Bimail – Bibel für Wagemutige

Bimail

Das Team um P. Georg Sporschill SJ greift für jede Woche im Jahr
einen Satz aus der Bibel heraus. Das Wort wird erklärt und
durch Erfahrung veranschaulicht. Bimails sind Bibelworte
für unsere Zeit: keine Predigten, sondern Anleitungen
zum Weiterdenken.
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20. April 2018
von Josef Steiner
Aufgeweckt. Genährt. Gestärkt

Womit beginne ich den Tag? Was stärkt mich am Morgen?

Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu befragen: Wer bist Du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.
Joh 21,12

Womit beginne ich den Tag? Was stärkt mich am Morgen?

Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu befragen: Wer bist Du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.

Joh 21,12

Der Raum kann sie kaum fassen: fünf liebenswerte Romakinder; fünf junge Musiker, ehemalige Straßenkinder; zwölf Volontäre aus Bordeaux, Rostock, Wien, Würzburg, Stuttgart, München, Stams in Tirol, Regensburg, die gekommen sind, um eine Woche lang mit Romakindern unter der Leitung des Virtuosen Ogi, des muslimischen Zigeuners aus Bulgarien, einen Chor aufzubauen. Im Raum sind auch Gäste, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und das Leitungsteam, dazu der Hund, der das Haus bewacht. Vierzig Personen, die sich in der kleinen Hauskapelle versammeln, um gemeinsam vor Gott hinzutreten und mit ihm den Tag zu beginnen.  Das Lied „God knows my name“, bereits in Chorproben eingeübt, weckt die noch müden Geister und erwärmt die Herzen mit der Gewissheit, dass Gott alle Versammelten beim Namen kennt. Mit dem Psalm 23 vertrauen sich alle Gott als gutem Hirten an, dass er jedem genügend Lebensenergie und  Lebensfreude schenken möge, um den täglichen Pflichten und Herausforderungen gerecht zu werden. Die Lesung vom Evangelium der Brotvermehrung durch Jesus bekräftigt die frohe Botschaft des Psalms. In einer kurzen Predigt bezeugt ein ehemaliges Straßenkind dieses Wunder; das hat es selber erlebt. In den Fürbitten öffnen sich dann alle Herzen. Einmal, um Gott zu danken für das tägliche Brot, für die Familie, die Freundschaften, für die schöne Gemeinschaft. Und dann, um auf die Not der Romafamilien, ihren Hunger, ihre Konflikte, wie auch auf die Not in der Welt mit ihren Kriegen und Ungerechtigkeiten zu schauen. Wenn sich dann schließlich Roma und Deutsche, Straßenmusiker und Ärztinnen, Vertrauende und Suchende, Muslime und Buddhisten, orthodoxe, evangelische und katholische Christen an den Händen fassen und das Vaterunser beten, wird das Reich Gottes, wird eine Welt, wie ER sie sich vorstellt, handgreiflich spürbar. Mit Gottes Segen und mit dem Schlusslied „Sing and pray“ ist das Herz eingestimmt für die Aufgaben des Tages. Ein schöner und Mut machender Einstieg, der aufweckt, nährt und stärkt. Vorbereitet von vielen, getragen von allen, ermöglicht durch einen diskreten, unsichtbaren Gastgeber. Eine unvergessliche Szene.

Eine besondere Szene am See Genezareth. Langsam lichtet sich die Nacht. In der Morgendämmerung hat ein unbekannter Gastgeber ein Kohlenfeuer entzündet, darauf liegen etwas Fleisch zum Grillen und Brot. Für Wärme und Licht und für nährendes Fleisch und das tägliche Brot hat er gesorgt. Die sieben Fischer sollen das, was sie erarbeitet haben, einbringen. Mit den Worten „Auf, frühstückt!“ lädt der unbekannte Gastgeber zum gemeinsamen Mahl ein. Still und diskret, getragen von gegenseitiger Ehrfurcht, essen sie. Ein Frühstück mit dem Auferstandenen, eine erste „Frühmesse“, eine Werktagsmesse. Sie gibt der kleinen Gruppe die Kraft, das Tagwerk, den Aufbau einer neuen Gemeinschaft im Namen des Auferstandenen anzugehen. Womit beginne ich den Tag? Was stärkt mich am Morgen?

 

13. April 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Lebendige Knotenpunkte

Kirche – ein Raum für intime Beziehungen

Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.
Joh 21,11

Kirche – ein Raum für intime Beziehungen

Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.

Joh 21,11

 „Entstauben wir ein Tabu, den Sex! Aus unserem Gebet haben wir ihn verbannt.“ Die Worte des Jesuitenpaters Luis Espinal aus seinem Buch „Und haben nur einen Sinn, wenn wir brennen“ erklingen in der stockfinsteren Kirche. Stille. „Also beschäftigt sich die Pornographie damit.“ Neun große Boxen leuchten rot auf. Schatten bewegen sich lasziv zu südlichen Klängen und eröffnen die Tanzperformance des Jugendzentrums, „Intimität & Beziehung“ (https://www.youtube.com/watch?v=SEcigupmJEk). Mit einem Sprung brechen die Tänzer aus den Boxen, Musik und Bewegungen werden heftiger, getriebener. Unangenehm nah drängen die Darsteller sich an die Zuschauer. Gleichzeitig bringen sie die pulsierende Kraft des Triebes in den Raum. Plötzlich bricht die Musik ab, wechselt dumpfen, heftigen Klängen, die Boxen färben sich blau, und eine Stimme ruft: „Die Sünde des Fleisches ist die oberflächlichste, schlimmer sind Stolz und Egoismus, Grundsünden, die wir fromm schlucken.“ Wie weltflüchtige Asketen marschieren die Jugendlichen an den Boxen vorbei. Ignorieren die Schatten in den Boxen, die sich sehnen, wahrgenommen zu werden. Bis zur Unerträglichkeit fährt die Musik eine Dauerschleife. Wie befreiend wirken die sanften Töne, die sich zaghaft dazwischenschieben! Einer nach dem anderen löst sich vom Fließband und wendet sich den Boxen zu. Die Bewegungen werden zu einem Dialog zwischen Außen und Innen, der schließlich die trennende Wand durchbricht. „Wir können die Sexualität nicht von uns schütteln, wir können den Motor des Lebens nicht verachten. Aber weil wir ihn lieben, wollen wir ihn achten.“ Die beiden Kräfte – Trieb und Askese – beginnen miteinander zu tanzen. Noch wirkt es mehr wie ein Kampf, einmal dominiert der Trieb, dann wieder die Askese. Erst mit der Zeit lernen sie aufeinander zu hören, sich aneinanderzuschmiegen, einander zu geben. Schatten des Herzens Jesu erscheinen in den roten Boxen. Zu den vergehenden Klängen kehren die Paare verändert in die Boxen zurück: „Gott, lass uns nicht vergessen, dass der Sex nicht die letzte Wirklichkeit ist, dass er nur einen Sinn hat, wenn die Liebe ihn verwandelt.“

Begeisterung erfüllt den Kirchenraum.

Ein weites und starkes Netz der Beziehungen hatte dieses sensible Projekt ermöglicht. Das Erste war ein Handschlag zwischen dem Choreographen und mir. Daran knüpften sich zahlreiche Jugendliche an: Tänzer, Musiker, Licht- und Bühnentechniker sowie ein Medienteam. Es war eine intensive, gemeinsame Auseinandersetzung, die das Netz wachsen ließ. Nicht nur in der Größe, sondern vor allem in den Beziehungen der lebendigen Knotenpunkte zu sich selbst, zu anderen, zu Gott. Darin lag seine vereinende Kraft, die sich auf die Zuseher übertrug. Sie fühlten sich in dieses Netz aufgenommen und erlebten so den Kirchenraum als das, was er ist: ein Ort der Beziehung.

Darüber staunten viele. Vermutlich glichen wir dabei Petrus beim Anblick des vollen Netzes. Was für eine Weite und Kraft hat das Netz, wenn wir es dazu verwenden, wozu es geknüpft worden ist: Beziehung zu ermöglichen.

6. April 2018
von Ruth Zenkert
Gott eine Chance geben

Was bringe ich ein? Woraus kann der Auferstandene das Neue, das Überraschende, das Große, das Wunder wirken?

Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt!
Joh 21,10

Was bringe ich ein? Woraus kann der Auferstandene das Neue, das Überraschende, das Große, das Wunder wirken?

Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt!

Joh 21,10

Immer wenn ich die Zufahrtsstraße nach Hosman passierte, stand am Wegrand ein großer, kräftiger junger Mann und schaute. Er grüßte, hatte aber keine Lust, sich in ein Gespräch verwickeln zu lassen. Manchmal sah ich ihn auch weit draußen an der großen Hauptstraße. Dann ging er mit schnellem Schritt, blickte auf den Boden und schaufelte mit den Armen weit nach vorn und zurück. Eines Tages hielt uns sein Vater auf mit dem Anliegen, in seinem Häuschen ein Zimmer anzubauen. Sein Sohn Nicu sei schizophren und sehr gefährlich. Er könne nicht mit ihnen im gleichen Zimmer wohnen. Wenn er einen Anfall bekomme, schlage er alles kurz und klein. Seine Frau fürchte sich. Wir gingen mit dem Vater in das kleine Häuschen. Da saß der kräftige junge Mann, den ich von der Straße kannte, und schrieb. Wir fragten ihn, was er schreibe. Die Mutter fuhr sofort dazwischen: Nur Blödsinn. Wir schauten auf den Zettel. In gleichmäßigen Zügen waren dort viele Kringel und Bögen aufgezeichnet, die wie eine Mischung von georgischer und hebräischer Schrift aussahen. Er las uns vor, was er geschrieben hatte, und folgte beim Lesen mit dem Finger den einzelnen Buchstaben: Von der Erschaffung der Welt, von Gott, über die Worte, wie sie sich in der Schöpfung formten. Nicu fragte, ob er von uns Stifte und dicke Hefte zum Schreiben bekommen könne. Die Mutter stöhnte: Wenn er Papier hat, schreibt er den ganzen Tag diesen Blödsinn, bis zum letzten Millimeter. Er habe einmal gearbeitet, hier im Dorf und in Spanien, dann in Deutschland. Von dort sei er verrückt zurückgekommen. Seither schreibe er nur noch und mache Probleme. Er rauche hier im Zimmer und gehe nicht mal für seine Notdurft hinaus. Und nun insistierte der Vater: Baut uns ein Zimmer für Nicu! Doch dafür sahen wir keine Notwendigkeit.

Eines Tages stand vor dem Haus eine Palette mit Ziegeln, ein unausgesprochener Befehl an uns. „Ihr braucht kein Extra-Zimmer für Nicu“, sagten wir den Eltern. „Ihr müsst euch nicht vor ihm fürchten.“ Immer wieder besuchten wir den kräftigen Burschen, er begann von sich zu erzählen und fragte jedes Mal nach neuen Heften. Oft las er aus seinen Büchlein vor, Phantasiegeschichten, die er in seine Aufzeichnungen verwoben hatte. Es gab keinen schizophrenen Anfall mehr. Die Mutter verlor ihre Furcht. Der Sohn blieb bei den Eltern wohnen. Und eines Tages waren die Bausteine wieder von der Straße verschwunden.

Das Wunder setzt im Alltäglichen an. Die Schüler Jesu haben zwar schon gelernt, Menschen zu fischen, doch ihren Brotberuf üben sie weiterhin aus, um ihre Schule und ihre Familie zu ernähren. Ihr alltägliches Tun und was sie mit Mühe erreicht haben, nimmt Jesus auf. „Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt!“

Ostern setzt im Alltag an. Was bringe ich ein? Woraus kann der Auferstandene das Neue, das Überraschende, das Große, das Wunder wirken?

30. März 2018
von Ruth Zenkert
Das eine Brot, eine geistliche Beziehung

Wo hast du Gemeinschaft in der Tiefe erlebt? Still und staunend.

Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf einen Fisch und Brot liegen.
Joh 21,9

Wo hast du Gemeinschaft in der Tiefe erlebt? Still und staunend.

Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf einen Fisch und Brot liegen.

Joh 21,9

Rudolf denkt an Amir. Ob er in Paris eine Arbeit finden wird? Ob er es schaffen wird, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen? Seine Gedanken kreisen um den jungen Syrer, der für ihn ein Freund geworden ist und ihn nicht mehr loslässt. Eine Nacht lang erzählte Amir, der bei Rudolf aufgetaucht war, seine Geschichte. Wie Amirs Familie in Frieden lebte, wie der Krieg hereinbrach und er Eltern und Haus verlor, wie er flüchtete und jetzt nur den einen Wunsch habe, arbeiten und leben zu können. Rudolf ist Pfarrer und hat sein Leben für seine Gemeinde hingegeben. Er war erfolgreich und beliebt, hat Jugendgruppen aufgebaut. Er hat viele Menschen begleitet, Schicksale mitgetragen. In der Pension wurde es still um ihn, fast einsam. Nun stand Amir vor ihm, eine kleine Überforderung. Rudolf fand einen Betrieb, wo Amir die Tischlerausbildung machen konnte. Der Junge strengte sich an, lernte Deutsch und schaffte den Abschluss. Er begann, Pläne für seine Zukunft zu schmieden. Dann brachte die Post den befürchteten Brief von der Fremdenpolizei. Der Asylantrag war abgelehnt, Amir musste innerhalb von dreißig Tagen das Land verlassen. Rudolf kämpfte um Amir, er knüpfte an alte Beziehungen an, um einzugreifen. Amir hatte alle Bedingungen erfüllt, um in Österreich aufgenommen zu werden. Er musste eine Chance bekommen, seine Zukunft anpacken können. Doch alle Antworten waren negativ. Rudolf suchte einen Weg, einen legalen gab es nicht mehr. Er riskierte viel, als er den Jungen nach Frankreich schleuste. Er fand Freunde aus seinen Jugendtagen, die Amir aufnahmen. Dort lebt er jetzt und versucht es aufs Neue. Sein Französisch-Wörterbuch hat Rudolf seinem jungen Freund mitgegeben. Ja, Amir ist nicht nur ein Schützling, er ist ein Freund geworden für Rudolf. Einer, der in seinem erfolgreichen Leben so viele Menschen um sich hatte, hat das schönste Geschenk der spannenden Beziehung bekommen, einen „Sohn“.

Der alte Pfarrer begegnet Jesus auf neue Weise, ähnlich wie die Schüler Jesu ihn nach der Auferstehung erlebt haben. „Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf einen Fisch und Brot liegen.“ Es sind nicht mehr die vielen Fische und die zahllosen Brote, die der irdische Jesus der Menge gereicht hat, sondern ein Fisch und ein Brot. Bemerkenswert, dass sie den Fisch nicht selber gefangen haben, sondern ihn überrascht auf dem Kohlenfeuer finden. Er ist ihnen geschenkt. Keine Öffentlichkeit, sondern eine zutiefst persönliche Nähe gibt der Auferstandene seinen Schülern. Von jetzt an sind sie mit Jesus nicht durch äußere Taten, sondern innerlich verbunden. Es ist eine geistliche Beziehung geworden, die sie mit Jesus haben. In „Geist und Wahrheit“ ist und bleibt er bei ihnen und sendet sie aus. Eine neue Art der Gemeinschaft, wie sie der Pfarrer im Flüchtling gefunden hat.

Wo hast du Gemeinschaft in der Tiefe erlebt? Still und staunend.

23. März 2018
von Josef Steiner
Die Kraft der Gemeinschaft

Wenn ein Lehrer in Not ist, sind starke Schüler gefragt, die an einem Strang ziehen.

Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her.
Joh 21,8

Wenn ein Lehrer in Not ist, sind starke Schüler gefragt, die an einem Strang ziehen.

Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her.

Joh 21,8

Von Israel ben Elieser, dem Begründer der spirituellen Bewegung des Chassidismus, werden vor allem Eigenschaften, Taten und Werke berichtet, die von seiner geistigen Tiefe, von seiner therapeutischen Kraft und klugen Menschenführung Zeugnis geben. Martin Buber aber hat in seiner Sammlung chassidischer Erzählungen auch eine Situation festgehalten, in der der große spirituelle Führer – heute würde man ihn Guru nennen – in Not ist. Eingebettet ist die Szene in einen uns fremden frommen Brauch, am Abend des Versöhnungstages ein Segensgebet an den am Himmel leuchtenden Mond zu richten. Als dankbares Zeichen dafür, dass am Versöhnungstag, so wie der Mond Licht in die Nacht bringt, Gott Licht in das Dunkel der Menschen und in deren Sünde und Gottferne gebracht hat. Weil aber Wolken den Mond verdeckten und die Wolkendecke sich trotz seines intensiven Gebets nicht lichtete, wurde Israel ben Elieser immer schwermütiger, zog sich in sein Haus zurück und verlor schließlich die Hoffnung. „Inzwischen hatten die Schüler“ – so Martin Buber -, „die von der Kümmernis ihres Lehrers nicht wussten, sich im äußeren Haus versammelt und zu tanzen begonnen. Denn so pflegten sie an diesem Abend die durch den hohenpriesterlichen Dienst vollzogene Sühnung des Jahrs in festlicher Freude zu begehen. Als die heilige Lust höher stieg, drangen sie tanzend in die Kammer ihres Lehrers ein. Bald übermächtigte sie die Begeisterung, sie fassten den verdüstert Sitzenden an den Händen und zogen ihn in den Reigen. In diesem Augenblick erscholl ein Ruf von draußen. Unversehens hatte sich die Nacht erhellt; in nie zuvor gesehenem Glanze schwang der Mond am makellosen Himmel.“ Begeisterte Schüler, die ihren Lehrer tragen.

Jesus hatte das Glück, starke Schülerinnen und Schüler zu haben, die in schweren Zeiten mit ihm solidarisch waren. Als ein gefährlicher Besuch in der Nähe Jerusalems beim sterbenden Freund Jesu, bei Lazarus, bevorstand, machte sich Thomas zum Sprecher der Gruppe und sagte: „Gut, dann gehen wir mit dir, um zu sterben.“ Als die Bewegung mit Jesus auf der Kippe stand und am Zerbrechen war, ergriff wiederum Petrus für alle das Wort und sagte: „Wir bleiben.“ Und jetzt, nach seinem Tod, ist Jesu Wirken ganz von seinen Schülern abhängig. Und sie enttäuschen ihn nicht, folgen seinem Hinweis, auf originelle, neue Weise Menschen zu gewinnen, und haben Erfolg. Petrus als Führungskraft zeigt seine Begeisterung und Liebe zu Jesus spontan mit einem Lauf durch das Wasser. Die sechs anderen packen zu, erledigen die Arbeit, schleppen den Erfolg, die gefüllten Netze, an Land. Ein Bild für die gemeinsame Mühe, Menschen aus allen Völkern an Land zu ziehen. Jesu Werk geht weiter. Wenn ein Lehrer in Not ist, sind starke Schüler gefragt, die an einem Strang ziehen.

16. März 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Dienstagnachmittag

Im Alltag erscheinen Wünsche oft unerfüllbar und werden leicht vergessen. Dann braucht es einen Anstoß von außen.

Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See.
Joh 21,7

Im Alltag erscheinen Wünsche oft unerfüllbar und werden leicht vergessen. Dann braucht es einen Anstoß von außen.

Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See.

Joh 21,7

Hans wartet. Es ist schön, wieder einmal warten zu können. Das hat Hans schon lange nicht mehr erlebt. Nicht, dass sein Leben so aufregend wäre, dass er keine Zeit zum Warten hätte. Nein, Hans mangelt es nicht an Zeit. Viele würden ihn um seine Zeit beneiden. Er hat davon so viel, dass er verlernt hat zu warten. Denn sein Alltag ist gut strukturiert. Alles läuft nach Plan. Er ist gut versorgt im Seniorenheim. Das Pflegepersonal kümmert sich liebevoll um ihn. Mit seinen mehr als 80 Jahren braucht er diese Hilfe.

Aber heute wartet Hans. Es ist Dienstagnachmittag. Er blickt aus dem Fenster, betrachtet die Nordkette und genießt die in ihm langsam aufsteigende Lebensenergie. Er weiß nämlich, dass in wenigen Minuten Tobi in sein Zimmer treten wird. Schon eine Ewigkeit hatte Hans keine Besucher mehr. Er hatte sich an seine Einsamkeit gewöhnt. Doch seit knapp einem halben Jahr kommt Tobi ihn jeden Dienstag besuchen. Dabei sind sie weder verwandt noch kannten sie sich von früher. Tobi könnte mit seinen 22 Jahren sein Enkel sein.

Wenn der Student auftaucht, wird der alte Mann von dessen jugendlicher Lebensfreude regelrecht angesteckt. Eine herrliche Mischung aus Respekt und Keckheit schwingt in Tobis ganzem Wesen. Kein Wunder, dass er sich kaum der vielen Freunde erwehren kann. Er erzählt gerne von ihnen, von der Rasselbande, die er in einem Jugendzentrum leitet, oder den gemeinsamen Reisen mit seiner Freundin. Manchmal bringt er auch einen Freund mit. Vor allem aber hört Tobi aufmerksam zu. Ihn interessiert die Lebensgeschichte von Hans. Und wenn es einmal nichts zu erzählen gibt, ist das beiden auch nicht unangenehm. Sie genießen gemeinsam die Stille. Es ehrt Hans, dass sich Tobi neben all seinem Programm jeden Dienstag für ihn Zeit nimmt.

Tobi spürte schon seit langem den Wunsch, ältere Menschen zu besuchen. Er wollte ihre Lebensgeschichten erfahren. Aber die Überwindung, einfach auf Fremde zuzugehen, war ihm doch zu groß. Auch kannte er niemanden aus seinem Freundeskreis, der ihn dabei unterstützen hätte können. So trat diese Sehnsucht in seinem Studentenalltag leise in den Hintergrund. Erst mit seinem Einzug in die „Spirituelle Wohngemeinschaft“ der Studentenpfarre änderte sich das. Zu diesem Programm, das die Jesuiten organisieren, gehört ein wöchentlicher sozialer Einsatz. Er wurde für Tobi zur wichtigsten geistlichen Schule in seinem Jahr in der Wohngemeinschaft. Ähnlich wie Petrus brauchte er einen Anstoß, um seiner verborgenen Sehnsucht wieder Raum zu geben. Er musste erst hören, dass jemand auf ihn wartete, um den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.

Und so will Tobi selbst heute, nach abgeschlossenem Bachelorstudium und mit einem noch volleren Kalender, die Zeit mit seinem erfahrenen Freund nicht missen. Der Dienstagnachmittag gehört Hans.

 

9. März 2018
von Ruth Zenkert
Auf der rechten Seite des Bootes

Wer hat mir im Misserfolg durch sein Vertrauen weitergeholfen? Wer sagte mir ein Wort, das mich neu beginnen ließ? Und mich menschlich weiterbrachte?

Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es.
Joh 21,6

Wer hat mir im Misserfolg durch sein Vertrauen weitergeholfen? Wer sagte mir ein Wort, das mich neu beginnen ließ? Und mich menschlich weiterbrachte?

Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es.

Joh 21,6

Er ist Epileptiker, stottert, hat leichte motorische Störungen. Die Schule hat er nicht abgeschlossen, keine Ausbildung, kein Arbeitsplatz. Sebastian war den ganzen Tag zuhause, die alleinerziehende Mutter verzweifelte. Sie hörte von unserem Projekt, unserer Gemeinschaft. Ob Sebastian bei uns mitarbeiten könne? Wir nahmen ihn auf. In der Tischlerei begann er. An die gefährlichen Maschinen durfte er nicht, damit er wenigstens noch seine zehn Finger behielt. So sollte er die Malarbeiten übernehmen. Oft flogen die Farbtöpfe um, seine Arbeitskleidung war manchmal mehr vom Rot getränkt als die Hinweisschilder, die er beschriften sollte. Doch wir stellten fest, dass Sebastian viele Begabungen hat. Er ist belesen, hat einen reichen Wortschatz, macht sich viele Gedanken. Im Morgengebet erklärte er die Bibelstelle und überraschte uns mit seinem starken Glauben und mit aufbauenden Gedanken. An den Gemeinschaftsabenden, wenn wir Musik machten, ergriff er das Mikrofon und rappte voll Hingabe, mit starker Stimme und oft mit spontanen Texten. Er übernahm Dienste im Haus. Doch dann verliebte er sich in eine Volontärin – und prallte mit seiner Liebesenergie an ihr ab. Sie wusste ihn zu reizen und genoss sein phantasievolles und intensives Werben, um ihn dann wieder zu demütigen. Sebastian war fertig. Als wir alle im Wohnzimmer saßen, kam er herein – ein Blick auf seine Angebetete, ihr Blick. Das war zu viel. Er knallte ein Buch in die Ecke, stapfte hinaus, die Türe flog zu, die Scheiben klirrten.

In seinem Zimmer wartete er darauf, dass ich ihn nach Hause schickte. Er reflektierte alles sehr klar, auch die „chemischen und physikalischen Vorgänge“, die ihn bestimmten. Im Gespräch hörte ich seine Sehnsucht heraus, seine enttäuschte Liebe. Er folgte dem Ratschlag, nicht an seiner Enttäuschung zu hängen, sondern die anderen in der Gemeinschaft wahrzunehmen. Sebastian begann mit unseren Kindern Lesen zu üben, zu spielen, zu musizieren. Er ist ein sensibler großer Bruder für sie geworden. Die Kinder schauen zu ihm auf. Manchmal stottert er nicht mehr beim Reden.

Sebastian brauchte in der Not Ermutigung und nicht Prügel. Wie die Schüler Jesu nach der erfolglosen Nacht beim Fischen. Auf „der rechten Seite“ des Bootes sollen sie jetzt das Netz auswerfen. Was meint Jesus damit? Die rechte Seite ist in der Bibel die Ehrenseite. Der Messias sitzt zur Rechten Gottes. Jesus blamiert die erfolglosen Fischer nicht, sondern rückt sie auf den Ehrenplatz. Sein Wort des Vertrauens im Augenblick des Misserfolgs macht die Versager wieder leistungsfähig und verändert sie. Früher waren sie Fischer, jetzt lernen sie, was es heißt, Menschenfischer zu sein.

Wer hat mir im Misserfolg durch sein Vertrauen weitergeholfen? Wer sagte mir ein Wort, das mich neu beginnen ließ? Und mich menschlich weiterbrachte? Wie Sebastian, der plötzlich mit anderen reden konnte.

2. März 2018
von Georg Sporschill SJ
Zuerst die Nähe, dann die Aufgabe

Von wem kannst du etwas verlangen, weil du ihm oder ihr Vater oder Mutter bist? Wer ist dein geistiges Kind?

Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Joh 21,5

Von wem kannst du etwas verlangen, weil du ihm oder ihr Vater oder Mutter bist?

Wer ist dein geistiges Kind? Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.
Joh 21,5

Barbara war eine der Ersten, die sich auf meinen Hilferuf hin meldeten: Ich suchte in der Pfarre Jugendliche, die mich bei Besuchsdiensten im Altersheim unterstützen sollten. Ein Mädchen hatte mich gebeten, dort ihre Großmutter zu besuchen. Da fragte mich die Zimmerkollegin der alten Dame, ob ich nicht auch zu ihr kommen könnte, sie habe keine Angehörigen. Das nächste Mal überraschte mich eine Pflegerin mit der Bitte, noch im nächsten Zimmer vorbeizuschauen. So wuchsen mir immer mehr pflegebedürftige Menschen ans Herz. Allein aber schaffte ich es nicht mehr. So hatte ich meine Jugendlichen gefragt, wer eine Partnerschaft im Altersheim übernehmen könne. Gerade freute ich mich über die Zusage von Barbara, da rief mich ihre Mutter an. Barbara dürfe nicht noch mehr Zeit in der Pfarrjugend verbringen. Sie solle mehr lernen, um das Schuljahr nicht wiederholen zu müssen.
Am Nachmittag kam Barbara zu mir, wütend und enttäuscht. Ich machte ihr einen Vorschlag: Komm nach der Schule zu mir, wir lernen miteinander Französisch. Eine Freundschaft entstand zwischen uns, eine Freundschaft zwischen dem katholischen Kaplan und einer evangelischen Familie. Barbara wurde eine gute Schülerin und eine meiner besten Jugendleiterinnen. Wie kaum ein anderer Mensch wurde sie für mich zu einer Brücke, über die ich in die Herzen vieler junger Menschen gelangte.

Bemerkenswert ist, wie Jesus seine Schüler anspricht: „Meine Kindlein!“ Die vertrauliche Anrede der jungen Männer, die er für seine Schule ausgewählt hat, beschreibt die Atmosphäre. Jesus ist nicht nur der intellektuelle Lehrer, sondern gleichsam ein Vater für seine Schüler. Sie sollen von ihm seine Lebensweise übernehmen. Sie dürfen ihn drei Jahre lang Tag und Nacht begleiten, bei ihm wohnen. So werden sie zu geistigen Kindern, die das Werk des Messias weiterführen. Außer dieser zärtlichen Nähe fällt auf, dass der Auferstandene von seinen Schülern als Erstes etwas verlangt: „Habt ihr keinen Fisch zu essen?“ Dieser Anspruch überfordert sie zunächst. Sie waren professionelle Fischer und hatten trotz aller Kunst die ganze Nacht nichts gefangen. Jesus aber gibt ihnen die Kraft, den momentanen Misserfolg zu überwinden, indem er sie in der Anrede umarmt, sie seine Freundschaft spüren lässt. Daraufhin folgt der Anspruch an sie. Sie werden jetzt und in Zukunft die Speise, die geistige wie die materielle, beschaffen müssen. Das können sie, weil sie in der Verbindung mit ihrem Lehrer geborgen sind und von seiner Erwartung herausgefordert werden.

In der Geschichte mit Barbara lernte ich von Jesus, dass es zuerst um Freundschaft geht; erst dann kann ein Anspruch erhoben werden. Erst nachdem ich absichtslos wahrgenommen hatte, wo sie in Not war, und mich ihr zuwandte, wurde sie fähig zu großer Leistung. Zunächst in ihren schulischen Verpflichtungen, dann aber auch in der Jugendarbeit.

Welcher Lehrer interessiert sich für dich so, als ob du sein Sohn oder seine Tochter wärst? Von wem kannst du etwas verlangen, weil du ihm oder ihr Vater oder Mutter bist? Wer ist dein geistiges Kind?

23. Februar 2018
von Josef Steiner
Schrittweise begreifen

Neues denken und Neues verstehen, das braucht seine Zeit. In welchen Lernprozessen stehe ich?

Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.
Joh 21,4

Neues denken und Neues verstehen, das braucht seine Zeit. In welchen Lernprozessen stehe ich?

Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.

Joh 21,4

Rabbi Israel ben Elieser, der Begründer der spirituellen jüdischen Bewegung des Chassidismus, war in seiner Jugend Schuldiener und Kinderlehrer. Zeitweilig arbeitete er als Fuhrmann bei seinem Schwager. Und eine Zeitlang übte er im Dorf Koschilowitz den Beruf als Schächter aus. Eines Tages, so berichtet Martin Buber in seinen chassidischen Erzählungen, befiel im benachbarten Städtchen Jaslowitz zwei Söhne des dortigen Rabbis – einer siebzehn, der andere elf – ein unbändiges Verlangen, den Schächter in Koschilowitz aufzusuchen. Den Grund wussten sie nicht, deswegen konnten sie ihn auch niemandem mitteilen. Heimlich brachen sie zu Israel ben Elieser auf und blieben einige Zeit bei ihm. Daheim vermisste man sie, dann fand man sie in Koschilowitz und brachte sie wieder heim. „In seiner Freude unterließ der Vater tagelang, sie auszuforschen. Endlich fragte er sie gelassen, was sie denn so Großes an dem Schächter in Koschilowitz gefunden hätten. ,Auszumalen ist das nicht`, antworteten sie, ,aber du magst uns glauben, dass er weiser als die ganze Welt und frömmer als die ganze Welt ist.`“ Sie erahnten die verborgene und erst spurenhaft sich andeutende Tiefe dieses einen so besonderen Beruf ausübenden Mannes. Später schlossen sich beide Jugendliche dem inzwischen zu einem großen Rabbi und berühmten Lehrer gewordenen Schächter an und wurden seine wichtigsten Schüler und Überlieferer der chassidischen Bewegung.

Auftrag und Werk Jesu, die Bibel zu den Völkern zu bringen, weil sie für alle Menschen einen gangbaren Weg birgt, ist etwas Neues. Sie nicht sofort zu verstehen und in ihren tiefen Dimensionen zu begreifen, ist dem Werk Jesu eingestiftet. Es ist kein böser Wille oder Dummheit, wenn von allen in diesem Prozess Involvierten so oft von Nichtwissen und Nichtverstehen die Rede ist. Das ist Ausdruck eines Lernprozesses und einer intensiven Suchbewegung. Vor allem die Verantwortlichen in Religion und Politik und ihre engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind davon betroffen. Die Verantwortlichen, die ihren Weg in der Nachfolge Mose und seiner Weisungen gehen, gestehen sich ein, dass sie nicht wissen, woher Jesus Freiheit und Kraft zu seinen autoritativen Reden hat. Seine engsten Schülerinnen und Schüler verstehen oft seine Gleichnisse, seine Reaktionen und vor allem seine Worte nicht, wenn er von seiner Zukunft und seiner Auferweckung und seinem Weg zum Vater spricht. Nichtwissen, Nichtverstehen begleiten von Anfang an ihr Lernen mit ihm.

Das bleibt auch so nach der Katastrophe, nach Jesu Tod. Wie soll es weitergehen? Zwar lichtet sich für die verbleibende kleine Schülerschar die Nacht. Umrisshaft, schemenhaft, fern am Ufer tritt aus dem Dunkel eine Gestalt in ihr Leben. Es ist Jesus, er lebt. „Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.“ Ein neuer Lernprozess, mit ihm in veränderter Weise sein Werk weiterzuführen, steht bevor. Neues denken und Neues verstehen, das braucht seine Zeit. In welchen Lernprozessen stehe ich?

16. Februar 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Der Griff ins Leere

Neues irritiert. Vor allem wenn selbst der Rückgriff auf Bewährtes nichts bringt.

Aber in dieser Nacht fingen sie nichts.
Joh 21,3b

Neues irritiert. Vor allem wenn selbst der Rückgriff auf Bewährtes nichts bringt.

Aber in dieser Nacht fingen sie nichts.

Joh 21,3b

Wir standen an der Bar und genossen wie früher unsere Gin Tonics. Viele Jahre waren seit unserer gemeinsamen Studienzeit vergangen, jetzt hatten wir uns bei der Hochzeit einer guten Freundin wiedergetroffen. Patrick war inzwischen erfolgreicher Unternehmer. Sein analytisches Talent und seine schnelle Entscheidungsfähigkeit, gepaart mit einer guten Portion Chuzpe, verhalfen ihm zu einer steilen Karriere. Die Summen, mit denen er täglich jonglierte, ließen mir die Ohren schlackern. Aber noch mehr sein ungeschminkter Hochmut. Wie fremd erschien er mir, als er über seine Mitarbeiter sprach. Ein Macher stand vor mir, der alles im Griff hatte und die anderen wie Marionetten führte. Irgendwann riss mir der Geduldsfaden. Aber meine scharfen Worte prallten an seinem Ego ab.

Monate später steckte Patrick in einer tiefen Krise. Für die Aussicht auf noch mehr Profit hatte er seine Firma verlassen und das Unternehmen gewechselt. Doch dieser Deal hatte nicht gehalten, was er versprochen hatte. Gleichzeitig ging seine langjährige Beziehung in die Brüche. Nun klang seine Stimme unsicher, voller Ärger über seine Fehlentscheidung. In seiner Orientierungslosigkeit suchte er Sicherheit im Glauben. Für ein paar Tage zog er sich in ein Kloster zurück, sprach mit Geistlichen und verschlang fromme Bücher. Analytisch nahm er seine Situation auseinander und kritisierte sich rücksichtslos. Er wollte alles anders machen. Aber er brauchte einen Job, etwas, wo er sich wieder spüren konnte. Trotz seines psychischen Zustands erkämpfte er sich mit beeindruckender Disziplin drei Angebote. Schließlich traf er eine Wahl. Zurück im Geschäft, kam auch der Erfolg wieder. Doch von Lebensfreude war keine Spur. Eine erdrückende Leere machte sich breit. Dabei hatte er doch so auf Gott vertraut.

Ähnlich wie Patrick sind die Jünger in ihr früheres Leben zurückgekehrt. Die jüngsten Erfahrungen von Tod und Auferstehung ihres Freundes haben Orientierungslosigkeit hinterlassen. Was sollen sie jetzt tun? Enttäuschung schimmert durch die Worte des Evangelisten: Sie kehrten in ihre früheren Berufe zurück, ergriffen Altbewährtes. In ihrem Können suchten sie Sicherheit und fischten in bekannten Gewässern. Doch diese Wiederholung ging nicht auf. Sie blickten ins Leere. Welche Dramatik! Auf einmal scheint nicht mehr das Kreuz die größte Herausforderung für die Botschaft Jesu, sondern die Angst der Jünger, ihre Netze loszulassen.

Patrick ist weiterhin ein erfolgreicher Unternehmer, seine Lebensfreude aber ist auch nach Monaten noch nicht zurückgekehrt. Seine innere Leere nimmt er ernst. Sie erinnert ihn daran, dass er seiner neuen Situation noch nicht gerecht geworden ist. Es ist noch ein Weg zu gehen. Wohin ihn dieser führen wird, ist ihm unbekannt. Das Spiel mit Marionetten hat er aufgegeben. Ob ihn diese Ungewissheit nicht verrückt mache? Nein, er sei selbst überrascht, aber er spüre eine tiefe Gelassenheit. Auch sein Gebet habe sich verändert, wie auch seine Stimme. Sie klingt weder hochmütig noch wehmütig. Vielmehr verbreitet er eine gereifte Hoffnung, ohne träumerisch zu wirken. Er wartet geduldig auf den Morgen.