konkurrenz mehr. Es ist nur noch das Glück, einander zu kennen und zu verstehen. Dieses Eins-Sein nützt Jesus, um seinem Schüler die Gemeinschaft anzuvertrauen, die er gestiftet hat. Weide meine Schafe!

Jesus hat nichts anderes getan als Mose am Ende des Wüstenzugs beim Blick auf das Gelobte Land. Der war sich im Tiefsten sicher, dass er jetzt Josua vorausgehen lassen konnte. Er würde das Volk führen. Mose durfte Abschied nehmen, weil er den Guten Hirten gefunden hatte. Jesus gibt an seine Schüler den göttlichen Auftrag weiter, gute Hirten zu sein. Wer übernimmt von uns diesem Auftrag, den Gott mit uns teilt?

Wem werde ich einmal mein Lebenswerk übergeben? Wer hält unsere Gemeinschaft zusammen? Wer geht voraus? Wer greift ein, wenn es falsch läuft? Wer ergreift Partei für die, die sich nicht wehren oder sich selbst helfen können? Wer lässt nicht zu, dass die Starken ihre Macht ausnützen? Auf wen kann ich mich verlassen, wenn ich nicht mehr kann? Wo kann ich zuschauen und mich freuen, weil Neues kommt?

25. Mai 2018
von Georg Sporschill SJ
Traurigkeit in der Liebe

Welcher Punkt führt in die Tiefe einer Beziehung? In jene Tiefe, aus der die Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme kommt.

Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Liebst du mich?
Joh 21,17b

Welcher Punkt führt in die Tiefe einer Beziehung? In jene Tiefe, aus der die Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme kommt.

Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Liebst du mich?

Joh 21,17b

Fünfzehn Jahre verheiratet, drei Kinder – eine traumhafte Familie. So schien es. Eines Tages erfuhr ich, dass Andreas ausgezogen war. Ich rief ihn an. Können wir reden, brauchst du Hilfe? Andreas, der immer in Glück und Erfolg gebadet hatte, war zutiefst gekränkt: Sie hat mit einem schwindligen Typen ein Verhältnis! Sie ist verliebt und weiß nicht, was sie tun soll. Sie will uns nicht verlassen, hat mir alles gestanden und bittet um Verzeihung. Ich kann mit ihr nicht mehr leben. Das schaffe ich nicht. Und meine Kinder? Ich weiß es nicht. In langen Gesprächen fragte ich ihn, was die Ursache sein könnte, dass seine Frau Nähe bei einem anderen gesucht hatte. Vielleicht bist du durch deinen anspruchsvollen Beruf einfach zu wenig zuhause, vermutete ich. Denke darüber nach, was du tun kannst, um sie zurückzugewinnen. Ich will sie nicht mehr, war seine Antwort. Erst nach einigen Monaten konnte ich beide gemeinsam treffen. Sie brachten die Kinder mit. Die Kommunikation zwischen den Eheleuten ging über die Kinder. „Frag die Mama, ob sie noch einen Kaffee will.“ „Sag dem Papa, dass ich kurz etwas einkaufe.“ Ich verstand, warum sie gegangen war. Ich verstand, dass er gekränkt war. Ich verstand, dass beide ratlos waren, ob und wie es mit ihren Kindern weitergehen sollte. Und dann zog Andreas wieder zurück zur Familie. Ist alles wieder, wie es war?, fragen seine Freunde. Nein, sagt Andreas. Ich habe meine beruflichen Aktivitäten verändert, bin einen Abend und am Wochenende zuhause. Wir unternehmen viel gemeinsam, ich genieße es. Die Beziehung zur Frau? Nein, sagte Andreas. Ich weiß, dass sie gegangen ist und vielleicht wieder gehen kann. Bin mir nicht mehr so sicher, dass sie mir gehört. Ich muss täglich um sie werben. Dadurch sind wir stärker verbunden als vielleicht jemals zuvor. Sie ist die Mutter unserer Kinder und meine Partnerin. Auf einem verdammt spannenden Weg.

Es gibt keine Liebe ohne Traurigkeit. So wie David um seinen geliebten Sohn trauerte, der ihn verraten hatte und dann von seinen eigenen Leuten ermordet wurde. Jesus musste zur Kenntnis nehmen, dass ein begabter junger Mensch, den er für sein Werk gewinnen wollte, seine Einladung nicht annahm. Traurig gingen sie auseinander, ohne dass Jesus ihm einen Vorwurf gemacht hätte. In der bitteren Stunde war Jesus allein. Gerade dann, als er die Nähe seiner Jünger gebraucht hätte, waren sie eingeschlafen. Und Petrus hatte ihn verleugnet. Später sollte Jesus ausgerechnet ihm sein Werk anvertrauen.

Ernst wird die Liebe da, wo es schwierig wird. Jesus vertraut seine Gemeinde nicht einem Perfekten an, sondern einem, den er liebt, so wie er ist. Die Fehler sind nicht weggewischt. Ein Schmerz erinnert an die Schwäche. Die Unsicherheit bleibt.

Ich hätte Angst vor jemandem, der seine Fehler verleugnet. Ich kann mich jemandem anvertrauen, der unter seinen Fehlern leidet. Liebe, die die Traurigkeit kennt, wird eine tragfähige Partnerschaft.

25. Mai 2018
von Josef Steiner
Fragend. Versöhnlich. Perspektivisch.

Wann habe ich einmal versagt und bin trotzdem brauchbar geblieben?

Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!
Joh 21,16

Wann habe ich einmal versagt und bin trotzdem brauchbar geblieben?

Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!

Joh 21,16

Rabbi Ahron Löb von Primischlan hatte von seinem Lehrer Jechel Michal von Zloczow eine besondere Fähigkeit erlernt. Wie sein Meister besaß er die „Wissenschaft der Antlitze“ – so nannte man diese Begabung damals. Gemeint ist die Fähigkeit, am Gesicht des Gegenübers dessen inneren seelischen Zustand und existenzielle Situation abzulesen, vor allem dessen Nöte, Irrwege und Sünden, und entsprechende therapeutische Wege zur Heilung aufzuzeigen. Eines Tages kam zu Rabbi Ahron Löb ein Mann – so berichtet Martin Buber in seiner Sammlung chassidischer Geschichten –, in dessen Gesicht er die Zeichen des Ehebruchs eingraviert sah. Nachdem er sich eine Weile mit dem Mann unterhalten hatte, sagte der Rabbi: „Es steht geschrieben: ,Ein Gesang Davids, als Natan der Prophet zu ihm kam, wie er zu Batseba gekommen war.`(Das ist die Überschrift zum Psalm 51). Was bedeutet dies wohl? Es bedeutet, dass Natan den rechten Weg erwählt hatte, David zur Umkehr zu bewegen. Wäre er ihm öffentlich und als sein Richter entgegengetreten, er hätte ihm das Herz nur verhärtet. Aber er kam mit seiner Mahnung in Heimlichkeit und in Liebe zu David, ebenso wie der zu Batseba gekommen war. Da ergriff die Mahnung das Herz des Königs und schmolz es um, dass der Gesang des Umkehrenden (der Psalm 51) daraus aufstieg.“ Erzählend vergegenwärtigte der Rabbi Problem und Lösung für den vor ihm sitzenden belasteten Mann. Trotz des Fehltritts Davids mit Batseba und dessen Unheil stiftenden und Tod bringenden Folgen entzog Gott ihm nicht Rolle und Aufgabe, als Hirte und König weiter sein Volk zu führen. Gottes Liebe übersteht Brüche und Versagen. Der Mann verstand, bekannte seine Sünde und kehrte um von seinem Irrweg.

Ähnlich klug geht Jesus mit seiner Führungsgestalt Simon um, mit Petrus, den er seinen Felsen nennt, auf den er baut und dem er vertraut. Diskret und einfühlsam vergegenwärtigt er dessen Überforderung am Feuer im Vorhof des Hohenpriesters. Jene Situation in der Passion Jesu, als es für Petrus immer heißer und gefährlicher wurde und er sich Schritt für Schritt immer stärker von Jesus absetzte, bis hin zur Selbstverfluchung, ihn nicht zu kennen. Jetzt, bei einem neuen Kohlenfeuer, beginnt Jesu Therapie der gebrochenen Beziehung, die Aufarbeitung des Versagens. Wieder Schritt für Schritt, gelenkt von der Frage an Petrus, ob er ihn liebe. Sein Ja kann wachsen, sich entwickeln, vertiefen. Und das Tröstliche: In diesem Raum wachsender und vertiefter Liebe bestärkt Jesus Führungsrolle und Aufgabe des Petrus. Er soll Verantwortung übernehmen in der Gemeinschaft jener, die Jesus nachfolgen. Für Klein und Groß, für Lämmchen und Schafe, für Kinder und Erwachsene. Sie soll er weiden und füttern, ihnen soll er Hirte und Führer sein. Aus dem Versagen erwächst neue Kraft zur Leitung. Mit den Worten unseres verstorbenen Lehrers Wolfgang: Petrus ist das Idealbild einer Führungskraft.

Wann habe ich einmal versagt und bin trotzdem brauchbar geblieben?

 

11. Mai 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Wen will ich schützen?

Wofür man steht, zeigt sich in Momenten der Anfragen.

Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer!“
Joh 21,15

Wofür man steht, zeigt sich in Momenten der Anfragen.

Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer!“

Joh 21,15

Da saßen wir nun. Ein kleiner Raum, angespannte Stimmung, drei Jugendliche mir gegenüber. Vier Jahre waren wir gemeinsam auf dem Weg gewesen. Unsere Polsterschlachten und Feste, die Gespräche über Tod und Jesus schwirrten mir durch den Kopf. Vor allem aber spürte ich, wie nahe die drei mir waren. Mein Herz klopfte, denn die nächsten Worte würden entscheiden, ob wir den Weg weitergehen oder uns trennen würden.

Vor gut einem Jahr hatten sie das Kiffen für sich entdeckt. Eigentlich Spätzünder, denn das beliebte Rauschmittel fand immer jüngere Fans. Meine persönliche Aversion dagegen ließ mich oft innerlich kochen. Als ich die Leitung des Jugendzentrums übernommen hatte, betrieb es eine Gruppe besonders intensiv, kostete die Grenzen aus, und es endete mit einem zeitweiligen Rauswurf. Warum aber hatte ich die drei nicht schon längst aus dem Zentrum geworfen? Ihre erweiterten Pupillen, die Lethargie und ihr Heißhunger auf fettiges Essen zeigten, wie sehr sie die Droge im Griff hatte. Anfangs versuchte ich sie noch humorvoll zu warnen, aber das blieb ohne Echo. Sie waren bei weitem nicht die Einzigen. Immer öfters kam mir zu Ohren, das Jugendzentrum sei zu einem Drogenloch verkommen. Besorgte Eltern und Lehrer wandten sich direkt an mich. Es wurde deutlich, dass gerade diese drei zu den Drahtziehern gehörten. Sie waren Gruppenleiter, hatten Verantwortung für Jüngere. Eigentlich war das Fass übervoll. Aber vier Jahre wollte ich nicht so einfach sinnlos sein lassen. Ich wusste, wieviel ihnen das Jugendzentrum bedeutete. Schließlich war es für sie da. Es war ihre Jugendkultur, vor der ich nicht ständig nur die Tür zuschlagen konnte. Eine innere Stimme fragte mich: Wen oder was willst du schützen? Den Ruf des Zentrums? Deinen eigenen Ruf? Die Jugendlichen, deren Gruppenleiter sie sind? Was will ich den dreien mitgeben? Glaubte ich wirklich, dass eine Trennung sie wachrütteln würde? Hatte es vor vier Jahren geholfen?

Da saßen sie nun: Jesus und Petrus. Einen langen Weg waren sie miteinander gegangen. Doch im entscheidenden Moment hatte Petrus den Herrn im Stich gelassen. Warum kehrte Jesus zu ihm zurück? Was wollte er ihm mitteilen? „Liebst du mich mehr als diese?“ In diesen Worten schwingt kein Vorwurf. Er wollte nicht wissen, warum sein Freund ihn verleugnet hatte. Sich vom Sog der Flüchtenden hatte mitreißen lassen. Vielmehr teilte Jesus das Brot mit ihm. Mit diesem Gestus der Gemeinschaft stellte er Petrus vor die Wahl. Der Jünger ließ sich auf die Beziehung ein und erhielt Verantwortung. Sie sollte ihn noch ordentlich fordern. Darüber schweigt die Bibel nicht und bewahrt uns so vor allzu großer Naivität.

Meine drei Sorgenkinder entschieden sich für das Jugendzentrum und übernahmen Verantwortung für ihre Handlungen. Die Herausforderungen des Kiffens unter den Jugendlichen waren damit nicht aus der Welt geschafft – aber wir vier waren um eine verbindende Erfahrung reicher.

 

 

4. Mai 2018
von Ruth Zenkert
Die Drei führt zum Durchbruch

In der Zahl Drei liegt eine geheimnisvolle Kraft. Eine didaktische Anregung.

Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.
Joh 21,14

In der Zahl Drei liegt eine geheimnisvolle Kraft. Eine didaktische Anregung.

Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.

Joh 21,14

Es war Sommer, drückend heiß. Zusammen mit einer Bekannten fuhr ich in ein Dorf, wo es angeblich ein Haus zu verkaufen gab. Schon länger hatten wir eines gesucht, aber keines gefunden. Hier sollte es einige geben, da etliche Siebenbürger Sachsen nach Deutschland ausgewandert waren. Ich sprach den Erstbesten an. Er führte mich zu Gelu, der verwahrte den Schlüssel zu einem Haus, das zu haben war. Er öffnete das verrostete Tor. Alles war überwuchert und von der Hitze ausgetrocknet. Ein paar wilde Hunde sprangen über den maroden Zaun hinaus. Ich ging durch das Gestrüpp in den Garten, ein blaues Autowrack störte den idyllischen Blick auf die Karpaten. Wir schauten ins Haus, es gefiel mir. Dann in den Stall, im Stroh lag eine tote Katze. Viel musste man hier renovieren. Bei der Rückfahrt überlegte ich allerdings, dass das Dorf doch zu entlegen sei.

Monate später, es war inzwischen Winter geworden, waren wir immer noch auf der Suche. An einem Morgen erinnerten wir uns an dieses Haus. Thomas, ein Freund, war gerade zu Besuch und meinte: Fahren wir hin, ich will es sehen. Etwas widerwillig ging ich mit. Es schneite wilde Flocken, auf der vereisten Landstraße kamen wir nur langsam voran. Wir klopften bei Gelu, der sich in seiner Stube mit einem Schnäpschen aufwärmte. Er holte den großen alten Schlüssel und wir stapften durch den Schnee zum Haus. Drinnen war es eiskalt, aber die Aussicht, dieses Mal auf schneebedeckte Gipfel, war wieder herrlich. Und das blaue Wrack sah man zum Glück nicht. Schön sei das Haus, meinte Thomas. Wir fanden keine Motive, die dagegen sprachen, es zu nehmen, aber die Idee schlief wieder ein. Neuerlich vergingen Wochen, in denen wir nicht fündig wurden. Da fiel uns das entlegene Dorf ein. Wir fuhren hin, ein drittes Mal. Bei der Fahrt herrschte gute Stimmung. Wir träumten von unserem Projekt, Roma-Familien zu unterstützen, eine Musikschule zu gründen, Kindern eine Zukunft zu geben. Im Haus bekamen die Träume ein Gesicht. Wir planten, wie wir die Räume nutzen könnten. Gelu gab uns die Telefonnummer der Besitzerin, wir vereinbarten mit ihr den Preis und einen Termin beim Notar. Heute ist das „Haus Elijah“ in Hosman Herberge und Zentrum für unsere bunte Kinderschar und Mitarbeitergemeinschaft. Der gute Geist in den alten Mauern ist jung und dynamisch. Zwei lustige Katzen springen im Haus herum, und ein schöner Hund bewacht den Hof.

Es gibt die biblische Drei. Gott ist bei Abraham zu Gast, in der Gestalt von drei Männern. Dreimal im Jahr sollen die Israeliten vor dem Angesicht des Herrn erscheinen, an den drei Hochfesten im Tempel. Dreimal verleugnet Petrus Jesus, bis ihm die Augen aufgehen. Gleichsam als Gegenbewegung zur Verleugnung fragt Jesus Petrus dreimal: Liebst du mich? Und beim dritten Mal ist es, dass Jesus sich den Jüngern nach der Auferstehung offenbart.

Drei Anläufe mussten wir unternehmen, bis wir das neue Zuhause hatten. In der Zahl Drei liegt eine geheimnisvolle Kraft.

 

27. April 2018
von Ruth Zenkert
Tanz statt Kochlöffel

Wem gehen wir entgegen? Welche Begabungen und Interessen finden wir vor?

Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.
Joh 21,14

Wem gehen wir entgegen? Welche Begabungen und Interessen finden wir vor?

Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.

Joh 21,14

Von weitem sah ich Manex langsam heranschlendern. Wie meistens war er viel zu spät dran, aber von Eile war trotzdem nichts zu bemerken. Manex besuchte die Haushaltsschule und sollte Koch werden. Wirklich? Dafür war er nicht geschaffen. Er kam immer seltener, irgendwann gar nicht mehr. Er fehlte nicht.

Wenn ich am Haus seiner Familie vorbeigehe, schaue ich gerne hinein. Hier ist immer Leben. Viele Leute, gute Stimmung, auf dem Herd brutzelt irgendetwas in reichlich Fett. Der Papa sitzt auf der Couch, Musik dröhnt laut aus riesigen Boxen. In allen Hausbewohnern vibriert der Rhythmus. Meine Gegenwart stachelt sie an. Die Mädchen verschwinden in den Nebenraum und kommen wunderschön gekleidet wieder. Bunte weite Röcke, darüber ein Schürzchen mit klimpernden Pailletten, es glitzert und klirrt bei jeder Bewegung. Die unbändigen schwarzen Haare sind zu Zöpfen gezähmt. Freche Augen blitzen aus den dunklen Gesichtern. Die Mädchen bewegen sich zur Musik, immer schneller, immer eleganter, immer raffinierter. Die Hüften zittern, die Bäuche zucken, die Arme und Hände kreisen, schwingen, locken. Die roten Röcke flattern. Manex taucht auf mit seinem traditionellen schwarzen Hut und umgarnt die Tänzerinnen. Wie schnell er sich bewegen kann, unermüdlich springen seine Füße vor und zurück, schnelle Schritte jagen ihn durch die Mädchenschar. Es ist ein zauberhaftes Spiel von Kunst, Schönheit und Bewegung. Manex ist schweißgebadet. Eine große Leistung!

Wenn uns Freunde besuchen, führe ich sie gerne ins Haus von Manex. In wenigen Minuten ist aufgeräumt, dann beginnen sie mit ihrem Tanz. Es ist für sie die größte Freude, wenn Gäste kommen, Groß und Klein will mittanzen, auch die Mama ist dabei und selbst der Papa mit seinem dicken Bauch macht einige Schritte, um die Kinder zu animieren. Alle sind in ihrem Element. Von den Gästen bekommen sie eine Belohnung, mit der sie wieder ein paar Tage über die Runden kommen.

Manex hat in unserer Haushaltsschule keine Chance, aus ihm wird kein Koch. Viel eher ein Tänzer. Das könnte ihn davor bewahren, ins Betteln oder in die Kriminalität abzurutschen. Jesus lehrt uns die Strategie, zu sehen, was da ist. Und zwar mit drei Verben: Er trat heran, er nahm und er gab. Der Auferstandene ging seinen Schülern entgegen am Ufer des Sees. Sie waren Fischer. Und er nahm auf, was sie hatten, Brot und Fisch. Was sie erarbeitet hatten, wusste er zu schätzen. Brot und Fisch gab er weiter. So wurden wie bei der Brotvermehrung alle satt. Brot und Fisch wurden zu den ältesten Zeichen für Jesus, der auferstanden ist. Weil das Geben damit verbunden ist.

Wir werden weiterhin zu den Roma-Familien gehen, aufnehmen, was sie haben und können. Sie geben uns viel, wenn auch oft anderes, als wir erwartet haben. Mit ihrer Kunst sollten sie ihre Kinder ernähren können.

Wem gehen wir entgegen? Alle Menschen haben etwas zu geben. Welche Begabungen und Interessen finden wir vor?

20. April 2018
von Josef Steiner
Aufgeweckt. Genährt. Gestärkt

Womit beginne ich den Tag? Was stärkt mich am Morgen?

Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu befragen: Wer bist Du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.
Joh 21,12

Womit beginne ich den Tag? Was stärkt mich am Morgen?

Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu befragen: Wer bist Du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.

Joh 21,12

Der Raum kann sie kaum fassen: fünf liebenswerte Romakinder; fünf junge Musiker, ehemalige Straßenkinder; zwölf Volontäre aus Bordeaux, Rostock, Wien, Würzburg, Stuttgart, München, Stams in Tirol, Regensburg, die gekommen sind, um eine Woche lang mit Romakindern unter der Leitung des Virtuosen Ogi, des muslimischen Zigeuners aus Bulgarien, einen Chor aufzubauen. Im Raum sind auch Gäste, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und das Leitungsteam, dazu der Hund, der das Haus bewacht. Vierzig Personen, die sich in der kleinen Hauskapelle versammeln, um gemeinsam vor Gott hinzutreten und mit ihm den Tag zu beginnen.  Das Lied „God knows my name“, bereits in Chorproben eingeübt, weckt die noch müden Geister und erwärmt die Herzen mit der Gewissheit, dass Gott alle Versammelten beim Namen kennt. Mit dem Psalm 23 vertrauen sich alle Gott als gutem Hirten an, dass er jedem genügend Lebensenergie und  Lebensfreude schenken möge, um den täglichen Pflichten und Herausforderungen gerecht zu werden. Die Lesung vom Evangelium der Brotvermehrung durch Jesus bekräftigt die frohe Botschaft des Psalms. In einer kurzen Predigt bezeugt ein ehemaliges Straßenkind dieses Wunder; das hat es selber erlebt. In den Fürbitten öffnen sich dann alle Herzen. Einmal, um Gott zu danken für das tägliche Brot, für die Familie, die Freundschaften, für die schöne Gemeinschaft. Und dann, um auf die Not der Romafamilien, ihren Hunger, ihre Konflikte, wie auch auf die Not in der Welt mit ihren Kriegen und Ungerechtigkeiten zu schauen. Wenn sich dann schließlich Roma und Deutsche, Straßenmusiker und Ärztinnen, Vertrauende und Suchende, Muslime und Buddhisten, orthodoxe, evangelische und katholische Christen an den Händen fassen und das Vaterunser beten, wird das Reich Gottes, wird eine Welt, wie ER sie sich vorstellt, handgreiflich spürbar. Mit Gottes Segen und mit dem Schlusslied „Sing and pray“ ist das Herz eingestimmt für die Aufgaben des Tages. Ein schöner und Mut machender Einstieg, der aufweckt, nährt und stärkt. Vorbereitet von vielen, getragen von allen, ermöglicht durch einen diskreten, unsichtbaren Gastgeber. Eine unvergessliche Szene.

Eine besondere Szene am See Genezareth. Langsam lichtet sich die Nacht. In der Morgendämmerung hat ein unbekannter Gastgeber ein Kohlenfeuer entzündet, darauf liegen etwas Fleisch zum Grillen und Brot. Für Wärme und Licht und für nährendes Fleisch und das tägliche Brot hat er gesorgt. Die sieben Fischer sollen das, was sie erarbeitet haben, einbringen. Mit den Worten „Auf, frühstückt!“ lädt der unbekannte Gastgeber zum gemeinsamen Mahl ein. Still und diskret, getragen von gegenseitiger Ehrfurcht, essen sie. Ein Frühstück mit dem Auferstandenen, eine erste „Frühmesse“, eine Werktagsmesse. Sie gibt der kleinen Gruppe die Kraft, das Tagwerk, den Aufbau einer neuen Gemeinschaft im Namen des Auferstandenen anzugehen. Womit beginne ich den Tag? Was stärkt mich am Morgen?

 

13. April 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Lebendige Knotenpunkte

Kirche – ein Raum für intime Beziehungen

Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.
Joh 21,11

Kirche – ein Raum für intime Beziehungen

Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.

Joh 21,11

 „Entstauben wir ein Tabu, den Sex! Aus unserem Gebet haben wir ihn verbannt.“ Die Worte des Jesuitenpaters Luis Espinal aus seinem Buch „Und haben nur einen Sinn, wenn wir brennen“ erklingen in der stockfinsteren Kirche. Stille. „Also beschäftigt sich die Pornographie damit.“ Neun große Boxen leuchten rot auf. Schatten bewegen sich lasziv zu südlichen Klängen und eröffnen die Tanzperformance des Jugendzentrums, „Intimität & Beziehung“ (https://www.youtube.com/watch?v=SEcigupmJEk). Mit einem Sprung brechen die Tänzer aus den Boxen, Musik und Bewegungen werden heftiger, getriebener. Unangenehm nah drängen die Darsteller sich an die Zuschauer. Gleichzeitig bringen sie die pulsierende Kraft des Triebes in den Raum. Plötzlich bricht die Musik ab, wechselt dumpfen, heftigen Klängen, die Boxen färben sich blau, und eine Stimme ruft: „Die Sünde des Fleisches ist die oberflächlichste, schlimmer sind Stolz und Egoismus, Grundsünden, die wir fromm schlucken.“ Wie weltflüchtige Asketen marschieren die Jugendlichen an den Boxen vorbei. Ignorieren die Schatten in den Boxen, die sich sehnen, wahrgenommen zu werden. Bis zur Unerträglichkeit fährt die Musik eine Dauerschleife. Wie befreiend wirken die sanften Töne, die sich zaghaft dazwischenschieben! Einer nach dem anderen löst sich vom Fließband und wendet sich den Boxen zu. Die Bewegungen werden zu einem Dialog zwischen Außen und Innen, der schließlich die trennende Wand durchbricht. „Wir können die Sexualität nicht von uns schütteln, wir können den Motor des Lebens nicht verachten. Aber weil wir ihn lieben, wollen wir ihn achten.“ Die beiden Kräfte – Trieb und Askese – beginnen miteinander zu tanzen. Noch wirkt es mehr wie ein Kampf, einmal dominiert der Trieb, dann wieder die Askese. Erst mit der Zeit lernen sie aufeinander zu hören, sich aneinanderzuschmiegen, einander zu geben. Schatten des Herzens Jesu erscheinen in den roten Boxen. Zu den vergehenden Klängen kehren die Paare verändert in die Boxen zurück: „Gott, lass uns nicht vergessen, dass der Sex nicht die letzte Wirklichkeit ist, dass er nur einen Sinn hat, wenn die Liebe ihn verwandelt.“

Begeisterung erfüllt den Kirchenraum.

Ein weites und starkes Netz der Beziehungen hatte dieses sensible Projekt ermöglicht. Das Erste war ein Handschlag zwischen dem Choreographen und mir. Daran knüpften sich zahlreiche Jugendliche an: Tänzer, Musiker, Licht- und Bühnentechniker sowie ein Medienteam. Es war eine intensive, gemeinsame Auseinandersetzung, die das Netz wachsen ließ. Nicht nur in der Größe, sondern vor allem in den Beziehungen der lebendigen Knotenpunkte zu sich selbst, zu anderen, zu Gott. Darin lag seine vereinende Kraft, die sich auf die Zuseher übertrug. Sie fühlten sich in dieses Netz aufgenommen und erlebten so den Kirchenraum als das, was er ist: ein Ort der Beziehung.

Darüber staunten viele. Vermutlich glichen wir dabei Petrus beim Anblick des vollen Netzes. Was für eine Weite und Kraft hat das Netz, wenn wir es dazu verwenden, wozu es geknüpft worden ist: Beziehung zu ermöglichen.