Bimail – Bibel für Wagemutige

Bimail

Das Team um P. Georg Sporschill SJ greift für jede Woche im Jahr
einen Satz aus der Bibel heraus. Das Wort wird erklärt und
durch Erfahrung veranschaulicht. Bimails sind Bibelworte
für unsere Zeit: keine Predigten, sondern Anleitungen
zum Weiterdenken.
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15. März 2019
von Josef Steiner
Ein besonderer Tag – herausgehoben und schön, geformt und anstrengend.

Wie schaut mein Sonntag aus?

Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte.
Gen 2,3

Wie schaut mein Sonntag aus?

Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte.
Gen 2,3

Kindheitserinnerungen. Der Samstagabend. Unabhängig davon, was unser Vater in der Hand hielt – beim Mähen die Sense, beim Heumachen den Rechen, beim Holzhacken das Beil, beim Getreidedreschen den Flegel –, wenn am Samstagabend um fünf Uhr die Kirchenglocken den Sonntag einläuteten, legte er sofort alles aus der Hand. Feierabend, die Arbeit einer Woche war getan, der Sonntag begann. Ein Tag der Ruhe, der Erholung an Leib und Seele. Für uns Kinder kam am Samstagabend die Stunde der Reinigung. In der Stube war ein großer hölzerner Waschtrog – im Dialekt „Schaffl“ genannt – aufgestellt. Mit der Ältesten beginnend, wurden wir alle von der Mutter mit einer selbstgemachten Talgseife eingeseift, mit einer harten Bürste abgerieben, gewaschen und mit einem rauen, aus Hanf gewebten Tuch abgetrocknet. Ich kam als Sechster an die Reihe. Das Wasser hatte schon eine gewisse Färbung. Eigenartig empfunden wurde das Nacktsein. Sonst streng tabuisiert und verschwiegen, wurde es beim Baden kindhaft spürbar. Und im Gegensatz zu dem während der Woche immer gleichen Abendessen, bestehend aus Kartoffeln und Milch, gab es am Samstagabend meist etwas Süßes. Den Osttiroler „Blattlstock“, aufeinandergeschichtete Palatschinken, mit Zucker und Mohn bestrichen, oder „Schlipfkrapfen“, eine Art Teigtaschen, gefüllt mit Mohn oder Kartoffeln. Der Samstagabend – herausgehoben und schön.

Der Sonntag. Für unseren Vater war er ein absolut heiliger Ruhetag. Einmal herrschte während der Erntezeit vier Wochen lang schlechtes, regnerisches Wetter. Nie konnte man das gemähte Gras trocken in die Scheunen bringen, außer an einem sonnigen Sonntag. Der Dorfpfarrer erlaubte den Bauern, ausnahmsweise an diesem Sonntag zu arbeiten. Für unseren Vater kam das nicht in Frage. Vor seinem Sterben mit vierundneunzig Jahren sagte er nicht ohne Stolz: „Nie habe ich in meinem Leben die Sonntagsruhe gebrochen. Und – hat es uns etwa geschadet? Wurden wir dadurch ärmer?“ War der Vater während der Woche ein geselliger, humorvoller, lockerer Mann, so wurde er am Sonntag ernster, frömmer. Beim Mittagessen bei Speckknödeln und Kraut versuchte er uns Kindern oft die Gedanken aus der Predigt des Pfarrers näher zu bringen. Meist moralische Ermahnungen, Aufruf zu Fleiß, Tüchtigkeit und Keuschheit. Für uns Kinder war der Sonntag überhaupt eher anstrengend. Zweimal in die Kirche, um sechs Uhr in die Frühmesse, um acht Uhr in das „Amt“. Und am Nachmittag in die ungeliebte Andacht, wenn andere Kinder im Winter Schifahren gingen oder im Sommer Fußball spielten. Später, als wir größer wurden, zog es uns am Sonntag mehr in die Gasthäuser, in denen wir manchen Abend verbrachten. Auf die Ermahnung der Mutter „Wie dein Sonntag, so dein Sterbetag!“ entgegnete ich: „Wäre gar nicht so schlecht, im Gasthaus zu sterben.“ Der Sonntag – geformt und anstrengend. Kindheitserinnerungen.

Die Bibel schildert den siebten Tag, für Juden der Schabbat, für Christen der Sonntag, als Feiertag Gottes. Er gibt seinem Werk Ansehen und feiert es. Dieser Tag birgt und bringt Segen, wenn man ihn heiligt, heraus nimmt aus den übrigen Tagen. Wie schaut mein Sonntag aus?

7. März 2019
von Ruth Zenkert
Göttlicher Rhythmus – sechs mal machen, einmal aufhören

Wie halten wir es mit dem Sonntag? Womit hören wir auf, um am Montag mit neuer Kraft anzufangen?

Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte.
Gen 2,2

Wie halten wir es mit dem Sonntag? Womit hören wir auf, um am Montag mit neuer Kraft anzufangen?

Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte.

Gen 2,2

Auf der einen Seite lautes Jubelgeschrei und Luftsprünge, auf der anderen ein enttäuschtes „Nu se poate!“ Das kann doch nicht wahr sein! Angi knallte ihren Schläger so fest auf die Tischtennisplatte, dass fast der Griff absprang. Das Match war so spannend, dass alle anderen von ihren Spielen abgelassen und zugeschaut hatten. In den Runden davor hatten sie gekämpft, um möglichst in die Endrunde zu kommen. Sieger des Abends war Bogdan, der jüngste Lehrling in der Tischlerei. Als Anfänger und klein von Statur musste er sich in der Arbeit immer beweisen, meistens musste er die Laufdienste und lästigen Aufträge erledigen. Heute Abend aber war er der Gewinner, den alle bewunderten. Angi forderte Revanche, die würde es nächste Woche geben. Dann würde Bogdan zeigen, ob er unschlagbar war. Nun saßen sie noch zusammen, hörten laute Musik, tanzten, vergnügten sich, bis es Mitternacht war.

Jeden Freitagabend, nach einer anstrengenden Arbeitswoche, öffnet der „Club E“ seine Tore. In Hosman, einem abgelegenen Dorf, gibt es keine Möglichkeit, sich am Abend zu treffen, außer in der Dorfbar, wo schon zu Mittag alle betrunken sind. Zunächst war es eine Idee der ausländischen Volontäre, die bei uns leben. Wie sollten sie das Wochenende verbringen? Mit Tischfußball begann es. Dann kamen immer mehr Jugendliche und Freunde aus dem Dorf dazu. Wir stellten ihnen einen Raum zur Verfügung, dann noch einen. Inzwischen ist das Freitagabendtreffen zum Club geworden, in dem unsere Lehrlinge, die Jugendlichen im Dorf, die Volontäre und die Mitarbeiter zusammenkommen. Angi ist die Chefin für die Mädchen im Garten, am Freitagabend ist sie mit ihren Schützlingen im Club. Dann lassen sie ihre Pflänzchen in Ruhe wachsen; jetzt geht es um die Freude, miteinander zu sein, Freundschaft zu leben, sich im Spiel zu messen. Keiner mehr ist müde, im Gegenteil, durch die Begegnungen im Club E wachsen Energien für die Arbeit der nächsten Woche.

Es ist wichtig, einmal mit der Arbeit aufzuhören, um sich auszuruhen. Gott hat das nicht nötig, aber er gönnt uns die Ruhe, weil wir sie brauchen. Um wieder neu anzufangen, weiterzumachen. In der Schöpfungsordnung gibt Gott dem Menschen das Modell dafür vor, wenn es heißt: „Er hörte auf am siebten Tag von all seinem Werk, das er gemacht hatte“ (Übers. G. Fischer). Aufhören wird als aktives Handeln Gottes dargestellt. Für uns bedeutet es auch, anderen Verantwortung zu übergeben, zu rechnen mit der Mitarbeit von anderen und mit der Gnade Gottes, nicht nur mit dem eigenen Machen. Ich darf ruhen, obwohl noch viel zu tun bleibt. Sechs Tage machen und einen Tag aufhören: Diesen Rhythmus schenkt uns Gott mit dem siebten Tag. Daraus wurde der Schabbat, an dem die Regeln für den Menschen praktisch ausformuliert wurden. Für uns in Hosman beginnt er am Freitagabend in unserem Jugendclub.

Wie halten wir es mit dem Sonntag? Womit hören wir auf, um am Montag mit neuer Kraft anzufangen?

1. März 2019
von Max Heine-Geldern SJ
Der vollendete Beginn

Über den feierlichen Moment zwischen Geschaffenem und Neuem.

So wurden Himmel und Erde und ihr ganzes Heer vollendet.
Gen 2,1

Über den feierlichen Moment zwischen Geschaffenem und Neuem.

So wurden Himmel und Erde und ihr ganzes Heer vollendet.

Gen 2,1

Es war vollbracht. Kaum war der letzte Handgriff getan, trafen die ersten Gäste ein. Afrikanische Musik erklang, gut hundert Kinder liefen umher und feierten zusammen mit zwanzig müden jungen Erwachsenen. Mitten im Township Orangefarm, unweit von Johannesburg, stachen wir Österreicher wie Aliens hervor, und auch der neu errichtete Kindergarten glich einem Ufo. Weit und breit war es das einzige Gebäude mit einem zweiten Geschoß. Es bot einen atemberaubenden Weitblick über die flache Gegend, wo man den Eindruck hatte, als würden Himmel und Erde sich berühren. Die südafrikanische Sonne nahm mit ihrem besonders warmen Licht den umliegenden Wellblechhütten etwas von ihrer Härte.

Vor sechs Wochen waren wir Architekturstudenten von Wien aufgebrochen. Davor hatten wir wochenlang gemeinsam geplant. Mit den ausgedruckten Plänen und Modellen sowie viel jugendlicher Motivation wollten wir binnen kürzester Zeit das Gebäude errichten. Die Vorgaben und notwendigen Informationen erhielten wir von einer Dachorganisation, die in dem Township systematisch die Infrastruktur entwickelte. Während der Apartheid gab es nämlich in diesen umliegenden Siedlungen weder Bildungs- noch Versorgungseinrichtungen. Sie wurden bewusst abhängig von der Stadt gehalten.

Wir begannen im Februar und kämpften von Beginn an gegen die Zeit. Starker Regen verzögerte die Fundierung. Zudem war nicht klar, wo die Grundstückgrenzen verliefen. Schließlich legten wir sie mit unseren Fundamenten fest. Auf festem Grund wuchs zügig der Holzbau. Für viele Bewohner war der Anblick arbeitender Weißer, wenn nicht verwirrend, dann zumindest belustigend. Verärgerte Reaktionen erlebten wir keine. Besondere Beachtung erregte die zweischalige Wellblechverkleidung, die nicht nur das Gebäude vor der Witterung schützen sollte, sondern durch den erzeugten Hohlraum eine kühlende Luftzirkulation bewirkte. Bis zum Schluss blieb die Farbwahl offen. Das war ein delikater Punkt, da half keine noch so ausgeklügelte Architekturtheorie. Mehrere Tage dauerte die emotionale Diskussion, bis wir uns auf zwei Farbflecken in Orange und Grün einigen konnten. Der Rest des Gebäudes blieb naturfarben.

An diesem frühen Abend war für uns die Arbeit vollendet. Und wir waren sehr stolz auf das Geschaffene und gespannt auf seine Annahme. In dieser Übergangsphase feierten wir mit den zukünftigen Nutzern. Vor allem die Rutsche, die steil vom ersten Stock herunterführte, zog die Kinder wie ein Magnet an. Die Schlange und das Jauchzen wollten nicht abreißen. Ihre Mütter freuten sich über die große Küche. Der Kindergarten bot genügend Raum für die Menschen, um sich auszubreiten.

Nach sechs Tagen hat Gott Himmel und Erde mit allem, was für das Leben notwendig ist, vollendet. Der Raum ist bereit für weitere Entfaltung, für Beziehung und fordert zur Mitgestaltung. In seiner Vollendung steckt der Beginn von Neuem.

Ein Jahr später erhielten wir Fotos vom Kindergarten. Überall waren spielende Kinder zu sehen. Und nirgends ein farbloser Fleck: Rot, Grün, Blau, Gelb wechselten sich spielerisch ab. Das Gebäude war wahrlich angenommen und weitergestaltet worden.

 

22. Februar 2019
von Ruth Zenkert
Glückliche Umstände

Familie, Beruf, Friedenszeit. Doch dein Glück musst du dir selbst erwerben.

Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag.
Gen 1,31

Familie, Beruf, Friedenszeit. Doch dein Glück musst du dir selbst erwerben.

Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag.

Gen 1,31

Rauschender Applaus belohnte die jungen Musiker. Seit vier Monaten hatten sie sich zusammengetan und unter der Leitung von Ali Zigeunermusik einstudiert. Heute hatten wir ein erstes Konzert vor großem Publikum gegeben. Die tägliche Arbeit, der Kampf um die Disziplin beim Proben, um die Genauigkeit bei Rhythmus und Zusammenspiel hatte sich gelohnt. „Ali Baba und die 40 …“ nennt sich unsere Musikgruppe. Ali steht für den Leiter Ali. Baba heißt auf rumänisch Oma, das bezeichnet mich. Die Vierzig, das sind die Jungen. Lassen wir offen, ob sie Musiker sind. Sie sind jedenfalls auf dem besten Weg, nicht Räuber werden zu müssen.

Als wir nach mehrmaligen Zugaben und Verneigungen unsere Instrumente einpackten, war euphorische Stimmung. Stolz, Glück und mutige Träume von einer Tournee und CD-Aufnahmen knisterten in der Luft, strahlende Gesichter. Und bei den Burschen die dringende Frage, ob sie jetzt etwas zu essen bekommen. Auch ich war in dem Moment selig. Dass Ali in so kurzer Zeit Schüler gefunden hatte, dass er so gewachsen war in der Leitung, mit viel Geduld und Einfühlsamkeit. Dass die Schülerinnen so begeistert und schnell gelernt hatten. Dass noch Neue dazugekommen waren. Mein größter Wunsch war, dass sich unsere Musikgruppe mit dieser Energie weiterentwickelt.

Meine Mitspieler waren schon davongestürmt. Ich brauchte länger, denn als einzige reinigte ich mein geliebtes Saxophon. Und als einzige musste ich den furchtbaren Notenständer wieder zusammenbasteln. Nicht nur wegen der komplizierten Mechanik hasse ich ihn. Auch weil ich die einzige bin, die mit Noten spielt. Die Jungen hören die Melodie – und spielen sie auswendig. Unmöglich für mich. Sie spielen locker und in unfassbarer Geschwindigkeit. Ob ich jemals diese schnalzenden Töne in der Zigeunermusik, für die es kein deutsches Wort gibt, beherrschen werde? Ob ich einmal das Sandala-Stück ganz mitspielen kann? Bei den schnellen Phasen musste ich aussetzen. Auf den Wogen des Erfolgs von Ali Baba schwebte ich nach Hause, – ich, die Baba, mit dem Ehrgeiz, weiter zu üben, bis ich das Sandala schaffe. Und dankbar, dass sie mich mitspielen lassen.

Wie ich in der Erfolgsstimmung auf die Monate vor dem Konzert zurückblicke, so ähnlich, denke ich mir, schaut Gott nach fünf Schöpfungstagen auf seine Arbeit. Es heißt: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut.“ Jetzt, am sechsten Tag, stellt er fest, dass die Schöpfung als Gesamtwerk sehr gut ist. An den vorangegangenen Tagen heißt es: Und Gott sah, dass es gut war. Gestirne, Tiere und Pflanzen sind gut, so wie sie sind. Nur an dem Tag, als er den Menschen erschafft, bleibt die Qualität offen. Der Mensch ist nicht gut, er kann gut werden. Durch sein Denken und Tun wird es sich erweisen.

Das gelungene Konzert, unsere Musikband, sind mein Glück, obwohl ich selber noch nicht mitkomme. Betrachte deine glücklichen Umstände – Familie, Beruf, Freunde. Wo musst du dich anstrengen, damit es auch zu Deinem Glück wird?

15. Februar 2019
von Josef Steiner
Unter einem Dach

Mit Tieren leben und für sie sorgen

Allen Tieren der Erde, allen Vögeln des Himmels und allem, was auf der Erde kriecht, das Lebensatem in sich hat, gebe ich alles grüne Gewächs zur Nahrung. Und so geschah es.
Gen 1,30

Mit Tieren leben und für sie sorgen

Allen Tieren der Erde, allen Vögeln des Himmels und allem, was auf der Erde kriecht, das Lebensatem in sich hat, gebe ich alles grüne Gewächs zur Nahrung. Und so geschah es.

Gen 1,30

Kindheitserinnerungen. Menschen und Tiere unter einem Dach, Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude – bei uns hieß es seiner hauptsächlichen Bestimmung entsprechend „Futterhaus“ – nur durch einen schmalen, fensterlosen, finsteren Gang getrennt. Beim Eingang des Stalles links die Schweine, Mutters Lieblingstiere. In der Speisekammer neben der Küche stand ein großes hölzernes Gefäß, in dem alle essbaren Speisereste, vor allem Kartoffeln, Rüben, Getreide, Obst, Gemüse, als Futter für sie gesammelt wurden. Es ging ihnen gut. Aber einmal im Jahr, in der kalten Winterzeit, kam für das größte von ihnen der Tag der Schlachtung. Ein Trauertag für die Mutter. Als wir Kinder größer wurden, durften wir von einem Fenster der Stube aus zuschauen. Wie der Vater und der Metzger, ein liebenswerter und sanfter Onkel, das fürchterlich laut greinende Schwein aus dem Stall in den kalten Schnee zerrten; wie der Onkel den Schussapparat auf die Stirn des Schweines setzte, ein Knall und es lag mit allen Vieren auf dem Schneeboden. Wenn wir am Abend des Schlachttages ein Schnitzel aßen, wussten wir, wer dafür sein Leben hatte geben müssen.

Neben den Schweinen, den größeren Teil des Stalls einnehmend, Kälber, Rinder und fünf Kühe, Pinzgauer Rasse. Jede Kuh hatte einen Namen und einen ausgeprägten Charakter, der uns Kindern besonders beim Hüten auffiel. Die „Elsa“ ein zähes Luder, die sich auch nicht durch zornige Schläge eines Kindes zu einer schnelleren Gangart treiben ließ. Dagegen die „Braune“, die schönste von allen, selbstbewusst und anhänglich, auf ihr durften wir Kinder sogar reiten. Wieder anders die „Wanda“, ein rauflustiges Tier, aggressiv und bockig. Von den Kühen bekamen wir Milch, Butter und Käse für den Alltag, manchmal beim Verkauf eines schönen Rindes auch etwas Geld. Für sie mussten wir die Hauptarbeit auf dem Bauernhof verrichten. Zweimal im Jahr  die Grasfelder im Tal mähen, das Heu zum Trocknen aufhängen und im Heustadel lagern. Alles mit der Hand und ohne technische Hilfsmittel. Das Leben mit den Kühen benutzen die Eltern auch, um uns in die Geheimnisse von Zeugung und Geburt einzuführen. Unvergesslich das Erlebnis bei der Geburt eines Kälbleins, wie der Vater um die sich langsam zeigenden Vorderfüße, zwischen denen der Kopf des kleinen Tieres herauslugte, ein dünnes Seil wand und kräftig ziehend Geburtshilfe leistete. Wie das Kalb in die Kuh kam, wurde uns durch die Mitnahme zur Besamung beim Gemeindestier zu vermitteln versucht. Es war interessant zuzuschauen, aber wozu, wurde mir nicht klar. Und geredet wurde ja nicht. Erinnerungen an ein unaufgeregtes Miteinander von Menschen und Tieren, an gegenseitiges Geben und Nehmen.

Die Bibel bezeugt Gottes Fürsorge für die Tiere. Der Ertrag des Landes soll ihnen zur Nahrung dienen. Legebatterien und Käfigeier, Schlachthäuser und Schlachthöfe sind ihr ebenso fremd wie saisonale Designerkleidung für Hunde und Gourmet Menüs für Katzen.

8. Februar 2019
von Ruth Zenkert
Ungewöhnliche Partnerschaften

Wo bin ich in die Partnerschaft zwischen Gott und Mensch eingebunden? Mit Ideen für Neues, als Helfer, als Erzieher.

Dann sprach Gott: Siehe, ich gebe euch alles Gewächs, das Samen bildet auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.
Gen 1,29

Wo bin ich in die Partnerschaft zwischen Gott und Mensch eingebunden? Mit Ideen für Neues, als Helfer, als Erzieher.

Dann sprach Gott: Siehe, ich gebe euch alles Gewächs, das Samen bildet auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.

Gen 1,29

Von Fliegen übersät lag das kleine Mädchen da, in einem Hemdchen mit dem Aufdruck „Papas Liebling“. Vom Papa weit und breit keine Spur. Das Baby war verdreckt, fast leblos lag es auf der verwahrlosten Couch in der Lehmhütte, inmitten von Schmutzwäsche, einer leeren Zigarettenschachtel, Deo-Spray-Dosen, Zeitungspapier, alten Brotkrumen. Die Mutter war seit zwei Tagen verschwunden. Die vier Geschwister hatten uns geholt, weil sie nicht wussten, was sie mit der Kleinen machen sollten. Wir gingen mit ihnen zum Brunnen, die Brüder hüpften in das kalte Becken, aus dem sonst die Kühe trinken, lachend bespritzten sie sich gegenseitig. Das Baby wuschen wir unter dem schwachen Wasserstrahl. Durchfall und Dreckkrusten mussten von der zarten Haut geschrubbt werden. Dann holten wir Brot, Milch und Bananen. Die Buben aßen wie die Holzhacker. Wir sorgten jeden Tag für die Kinder. Nachdem auch in den nächsten Tagen weder Mutter noch Vater aufgetaucht waren, konnten wir mithilfe der Polizei alle fünf in ein Kinderheim in der Nähe bringen. Wenn ich sie besuche, laufen sie mir zum Tor entgegen. Es geht ihnen gut, sie halten zusammen, die Erzieher schauen auf sie. Zu Weihnachten haben die Buben sich ein Fahrrad gewünscht. Eine Freundin hat jedem eines geschenkt. Sie sind glücklich, vielleicht geht es ihnen besser als manchen Kindern im Reichtum.

Als ich in der Hütte das Elend der verlassenen Kinder sah, fragte ich mich: Wie können die Eltern ihre kleinen Kinder einfach sich selber überlassen? Manche fragen, wie kann Gott das zulassen? Hat er nicht gesagt: „Siehe, ich gebe euch alles Gewächs, das Samen bildet auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin. Euch sollen sie zur Nahrung dienen“? Wer gibt den Kindern in der elternlosen Hütte Nahrung? Gott schenkt nicht nur Leben, er sorgt auch für Ernährung, in Partnerschaft mit den Eltern, die Mitschöpfer Gottes sind. Bei unserer Familie musste Gott anstelle der Eltern andere Partner finden. Oft erfüllen Großeltern, Freunde, Sozialarbeiter die Aufgabe der Ernährung. Sie ergänzen, was bei den Eltern fehlt. In der Armut mag es Brot sein, im Reichtum kann es Liebe sein; körperliche oder geistige Nahrung.

Verantwortete Elternschaft heißt, Kinder zu zeugen und zu erziehen; ihnen das Leben zu schenken, aber auch für die Erhaltung des Lebens zu sorgen. In unseren verwahrlosten Vierteln freuen sich Mütter und Väter über ihre vielen Kinder, wie man es sonst nicht erlebt. Tests in der Schwangerschaft, um eine Behinderung zu erkennen, oder Abtreibung sind kein Thema. Doch wie können diese Kinder ernährt werden? Unsere Aufgabe ist es, Partner zu sein für die Eltern, für die Kinder, für Gott. In der Hoffnung, dass die Kinder mittels Schule und Ausbildung einmal selbständige Partner Gottes sein können, wenn sie selber Nachwuchs bekommen.

Wo bin ich in die Partnerschaft zwischen Gott und Mensch eingebunden? Mit Ideen für Neues, als Helfer, als Erzieher.

1. Februar 2019
von Max Heine-Geldern SJ
Der Icebreaker

Wenn einem die Beweislast genommen wird.

„Gott sprach zu ihnen: Füllt die Erde und unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen.“
Gen 1,28b

Wenn einem die Beweislast genommen wird.  

„Gott sprach zu ihnen: Füllt die Erde und unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen.“

Gen 1,28b

Es roch nach Klebstoff, Sägespänen und Kaffee. Hektik lag in der Luft. Das Modell nahm beinahe den ganzen Raum der Werkstatt ein. Achtsamkeit war gefordert, denn kein Fehler durfte passieren. In knapp vier Stunden war Abgabe. Das Team funktionierte, obwohl es die letzten Tage ohne Unterbrechung gearbeitet hatte. Der Architekturwettbewerb für die Umgestaltung der Exhibition Road in London konnte zum Sprungbrett für Thomas Heatherwick werden. Er konkurrierte mit Architekturgrößen wie Zaha Hadid und Norman Foster.

Thomas war gerade 33 Jahre alt. Zehn Jahre zuvor hatte er sein Studio gegründet. Eine Oase des Schöpferischen, die einen staunen ließ. Modelle von Handtaschen bis zu Hochhäusern füllten neben Skulpturen und Pläne jeden Winkel. Sie wurden in der hauseigenen Werkstatt entwickelt. Gut sechs Mitarbeiter aus den verschiedensten Fachbereichen wirkten zusammen. Am runden Tisch in der Mitte floss die gesamte Kreativität zusammen.

Vor drei Wochen hatte ich bei ihm zu arbeiten begonnen. Nun sollte ich den „glass dome“ in das Modell einsetzen. Es war das Herzstück des Entwurfs, eine feine gläserne Vase, ein Unikat. Ihre zugleich konvexe und konkave Gestalt machte die Formung der Halterung zu einer Millimeterarbeit. Sie wollte nicht passen! Thomas merkte mein Ringen, bot sich an zu übernehmen, doch ich wollte mich beweisen. Langsam führte ich die Vase in die Form, übte Druck aus. Ein schrilles Klirren durchschnitt das Treiben. Stille. Hatten sie es gehört? Wie groß war der Sprung? Mein Chef übernahm gekonnt, ohne Hektik. Wenige Minuten später vertraute er mir eine neue Aufgabe an.

Gott überträgt dem Menschen große Verantwortung. Er soll sich die Erde untertan machen, das heißt sie besiedeln, indem er über sie herrscht. Sie ist ihm zur Entfaltung gegeben worden. Dafür muss er sie nicht an sich reißen, sondern sie achten wie Gott, dessen Mitarbeiter er ist. Insofern verleiht der Schöpfungshymnus der Form des Herrschens einen klaren Charakter. Denn der Mensch soll dies im Geiste Gottes verwirklichen, der alles Geschaffene als sehr gut beurteilt. Entscheidend ist dabei, dass er sich selbst ebenso unter diesem achtenden Blick Gottes sieht. Dieser schenkt die Freiheit, sich nicht ängstlich beweisen zu müssen, sondern kreativ mit dem umzugehen, was da ist.

Die Reaktion von Thomas war alles andere als herrschsüchtig. Vielmehr brachte er mir in der Situation meines Scheiterns viel Achtung entgegen und verwandelte so das gesprungene Glas zu einem Icebreaker. Ich musste mich nicht mehr vor ihm beweisen, sondern konnte mich frei in seinem Studio einbringen und bei der Entfaltung der Projekte mitwirken.

Vor knapp zwei Jahren saß ich wieder mit Thomas am runden Tisch. Um uns schwirrten im neuen Studio mehr als 200 Mitarbeiter und ließen ihrem kreativen Geist freien Lauf.

25. Januar 2019
von Ruth Zenkert
Riskante Zuwendung

Die Suche nach Führungskräften beginnt mit der Frage: Wem gebe ich besondere Aufmerksamkeit?

Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch!
Gen 1,28a

Die Suche nach Führungskräften beginnt mit der Frage: Wem gebe ich besondere Aufmerksamkeit?

Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch!

Gen 1,28a

Als es hupte, stürmten die Kinder wie wild aus der Musikschule, um im Kleinbus die vorderen Plätze zu ergattern. Das Auto brachte die Schüler zurück ins Nachbardorf und holte die nächsten zum Unterricht. Sebi blieb in der Schule. „Du musst noch ein Stück üben, es ist schwieriger. Aber du wirst es lernen.“ Der Saxophonlehrer Mircea zeigte Sebi spezielle Griffe, damit er die Melodie schneller spielen konnte. Sebi probierte es, nach einigen Versuchen ging es immer besser. Dann gab ihm Mircea noch ein Stück zum Lernen. Sebi begriff schnell, es wurde ein Duett. Die beiden spornten einander an, improvisierten, hatten viel Freude am gemeinsamen Spielen. Die nächsten Schüler kamen, Sebi machte im Übungsraum alleine weiter, bis Mircea wieder Zeit hatte. Zum Abschluss probierten sie dann noch die neuen Melodien. So ergab es sich, dass Mircea Sebi am Abend nach Hause brachte, weil das Schulauto schon weg war. Wenn die Schüler am Mittwoch in der gemeinsamen Probe ihre Stücke spielten, stach Sebi heraus. Er spielte Solo, eine zweite Stimme, war den anderen schon weit voraus. Sebi, früher ein Störenfried, wurde zum Musterschüler. Bei all den Schwierigkeiten, die er bereitet hatte, hatte Mircea doch seine Begabung gespürt. Mit besonderer Liebe baute er ihn auf. Und nun bewundern ihn nicht nur die Mädchen, auch seine Freunde möchten spielen können wie er. Für Sebi gibt es nur noch eines: Er will ein großer Musiker werden. Wie Mircea.

Dem Lehrer ist es gelungen, einen Schüler groß zu machen, der nun viele andere mit seiner Begeisterung ansteckt. Viel Phantasie hat es gebraucht, um die Widerstände zu überwinden. Die Freundschaft zwischen den beiden hat Unglaubliches bewirkt. Eine solche intensive Beziehung lese ich heraus, wenn die Bibel von der Schöpfung der Menschen erzählt. „Gott segnete sie und sprach zu ihnen.“ Im Unterschied zur Tierwelt (Gen 1,22), die bloß gesegnet wird, ist dem Menschen eine doppelte Zuwendung und Ansprache geschenkt. Das besondere Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen verleiht ihm die Kraft, fruchtbar zu werden und sich zu mehren. Ein Beispiel ist der Patriarch Jakob, der seinen Sohn Josef, dessen Führungskraft und Begabung er spürt, mehr als alle Kinder liebte. Er ließ ihm einen bunten Rock machen, was die Eifersucht und den Hass der Brüder hervorrief. Die besondere Zuwendung brachte Josef zwar in Lebensgefahr, machte aber aus ihm eine Führungsgestalt. Er wurde am Hof des ägyptischen Pharaos der Minister, der das Volk und seine Familie aus der Hungersnot nach sieben mageren Jahren rettete.

Die starke Liebe, wie der Mensch sie in der Schöpfung von Gott erfährt oder wie sie Josef von seinem Vater bekommt, ist ein riskantes Geschenk und mit Verantwortung verbunden. Aber sie ist unabdingbar für Fruchtbarkeit und Mehrung. „Deine Zuneigung machte mich groß.“ So dankt der Psalmbeter (Ps 18,36b). Die Größe des Menschen, des Musikschülers und des Lebensretters ist aus einer intensiven Beziehung hervorgegangen.

Die Suche nach Führungskräften beginnt mit der Frage: Wer braucht besondere Zuwendung, um Großes leisten zu können?

18. Januar 2019
von Josef Steiner
Kein Kampf der Geschlechter

Was verbinde ich mit „weiblich“, was mit „männlich“?

Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.
Gen 1,27

Was verbinde ich mit „weiblich“, was mit „männlich“?

Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.

Gen 1,27

Kindheitserinnerungen. Unser Vater, sehr musikalisch. In der Mitte der Bauernstube stehend, schwingt er die Gitarre und imitiert das Glockengeläute der Kirche. Jede Saite einzeln zupfend, von den hohen Tönen bis zum Bass, dann alle zusammen. In seiner Begeisterung knallt er die Gitarre an die getäfelte Decke der Stube, lacht verschmitzt und lässt dann das Läuten langsam vor seiner auf dem Boden beeindruckt zuhörenden Kinderschar verklingen. Der Vater, Kinder liebend, spielfreudig und ohne körperliche Berührungsangst. Mitten in der Stube muss er als ein Tragetier herhalten. Wir sitzen auf seinen Rücken, hängen uns an seine Arme, Beine und an seinen Hals, schlüpfen unter seinen Bauch und halten uns an den Hosenträgern fest. Auf allen Vieren beginnt er sich langsam zu bewegen, Schritt für Schritt, richtet sich halb auf, die Arme ausgestreckt, wir an ihm hängend, und wiehert wie ein Pferd. Wir kreischen und lachen und staunen über solch körperliche Kraft. Der Vater, ein begnadeter Geschichtenerzähler. Zusammengedrängt auf harten Holzbrettern auf dem warmen gemauerten Heizofen sitzend, lauschen wir gespannt seiner Geschichte. Das Märchen von „Hänsel und Gretel“ frei interpretierend führt er uns in einen dunklen Wald. Aus Hänsel und Gretel sind mehrere Kinder geworden, aus der Hexe ein männlicher, Furcht erweckender Waldgeist. Rettung kommt – wie bei seinen Geschichten fast immer – durch die besorgten Eltern. Ein Vater – musikalisch, gefühlsbetont, dichtend –, zeichnet das einen Mann aus? Sind das männliche Eigenschaften?

Die Mutter, tüchtig und klug, ein Organisationstalent. Sie heiratet als Tochter eines Bürgermeisters in einen abgelegenen, schwer verschuldeten Bauernhof, ihr Mann ist kein Finanzgenie. Sie macht den Hof schuldenfrei, baut ein neues Wirtschaftshaus, begleitet Planung und Bau, bringt in der schwierigsten Bauphase alle Kinder bei Verwandten und Bekannten kurzfristig unter, vergrößert den Viehbestand, stellt Mägde und Knechte ein. Aus dem maroden Hof wird ein Selbsterhaltungsbetrieb für fünfundzwanzig Leute. Die Mutter, kommunikativ und engagiert, eine Sozialpolitikerin. Neben Familie und Hof sind ihre Welt das Dorf und die Dorfgemeinschaft. Der tägliche morgendliche Messbesuch dient der Erholung von anstrengender Familienarbeit und der Kommunikation im Dorf. Ihre vielen abendlichen Ausgänge führen sie in Häuser von Kranken, Sterbenden und Neugeborenen. Die Mutter, intelligent und offen, eine Gebildete. Sie liest viel, wenn sich Gelegenheit bietet, reist sie, sie diskutiert, hört zu, denkt nach. Eine Mutter – klug, politisch, gebildet -, zeichnet das eine Frau aus? Sind das weibliche Eigenschaften?

Die Bibel eignet sich nicht für den ideologischen Geschlechterkampf. Ihr Menschenbild ist eindeutig. Dreimal verwendet sie ein nur göttlichem Schaffen vorbehaltenes Wort, um die Differenz der Geschlechter als dem Menschsein eingestiftete Gabe und Aufgabe zu betonen. Ein Unterschied, der auf Entdeckungsreise schickt. Was verbinde ich mit „weiblich“, was mit „männlich“?

11. Januar 2019
von Ruth Zenkert
Von der Erdverbundenheit des Menschen

Der Glaube an das Göttliche hilft, niemanden aufzugeben und mit Feinden umzugehen.

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!
Gen 1,26 a

Der Glaube an das Göttliche hilft, niemanden aufzugeben und mit Feinden umzugehen.

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!

Gen 1,26 a

„Ist er das?“, fragte mich die Volontärin, als wir uns in Ziegental dem Brunnen näherten. Dort hantierte ein alter Mann mit einigen Milchkannen, die er auswusch und auf den Pferdewagen hievte. Tagelöhnerdienste, er verrichtete sie für einen rumänischen Bauern. Nun nahm der Alte einen Schluck aus der Bierdose. Ich grüßte ihn, und wir unterhielten uns ein wenig, über die Ernte in diesem Jahr, wie gut es sei, dass jetzt endlich eine Wasserleitung ins Dorf komme. Das ewige Warten am Brunnen, wo nur wenig Wasser fließe …

Die Volontärin war empört. „Mit dem redest du? Der ist doch ein Schwein!“, fauchte sie mit jugendlichem Zorn. Das stimmte. Und stimmte nicht. Auch ich war erschüttert von dem gewesen, was ich bei meinen ersten Begegnungen in Ziegental über den alten Mann gehört hatte. Jeder wusste es. Im Sommer ging er als Hirte mit den Kühen im Dorf auf die Weide. Seine Tochter begleitete ihn. Wenn sie im Herbst zurückkamen, war die Tochter schwanger. Seither lebten – ganz selbstverständlich – der Mann mit seiner Frau, der Tochter und drei Kindern in der kleinen Hütte. Ein Schwein. Wie hielt das die Tochter aus? Was sagte die Frau dazu? Nichts. Sie war in diesem Jahr gestorben. Nun kümmert der Mann sich um seine Kinder. Sie sind leicht behindert – wegen des Inzests? Wem würde es helfen, wenn er ins Gefängnis käme? Hier in diesem Dorf geschieht so viel Schreckliches, sind die Menschen so weit entfernt von dem, was wir an Moral und Zivilisation kennen. Wir können nur durch unsere Begleitung ein wenig Menschlichkeit spüren lassen. Vielleicht überträgt sich die Liebe, zumindest auf die Kinder?

Es ist unbegreiflich, was der alte Mann getan hat. Wie kann ich ihn als Mensch annehmen? Noch mehr: Wie soll ich in ihm ein Abbild Gottes sehen können? Hat er von Gott die gleiche Würde bekommen wie ich? Wo sind da die göttlichen Spuren? Ist Gott ein betrunkener Kinderschänder? Er hat doch gesagt: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ Der Mensch ist das Bild Gottes, anders übersetzt, eine Statue, die ihn in der Welt repräsentiert. Der Mensch darf und muss in Gottes Namen handeln. Der Psalm 8 beschreibt Würde und Aufgabe des Menschen: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße.“ Wir sind aber nicht gleich wie Gott, wir sind erdverhaftet. Das drückt der Name aus: Adam, hebräisch, ist abgeleitet von adamah, Erde. Der Mensch, das Abbild Gottes, ist ganz irdisch. Die Schöpfungserzählung zeigt in Adam die Spannung von göttlicher Größe und irdischen Grenzen.

In jedem Menschen, und wenn er noch so schmutzig, widerlich, verwahrlost ist, widerspiegeln sich die Gesichtszüge des Adam, des Menschen, oft verschüttet durch Missbrauch oder durch Gewalt entstellt wie beim gekreuzigten Jesus. Der Glaube an das Göttliche hilft, niemanden aufzugeben oder mit Feinden umzugehen.