Bimail – Bibel für Wagemutige

Bimail

Das Team um P. Georg Sporschill SJ greift für jede Woche im Jahr
einen Satz aus der Bibel heraus. Das Wort wird erklärt und
durch Erfahrung veranschaulicht. Bimails sind Bibelworte
für unsere Zeit: keine Predigten, sondern Anleitungen
zum Weiterdenken.
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7. Dezember 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Freisetzende Erdung

Was hilft mir meine Berufung zu leben?

„Gott machte die beiden großen Lichter, das große zur Herrschaft über den Tag, das kleine zur Herrschaft über die Nacht, und die Sterne.“
Gen 1,16

Was hilft mir meine Berufung zu leben?

„Gott machte die beiden großen Lichter, das große zur Herrschaft über den Tag, das kleine zur Herrschaft über die Nacht, und die Sterne.“

Gen 1,16

Sie fiel kaum auf. Die meisten Jugendlichen konnten mit ihr wenig anfangen. Manche schluckten ihre Präsenz wie eine bittere Pille, viele störten sich nicht an ihr. Anderen wiederum gefiel der Kontrast, den ihre Anwesenheit ausstrahlte. Ihr Platz war neben der Bar, zwischen Filmpostern von „Romeo und Julia“ und „Easy Rider“. Von Attraktivität keine Spur. Ihre Gestalt war vielmehr klobig und groß, etwa 90 Zentimeter hoch. Ihre Linien folgten der Marienfigur am Montserrat, einem spanischen Pilgerort in der Nähe von Barcelona. Dort hatte unser Ordensgründer, Ignatius von Loyola, lebensprägende, geistliche Erfahrungen. Aber hier mitten im Jugendzentrum? Hatte das nicht den Hauch einer Verhöhnung? Oder einer postmodernen Anbiederung? Über die Jahre war sie zur Hausdame geworden. Immerhin prägte sie den Namen des Jugendzentrums: „Marianische Kongregation“.

Ob das auch für die Jugendlichen galt? Sie legten ihre Lebenswelt vor der Türe nicht ab, sondern brachten sie rein in das Zentrum. Dafür war es da. Hier probierten sie sich. Checkten aus, wie sie gesehen wurden. Etiketten wie „Opfer“, „Looser“, „Streber“ oder „Moralapostel“ standen nicht gerade hoch im Kurs. Vielmehr die Labels ihrer Klamotten. Shopping gehörte zum Alltag wie das Amen zum Gebet. Die neuen Errungenschaften frönten dem eigenen Prestige. In diesem gängigen Wettkampf um die obersten Plätze der Vergötterung behaupteten sich andere mit ihrer scharfen Zunge oder fein platzierten Scherzen. Einige Bonuspunkte erzielte natürlich auch die jeweilige Trinkfestigkeit. Besonders gefinkelt waren schließlich jene, die sich durch ihr „Understatement“ profilierten. Ungeschminkt ließen sie mich an ihrer Welt teilnehmen. Und mich erkennen, dass ich in ihr wahrlich kein Fremdkörper war.

Natürlich schmeichelten mir die spürbare Anerkennung, mein Erfolg und das Label des „coolen Jesuiten“. Manch meiner ironischen, saloppen Sprüche löste zuerst Verwirrung dann schallendes Gelächter aus und erhöhte letztlich meinen Podest.

Wie erdend war da unsere Hausdame für mich! In all ihrer Zurückhaltung unterbrach sie diese zeitgeistigen Vergötterungen.

Eine Unterbrechung, wie sie in ähnlicher Weise die Verse des Schöpfungshymnus ausdrücken. In ihrer altorientalischen Umgebung wurden Sonne und Mond als wichtige Götter verehrt. Das Gottesbild des Volkes Israel hingegen holte sie vom Götterhimmel auf die Erde. Wie alles andere sind sie geschaffen worden und erhielten klar begrenzte Aufgaben. Anstatt angebetet zu werden, durften sie Tag und Nacht leuchten und damit zur Entfaltung der ganzen Schöpfung beitragen.

Wie der Schöpfungshymnus wies mich Maria auf mein Gottesbild hin. Sie trug es in ihrem Schoß. So half sie mir, mich im Göttergewimmel immer wieder neu zu orientieren, um die Menschen zu sehen, die wir sind. Eine Erdung, die mich freisetzte meine Berufung leben und die Jugendlichen bei der Entfaltung der ihren begleiten zu können.

 

 

30. November 2018
von Ruth Zenkert
Sternstunden

Es gibt Sterne, Menschen und Stunden, die das Leben hell machen.

Sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, um über die Erde hin zu leuchten. Und so geschah es.
Gen 1,15

Es gibt Sterne, Menschen und Stunden, die das Leben hell machen.

Sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, um über die Erde hin zu leuchten. Und so geschah es.

Gen 1,15

An einem Sonntagmittag hatten wir mit Gästen eine kleine Aufführung vor unserer Musikschule geplant. Ich war schon neugierig, wie schnell die nervösen Nachbarn kommen würden, um sich zu beschweren: „Nicht mal am Sonntag haben wir unsere Ruhe!“ Es sind ausgewanderte Sachsen, die den Sommer in Siebenbürgen verbringen. „Im Dorf war es ruhig, bis ihr mit den Zigeunern gekommen seid“, so jammern sie. Wir würden diese vom Ortsrand in die Dorfmitte locken. Am Tag störe der Lärm der Musikschüler, nachts trieben sich am Vorplatz Jugendliche herum, die Lärm machten und Steine auf ihre Dachziegel werfen würden. Man könne hier nicht mehr leben, sie müssten ihre Fenster zumachen und die Türen versperren. Wenn wir ein Konzert oder eine Veranstaltung haben, zu der viele Dorfbewohner kommen, müssen wir immer vorher die Nachbarn beruhigen. Es gibt aber auch andere Dorfbewohner; die freuen sich darüber, dass auf dem lange verwahrlosten Grundstück jetzt ein schönes Gebäude steht, dass Kinder und Jugendliche eine sinnvolle Beschäftigung finden und schöne Musik erklingt. Leben sei wieder in das hoffnungslose Dorf eingezogen, so sagen sie.

Die Musikgruppe hatte sich also für das Konzert aufgestellt, die Roma-Familie in bunten Kleidern war versammelt, und es begann mit feuriger Musik. Schon rasten Kinder auf den Fahrrädern herbei, Leute schauten von der Straßenecke aus zu, und da erschienen auch die Nachbarn. Ich erwartete, dass der alte Herr schimpfen würde, aber er kam mit seiner Frau näher, hörte und schaute. Fröhliche Leute brachten ihre Gäste mit, immer mehr standen um uns herum. Und auf der anderen Bachseite versammelte sich hinterm Zaun die Familie des Dorfkaufmanns, sie sind die Reichsten und haben das Sagen. Selbst die Schwester des Kaufmanns, die im Rathaus über den Akten sitzt und immer streng ist, war gekommen. Einige fotografierten mit ihren Handys und nun begannen auch sie zu tanzen. Die Kauffrau entdeckte mich unter den Musikern und winkte mir fröhlich zu. Plötzlich waren wir alle eine Gemeinschaft geworden – Roma und Nicht-Roma, genervte Nachbarn und die wilden Krachmacher. Alle waren zusammengewachsen und sangen und tanzten. Der alte Sachse sagte mir danach: Ihr spielt wunderbar, die Kinder haben die Musik im Blut, so etwas bringen wir nicht zusammen. Es war eine Sternstunde für mich.

Wie dieser Augenblick meinen Alltag erhellt hat, der vom Dunkel der Diskriminierung der Roma gezeichnet ist, so hell sind auch die Sterne am Himmel. Sie sind dazu geschaffen, über der Erde zu leuchten, um Leben und Wachstum zu ermöglichen und die Herzen froh zu machen. Hier im Dorf gibt es nachts oft keine Straßenbeleuchtung, dann zeigt uns der Mond den Weg. Ich bestaune die Sterne, den Orion, den Großen Wagen, die Milchstraße, und bin dankbar für ihr Licht. Und ich denke glücklich daran, welche Menschen-Sterne und Augenblicke in mein Leben strahlen.

Es gibt Sterne, Menschen und Stunden, die das Leben hell machen.

22. November 2018
von Josef Steiner
Hilfreiche Leuchten

Wann haben mir Sonne, Mond und Sterne zur Orientierung geholfen?

Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen als Zeichen für Festzeiten, für Tage und Jahre dienen.
Gen 1,14

Wann haben mir Sonne, Mond und Sterne zur Orientierung geholfen?

Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen als Zeichen für Festzeiten, für Tage und Jahre dienen.

Gen 1,14

Es war oft und viel dunkel in dem Dorf, am Ende eines kleinen Tales gelegen, nur durch einen Tunnel erreichbar, von hohen Bergen umgeben, die der Sonne den Zugang erschwerten. Ein Elternhaus, ein Einödhof, eine halbe Stunde vom Dorfzentrum entfernt, an einem lawinensicheren Platz an den Waldrand gebaut, auf der Schattenseite des Tales. Drei Monate lang, vom 1. November bis zum 2. Februar, keine Sonne. Im gesamten Haus, wo es in meiner Kindheit erst in Stube und Küche elektrisches Licht gab, wurde es gegen Abend finster. Dunkle Kammern, finstere Gänge – immerhin zum Versteckenspielen und sich gegenseitig Erschrecken wunderbar geeignet – flößten Angst ein. Vor allem der Gang zum „Plumpsklo“ am Ende eines langen Balkons war für uns Kinder in der Nacht und im Winter eine besondere Herausforderung. Das Bettnässen hatte deshalb weniger tiefenpsychologische Gründe, zu wenig geliebt zu werden oder einsam zu sein – bei zehn Kindern und drei Pflegekindern nicht das Hauptproblem – als  praktische: Angst, Kälte, Bequemlichkeit, Unentschlossenheit. Und als wir größer wurden und manche Nächte im Dorf und in dessen Gasthäusern verbrachten, wurde die Heimkehr ohne Straßenbeleuchtung und über  ungesicherte Brücken zweier reißender Bergbäche zu einem gefährlichen Abenteuer.

Gott sei Dank gab es hilfreiche natürliche Leuchten am Himmel. Die Sonne. Am 2. Februar stellte die Mutter, eine tiefgläubige und lebenstüchtige Frau, in der Stube ein Glas Milch auf ein Fensterbrett, zur Begrüßung der Sonne, die in diesem Augenblick ihre ersten Strahlen in das Innere des Hauses schickte. Ein heidnischer Brauch zwar, wir Kinder lachten darüber, aber das kleine Zeichen signalisierte Dankbarkeit und Freude der Mutter. Der Frühling war nicht mehr weit, Licht, Wärme, geschenkt vom Schöpfer des Lichts, begannen neu das Schattendasein aufzuhellen. Dann der Mond. Eine Tante, naturverbunden und sensibel, wusste Bescheid über die verschiedenen Mondphasen und die damit verbundenen Kräfte. Wenn sie vom zunehmenden Mond sprach, war das ein gutes Wort zum Schlafengehen, denn der Gang zum Klo erschien dann leichter. Und schließlich die Sterne. Es mag vielleicht eine Täuschung gewesen sein: Aber in einer klaren Nacht, ich war nicht ganz nüchtern auf dem Heimweg, legte sich das Sternenmeer wie eine Decke mit tausend Lichtern über das Dorf und erhellte mit seinem diffusen Licht den Weg zu Elternhaus, Ruhe und Bett. Bruchstückhafte Erinnerungen aus einer Kindheit und Jugendzeit, in der technische Lichtquellen noch nicht die natürlichen überflüssig machten. Aber gerade darin sehr biblisch.

Denn Gott bastelte aus dem kosmischen Urlicht – so das biblische Bild – mit seinem Wort ein paar kleine für den Menschen nützliche Lichter und heftete sie an die von ihm gehämmerte Festplatte, an den Himmel. Die Sonne für den Tag, Mond und Sterne für die Nacht. Durch sie bekam die Zeit eine Ordnung, eine Form, einen Rhythmus. Wann haben mir diese „himmlischen“ Lichter zur Orientierung geholfen?

16. November 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Mächtige Worte

Welche Zusage gibt mir Halt mitten im Chaos?

„Dann sprach Gott: Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort und das Trockene werde sichtbar. Und so geschah es. Und Gott nannte das Trockene Land und die Ansammlung des Wassers nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war.“
Gen 1,9f

Welche Zusage gibt mir Halt mitten im Chaos?

„Dann sprach Gott: Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort und das Trockene werde sichtbar. Und so geschah es. Und Gott nannte das Trockene Land und die Ansammlung des Wassers nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war.“

Gen 1,9f

Sie schaut die werdenden Eltern an. Die junge Ärztin sucht nach Worten, kleidet ihre Erkenntnis in den Mantel des Verdachts: beim Kind könnte etwas nicht in Ordnung sein. Es wäre besser, wenn die Eltern einen Experten aufsuchen würden. Ihre vagen Worte genügen dem Vater nicht. „Was ist Ihre Vermutung?!“ Zögernd entfaltet sie ihre Deutung des Organscreenings. Der Kleinhirnwurm zwischen den beiden Lappen hat sich nicht gut entwickelt.

Sie vermutet ein Dandy-Walker Syndrom. Die Folgen können unterschiedlichen Grades sein. Aber die Wahrscheinlichkeit einer starken Behinderung und ständiger Schmerzen ist hoch. „Kann es sein, dass sie sich doch irren?“ fragt die Mutter nach. „Das würde ich mir wünschen, aber dann würde ich morgen hier kündigen.“ Ihr Verdacht fällt wie eine Flutwelle über die beiden. Ungewissheit wirft sie hin und her. Drei Tage später soll ihr Termin beim Experten sein. Simon und Agnes suchen nach Halt, erkundigen sich bei einer befreundeten Ärztin. Doch auch sie kann die Diagnose nur bestätigen. „Und bitte googlet nicht „Dandy-Walker Syndrom“! Wenn ihr Fragen habt, wendet euch direkt an mich.“ Natürlich googlen sie. Die beschriebenen Szenarien steigern ihr emotionales Chaos.

Sie müssen drei Stunden auf ihre ersehnte Untersuchung warten, um schließlich zu erfahren, dass der Experte noch im Urlaub ist. Ein anderer Arzt untersucht Agnes. Der Kleinhirnwurm sieht besser aus, aber eine totale Entwarnung kann er nicht geben. Die Ungewissheit bleibt. „Wird unser Kind Schmerzen haben? Wie werden wir unseren zweijährigen Sohn darauf vorbereiten? Wie werden wir das finanziell stemmen? Können wir unsere Berufe weiterverfolgen?“ Unter all ihren Fragen taucht eine nicht auf: Wollen wir dieses Kind? „Ja, ich weiß, vielleicht ist es eine naive Vorstellung. Doch wir sind uns sicher, dass wir auch dieses Kind aus ganzem Herzen lieben werden. Dass es glücklich sein wird.“ An dieser Zusage halten sie fest. Sie drängt die Macht der Anfragen zurück. Auf ihr stehend warten sie auf die Untersuchung.

Eine solche Zusage der Liebe bezeugt der Schöpfungshymnus. Beinahe kindlich naiv wirken seine Worte. Doch sind sie von Lebenserfahrungen eines Volkes durchwoben, das immer wieder von Großmächten überschwemmt wird. Die Fluten von fremden Streitkräften kann es nicht bändigen. Sie gleichen dem Meer, das aus der Sicht des kleinen Volkes für Chaos steht. Mitten in seiner Hilflosigkeit wendet es sich aber nicht an die fremden, siegreichen Götter, sondern kehrt sich vielmehr seinem Gott zu. Es erinnert sich an seine Zusage, „ich bin bei euch“ und ringt mit ihr. Dabei erfährt es immer wieder aufs Neue, wie diese Worte den hochschlagenden Krisen standhalten und entdeckt so ihre Tragfähigkeit. Von diesem errungenen Vertrauen kündet selbst sein Name: „Israel – der Gottesstreiter“ (Gen 32,29).

Schließlich ist der ersehnte Termin da. Der erfahrene Arzt schaut die werdenden Eltern an. Er braucht nicht nach Worten zu suchen. Der Kleinhirnwurm hat sich in der Zwischenzeit prächtig entwickelt. Solche Verzögerungen können vorkommen. Simon und Agnes sind fassungslos vor Freude.

 

 

9. November 2018
von Ruth Zenkert
Schauen, wo etwas wächst

Wo sprießt Grünes, wo sind Junge? Wachstum kann ich nicht hervorrufen, aber pflegen.

Dann sprach Gott: Die Erde lasse junges Grün sprießen, Gewächs, das Samen bildet, Fruchtbäume, die nach ihrer Art Früchte tragen mit Samen darin auf der Erde. Und so geschah es. … Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag.
Gen 1,11-13

Wo sprießt Grünes, wo sind Junge? Wachstum kann ich nicht hervorrufen, aber pflegen.

Dann sprach Gott: Die Erde lasse junges Grün sprießen, Gewächs, das Samen bildet, Fruchtbäume, die nach ihrer Art Früchte tragen mit Samen darin auf der Erde. Und so geschah es. … Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag.

Gen 1,11-13

An einem der letzten sonnigen Herbsttage führte mich Angela durch ihre Gärten. Sie ist verantwortlich für unsere Lehrlinge im Gartenbau. Wir begannen oben am Ortsrand beim Kartoffelacker. Drei Mädchen klaubten die letzte Reihe der guten Ernte auf und füllten die Säcke. Dieses Jahr bringen wir den Keller voll, es wird über den Winter reichen. Die kleinen Kartoffeln werden aussortiert, um im Frühjahr wieder gesetzt zu werden. Dann gingen wir den Abhang hinunter, hier wuchs nur Gestrüpp, schlechter Boden voller Steine und Lehm. Im Gewächshaus öffnete sich eine neue Welt. Die Bewässerungsschläuche waren in die gerade gezogenen Furchen gelegt, die Pflanzen an Stützen gebunden; alle waren mit Schildern versehen, die über Sorte und andere Daten Auskunft gaben. Da hingen noch rote Tomaten, prall und saftig. Eine musste ich versuchen, sie schmeckte wunderbar. Die Auberginen wurden eben geerntet, nächste Woche sollten die dicken Krautköpfe rollen, um dann in Salz eingelegt zu werden. Hier wuchsen Minze und Melisse, aus deren Blättern wir jeden Morgen Tee zubereiten. An einem Faden waren Petersilienbüschel zum Trocknen aufgehängt, darunter lag eine Zeitung. Die herausgefallenen Samen würden so für die nächste Saat aufgesammelt werden. Im Garten nahmen zwei junge Frauen von den verwelkten Ringelblumen die Blüten ab, auch hier wurden die Samen für das kommende Jahr entnommen. „Und das“, sagte die Gärtnerin, „ist der Kompost. Er muss ruhen und immer wieder aufgemischt werden. In dem nährstoffreichen Boden bekommen die jungen Pflanzen viel Kraft zum Wachsen.“

Zum Schluss führte mich Angela in den Keller, wo die Regale schon voll waren mit haltbar gemachtem Obst und Gemüse: Tomaten, Gurken, Paprika, Karotten, Marmelade, Säfte – herrlich. Ich bewunderte die vielfältigen und kostbaren Früchte in den Gläsern und Flaschen. Noch mehr als die reiche Ernte freute mich jedoch, wer diese Arbeit geleistet hatte: Mädchen aus den armen und verwahrlosten Familien in unserem Dorf. Ihre Mütter haben nie gesät, gehackt, geerntet. Wo sie herkommen, gibt es keinen Haushalt. Keine ihrer Lehmhütten ist so liebevoll gepflegt und sauber wie unser Gewächshaus.

Ich freue mich über das doppelte Wachstum. Zwei Mal geht der Samen auf: In den Gärten wachsen Pflanzen mit Früchten. Und aus den verwilderten Kindern werden gute MitarbeiterInnen. Beide, die Samen wie die Kinder, brauchen viel Pflege. Wenn unsere Mädchen eine Ausbildung und Zuwendung bekommen, wachsen sie heran zu Frauen, die selbstbewusst ihre Zukunft planen, die eine Familie gründen und ihren Kindern ein Zuhause schenken können. Dann setzt sich der Teufelskreis der Verwahrlosung nicht weiter fort.

Es wachsen die Pflanzen und wachsen die Jugendlichen. Gott sieht, dass es gut ist. Es wird Abend und es wird Morgen am dritten Tag.

Schauen, wo etwas wächst. Wo sprießt Grünes, wo sind Junge? Wachstum kann ich nicht hervorrufen, aber pflegen.

 

2. November 2018
von Ruth Zenkert
Wir werden nie fertig

An welchen Tagen gehe ich zur Ruhe, obwohl ich noch nicht sehen kann, was aus der Arbeit wird?

Und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und es wurde Morgen: zweiter Tag.
Gen 1,8

An welchen Tagen gehe ich zur Ruhe, obwohl ich noch nicht sehen kann, was aus der Arbeit wird?

Und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und es wurde Morgen: zweiter Tag.

Gen 1,8

„Nie mehr will ich da schlafen, es ist schmutzig und nichts ist aufgeräumt!“ Seit drei Jahren wohnte Ionela in unserer Gemeinschaft; nun besuchten wir wieder einmal ihre Mutter und Geschwister. Die Mutter hat zwölf Kinder von mehreren Männern und haust mit ihnen in einem einzigen Raum. Reines Chaos, keine Essensvorräte, die Kleinen schreien und werfen alles durcheinander. Ich war froh, als wir wieder gehen konnten. Und freute mich, dass Ionela nicht mehr zurück wollte. Bei uns hatte sie eine andere Welt kennengelernt und war sogar für die Volontäre ein Vorbild. Mit Sorgfalt ordnete sie ihre Kleidung in den Schrank, putzte die Schuhe, kehrte das Zimmer, half beim Kochen, deckte den Tisch.

Nun war es an der Zeit, den nächsten Schritt zur Selbständigkeit zu gehen. Ionelas großer Bruder Ghiza arbeitet in der Tischlerei. Er bekam mit seiner Partnerin und ihrem Kind eine Unterkunft von uns. Seit er von der Mutter weg ist, ist auch er verändert. So wagten wir es, Ionela und ihre Schwester bei ihnen einzuquartieren. Die beiden freuten sich, packten ihre Sachen und Ionela richtete sich ihr neues Plätzchen liebevoll ein: eine Ikone am Bett, das Deutschbuch auf dem Tisch. Wir besprachen, dass sie weiterhin alles bekommen würden, was sie brauchten, und immer in unserer Gemeinschaft willkommen seien. Morgengebet und Frühstück bei uns im Haus, danach Schule, Mittagessen und Hausaufgaben im Sozialzentrum, Abendessen gemeinsam. Am ersten Morgen warteten wir vergebens, kein Mädchen kam. Am zweiten klopften wir an der Türe, um sie abzuholen: nichts. Dann ließen wir es bleiben. Sie gehen pünktlich zur Schule, Paula lernt im Sozialzentrum, Ionela aber kommt nicht. Sie geht am Nachmittag zur Mutter und hilft, die vielen Kinder zu beaufsichtigen. Es zieht sie zur Familie, das ist gut. Aber zieht es Ionela auch wieder zurück in die Verwahrlosung? Wird sie die Schule abbrechen und bald Kinder haben, genauso überfordert wie ihre Mutter und Schwestern? Oder wird sie Boden unter den Füßen bekommen, um in die Zukunft zu gehen? Hat sie so viel Festigkeit, um die Familie mit auf ihren guten Weg zu nehmen?

Georg Fischer, Professor für Altes Testament in Innsbruck und Freund unseres Werkes, übersetzt in seinem neuen Kommentar den Bibelvers „und Gott nannte das Gewölbe Himmel“ aus dem Hebräischen so: „und Gott nannte die Feste Himmel“. In unseren Alltag übertragen heißt das für mich, Gott gibt den Menschen festen Boden unter den Füßen, einen Standpunkt. Und dann sehen wir den Himmel. Georg Fischer bemerkt auch, dass Gott am zweiten Tag mit seiner Arbeit nicht fertig wird; nur an diesem Tag heißt es im Schöpfungsbericht nicht: „Gott sah, dass es gut war.“ Das klingt wie Solidarität mit einer Sozialarbeiterin. Wir werden nie fertig – ein Trost, wenn das schon bei Gott so begann.

Ein zweiter Tag in der Schöpfung, unvollendet. Doch wir haben Boden unter den Füßen bekommen und den Blick zum Himmel. Es bleibt noch zu tun, am nächsten Tag. Und mit Gott warten wir, bis wir sehen können, dass es gut war. Ich habe mich abgemüht, das ist die einzige Sicherheit, die mich schlafen lässt.

26. Oktober 2018
von Josef Steiner
Scheiden – Trennen – Ordnen

„Nichts kann existieren ohne Ordnung.“ (Albert Einstein) Was ordnet mein Leben? Wo haben mir Trennung und Scheidung geholfen?

Dann sprach Gott: Es werde ein Gewölbe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser. Gott machte das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes.
Gen 1,6f

„Nichts kann existieren ohne Ordnung.“ (Albert Einstein) Was ordnet mein Leben? Wo haben mir Trennung und Scheidung geholfen?

Dann sprach Gott: Es werde ein Gewölbe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser. Gott machte das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes.

Gen 1,6f

Rabbi Seew Wolf von Zbaraz war in seinen jungen Jahren ein wilder und schwer erziehbarer Junge, der seinem Vater, Rabbi Jechiel Michal, große Sorgen bereitete und ihn oft zur Verzweiflung brachte. Wie weit seine Wildheit und Abenteuerlust reichten, ist aus seinem späteren Verhalten zu erahnen. Wenn er ein großes Herz zeigte für Männer, die nächtelang Karten spielten und so die Nacht zum Tag machten. Wenn er Dieben, die nachts in sein Haus eindrangen und wertvolle Sachen stahlen, nachrief: Ich gebe all meinen Besitz frei!, um Schuld von ihnen zu nehmen. Wenn er bei seinen für alle offenen Gastmählern und Vorträgen ungebildeten, ungehobelten und ihn provozierenden Zuhörern anders als seine Schüler Verständnis entgegenbrachte. All das zeigt, dass ihm diese Welten aus eigenem Erleben nicht fremd waren.

Von diesem lebenslustigen und schwierigen Sohn hat Martin Buber in seinen Chassidischen Erzählungen folgende entscheidende Situation festgehalten. Mit dreizehn Jahren stand für den Jungen die Bar Mizwa an, eine unserer Firmung vergleichbare Feier, in der der Dreizehnjährige ein „Sohn der Pflicht“ wird und die selbständige Verantwortung für die Erfüllung des Willens Gottes für sein Leben übernimmt. Er wird erwachsen. Zum äußeren Zeichen bindet der junge Mensch auf die Stirn und auf den linken Oberarm, dem Herzen ganz nahe, zwei kleine Kapseln (Teffilin genannt), in denen biblische Worte stehen, zusammengefasst: „Du wirst Gott lieben mit ganzem Herzen.“ „Der Vater befahl dem Schreiber, ihm die beiden noch leeren Gehäuse samt den Schriftversen zu bringen. Der Schreiber brachte sie ihm. Rabbi Michal nahm die Gehäuse in die Hand und betrachtete sie lange geneigten Hauptes, und seine Tränen ergossen sich darüber. Dann trocknete er die Gehäuse und legte die Schriftworte hinein. Von der Stunde an, da der Knabe Wolf die Teffilin zum ersten Mal anlegte, wurde er still und liebreich.“ Gottes Worte, getränkt mit den Tränen des Vaters, brachten Ausrichtung und Ordnung in das Leben des jungen Menschen. Die Vergangenheit blieb wichtig, die Zukunft eröffnete Neues.

Mit der Erschaffung des Lichtes hat Gott in die Finsternis der Urflut Helligkeit, Durchblick und Orientierung gebracht. Nun gilt es, die Wassermassen, das Grundelement allen Lebens, zu bändigen, damit sie nicht Chaos und Zerstörung bringen, sondern Lebensräume des Wachsens und der Entfaltung eröffnen. Die Bibel verwendet dafür ein uns fremdes Bild. Gott hämmert wie ein Schmied etwas Festes, etwas Gewelltes, etwas Gewölbtes, das er zwischen die Wassermassen schiebt. So scheidet er die Wasser von oben und unten und beide werden Leben spendende Quellen. Die Wasser oberhalb wie Regen, Schnee, Frost, Reif, Tau. Die Wasser unten wie Flüsse, Meere, Bäche, Grundwasser. Getrennt und geschieden werden sie fruchtbar. Geregeltes Leben im Universum, dauerhaft und sicher.

Was ordnet mein Leben? Wo haben mir Trennung und Scheidung geholfen?

19. Oktober 2018
von Ruth Zenkert
Der neue Tag beginnt im Abendlicht

Welches Licht nehme ich in die Nacht mit? Mit welchen Gedanken schlafe ich ein?

Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.
Gen 1,

Welches Licht nehme ich in die Nacht mit? Mit welchen Gedanken schlafe ich ein?

Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.

Gen 1,5

Gabi war ein Star. Sie hatte in unserer Musikschule Saxophon gelernt und ragte bald unter den Schülern heraus. Wie rasch ihre Finger über die Klappen glitten, wie schnell sie die schwierigen Roma-Melodien auswendig spielen konnte! Sie brachte alle zum Staunen. In der besten Gruppe, der Schatra Elijah, spielte sie und durfte oft mit nach Österreich fahren. Einmal hörte sie ein Musiker, der Kontakt zu Keith Jarrett hat. Er meinte, sie habe das Zeug, einmal mit den besten Jazz-Musikern zu spielen, und notierte sich ihren Namen.

Im Sommer schrieben sich alle Musikschüler für das neue Schuljahr ein. Gabi blieb verschwunden. Am nächsten Tag erschien sie missmutig und knallte den Saxophonkoffer auf den Tisch. „Ich komme nicht mehr.“ – Wie bitte?! „Ist das dein Dank für fünf Jahre Unterricht? Siehst du nicht die Chancen, die du in unserer Schule hast?“ Ich war erschüttert. Aber dann dachte ich an die schönen Zeiten, in denen wir gemeinsam musiziert, gelernt, Konzerte gegeben hatten. Als sie uns mit ihrer Begabung beschenkte. Wie sie andere mitzog, auch ihre schwierige Schwester. An den Tag, als die Mutter sie in Eile zu uns brachte. „Mein Mann und ich fahren heute nach Deutschland zur Erdbeerernte, wir brauchen Geld. Kann Gabi bei euch bleiben?“ Und als dann das kleine Mädchen mit uns den Sommer verbrachte, als gehöre sie schon immer zu uns. So wuchsen wir zu einer Familie zusammen. Und jetzt kündigte sie mir die Freundschaft! Keine gemeinsamen Abenteuer in der Musik mehr? Sie stürzte mich in eine dunkle Stimmung. Nur die Erinnerungen an die hellen Zeiten halfen mir, ihr in Liebe zu begegnen.

Ich fragte, welche Pläne sie habe. Sie werde jetzt in das Musikgymnasium gehen, in der Stadt, aber in unser Dorf komme sie nicht mehr. Nicht zu Proben, auch nicht zu Konzertreisen nach Österreich. Ich nahm ihre Entscheidung an. Und hoffe auf den Tag, an dem sie wieder mit uns musizieren will. Als Studentin, die unsere Jungen unterrichten wird. Vielleicht als berühmte Saxophonistin, die mit Keith Jarrett ein Benefizkonzert gibt.

Licht und Finsternis habe ich mit dem begabten Mädchen erlebt. Beide gehören zum Tag, wie ihn Gott geschaffen hat, den „einen Tag“, wie es im Hebräischen heißt. Es ist also der Tag des Einen, gleichsam ein Modell. Bemerkenswert ist, dass Gott zuerst das Licht nennt und dass der Tag beginnt, noch bevor es dunkel wird. Denn das Licht brauchen wir für die kommende Nacht; so erklären die Rabbiner, warum der neue Tag nicht um Mitternacht und nicht mit dem Morgen, sondern schon am Vorabend beginnt. Es ist, als würde Tageslicht unsere Solarzellen aufladen, die uns durch die Nacht leuchten. Der Dank, der mich an das Gute erinnerte, ließ mich den Abschied von Gabi verkraften.

Welches Licht nehme ich in die Nacht mit? Mit welchen Gedanken schlafe ich ein?

 

12. Oktober 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Fünf Lichtblicke

Worauf ich am Ende eines Tages blicke, kann mein Leben verändern.

Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis.
Gen 1,4

Worauf ich am Ende eines Tages blicke, kann mein Leben verändern.

Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis.

Gen 1,4

Schüsse fielen, Schreie gellten, Menschen rannten in Panik davon. Hände ergriffen Alexis Prem und rissen ihn in den vorbeirasenden Jeep. Binnen weniger Sekunden war der Jesuitenpater zur Geisel der Taliban geworden. Damit begann eine achtmonatige Leidenszeit. Drei Jahre zuvor war der Inder als Regionalleiter des Jesuitenflüchtlingsdienstes (JRS) nach Afghanistan gekommen. Er hatte die Sprache erlernt, lebte unter den Menschen und hielt sich strikt an das Missionsverbot. Gute Beziehungen waren erwachsen. Auf diese Weise konnte der JRS viele Schulen für die zurückkehrenden Flüchtlinge führen. Auch Mädchen wurden unterrichtet. Das war den Taliban ein Dorn im Auge.

Nun reichten sie ihre Beute untereinander weiter. Neun Mal musste Pater Alexis den Ort wechseln. Meist fand er sich mit gefesselten Händen und Füßen in irgendwelchen Höhlen wieder. Angst und Ungewissheit rissen ihn hin und her. Was wird mit mir geschehen? Werden sie mich töten? Wenn nicht heute, dann vielleicht morgen. Die Handbewegung eines Jungen, mit der er eine durchschnittene Kehle angedeutet hatte, verfolgte Prem. Manch einer seiner Wächter trieb sadistische Spiele mit ihm, andere wiederum achteten ihn wie einen Gast.

Lebendig erzählte mein Mitbruder im Jugendzentrum von seiner Passion. Wir hingen an seinen Lippen. „Was hat Ihnen Kraft gegeben?“, fragte einer der Jugendlichen. „Das Gebet, mein Glauben.“ Täglich verbrachte Alexis Prem drei Stunden im Gebet. Das respektierten seine Entführer. Und es half ihm, dem aufsteigenden Hass zu widerstehen. Er wollte innerlich so frei wie möglich bleiben. Jeden Abend blickte er auf den Tag zurück. Mindestens für fünf Dinge wollte er Gott danken. Etwa für das Essen, für ein gutes Wort oder für einen freundlichen Bewacher. Die kleinsten Gesten konnten sich zu Lichtblicken verwandeln. Er lernte in all dem Durcheinander zu unterscheiden, was gut war.

Auf diese Weise folgte Prem in seinen täglichen Reflexionen dem ersten Schöpfungsakt Gottes. Mitten in die wirre und finstere Welt hinein schuf Gott Licht. Erstmals war dadurch Sehen möglich und damit die Basis für Unterscheiden und Bewerten geschaffen. Die einzelnen Elemente erhielten Identität und wurden geordnet. Eine Welt von Kontrasten und Vielfalt erwuchs. Das Licht wurde zur Quelle des Lebens.

Ebenso wurden die täglichen fünf Lichtblicke zur Überlebenskraft für meinen Mitbruder, in einer Zeit, in der er sich oft als tot erlebte. In seinen Schilderungen verklärte Prem seine Erfahrungen nicht. Niemandem würde er solche Erlebnisse wünschen. Genauso wenig schwieg er über seine intensiven Glaubenserfahrungen. Sie lehrten ihn, im Licht seines Glaubens selbst in seiner wirren und düsteren Umwelt etwas Helles zu erkennen. Und so wich langsam sogar der Schatten des Feindes im Angesicht seiner Nächsten.

 

5. Oktober 2018
von Ruth Zenkert
Du bist das Licht der Welt

Für wen kann ich das Leben heller machen, wer macht mein Leben hell?

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.
Gen 1,3

Für wen kann ich das Leben heller machen, wer macht mein Leben hell?

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.

Gen 1,3

Ein junger Mann in elegantem Anzug steht am Waldrand und spielt auf dem Horn eine Melodie aus Bizets „Carmen“. Das Sonnenlicht wirft den Schatten des Instruments auf sein weißes Hemd, so dass auch auf diesem ein Horn zu sehen ist. Catalin war ein Straßenkind. Seine Mutter stand mit vielen Kindern allein da, sie konnte ihm nichts zu essen geben und hatte keinen Platz. So wuchs Catalin bei uns im Kinderhaus auf. Und nun singt er nach dem klassischen Stück noch mit Robert, seinem Freund aus dem Kinderhaus, Roma-Lieder.

Die beiden sind nicht allein. An diesem Tag wurde in Schönbach im Waldviertel die „Via Lucis“ eingeweiht. Dieser Lichtweg führt vom Ortsrand aus hinauf auf einen Hügel. Wie ein Kreuzweg hat er vierzehn Stationen; er setzt da an, wo der Kreuzweg endet. Die erste Station heißt „Auferstehung“. Oben am Hügel soll der abschließende „Pfingstkreis“ dem Besucher die Kraft geben, mit den Gedanken, die ihn unterwegs erhellt haben, in die Welt hinaus zu gehen und guten Geist auszustrahlen. Jede Station deutet ein biblisches Thema, das von Künstlern gestaltet wurde. Und alle Stationen sind sozialen Organisationen gewidmet. So begleiten Waisenkinder, Arbeitslose, Straßenkinder, Kranke und ihre Helfer die Lichtweg-Gehenden. Mich hat besonders die Station „Das leere Grab“ beeindruckt: Ein aufgestellter Quader, ohne Wände, am Boden eine Betonplatte mit Fußabdrücken, sie lädt ein, hineinzutreten. Selbstverständlich richte ich den Blick nach oben. Dort ist ein Spiegel – ich sehe mich selbst! Und ich höre das Wort Jesu: „Du bist das Licht der Welt.“

Am Tag der Einweihung gingen wir von Station zu Station. Eine Gruppe von Saxophonisten entführte uns mit einer zarten Melodie in die Fragen des Herzens. Die Belastungen des Alltags schienen abzufallen, mit jedem Schritt, an jeder Station spürte ich, wie Licht in meine Seele drang. Oben angekommen, gelangten wir zum „Pfingstkreis“, einem gepflasterten Platz, in den es alle hineinzog. Hier hatten Catalin und Robert musiziert. Zwei Roma-Jugendliche, Kinder von der Straße, die den Weg aus der Dunkelheit zum Licht gegangen sind. Sie haben gekämpft, gelernt, studiert. Catalin ist Hornist geworden, Robert macht Karriere in einem österreichischen Unternehmen. Jetzt strahlen sie und arbeiten mit, damit die Welt heller wird.

„Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.“ Nachdem Gott Himmel und Erde geschaffen hat, ist seine zweite Großtat die Erschaffung des Lichts. Ihm ist wichtig, dass die Dunkelheit überwunden wird. „Du hüllst dich in Licht wie in einen Mantel“ (Ps 104,2): ein Bild für Gott. Mit ihm sind wir eingehüllt in den Mantel des Lichts und können es weitergeben. Die sozialen Werke, auf dem Lichtweg Station für Station, bringen Menschen, die im Dunkel sind, ans Licht. Die Welt ist hell, wo wir einander helfen, wo Flüchtlinge aufgenommen werden, wo wir Freude ausstrahlen, unsere Begabung für andere einsetzen. Wer Leben aufbaut und rettet, arbeitet als Partner Gottes mit an der Schöpfung, jeden Tag.

Für wen kann ich das Leben heller machen, wer macht mein Leben hell?