Bimail – Bibel für Wagemutige

Bimail

Das Team um P. Georg Sporschill SJ greift für jede Woche im Jahr
einen Satz aus der Bibel heraus. Das Wort wird erklärt und
durch Erfahrung veranschaulicht. Bimails sind Bibelworte
für unsere Zeit: keine Predigten, sondern Anleitungen
zum Weiterdenken.

15. September 2017
von Georg Sporschill SJ
Ein Mensch, der andere zum Blühen bringt

Der Gärtner als Urbild der Führung. Er pflanzt, gießt, hütet, er entfernt auch das Unkraut.

Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.
Joh 20,15b

 

Der Gärtner als Urbild der Führung. Er pflanzt, gießt, hütet, er entfernt auch das Unkraut.

Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.

Joh 20,15b

Als Polizeichef genoss Nicu in Marpod höchste Anerkennung. Natürlich war es ein Vorteil, sich mit ihm gut zu stellen, da er bei kleinen Vergehen Nachsicht zeigte. Er kannte jeden im Ort, und wenn einmal eingebrochen wurde, ahnte er, wer der Täter war, und kam ihm auf die Spur. Auch bei uns wurde einmal etwas gestohlen. Aber statt den Dieb zu bestrafen, redete er ihm geduldig zu, bis der Mann die Beute zurückbrachte. Inzwischen ist Nicu pensioniert. Jetzt betreibt er sein Hobby als Beruf: Er leitet eine kleine Baufirma. Mit uns baut er Häuser für arme Roma-Familien. Nicu ist nicht mehr Polizist, den Respekt der Leute hat er umso mehr, denn er ist ein guter Chef. Seine Mannschaft findet er in der Umgebung, alle sind froh, dass sie arbeiten können. In seinem Team sind jetzt nicht nur die Bauleute, sondern auch Väter der Familien, für die ein Haus gebaut wird. Das ist nicht immer leicht, denn sie haben nichts gelernt und verlangen viel Geduld, weil sie nicht gewohnt sind zu arbeiten. Heute sind sie nicht da, morgen gehen sie früher, übermorgen gibt es Streit. Nicu bringt die Männer immer wieder zusammen. Burciu fehlte oft. Dann brauchte er Geld, weil seine Frau krank sei. Nicu gab ihm einen Vorschuss. Am nächsten Tag kam er nicht zur Arbeit. Nicu klopfte an seiner Tür, die Frau – quicklebendig – sagte, er sei nach Deutschland gefahren. Zwei Wochen später tauchte Burciu wieder auf, es sei nichts geworden in Deutschland, er habe gehofft, dort mehr zu verdienen. Nicu nahm ihn wieder auf, er forderte nicht einmal den Vorschuss zurück. „Er wird wachsen und ein zuverlässiger Arbeiter werden.“

Nicu ist in unserer schwierigen Gemeinde so etwas wie ein Gärtner. Ihn könnte Maria von Magdala gut nach Jesus fragen, so wie sie den Unbekannten am Grab Jesu fragte. Denn „sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.“ Falsch war ihre Annahme nicht. Sie hat Jesus nicht mit dem Gärtner verwechselt, sondern das richtige Bild für den Menschensohn gefunden, den Menschen, der von ihr das Unkraut – die Dämonen – entfernt hatte. Nach Paulus war Jesus tatsächlich ein Gärtner, eine Anspielung auf Adam, dem Gott den Garten Eden anvertraut hatte, „damit er ihn bearbeite und hüte“ (Gen 2,15). Auch Jesus soll einen Garten anlegen. Wie in Israel soll unter den Völkern eine neue Kultur entstehen, mit Menschenrechten und Schutz der Schwachen. Die neuen Pflanzen sollen Früchte tragen und viele ernähren. Die Welt braucht Gärtner.

Maria von Magdala hat im Gärtner Jesus erkannt. Ähnlich sehen unsere Kinder im Baumeister Nicu den Gärtner. Sie wollen ihn holen und berühren: den Menschen, der sie zum Blühen bringt.

Es ist ein Glück, in der Erziehung und in Leitungsfunktionen einem Gärtner zu begegnen. Er kennt die unterschiedlichen Böden. Er sät, pflanzt, hütet, und er entfernt auch das Unkraut.

8. September 2017
von Josef Steiner
Respektvoll. Einfühlsam. Engagiert

Eigenschaften, die der Frage „Wie geht es dir?“ Tiefe und Wahrheit geben.

Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du?
Joh 20,15a

Eigenschaften, die der Frage „Wie geht es dir?“ Tiefe und Wahrheit geben.

Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du?

Joh 20,15a

Rabbi Chanoch war ein schüchterner, zurückgezogen lebender Schüler des großen Rabbi Bunam von Pzyska, der als Apotheker und Holzhändler, kommunikativ und viel auf Handelsreisen unterwegs, eine faszinierende Persönlichkeit war. Die erste Begegnung mit ihm – so hat sie Martin Buber in seinen chassidischen Erzählungen festgehalten – schildert Rabbi Chanoch so. „Ein ganzes Jahr verlangte es mich, zu meinem Lehrer, dem Rabbi Bunam zu gehen und mit ihm zu reden. Aber jedes Mal, wenn ich ins Haus trat, fühlte ich mich nicht Mannes genug. Endlich kam es mir, als ich weinend übers Feld ging, dass ich sogleich zum Rabbi laufen musste. Er fragte, ,Warum weinst du?‘ ,Ich bin doch‘, sagte ich, ,ein Geschöpf auf der Welt und bin mit allen Sinnen und allen Gliedern erschaffen, und ich weiß nicht, was ist‘s, wozu ich erschaffen bin und was tauge ich auf der Welt?‘ ,Du Närrlein‘, sagte er, ,damit gehe auch ich herum. Du wirst heute mit mir zu Abend essen.‘“ Tränen, die öffnen.

„Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Schon einmal stellte Jesus Maria aus Magdala diese Fragen. Bei der ersten Begegnung. Als ein verschrecktes, geplagtes, verwildertes Mädchen vor ihm stand und er als guter Psychologe einfühlsam nach dem Grund ihrer Tränen und ihrer Sehnsucht fragte. Auf seine Zuwendung hin brachen sie aus ihr heraus. Tränen des Zornes und der Verzweiflung, Tränen der Einsamkeit und der Scham, Tränen der Ungerechtigkeit und der Armut. Tränen darüber, keine Frau sein zu können, gesund und lebensfroh, schön und geliebt, begabt und gebraucht. Die Tränen Marias öffneten Jesus den Weg zur Therapie. Er wagte das Abenteuer mit ihr, gewann ihre Zuneigung, ließ sie an sich heran. Durch ihn und mit ihm wurde sie eine starke Frau, selbstbewusst und liebenswert, sie wurde eine der tüchtigsten Mitarbeiterinnen in seinem Werk, die ihm, seiner Mutter gleich, bis zum Kreuz folgte.

Jetzt nach der Katastrophe der schmerzhaften Trennung durch den gewaltsamen Tod stellt Jesus Maria aus Magdala wieder dieselbe Frage. „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Diesmal, um ihr Raum zu geben für Tränen, wie sie nur eine Geliebte für ihren verlorenen Freund vergießen kann. Tränen der Liebe und Bindung, Tränen des Verlustes und der Trauer, Tränen der Sehnsucht und des Verlangens. Sie bergen jene Kräfte, auf die Jesus bauen kann. Er macht aus der weinenden und suchenden Maria eine lernende und erfüllte Frau. Aus der Mitarbeiterin wird eine Leiterin. Eine, die das Werk Jesu weiterträgt, die vorausgeht, die selbstbewusst eine Botin des geliebten Auferstandenen wird und Männern den Weg weist.

Die Frage „Wie geht es dir?“ ist mehr als eine Floskel. Respektvoll, einfühlsam und engagiert gestellt, bekommt sie Tiefe und Wahrheit. Sie nimmt den anderen wahr, sieht seine Situation, spürt seine Gefühle. So wird sie Ausgangspunkt für stärkende Worte, helfende Tipps, gemeinsame Suche. Über die Mitteilung der eigenen Befindlichkeit öffnet diese Frage das Tor zu Sehnsüchten und Zielen des Lebens.

 

 

1. September 2017
von Max Heine-Geldern SJ
Sensible Kraft

Niemand wünscht sich eine persönliche Krise. Auch wenn sie das Beste sein kann, was einem passiert.

Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war.
Joh 20,15

Niemand wünscht sich eine persönliche Krise. Auch wenn sie das Beste sein kann, was einem passiert.

Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war.

Joh 20,15

Wenn Benjamin den Raum betritt, schlagen die Frauenherzen höher. Mit seinem charmanten Lächeln und seiner positiven Aura ist er ein willkommener Gast im Jugendzentrum. Aufgaben übernimmt er gerne, ohne sich dabei in den Mittelpunkt drängen zu müssen. Seine Leidenschaft ist die Musik. Berühren seine Finger die Tasten des Klaviers, taucht er in eine andere Welt ein, tritt aber gleichzeitig in einen Dialog mit seiner Umgebung. Seine Kunst kann wahrlich verzaubern. Selten bin ich einem so sensiblen Menschen begegnet.

Benjamin ist aber kein verklärter Träumer. Er steht voll im Leben, ist ehrgeizig und versucht Schritt für Schritt, seine Karriere als Journalist aufzubauen. Eine tiefe Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Absicherung treibt ihn an. Um all seine Interessen unter einen Hut zu bekommen, arbeitet er viel.

Vergangenen Advent begann mir sein voller Kalender Sorgen zu machen. Auch wenn er weiterhin stets lächelte, verriet ihn seine Musik. Sie begann oberflächlich, wie abgespult zu klingen. Wie froh war ich, als Benjamin eines Abends tief Luft holte und mir eröffnete, dass er völlig neben der Spur sei. Alles, was ihm bisher Freude bereitet hatte, ließ ihn kalt. Weder Arbeit noch Sport oder Musik konnten ihn innerlich erfüllen. Er klammerte sich an seine Disziplin, wollte die Krise in den Griff bekommen. Und genau das machte ihn verrückt. Er sah keinen Auslöser für sie. Wie aus dem Nichts war sie in sein Leben geplatzt und hinterfragte es. „Am liebsten würde ich einfach wieder Klavier spielen können, mir einen guten Film ansehen und chillen – so wie früher“, stammelte Benjamin mit leerem Blick vor sich hin.

Der plötzliche Tod Jesu stürzt Maria von Magdala in eine tiefe Krise. Sie will und kann sich noch nicht von ihrem Freund trennen. Er hatte sie von Abhängigkeiten befreit, ihr Sicherheit geschenkt. Seine Liebe scheint mit ihm begraben worden zu sein. Nichts ist mehr da, um Halt zu geben. Wie erschütternd muss diese Leere für sie sein! Sie kehrt dem Grab den Rücken zu, um das Verlorene zu finden. Doch ihr Blick hält noch Ausschau nach dem Greifbaren.

Benjamins Schilderungen begannen sich im Kreis zu drehen. „Es ist das Beste, was dir passieren konnte“, warf ich ein. Seinen verdutzten Blick werde ich so schnell nicht vergessen. „Das ist ja wohl die verrückteste Reaktion, die ich bisher gehört habe.“ Und da blitzte sein charmantes Lächeln wieder auf. Er wagte es, die Perspektive zu wechseln, und begann zu spüren, dass seine Sehnsüchte nach Absicherung und Unabhängigkeit mit seinem Erfolgsstreben nicht gestillt werden können. Seine tief ausgeprägte Sensibilität würde ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie würde die Oberflächlichkeit seiner Versuche, „Herr der Lage“ zu werden, immer wieder neu aufdecken und erneut Leere hinterlassen. Die Krise wies Benjamin auf seine stärkste Kraft hin: seine Sensibilität. Ihre volle Bedeutung für sein eigenes Leben zu erkennen wird nicht von heute auf morgen möglich sein. Dafür wird Benjamin Zeit und vor allem Mut brauchen, bisher Bewährtes loszulassen.

 

 

 

25. August 2017
von Ruth Zenkert
Um mich weint hier niemand

Verlassen, gebrochen. Mit wem bist du durch Sehnsucht und in Tränen verbunden?

Die Engel sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Man hat meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.
Joh 20,13

Verlassen, gebrochen. Mit wem bist du durch Sehnsucht und in Tränen verbunden?

Die Engel sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Man hat meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.

Joh 20,13

Es war kurz nach dem Zusammenbruch des Ceauşescu-Regimes, am Bahnhof in Bukarest. Die dicken Warmwasserrohre, der intensive Gestank und die aufsteigenden klaustrophobischen Gefühle hatten mir Schweißperlen auf die Stirn getrieben. So war ich erleichtert, als wir aus dem Kanalloch herauskletterten, über eine Leiter, an der einige Sprossen fehlten, weshalb man sich am Schluss mit den Armen hinaushieven musste. Die Straßenkinder zogen mich ins Freie. Wir setzten uns mit ihnen im Hinterhof des schmuddeligen Bahnhofgebäudes auf eine Mauer. Hier war die Poststelle, Männer zogen schwere Karren herum. Einige dienten den Kindern am Bahnhof als Unterschlupf für die Nacht. Viele Kinder umringten uns, wir hatten ihnen Brot, Wurst und Milch gebracht, gierig kämpften sie darum. Die Starken in dieser wuselnden Gruppe, die hier hauste, hatten sich ihre Sklaven untertan gemacht, so organisierte sich die unübersichtliche Horde ein wenig. Immer wieder kamen Neue dazu. Freunde waren mit uns, und wir wollten weitergehen. Es war schwer, sich von den Kindern zu lösen, eine Traube folgte uns, sie wollten mit, kehrten dann aber um. Als wir am Auto waren, hatte unser Gast Caroline noch ein Kind an der Hand, das Mädchen war einfach mitgegangen. „Wie heißt du?“, wollten wir wissen. Sie senkte den glattrasierten Kopf. „Vali“ antwortete sie leise. „Woher bist du?“ Sie konnte es nicht beschreiben. „Wohin geht ihr?“, fragte sie. Nach Hause; es fiel uns schwer, das zu sagen. Sie drückte Carolines Hand mit ihrer kleinen schwarzen Hand noch fester. „Ich will mit zu euch.“ „Aber ist niemand am Bahnhof, der dich vermisst?“ „Um mich weint hier niemand“, sagte Vali.

Ganz anders war es am Grab Jesu. Hier stand seine wohl beste Freundin, Maria von Magdala, und weinte. „Frau, warum weinst du?“, sagten die Engel zu ihr. Welch tiefe Beziehung spricht aus diesen Tränen. Maria hatte sein Sterben miterlebt und ihn bis zum bitteren Ende begleitet, ohne Scheu und Angst. Sie hatte Jesus die Treue gehalten, als viele Männer schon geflohen waren. Nie vergaß sie ihm, dass er sie befreit hatte aus den Fängen der Dämonen. Sie war als Erste beim leeren Grab und suchte den Leichnam. Die Ungewissheit ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Ihre tiefe Beziehung zu Jesus mündete jetzt in Tränen, die nur Engel entschlüsseln konnten. Sie spürten in den Tränen nicht nur die Katastrophe sondern den Trost auf. Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten. Verunsicherung und Trauer verbergen eine Geborgenheit, die stärker ist als der Tod. Jene Geborgenheit, die dem Straßenkind fehlte. Wenn wenigstens jemand um sie geweint hätte.

Vali ist bei uns geblieben. Heute ist sie eine glückliche Mutter, die ihren drei Kindern Geborgenheit schenkt.

Weinen in einer Beziehung ist ein Lebenszeichen. Es ist noch nicht aus, es kann ein Aufleben geben. Mit wem bist du durch Sehnsucht und in Tränen verbunden?

 

 

18. August 2017
von Georg Sporschill SJ
Von einem Versuch, Engel zu sehen

Barrieren lösen sich auf. Menschen bekommen stärkere Konturen. Es stärkt das positive Denken.

Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten.
Joh 20,12

Barrieren lösen sich auf. Menschen bekommen stärkere Konturen. Es stärkt das positive Denken.

Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten.

Joh 20,12

Mittags zieht eine Karawane von Kindern von der Dorfschule in unser Sozialzentrum. Unterwegs reihen sich einige kleine wilde Gestalten ein, ohne Schultasche. Die Mädchen in unserer Haushaltsschule haben gekocht und servieren den Kindern eine Mahlzeit. Für die meisten ist es das erste und einzige Essen am Tag. Die Kinder drängen sich an die Tische. Immer gibt es Streit um die Plätze, wo zuerst ausgeschöpft wird. Und ich staune: Gerade die Schwierigen wollen neben Aron sitzen. Aron ist ein Volontär, der nach der Schule nicht so recht wusste, was er wollte. Er begann ein Studium, war aber schon nach wenigen Wochen nie mehr an der Uni. Seine Energie steckte er vor allem in den Widerstand gegen die Mutter. Und eines Tages fragte er, ob er bei uns mitarbeiten könne. Um dann hier seinen Protest gegen die Erwachsenen fortzusetzen. Morgens spielte er mit schlechtgelauntem Blick den Verschlafenen, grüßte nicht, hatte einen aufmüpfigen, rotzigen Ton. Einmal war es mir zu bunt, und ich ermahnte Aron, sich zu benehmen. Wenigstens „Guten Morgen“ zu sagen.

Gerne hätte ich einmal mit ihm über sein wirkliches Problem gesprochen, aber er ließ niemanden an sich heran. Und nun sehe ich, dass die wilde Bande an seinem Hemd zieht, sie wollen bei ihm sitzen, mit ihm essen. Diese Beobachtung hat mir geholfen, mit Aron umzugehen. Plötzlich sehe ich in ihm den Freund der Kinder. Sie spüren seine Kraft und Liebe, vielleicht auch, dass er sie deshalb so gut versteht, weil er selber schwierig ist. Plötzlich sah ich in Aron einen Engel. Er, der große Bruder, läuft nach dem Essen hinaus aufs Fußballfeld, die wilden Burschen folgen ihm.

Engel sind in den biblischen Sprachen – hebräisch, griechisch, lateinisch – einfach Boten, die modernen Sprachen unterscheiden zwischen himmlischen und irdischen Boten. Und doch ist es ein fließender Übergang zwischen den zwei Welten. „Lieber Gott, ich danke dir für den Engel neben mir“ beten unsere Straßenkinder mit Inbrunst und schauen dabei links und rechts auf ihre großen und kleinen Freunde und auf die Menschen, die sie gerettet haben. Sie spüren die Nähe Gottes in einer Familie, die ihnen geschenkt wurde, ihnen, die keine Familie hatten. Engel sind bei ihnen, Engel, die mit ihnen lernen, und Engel, die sie begleiten und selbstbewusst auftreten lassen. Das ist unmittelbare Gotteserfahrung, wie sie Geheilten geschenkt ist.

Maria Magdalena aber, die Frau, die Jesus so nahe stand, nachdem er sie von einer schweren psychischen Belastung geheilt hatte, sah zwei Engel in weißen Gewändern, „den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten“. Während die Frau Engel sah und die Botschaft der Liebe empfing, sahen Johannes und Petrus das leere Grab Jesu, die Leinenbinden und das Schweißtuch, und hielten diese äußeren Fakten im Evangelium fest.

Was ändert es in der Beziehung, wenn ich Engel sehen kann? Barrieren lösen sich auf. Menschen bekommen stärkere Konturen. Es stärkt das positive Denken. Ich sehe einen Menschen milder, barmherziger, hoffnungsvoller.

11. August 2017
von Josef Steiner
Abschied. Trennung. Verlust

Tränen der Wahrheit helfen. Sie reinigen, klären und eröffnen Neues.

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein.
Joh 20,11

Abschied. Trennung. Verlust

Tränen der Wahrheit helfen. Sie reinigen, klären und eröffnen Neues.

 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein.

Joh 20,11

Martin Buber hat in seinen chassidischen Erzählungen eine schöne Szene zwischen Rabbi Pinchas aus Korez und Rabbi Löb festgehalten. Beide waren sie Schüler des Begründers des Chassidismus, wählten aber unterschiedliche Tätigkeitsfelder. Rabbi Löb – er bekam den Titel „Der wandernde Gerechte“ – war immer unterwegs in der weiten Welt, von Russland bis Ungarn; seine Wirkungsorte waren Marktplätze, Gasthäuser, öffentliche Versammlungen. Ausgestattet mit einem guten Blick für die Menschen, fand er für alle die rechten Worte, warnende, zur Umkehr rufende für Gefährdete, herausfordernde für Starke. Rabbi Pinchas dagegen blieb stets am selben Ort, überzeugt davon, an dem ihm vom Schöpfer zugewiesenen Platz treu seine Aufgaben zu erfüllen. Trotz ihrer unterschiedlichen Lebensbereiche besuchte Rabbi Löb ab und zu im Jahr seinen Freund und Kollegen. „ Einmal“, so die von Martin Buber festgehaltene Szene, „kam Rabbi Löb über den Versöhnungstag in die Stadt. Nach dem Festausgang ging er zu Rabbi Pinchas, um mit ihm die Wünsche für das kommende Jahr auszutauschen. Die Tür wurde verschlossen, und die beiden sprachen eine Weile miteinander. Als Rabbi Pinchas herauskam, waren ihm die Wangen nass, und noch immer strömten die Tränen. Die Schüler hörten ihn sagen, während er Rabbi Löb hinausgeleitete: ,Was kann ich tun, da es euer Wille ist, vorauszugehen!‘ In jenem Jahr starb Rabbi Löb ums Winterende und Rabbi Pinchas ums Sommerende.“ Tränen zum Abschied.

Maria aus Magdala hat viel geweint. Von Kind an erschwerten ihr sieben negative Prägungen, Charakterzüge, soziale Bedingungen – die Bibel nennt sie dämonische Kräfte – das Leben. Sie machten sie krank, unsympathisch, beziehungsunfähig. Sie wurde zur Außenseiterin, abgelehnt, ausgelacht, missbraucht, ausgenützt. Tränen der Einsamkeit, des Zornes und der Wut, der Ungerechtigkeit und der Armut wurden ihr tägliches Brot und überschwemmten in der Nacht ihr Lager. Rettung und Heilung brachten die Begegnung mit Jesus aus Nazareth und die Liebe und Nähe zu ihm. Mit ihm lernte Maria aus Magdala andere Tränen kennen. Tränen, die Jesus gemeinsam mit Marta und Maria und der gesamten Trauergemeinde vergoss angesichts des Sterbens seines Freundes Lazarus. Tränen, die Jesus vergoss im Blick vom Ölberg auf seine geliebte und gefährdete Stadt Jerusalem. Tränen der Witwe von Nain und des Synagogenvorstehers Jairus, die wegen verstorbener Kinder flossen und die ihren Freund und Geliebten zum Handeln zwangen. Tränen der Freundschaft, der Liebe, der Nähe. Sie wurden die Kraft, die Maria aus Magdala nun den Verlust Jesu tragen helfen. Auf seinem Kreuzweg noch eingebettet und mitgetragen vom Tränenstrom vieler trauernder Frauen, ist sie jetzt an seinem Grab allein. Allein mit ihrem Verlust, ihrem Schmerz, ihrer Trauer. „Um den Toten lass Tränen fließen, trauere und stimme das Klagelied an.“ Maria aus Magdala befolgt diesen biblischen Rat. Tränen der Wahrheit helfen. Sie reinigen, klären und eröffnen Neues.

 

4. August 2017
von Dominik Markl SJ
Barockklänge im bolivianischen Amazonas

Die Erfahrung der Fremde hat unseren Blick auf die Welt verändert.

Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.
Johannes 20,10

Die Erfahrung der Fremde hat unseren Blick auf die Welt verändert. 

Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.

Johannes 20,10

Vor unserer Heimkehr nach einem halben Jahr in Bolivien wartete ein letzter Höhepunkt: das Ignatiusfest in San Ignacio de Moxos. Beim Landeanflug auf Trinidad sehen wir die Mäander der amazonischen Flüsse. Dann noch einige Stunden Autofahrt auf Schotterpisten bis zum Städtchen San Ignacio. Internet gibt es hier nicht. Dafür jede Menge Leben. Monatelang laufen schon die Vorbereitungen auf das Fest. Am Abend lädt man uns zum Konzert in die Musikschule ein. An den Wänden zeigen Reliefs, wie Ureinwohner mit Pfeil und Bogen den europäischen Jesuitenpatres begegnen, die ihnen Violinen überreichen. Die Missionare kamen im siebzehnten Jahrhundert und entdeckten das musikalische Talent der indigenen Bevölkerung. Heute können wir uns davon überzeugen. Das Ensemble und der Chor sind professionell, die Musiker teils noch Schüler. Sie bieten Bachs Kantate „Christ lag in Todes Banden“ und Werke anonymer Komponisten, die hier, im Herzen des südamerikanischen Kontinents, vor drei Jahrhunderten geistliche Werke komponierten. Das musikalische Archiv ist erst kürzlich in der Missionskirche wiederentdeckt und restauriert worden. Jetzt ersteht die südamerikanische Barockmusik zu neuem Leben. Spezialisten für alte Musik sind aus der Schweiz angereist, um an Feinheiten der Interpretation zu arbeiten.

Das Ergebnis ist nicht nur beeindruckend, es ist ergreifend. Geradezu surreal erscheint es, amazonische Gesichter in Leinengewändern und barfuß Bach in makellosem Deutsch singen zu hören. Als das wiederentdeckte Stück „Aquél Monte“ erklingt, im Duett dargeboten vom Sopran Nelvy Vela aus San Ignacio und dem Schweizer Tenor Samuel Moreno, versinkt der zum Bersten gefüllte Saal in eine mystische Stille. Beim Schlussakkord kann sich das Publikum nicht mehr halten und bricht in tosenden Applaus aus. Selten habe ich so stark erlebt, wie Musik in eine andere Welt, oder eher in ein Stück Himmel erheben kann. Himmlisch fühlt es sich an, wenn Menschen so unterschiedlicher Kulturen einmütig und hingebungsvoll musikalischer Passion Ausdruck verleihen.

Das Ignatiusfest selbst wird in mehrstündigen Prozessionen begangen. Die Bevölkerung tanzt dabei in traditionellen Kostümen – darunter Kleinkinder ebenso wie betagte Menschen. Weit ausladender Federschmuck macht gleichsam die fröhliche Aura der Gesichter sichtbar, in den rot und blau schillernen Federn tropischer Vögel. Nach der Festmesse erzählen Pater Fabio aus Trient und Bernardo aus La Paz, wie die Jesuiten der alten Zeit die Selbstverwaltung der indigenen Bevölkerung stärkten, um sie vor der Versklavung durch die Kolonialherren zu schützen. Bis heute verehren die Einwohner von San Ignacio ihren Patron, indem sie seine Statue mit allem schmücken, was glänzt – etwa mit dem Silberpapier ihrer Zigarrettenschachteln. Meine Kollegen, Jesuiten aus Kolumbien und Mexiko, kehren in ihre Heimat zurück, ich nach Österreich. Die Erfahrung eines Stücks Himmels in der Fremde hat uns in Staunen versetzt und unseren Blick auf die Welt verändert.

28. Juli 2017
von Ruth Zenkert
Die Lebensgeschichte gibt dem Lied die Farbe

Wie beginnt eine Leere zu sprechen? Wie wird aus einer Abwesenheit etwas Positives?

Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.
Joh 20,9

Wie beginnt eine Leere zu sprechen? Wie wird aus einer Abwesenheit etwas Positives?

Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.

Joh 20,9

An Thérèse geschmiegt, steht Roxi in der Mitte des Zimmers und singt. Als es zu uns kam, sah das pummelige zwölfjährige Mädchen aus wie ein frecher Bub mit kurzen struppigen Haaren. Die Familie hatte Roxi mit einem Hirten zu den Schafen geschickt, zuhause konnten sie nichts mehr mit ihr anfangen. Sie sollte weg oder zumindest etwas Geld bringen. Da sie nicht regelmäßig in die Schule ging, konnte sie gerade Buchstabe für Buchstabe ihren Namen entziffern und ein wenig rechnen. Inzwischen hat Roxi einen Lockenschopf und pflegt sich gern, sie trägt wie alle Mädchen glitzernde und rosa Pullis und feine Sandalen. Dem verschreckten, schüchternen Kind von früher war kaum ein Wort zu entlocken, oft floh sie in ihr Zimmer. Und jetzt steht sie vor uns und singt ein Lied, mit lauter Stimme. Mehr noch, es ist ein französisches Lied: „La vie en rose“ –Leben in Rosa – von Édith Piaf. Bei manchen Zeilen summt sie mit und schwingt sich in das Ende des Verses ein „… prä do se bra“ „..tu ba“ „…wi o rose“.

Würde sie vor Publikum singen und man wüsste nichts von ihr, wäre man geneigt zu sagen: wenig ausgebildete Stimme, kein selbstsicheres Auftreten, bitte den Text lernen! Für unsere Roxi aber ist es ein Wunder, dass sie vor uns allen französisch singt! Nach dem abschließenden „mon cœur qui bat“ – mein Herz klopft vor Liebe – umarmt sie die Volontärin Thérèse glücklich und fest. Sie wohnen gemeinsam im Zimmer. Thérèse hat das Lied jeden Abend mit ihr gesungen.

Ist es ein Zufall, dass auch Édith Piaf, der kleine Spatz, aus einer schwierigen Familie kam? Die Mutter betrieb ein Bordell, der Vater war Schlangenmensch in einem Wanderzirkus und schlug das Kind oft, wenn er betrunken war. Mit vier Jahren erblindete sie, nach zweijähriger Krankheit ging die Großmutter mit ihr auf eine Wallfahrt, und sie wurde geheilt. Das Leben in Rosa strahlt noch einmal stärker vor dem Hintergrund der grauen Vergangenheit.

Die geschlagenen Mädchen sind bei lebendigem Leib begraben. Sie haben kein Leben. Später aber beginnen beide zu singen. Mit starker Stimme und eindringlich. Piafs Geheimnis liegt in ihrer Geschichte von Erblindung und Heilung, genauso wie bei dem kleinen Mädchen, das weggeschickt wurde. Und dann eine Freundin fand, die mit ihr sang.

„Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.“

Nur die Lebensgeschichte lässt das Geheimnis ahnen, warum das leere Grab die Botschaft von der Auferstehung enthält. Jesus und seine Schüler und Schülerinnen, allen voran Maria von Magdala, kannten die Geschichte von Mose und Elija. Für beide gibt es nicht einmal ein Grab. Den einen hat Gott mit einem Kuss in den Himmel aufgenommen, den anderen im Feuerwagen. Die Leere enthält die Botschaft von der Auferstehung. Heute führt Mose die Menschen zu einem erfüllten Leben, und Elija hilft überall, wo Not ist.

Die große Geschichte und mein Leben geben meiner Stimme die Farbe. Erlebte Leere schenkt Überzeugungskraft.

21. Juli 2017
von Georg Sporschill SJ
Zwei Geschwindigkeiten

Langsame und Schwächere – wer von ihnen hat mich den richtigen Blick gelehrt? Wem habe ich es zu verdanken, dass ich glücklich bin?

Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.
Joh 20,8

Langsame und Schwächere – wer von ihnen hat mich den richtigen Blick gelehrt? Wem habe ich es zu verdanken, dass ich glücklich bin?

Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.

Joh 20,8

Tim lag im Bett und schnarchte laut. Es war schon zehn Uhr vormittags, längst hätte er im Sozialzentrum sein müssen. Sein Zimmerkollege Andreas war bereits joggen gewesen, hatte das Morgengebet vorbereitet und besprach gerade mit seinen Schülern die Musikstücke, die sie miteinander lernten. Zwei Volontäre, zur gleichen Zeit bei uns angekommen: Tim verstand kaum ein rumänisches Wort, Andreas unterhielt sich fließend mit den Kindern. Ein hochbegabter Bursche, der die anderen überflügelte. Ich bat Andreas, Tim zu wecken. Tim stöhnte, schloss die Augen wieder und drehte sich zur Wand. Andreas schimpfte, den Faulpelz solle man nachhause schicken. Und er wollte ein anderes Zimmer haben. Ein Zimmerkollege, der nur die Tage zähle, bis er wieder wegkomme, der störe ihn. Zielstrebig ging er in seine Musikstunde und ließ Tim weiterschlafen.

Am Abend war Tim mit Jugendlichen aus dem Dorf unterwegs. Sie saßen vor der Bar, tranken Bier und hatten es lustig miteinander. Empört berichtete Andreas davon. Ich fragte, mit wem Tim zusammen sei. Andreas kannte die Burschen nicht. Er kannte nur seine Musikschüler, mit den anderen im Dorf hatte er nichts zu tun. Ich schlug vor, in die Bar zu gehen und auch ein Bier zu trinken, mit Tim und seinen Freunden. Schon von der Brücke aus hörte ich, dass es dort hoch herging. Tim versuchte den Burschen gerade einen Rap in englischer Sprache beizubringen. Er sang, die anderen klopften auf den Tischen den Takt. Andreas trank nur Mineralwasser, verächtlich sah er auf Tim, der bei uns nicht mitmachte, aber hier den großen Star spielte. Aber ich meinte: „Vielleicht schaffen wir es, über Tim an die Dorfjugend heranzukommen, wo die meisten arbeitslos sind und den ganzen Tag herumhängen. Andreas, kämpfe um Tim, vielleicht findest du dann auch einen Freund im Dorf.“

Zwei Geschwindigkeiten. Während der Musterschüler schon unterwegs ist, liegt der Faulpelz noch im Bett. Am Abend aber überrundet der zweite den ersten. Tim hat in die Herzen der schwierigsten Jugendlichen gefunden. Der Wettlauf zwischen beiden würde zum großen Erfolg, wenn der Schnellere den Langsameren und der Langsamere den Schnelleren zu schätzen wüsste. Wie im Evangelium, wo es heißt: „Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.“ Johannes, der Eifrige, der Verliebte, der Begeisterte, war zuerst am Grab. Dann erst kam Petrus nach, der Bedächtige und Verlässliche. Er schaute genau hin und nahm wahr, was ist. Dem Langsameren hat es der Schnellere zu verdanken, dass auch er sah und zum Glauben kam. Der Zweite hat den Ersten zum Ziel geführt. Er hat ihm die Augen geöffnet. Es könnte sein, dass der Faulpelz dem Musterknaben Zugang verschafft zu den fremden Herzen der Roma-Jugend, der er helfen möchte. Andreas wird seinen ehrgeizigen Weg nur durchhalten, wenn er einen Freund findet.

Langsame und Schwächere – wer von ihnen hat mich den richtigen Blick gelehrt? Wem habe ich es zu verdanken, dass ich glücklich bin?

14. Juli 2017
von Josef Steiner
Der Blick für Details

Führungskräfte zeichnen sich durch genaue Beobachtungsgabe aus. Sie signalisiert Interesse, Nähe, Beziehung und macht stark.

Petrus sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.
Joh 19,6-7

Führungskräfte zeichnen sich durch genaue Beobachtungsgabe aus. Sie signalisiert Interesse, Nähe, Beziehung und macht stark.

Petrus sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.

Joh 19,6-7

Es war ein rauschendes Fest. Zweihundert geladene Gäste vergnügten sich bei kulinarischen und kulturellen Genüssen, sangen miteinander Lieder und tanzten, hörten lobenden Reden und Gratulationen zu, staunten über überraschende Gäste und originelle Geschenke. Der Chef einer großen Firma feierte seinen siebzigsten Geburtstag. Was aber als Reaktion auf dieses wunderbare Fest in den Wochen danach folgte, war eine noch größere Überraschung. Als guter Freund durfte ich zwei Vormittage in seinem Büro bei der Beantwortung der vielen Glückwunschschreiben, Mails, Briefe, Karten, Videobotschaften dabei sein. Es wurde eine unvergessliche Lernstunde. Keine vorgedruckten Karten, keine vorgefertigten Sätze, keine immer gleich lautenden Dankesworte. Nein, hier eine einfühlsame Frage nach der Gesundheit der Mutter, da die Erinnerung an ein gemeinsames Erlebnis; hier ein beratendes Wort zur Wahl des Studienfaches, da ein tröstendes Wort angesichts eines jüngst erlebten Verlustes; hier dankbares Staunen über das Geschenk einer langen Freundschaft, da die Freude über eine überraschende neue Beziehung; hier ein humorvolles Zitat, da ein besinnlicher Vers; hier die Beilage eines schönen Fotos vom Fest, da ein vorbereiteter kleiner Zettel mit einer Zeitungsnotiz. Für einen kurzen Moment vergegenwärtigte der Chef jeden Menschen, jede Familie, jede Gruppe, bevor er seiner Antwort eine Form gab. Immer eine Kleinigkeit erwähnend, auf etwas Besonderes hinweisend. Ein unglaublicher Blick für Details, ein phantasievoller und schöpferischer Ausdruck einer Beziehung, einer Bindung, einer Liebe. Das Geheimnis seiner Führungsstärke leuchtete darin auf.

Die Erschließung des Grabes Jesu geschieht schrittweise. Maria aus Magdala, die Geliebte, sieht den Stein vor dem Grab weggewälzt, sie wird zur Zeugin dieser Entdeckung und bringt ihre zwei wichtigsten Partner im gemeinsamen Werk zum Laufen. Der Lieblingsschüler Jesu – nach der Tradition ist es ein Johannes – beugt sich in das Grab und sieht Jesu Todeskleid. Petrus, den Jesus zum „Chef“ seiner Gründung gemacht hat, geht in das Grab hinein. Dort sieht er Genaueres, Details. Das Kleid, das Jesu Leichnam umhüllte, und das Schweißtuch, das Jesu blutendes Haupt umschloss. Beide liegen geordnet, zusammengelegt, an verschiedenen Plätzen. Kein Grabraub, kein Chaos, kein gewaltsamer oder ungeordneter Aufbruch oder Ausbruch aus der Totenwelt, sondern beides Zeichen und Zeugen eines von den Totenkleidern befreiten Jesus. Sein Leib ist frei, sein Kopf ist frei. Das genaue Hinschauen des Petrus wird später zur Tradition des Turiner Grabtuchs und zum legendären Schweißtuch der heiligen Veronika führen.

Führungskräfte zeichnen sich durch genaue Beobachtungsgabe aus. Sie signalisiert Interesse, Nähe, Beziehung und macht stark.