Bimail – Bibel für Wagemutige

Bimail

Das Team um P. Georg Sporschill SJ greift für jede Woche im Jahr
einen Satz aus der Bibel heraus. Das Wort wird erklärt und
durch Erfahrung veranschaulicht. Bimails sind Bibelworte
für unsere Zeit: keine Predigten, sondern Anleitungen
zum Weiterdenken.

21. Juli 2017
von Georg Sporschill SJ
Zwei Geschwindigkeiten

Langsame und Schwächere – wer von ihnen hat mich den richtigen Blick gelehrt? Wem habe ich es zu verdanken, dass ich glücklich bin?

Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.
Joh 20,8

Langsame und Schwächere – wer von ihnen hat mich den richtigen Blick gelehrt? Wem habe ich es zu verdanken, dass ich glücklich bin?

Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.

Joh 20,8

Tim lag im Bett und schnarchte laut. Es war schon zehn Uhr vormittags, längst hätte er im Sozialzentrum sein müssen. Sein Zimmerkollege Andreas war bereits joggen gewesen, hatte das Morgengebet vorbereitet und besprach gerade mit seinen Schülern die Musikstücke, die sie miteinander lernten. Zwei Volontäre, zur gleichen Zeit bei uns angekommen: Tim verstand kaum ein rumänisches Wort, Andreas unterhielt sich fließend mit den Kindern. Ein hochbegabter Bursche, der die anderen überflügelte. Ich bat Andreas, Tim zu wecken. Tim stöhnte, schloss die Augen wieder und drehte sich zur Wand. Andreas schimpfte, den Faulpelz solle man nachhause schicken. Und er wollte ein anderes Zimmer haben. Ein Zimmerkollege, der nur die Tage zähle, bis er wieder wegkomme, der störe ihn. Zielstrebig ging er in seine Musikstunde und ließ Tim weiterschlafen.

Am Abend war Tim mit Jugendlichen aus dem Dorf unterwegs. Sie saßen vor der Bar, tranken Bier und hatten es lustig miteinander. Empört berichtete Andreas davon. Ich fragte, mit wem Tim zusammen sei. Andreas kannte die Burschen nicht. Er kannte nur seine Musikschüler, mit den anderen im Dorf hatte er nichts zu tun. Ich schlug vor, in die Bar zu gehen und auch ein Bier zu trinken, mit Tim und seinen Freunden. Schon von der Brücke aus hörte ich, dass es dort hoch herging. Tim versuchte den Burschen gerade einen Rap in englischer Sprache beizubringen. Er sang, die anderen klopften auf den Tischen den Takt. Andreas trank nur Mineralwasser, verächtlich sah er auf Tim, der bei uns nicht mitmachte, aber hier den großen Star spielte. Aber ich meinte: „Vielleicht schaffen wir es, über Tim an die Dorfjugend heranzukommen, wo die meisten arbeitslos sind und den ganzen Tag herumhängen. Andreas, kämpfe um Tim, vielleicht findest du dann auch einen Freund im Dorf.“

Zwei Geschwindigkeiten. Während der Musterschüler schon unterwegs ist, liegt der Faulpelz noch im Bett. Am Abend aber überrundet der zweite den ersten. Tim hat in die Herzen der schwierigsten Jugendlichen gefunden. Der Wettlauf zwischen beiden würde zum großen Erfolg, wenn der Schnellere den Langsameren und der Langsamere den Schnelleren zu schätzen wüsste. Wie im Evangelium, wo es heißt: „Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.“ Johannes, der Eifrige, der Verliebte, der Begeisterte, war zuerst am Grab. Dann erst kam Petrus nach, der Bedächtige und Verlässliche. Er schaute genau hin und nahm wahr, was ist. Dem Langsameren hat es der Schnellere zu verdanken, dass auch er sah und zum Glauben kam. Der Zweite hat den Ersten zum Ziel geführt. Er hat ihm die Augen geöffnet. Es könnte sein, dass der Faulpelz dem Musterknaben Zugang verschafft zu den fremden Herzen der Roma-Jugend, der er helfen möchte. Andreas wird seinen ehrgeizigen Weg nur durchhalten, wenn er einen Freund findet.

Langsame und Schwächere – wer von ihnen hat mich den richtigen Blick gelehrt? Wem habe ich es zu verdanken, dass ich glücklich bin?

14. Juli 2017
von Josef Steiner
Der Blick für Details

Führungskräfte zeichnen sich durch genaue Beobachtungsgabe aus. Sie signalisiert Interesse, Nähe, Beziehung und macht stark.

Petrus sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.
Joh 19,6-7

Führungskräfte zeichnen sich durch genaue Beobachtungsgabe aus. Sie signalisiert Interesse, Nähe, Beziehung und macht stark.

Petrus sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.

Joh 19,6-7

Es war ein rauschendes Fest. Zweihundert geladene Gäste vergnügten sich bei kulinarischen und kulturellen Genüssen, sangen miteinander Lieder und tanzten, hörten lobenden Reden und Gratulationen zu, staunten über überraschende Gäste und originelle Geschenke. Der Chef einer großen Firma feierte seinen siebzigsten Geburtstag. Was aber als Reaktion auf dieses wunderbare Fest in den Wochen danach folgte, war eine noch größere Überraschung. Als guter Freund durfte ich zwei Vormittage in seinem Büro bei der Beantwortung der vielen Glückwunschschreiben, Mails, Briefe, Karten, Videobotschaften dabei sein. Es wurde eine unvergessliche Lernstunde. Keine vorgedruckten Karten, keine vorgefertigten Sätze, keine immer gleich lautenden Dankesworte. Nein, hier eine einfühlsame Frage nach der Gesundheit der Mutter, da die Erinnerung an ein gemeinsames Erlebnis; hier ein beratendes Wort zur Wahl des Studienfaches, da ein tröstendes Wort angesichts eines jüngst erlebten Verlustes; hier dankbares Staunen über das Geschenk einer langen Freundschaft, da die Freude über eine überraschende neue Beziehung; hier ein humorvolles Zitat, da ein besinnlicher Vers; hier die Beilage eines schönen Fotos vom Fest, da ein vorbereiteter kleiner Zettel mit einer Zeitungsnotiz. Für einen kurzen Moment vergegenwärtigte der Chef jeden Menschen, jede Familie, jede Gruppe, bevor er seiner Antwort eine Form gab. Immer eine Kleinigkeit erwähnend, auf etwas Besonderes hinweisend. Ein unglaublicher Blick für Details, ein phantasievoller und schöpferischer Ausdruck einer Beziehung, einer Bindung, einer Liebe. Das Geheimnis seiner Führungsstärke leuchtete darin auf.

Die Erschließung des Grabes Jesu geschieht schrittweise. Maria aus Magdala, die Geliebte, sieht den Stein vor dem Grab weggewälzt, sie wird zur Zeugin dieser Entdeckung und bringt ihre zwei wichtigsten Partner im gemeinsamen Werk zum Laufen. Der Lieblingsschüler Jesu – nach der Tradition ist es ein Johannes – beugt sich in das Grab und sieht Jesu Todeskleid. Petrus, den Jesus zum „Chef“ seiner Gründung gemacht hat, geht in das Grab hinein. Dort sieht er Genaueres, Details. Das Kleid, das Jesu Leichnam umhüllte, und das Schweißtuch, das Jesu blutendes Haupt umschloss. Beide liegen geordnet, zusammengelegt, an verschiedenen Plätzen. Kein Grabraub, kein Chaos, kein gewaltsamer oder ungeordneter Aufbruch oder Ausbruch aus der Totenwelt, sondern beides Zeichen und Zeugen eines von den Totenkleidern befreiten Jesus. Sein Leib ist frei, sein Kopf ist frei. Das genaue Hinschauen des Petrus wird später zur Tradition des Turiner Grabtuchs und zum legendären Schweißtuch der heiligen Veronika führen.

Führungskräfte zeichnen sich durch genaue Beobachtungsgabe aus. Sie signalisiert Interesse, Nähe, Beziehung und macht stark.

 

14. Juli 2017
von Max Heine-Geldern SJ
Schwellenangst und der Mut zu springen

Zwischen Bekanntem und Neuem liegt eine Schwelle. Ein Ort zwischen Angst und Faszination des Unbekannten. Ein Prüfstein des eigenen Vertrauens.

Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein.
Joh 20,5

Zwischen Bekanntem und Neuem liegt eine Schwelle. Ein Ort zwischen Angst und Faszination des Unbekannten. Ein Prüfstein des eigenen Vertrauens.

Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein.

Joh 20,5

Voller Begeisterung und Lebensfreude engagierte ich mich neben meinem Architekturstudium für die Jugendbewegung „Chili Concordia“. Unser Ziel war es, „Wien auf den Kopf zu stellen“. Dafür suchten wir uns Inspiration bei wöchentlichen Bibeltreffen und setzten uns sozial in unserer Umgebung ein. Die Gruppe war ein bunter Haufen von Studenten aller Fachrichtungen, Asylbewerbern, Menschen mit Behinderung, arbeitenden jungen Erwachsenen. Durch diese Menschen und unsere Einsätze lernte ich meine Heimatstadt neu kennen. Aber nicht nur der Blick auf meine Umgebung, auch der auf mich selbst veränderte sich. Immer stärker spürte ich, wie sehr mich das Engagement mit und für Chili Concordia erfüllte und mir half, innere Schwellen zu überwinden. Alte Bekannte zu einer Bibelrunde einzuladen war mir zunächst alles andere als angenehm. Dann noch vor anderen über die Bibel und den Glauben zu sprechen schien mir unmöglich. Hin und wieder vergeblich auf andere zu warten, auf sie zu bauen und schließlich alleine dazustehen ließ mich innerlich kochen. Und schließlich wegen der anderen das eigene Tempo zu bremsen – eine Geduldsprobe. Und doch lief ich für die Sache.

Johannes eilte voraus. Viel hatte er mit Jesus erlebt und dabei sicherlich öfters über seinen eigenen Schatten springen müssen. Die Nachricht der Frauen aber, das Grab Jesu sei leer, sprengte seine Vorstellungskraft. Er musste es mit eigenen Augen sehen. Bis ans Grab lief er voraus – an der Schwelle aber verharrte er. Blickte von außen hinein.

Zusammen mit den Jugendlichen von Chili Concordia wollte ich Wien verändern. Dafür gab ich viel. Meine Freunde klopften mir voller Bewunderung auf die Schultern. Außer Pater Georg Sporschill. Nach einem längeren Gespräch über meinen Einsatz standen wir an der Türschwelle seines Büros. Völlig unvermittelt fragte er mich: Wann springst du? Im ersten Augenblick empfand ich seine Frage als unnötige Provokation. Ich gab doch schon so viel! Und doch nicht alles. Denn ich versuchte meine bisherige Lebenswelt mit der, die ich durch Chili Concordia in mir und um mich entdeckte, in Harmonie zu bringen. Letztlich wagte ich mich nicht aus meiner „Comfort zone“, sondern versuchte das Neue ins bekannte Umfeld hineinzuzwängen. Obwohl ich gerade durch diese mir neue Welt so viel an Lebensfreude geschenkt bekam. Doch sie ängstigte mich ebenso, wie sie mich faszinierte. Ich wusste, ich müsste viel Liebgewonnenes zurücklassen. So verharrte ich an der Schwelle, blickte von außen auf sie, war aber nicht Teil von ihr. Die Frage des Jesuiten gab mir schließlich die Kraft, über die Schwelle in eine neue Lebenswelt zu treten, die immer wieder meine Vorstellungskraft sprengt. Und so bleiben die Worte von damals noch heute in mir lebendig – nicht mehr als Provokation, sondern vielmehr als ein herausforderndes Zutrauen, das mir Mut macht.

29. Juni 2017
von Ruth Zenkert
Phantasie und Ordnung, Feuer und Wasser

Begeisterung und Verlässlichkeit, Herz und Verstand – worin liegt deine Stärke? Welche Ergänzung brauchst du?

Sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als erster ans Grab.

Joh 20,4

Begeisterung und Verlässlichkeit, Herz und Verstand – worin liegt deine Stärke? Welche Ergänzung brauchst du?

Sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als erster ans Grab.

Joh 20,4

Wochenende – das lockte viele Jugendliche vom Bahnhof ins Sozialzentrum. Wer es an den Werktagen nicht schaffte, die wenigen Regeln einzuhalten, am Freitagabend war er da. Der Student Lucian brachte oft einige mit, die er in der Stadt aufgelesen hatte. Das Zentrum war voll von wilden, drogensüchtigen Mädchen und Burschen. Am Samstagvormittag verkündete Lucian nach dem Frühstück das Programm. „Cavaleri“, begann er, „heute gehen wir in die Natur!“ Die ganze Horde ging in den nahe gelegenen Wald. Zuerst war eine Jogging-Runde geplant. Selbst Ana, die nur ausgerissene Schlapfen hatte, mühte sich, mitzukommen. Sie nahm die Schuhe in die Hand und lief barfuß. Die Jugendlichen bildeten Mannschaften, machten Wettspiele, verspeisten eine gute Jause und kamen am Abend glücklich und erschöpft zurück. Am Sonntag arbeiteten sie an ihrem Theaterstück, das sie für das Sommerfest vorbereiteten. Es wurde spät, die Nachtruhe um zehn Uhr hielt keiner ein. Als dann die „Cavaleri“ in die Betten gingen, hatte Lucian vergessen, dass er keinen zum Abspülen eingeteilt hatte. Die Küche war nicht abgesperrt, manche bedienten sich noch an den Töpfen. Am nächsten Morgen war Schichtwechsel; Lucian konnte sich kaum von seinen Jugendlichen losreißen. Er hatte schon neue Ideen für das nächste Wochenende im Kopf. Tamara trat den Wochendienst an. Als sie sah, wie er das Haus hinterlassen hatte, setzte sie sich ins Mitarbeiterzimmer. „Jeden Montag das gleiche“, stöhnte sie. „Er hält keine Ordnung ein!“ Aber die gute Stimmung im Haus wirkte nach, bis sie sich in Vorfreude auf das Wochenende verwandelte. Die pflichtbewusste Tamara aber nahm die Schlüssel zur Besenkammer und begann mit ihrem Putztrupp, das Haus wieder in Ordnung zu bringen.

Tamara und Lucian sind Gegenpole. Sie ist die Ordnung in Person, er sprüht vor Phantasie. Leicht haben sie es nicht miteinander. Sie sind wie Feuer und Wasser. Keiner von beiden ist aus dem Sozialzentrum, in das die schwierigsten Leute kommen, wegzudenken. Um die Hoffnung nicht zu verlieren, brauchen wir die Hingabe von beiden. Sie erinnern mich an die zwei Jünger am Ostermorgen in Jerusalem.  „Sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als erster ans Grab.“ Es ist der einzige Wettlauf, der in den Evangelien geschildert ist; der Sport gehört in das Gymnasion der griechischen Welt, nicht in die religiöse Welt des Judentums. Hier eilen die Frommen nur zum Gebet, zum Lernen und zum Gottesdienst, nicht aber ins Stadion. Der Wettlauf, den das Evangelium schildert, zeugt vom Ehrgeiz der zwei Jünger, sie suchen Jesus, sie eilen Ostern entgegen. Der schnellere steht für den Liebenden mit seiner seelischen Kraft. Der Langsamere ist genauer, arbeitet mit Verstand und Willen, ein Bild für den konsequenten Organisator. Beide Kräfte, Herz und Verstand, braucht es, damit eine Gemeinschaft leben kann.

Begeisterung und Verlässlichkeit, Herz und Verstand – worin liegt deine Stärke? Welche Ergänzung brauchst du?

22. Juni 2017
von Georg Sporschill SJ
Wie reagierst du auf eine Katastrophe?

Resignieren oder aufbrechen: Wann hast du den Weg in die Wüste gewagt?

Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab.
Joh 20,3

Resignieren oder aufbrechen: Wann hast du den Weg in die Wüste gewagt?

Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab.

Joh 20,3

 

„Das Netz ist zerrissen und der Vogel ist frei“: An dieses Psalmwort musste ich denken, als Mihai wegging. Er war im Kinderheim aufgewachsen, seit vier Jahren arbeitete er in unserem Sozialzentrum mit. Er war zuständig fürs Brennholz und für Sauberkeit im Hof. Seine Vorgesetzte verzweifelte manchmal, weil er sich keine drei Aufträge merken konnte. Nichts tat er selbständig, immer musste sie ihn anstupsen: Kehr zusammen, trag den Mist weg, räum das Werkzeug auf.  Dann beschwerte er sich, er müsse so schwer arbeiten. Seine Chefin machte sich zu seiner Mutter. Sie überwachte ihn immer genau und bevormundete ihn auch in seinem Privatbereich. Mihai trank gerne Bier, ein, zwei am Abend, oft wurden es mehr. Man merkte ihm das am Morgen an, am weißen Gesicht, aber noch mehr an seiner Arbeitsleistung. So bekam er auch für den Abend strenge Regeln, weil er sonst untergegangen wäre. Mihai bemühte sich, damit er nicht rausflog, was die Chefin ihm immer öfter androhte. Eines Morgens fand sie in seinem Zimmer einige Bierdosen. „Jetzt ist aber Schluss“, mahnte sie ihn. Dann ging für sie der Alltag weiter. Am Abend war das Zimmer aufgeräumt, Mihai hatte seine wenigen Sachen in zwei Koffer gepackt. „So habe ich das nicht gemeint“, wollte sie ihn zurückhalten. Doch Mihai war entschlossen. Und ging hinaus. Sorgenvoll schaute sie ihm nach. Wo sollte er wohnen, wie eine Arbeit finden, würde er durchhalten? Es wurde schon dunkel, wie sollte er in die Stadt kommen, mit den zwei Koffern? Geld für ein Busticket hatte er nicht mehr, das hatte er in der letzten Nacht aufgebraucht. Aber er ging.

Das zu enge Netz war zerrissen. Es war ein Exodus, wie ihn Israel in der Knechtschaft von Ägypten wagte. Lange ertrug das Volk Israel das beschwerliche Leben in der Fremde, bis es aufbrach. Weg von den Fleischtöpfen und hinaus in die Freiheit, auch wenn der Weg vierzig Jahre lang durch die Wüste führte. Diesen Exodus wagten auch Petrus und der andere Jünger, nachdem Jesus, auf den sie ihre Hoffnung gesetzt hatten, gekreuzigt war. Sie gingen hinaus und kamen zum Grab. Es war der Ostermorgen.

Auf die Geschichte von Mihai bin ich gestoßen, weil er mich gestern angerufen hat. Ganz frei erzählte er, wie es ihm in den letzten Monaten ergangen war. Wie schwer es war, einen Platz zum Schlafen zu finden. Er war froh, dass er in einem Gasthaus Teller waschen durfte. Für wenig Geld und ohne Anstellung. Doch er durfte dort übernachten. Nun habe er in einem Hotel eine richtige Arbeit bekommen. Eine schwarze Hose, Schuhe und ein weißes Hemd habe man ihm gegeben. Trinken dürfe er im Dienst auf keinen Fall. Er sagte ganz offen, wie viele Bier er am Abend trinke, doch das bekomme er in den Griff. Oft habe er bereut, dass er uns verlassen habe. Mit dem Anruf war für mich eine lange Zeit des Bangens zu Ende. Für Mihai selbst noch nicht, aber er kämpft und hat jetzt eine große Chance, sein Leben zu leben.

Resignieren oder aufbrechen: Wie reagierst du auf eine Katastrophe? Wann hast du den Weg in die Wüste gewagt?

15. Juni 2017
von Josef Steiner
Wohin mit Ungewissheit, Fragen und Ängsten?

Freundschaften als Herberge, Ruheplatz und Raum des Erzählens. Welche sind mir geschenkt?

Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen.
Joh 20,2

Freundschaften als Herberge, Ruheplatz und Raum des Erzählens.  Welche sind mir geschenkt?

Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen.
Joh 20,2

Der große Rabbi Pinchas von Korez, so berichtet Martin Buber in seinen Chassidischen Erzählungen, verglich seine Sicht der Welt einmal mit der Pupille. Weil die Pupille dunkel sei, nehme sie alles Licht in sich auf. So habe er die Fähigkeit bekommen, in allen Schwierigkeiten und Verdunkelungen des Lebens einen erhellenden Funken zu entdecken. Dazu zwei Geschichten. Einen seiner Schüler quälte der Zweifel, wie es möglich sei, dass Gott all seine Gedanken, auch die flüchtigsten und die unbestimmbarsten, kenne. In großer Qual fuhr er zu seinem Lehrer, um ihn zu bitten, er möge die Verwirrung seines Herzens lösen. Rabbi Pinchas stand am Fenster und blickte dem Kommenden entgegen. Als er eingetreten war und nach der Begrüßung sogleich seine Klage anheben wollte, sprach der Rabbi: „Ich weiß es, Freund, und wie sollte es Gott nicht wissen?“ Eine ähnliche Begebenheit erzählte Rabbi Pinchas‘ Lieblingsschüler, Rabbi Rafael von Berschad. „Am ersten Tag des Chanukkafestes – dem großen Lichtfest zur Erinnerung an die Wiedereinweihung des Tempels – klagte ich meinem Lehrer, dass es einem, wenn es ihm schlechtgeht, schwerfällt, den Glauben an die göttliche Vorsehung für jeden Einzelnen unversehrt zu bewahren Es erscheine einem ja wahrhaftig, als verberge Gott sein Angesicht vor ihm. Was sollte man tun, um im Glauben zu erstarken? ,Weiß man‘, antwortete der Rabbi, ,dass es ein Verbergen ist, dann ist es ja kein Verbergen mehr.‘“ Die Freundschaft zwischen Lehrer und Schüler als Ort der Klärung.

Maria aus Magdala hat Glück gehabt. Sieben Dämonen – und das heißt in der Bibel die Höchstzahl an körperlichen und seelischen Belastungen und Defiziten  – fesselten und plagten sie,  schnitten sie von einem erfrischenden Strom gesunden und schönen Lebens ab und machten aus ihr eine einsame, unsympathisch wirkende, beziehungsunfähige, verwahrloste Frau. Sie ist biographisch belastet, krank, aber keine Sünderin. In einem langen therapeutischen Prozess gelingt es Jesus, den Dämonen die Person und den Raum für ihr destruktives Wirken zu nehmen. Er macht Maria aus Magdala groß, gibt ihr Selbstvertrauen, bindet sie ein in die innerste Freundesgruppe seiner Gemeinschaft, verwandelt sie in eine liebenswürdige, selbstbewusste und attraktive Frau. Sie wird zu seiner wichtigsten Mitarbeiterin in seinem Werk. Geduldige Nähe, großes Vertrauen, die Kraft der Freundschaft haben dieses Wunder der Liebe bewirkt.  So ist Maria aus Magdala auch die Erste, die den Weg zum Grab ihres Geliebten wagt. Umso größer der Schock, das Erschrecken, die Ratlosigkeit: Das Grab ist leer. Sie läuft mit dieser aufwühlenden Entdeckung zu jenen beiden Menschen, die so wie sie Jesus besonders nahe standen, zu Petrus, der Führungsgestalt, und zu Johannes, Jesu Lieblingsschüler. Der innerste Kreis der Freunde wird für Maria aus Magdala zur Herberge, zum Ruheplatz, zum Raum des Erzählens. Welche sind mir geschenkt?

8. Juni 2017
von Dominik Markl SJ
Pfingsten in den Anden

Wenn Gott nicht hier ist, sag mir, wo er ist!

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.
Johannes 20,1

Wenn Gott nicht hier ist, sag mir, wo er ist!

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.
Johannes 20,1

Das Dorf Lacco liegt in der peruanischen Provinz Cusco auf über 4000 Metern Seehöhe und ist umgeben von felsigen und vergletscherten Gipfeln. Außer Kartoffeln wächst wenig hier oben, die Menschen leben vor allem von ihren Alpakas. Die Häuschen und die Kapelle sind aus Stein gebaut und mit Gras gedeckt. Ein Mann mit Trillerpfeife kündet den Leuten in den verstreuten Häusern an, dass der Pfarrer für die Pfingstsonntagsmesse angekommen ist. Ich beobachte das Treiben von den Berghängen oberhalb des Dorfes aus, wo mich weiße Alpakas, die hier wie Gämsen grasen, verdutzt anschauen. Leute mit bunten Mützen kommen aus allen Richtungen. Eine Gruppe tanzend und musizierend, mit Hirtenflöte und Trommeln – ein Festzug, wie man ihn von antiken griechischen Vasen her kennt. In der Stille und im Widerhall von den Bergen entfalten die Instrumente ihre mystischen Klänge. Die Melodien und Rhythmen sprechen vom ehrfurchtsvollen Staunen vor den Apus, den großen Berggöttern, und vom kargen, aber herzlichen Leben in ihrer Nähe.

Langsam füllt sich die Kapelle. Sie ähnelt dem Schafstall einer urtümlichen Tiroler Alm. Licht kommt nur durch die Tür und von den vier Kerzen auf dem Tischchen, das als Altar dient. Entlang der rechten Mauer sitzen die Frauen und Mädchen, mit ihren Filzhüten am Schoß, links die Männer und Burschen. Der Flötenspieler zieht tanzend ein, hinter ihm eine Prozession von Kostümierten mit weißen Wollmasken. Auf Polstern tragen sie ihre Gaben herein. Der Jesuitenpater Antonio feiert die Messe mit den Leuten in ihrer Sprache – Quechua. Bei der Predigt behauptet er mit einem Augenzwinkern, ich Gringo würde zwar kein Wort Quechua verstehen, aber in der Atmosphäre der Feier würde auch ich die Kraft des göttlichen Geistes in der Gemeinschaft spüren. Der vierjährige Lausbub neben mir grinst und strahlt mich mit seinen dunklen, lustigen Augen an.

Nach der Messe tanzen die Kostümierten vor der Kapelle. Sie schauen Tiroler Fasnachtsgestalten ähnlich, den Mullern und Zottlern – abgesehen von den kleinen Alpakas, die am Rücken baumeln. Man lädt uns in eines der Häuschen ein. Es besteht aus einem einzigen Raum. Hier gibt es sogar einen Tisch und ein Brett an der Mauer zum Sitzen, sonst aber nichts. Jeder bekommt einen Teller mit zwei Maiskolben, vier großen Kartoffeln und einem Schnitzel vom Alpaka. Es schmeckt besonders würzig, vielleicht auch, weil man hier mit den Händen isst. Die Frauen essen draußen, umgeben von spielenden Kindern, zerzausten Hennen und Hunden.

Antonio hat mich hierher gebracht, weil sich Severin, der vor zwei Jahren beim Bergsteigen mit mir abgestürzt ist, in diese Dörfer verliebt hatte. Hier erlebe ich, dass der Stein vom Grab weggewälzt ist. Antonio leidet darunter, dass viele Peruaner ihre Landsleute, die in der ursprünglichen Kultur der Anden leben, als „Scheiß-Indios“ verachten. Das Leben hier hat ihn zu einem kräftigen Charakter werden lassen. Jetzt aber ist seine Stimme ruhig. „Wie ich dir schon in der Kapelle gesagt habe: Wenn Gott nicht hier ist, sag mir, wo er ist!“

1. Juni 2017
von Ruth Zenkert
Das Fest fällt nicht vom Himmel

Freude lässt sich nicht machen und befehlen, doch vorbereiten. Wie schaut der Tag vor dem Fest aus?

Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie Jesus dort bei.
Joh 19,42

Freude lässt sich nicht machen und befehlen, doch vorbereiten. Wie schaut der Tag vor dem Fest aus?

Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie Jesus dort bei.
Joh 19,42

Es war ein langer Tag gewesen. Alle zogen sich am Abend früh zurück, um ausgeschlafen zu sein für das große Ereignis. Die katholische Kirche in Hosman war viele Jahre leer gestanden und ziemlich heruntergekommen. Mithilfe unserer Jugendlichen und Bauleuten aus dem Dorf hatten wir sie renoviert, Fundamente trockengelegt, Wände gestrichen, Elektroleitungen verlegt. Unsere Tischlerlehrlinge hatten neue Bänke angefertigt und den maroden Holzaltar restauriert. Heute war die Kirche eingerichtet worden; die neuen Bänke aufgestellt, das Kreuz und Statuen montiert, Blumenschmuck gebracht. Es wurde geputzt, das Altartuch gewaschen und gebügelt, Kerzen geholt, Musik geprobt, die Leute im Dorf eingeladen, gebacken. Viele hatten schwer gearbeitet. Müde schaute ich aus dem Fenster in die dunkle Nacht. Morgen würde der erste Gottesdienst in der Kirche stattfinden! Da sah ich, dass im Mitarbeiterzimmer noch Licht brannte. Wer hatte vergessen, das zu löschen? Ich ging hinüber. Da saß Florin über der Bibel und las laut vor sich hin. Mit dem Zeigefinger fuhr er jedem Wort nach und mühte sich von Buchstabe für Buchstabe. Florin ist auf der Straße aufgewachsen und konnte bis vor kurzem nicht lesen. Er sagt, dass er mit der Bibel jeden Tag lesen lernt. Er suchte Gedanken für die Predigt, denn das war morgen seine Aufgabe. Aufgeregt ging er im Zimmer auf und ab. „Ich möchte allen im Dorf etwas sagen, damit sie positive Energie bekommen.“ Als ich später hinüberschaute, brannte immer noch Licht. Am nächsten Tag war die Kirche voll. Florin las mit starker Stimme das Evangelium. Dann sagte er seine Gedanken dazu, einfühlsam formuliert für die Leute, die vor ihm saßen. Arme, Kranke und Alte, Mütter mit Kindern – Menschen aus der verwahrlosten Roma-Siedlung, die nach allem hungerten. Florin gewann die Herzen der Menschen. Die Vorbereitung hatte sich gelohnt.

Am Freitag haben Juden viel zu tun, um sich auf den Sabbat vorzubereiten. Früher wurden die Leute um drei Uhr mit Trompetensignalen erinnert: Beginnt mit den Vorkehrungen! Die Mütter kochen, suchen die Festkleidung heraus, es wird geputzt und dann, wenn die Sonne untergeht, werden Lampen und Kerzen angezündet. Der Tag, an dem Jesus starb, war ein solcher „Rüsttag“, und zwar ein besonderer. Es war der Tag vor Pessach, aus dem unser Osterfest wurde. Da gab es viel zu tun im Haus, sogar besonderes Geschirr war hervorzuholen. In dieser Zeit des Zurüstens stirbt Jesus. Sein Tod ist wie die Vorbereitung auf das Fest, auf das Fest der Erlösung. Leiden und Mühen dieses Tages sind nicht das Letzte, sondern machen Ostern möglich.

Außer dem Zeitpunkt des Begräbnisses ist bemerkenswert, dass das Evangelium den Namen Jesus am Beginn (Joh 18,1) und am Ende des Berichts über sein Leiden nennt. Der Name ist das Programm, er bedeutet „Gott rettet“. Die Erlösung fällt nicht vom Himmel, sie ist ein langer Weg. Die Auferstehung folgt auf den Rüsttag. Auch unser Fest wäre nicht gelungen, hätten nicht so viele dafür gearbeitet. Und hätte nicht Florin die ganze Nacht das Lesen geübt.

25. Mai 2017
von Georg Sporschill SJ
Beschreibe deinen Garten!

Welche Liebe, welches Kind, welche Aufgabe ist dein Garten, wo du Freude, Arbeit und Verzweiflung aushältst?

An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war.
Joh 19,41

Welche Liebe, welches Kind, welche Aufgabe ist dein Garten, wo du Freude, Arbeit und Verzweiflung aushältst?

An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war.
Joh 19,41

Am liebsten hatte Ionuz, obwohl er nicht leicht damit ging, die zu großen Gummistiefel an, weil er damit in die Pfützen springen und alle anspritzen konnte. Er war begeistert, wenn wir lange Wanderungen auf die Hügel über dem Dorf machten. Ich spürte seine kleine Hand, mit der er sich an meiner festhielt. Manchmal musste ich ihn schleppen, wenn er nicht mehr wollte, manchmal war er es, der mich ungestüm zog. Wir liefen durch die blühenden Wiesen und jagten Schmetterlingen nach. Zuhause kochten wir gemeinsam Spagetti, bis der Rest der Wandergruppe endlich eintrudelte. Ionuz war von seinen Eltern im Dorf zurückgelassen worden; sein Vater war vor einigen Jahren mit den zwei größeren Schwestern und einer neuen Frau nach Frankreich gegangen. Und die Mutter hatte mit einem anderen Partner drei Kinder, da war kein Platz für Ionuz. Der betrunkene Onkel brachte ihn zu uns. Wenn ich auf unseren Ausflügen meinen kleinen Begleiter fragte: Wer ist dein Vater?, hoffte ich insgeheim, dass er antworten würde: Du! Er aber sagte ganz selbstverständlich: Jesus ist mein Vater.

Es gab viele schöne Augenblicke mit ihm, doch oft brachte Ionuz uns zur Verzweiflung. In der Hausgemeinschaft quälte er seinen kleinen Zimmergenossen so sehr, dass der heulend zu mir kam und weglaufen wollte. Er stahl den Mädchen die Armbändchen. Er schlug mit dem Schürhaken um sich. Die Lehrerin rief an, weil er eine Scheibe in der Schule eingeschlagen hatte. Er prügelte Kinder. In der Früh ging er mit der Schultasche brav von uns weg, aber nicht in die Schule, sondern zum Onkel. Bis wir ihn schweren Herzens vor die Wahl stellen mussten: Entweder gehst du in die Schule und kannst bei uns bleiben, oder du gehst zum Onkel in die Hütte. Dort ist es kalt und schmutzig. Du wirst hungern. Ionuz ging. Manchmal sehe ich ihn auf der Straße, ganz blass mit schmalem Gesichtchen. Er geht nicht mehr in die Schule, ist voller Dreck und Läuse. Mir tut das Herz weh. Aber Ionuz schaut mich mit klaren Augen an. Er ist nicht beleidigt, weil er gehen musste. Er nimmt mich an der Hand und geht einige Schritte mit mir. Er scheint nicht unglücklich zu sein, obwohl ich mir das gar nicht vorstellen kann. Willst du am Sonntag wieder mit mir auf unseren Hügel laufen?

Die Erziehung des Streuners ist der Garten, der mir anvertraut wurde. Ihn soll ich bearbeiten und hüten. So lautet der Auftrag, den der Mensch für den Garten Eden erhielt. In der Erziehung erleben wir die Wonne des Paradieses. Aber Erziehung ist auch Mühe, Überfordertsein, Aufgeriebenwerden. Verlassenwerden. Abschied als Sterben wie im Garten Gethsemane, wo die Passion begann. Sie endete in der Auferstehung, die wieder in einem Garten geschah. Ionuz führt mich in den Garten Eden, in den Garten am Ölberg. Und obwohl ich es nicht erklären kann, sehe ich ihn mit Hoffnung. Einige Tage später stand er wieder an unserem Tor, abgemagert und übermüdet. Er zog wieder zu uns.

Welche Liebe, welches Kind, welche Aufgabe ist dein Garten, wo du Freude, Arbeit und Verzweiflung aushältst?

18. Mai 2017
von Josef Steiner
Duftnoten

Die Atmosphäre in einer Gruppe, in einem Haus, in einer Stadt kann man riechen. Wo gelingt es mir, für gute Luft zu sorgen? Wer verbreitet Wohlgeruch?

Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben.
Joh 19,40

Die Atmosphäre in einer Gruppe, in einem Haus, in einer Stadt kann man riechen. Wo gelingt es mir, für gute Luft zu sorgen? Wer verbreitet Wohlgeruch?

Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben.
Joh 19,40

Ein Sarg, mitten im Wohnzimmer eines bescheidenen Reihenhäuschens in einem abgelegenen Dorf im Nordosten Englands. Es ist August, heiß und schwül. Die Fenster abgedeckt. Im Raum ein eigenartiger Geruch, eher unangenehm, pelzig, faulig. Nur kurz verweilen die Trauergäste vor dem Sarg. Sie fliehen förmlich vor dem Geruch des Todes, der körperlich schmerzhaft fühlen lässt, dass er in diesem Haus innerhalb zweier Jahre drei junge Menschen zu Vollwaisen gemacht hat. Es ist für alle eine Befreiung, als die Leichenbestatter mit stoischer und ernster Miene den Sarg aus dem Haus in die nahegelegene Kirche tragen.

Dort geschieht eine Veränderung, eine Verwandlung. Der Todesgeruch verbreitende Sarg wird in Weihrauchwolken eingehüllt. Mit ihnen steigen tröstende Worte, bittende Gebete, sehnsuchtsvolle Lieder und Gesänge zum Himmel und füllen den Kirchenraum. Die zweiundzwanzigjährige Tochter lässt in einer ergreifenden Predigt die Tote im Sarg auferstehen als faszinierende Frau und Mutter. Verheiratet mit einem ehemaligen katholischen Priester, führte sie ihr Lebensweg mit drei Kindern durch drei Kontinente, von Afrika über Asien nach Europa. Immer dem Leben dienend als Krankenschwester, Hebamme und bis zu ihrer schweren Erkrankung als Altenpflegerin. Stark und belastbar, selbst die Eskapaden der pubertierenden Söhne bis hin zu strafwürdigen Taten solidarisch tragend und für die Buben kämpfend. Über die Familie hinaus im politischen und kirchlichen Leben engagiert, Anwältin für ein gerechtes und friedliches Miteinander, fern von jedem ideologischen Fanatismus. Mit einem von der gesamten Trauergemeinde lautstark gesungenen „Amazing Grace“ wurde der Sarg zu dem in einem Waldstück verborgenen Friedhof gebracht. Und als am Abend in einer Kneipe viele der trauernden Jugendlichen vor dem Fernseher das Lokalderby Sunderland gegen Newcastle verfolgten – diesmal nicht wie üblich in Fantrikots gekleidet, ohne Alkohol und grölende Gesänge –, wurde endgültig der Todesgeruch des Tages von einer leichten, erfrischenden Lebensbrise überlagert.

Joseph von Arimathäa und Nikodemus vollziehen den biblischen Brauch, den Geruch des Todes durch aromatische Grabbeigaben zu verwandeln. Den Tod eines Menschen nicht als endgültigen Zustand der Verwesung, sondern als Verwandlung und Hoffnung zu sehen. Mit einem Tuch, eingetaucht in eine desinfizierende, würzige, ölige Duftsalbe, hergestellt aus den zerstampften Harzkörnern der Myrrhe und aus den fleischigen Blättern der Aloe, umwickeln sie den Leichnam Jesu. So kleiden sie den Tod Jesu in ein Hoffnungsgewand, eine Hoffnung, die sich aus ihren Begegnungen mit dem irdischen Jesus speist. In seiner Nähe roch es immer nach Leben. Die Atmosphäre in einer Gruppe, in einem Haus, in einer Stadt kann man riechen. Wo gelingt es mir, für gute Luft zu sorgen? Wer verbreitet Wohlgeruch? In wessen Nähe duftet es nach Leben?