Bimail – Bibel für Wagemutige

Bimail

Das Team um P. Georg Sporschill SJ greift für jede Woche im Jahr
einen Satz aus der Bibel heraus. Das Wort wird erklärt und
durch Erfahrung veranschaulicht. Bimails sind Bibelworte
für unsere Zeit: keine Predigten, sondern Anleitungen
zum Weiterdenken.
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11. Januar 2019
von Ruth Zenkert
Von der Erdverbundenheit des Menschen

Der Glaube an das Göttliche hilft, niemanden aufzugeben und mit Feinden umzugehen.

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!
Gen 1,26 a

Der Glaube an das Göttliche hilft, niemanden aufzugeben und mit Feinden umzugehen.

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!

Gen 1,26 a

„Ist er das?“, fragte mich die Volontärin, als wir uns in Ziegental dem Brunnen näherten. Dort hantierte ein alter Mann mit einigen Milchkannen, die er auswusch und auf den Pferdewagen hievte. Tagelöhnerdienste, er verrichtete sie für einen rumänischen Bauern. Nun nahm der Alte einen Schluck aus der Bierdose. Ich grüßte ihn, und wir unterhielten uns ein wenig, über die Ernte in diesem Jahr, wie gut es sei, dass jetzt endlich eine Wasserleitung ins Dorf komme. Das ewige Warten am Brunnen, wo nur wenig Wasser fließe …

Die Volontärin war empört. „Mit dem redest du? Der ist doch ein Schwein!“, fauchte sie mit jugendlichem Zorn. Das stimmte. Und stimmte nicht. Auch ich war erschüttert von dem gewesen, was ich bei meinen ersten Begegnungen in Ziegental über den alten Mann gehört hatte. Jeder wusste es. Im Sommer ging er als Hirte mit den Kühen im Dorf auf die Weide. Seine Tochter begleitete ihn. Wenn sie im Herbst zurückkamen, war die Tochter schwanger. Seither lebten – ganz selbstverständlich – der Mann mit seiner Frau, der Tochter und drei Kindern in der kleinen Hütte. Ein Schwein. Wie hielt das die Tochter aus? Was sagte die Frau dazu? Nichts. Sie war in diesem Jahr gestorben. Nun kümmert der Mann sich um seine Kinder. Sie sind leicht behindert – wegen des Inzests? Wem würde es helfen, wenn er ins Gefängnis käme? Hier in diesem Dorf geschieht so viel Schreckliches, sind die Menschen so weit entfernt von dem, was wir an Moral und Zivilisation kennen. Wir können nur durch unsere Begleitung ein wenig Menschlichkeit spüren lassen. Vielleicht überträgt sich die Liebe, zumindest auf die Kinder?

Es ist unbegreiflich, was der alte Mann getan hat. Wie kann ich ihn als Mensch annehmen? Noch mehr: Wie soll ich in ihm ein Abbild Gottes sehen können? Hat er von Gott die gleiche Würde bekommen wie ich? Wo sind da die göttlichen Spuren? Ist Gott ein betrunkener Kinderschänder? Er hat doch gesagt: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ Der Mensch ist das Bild Gottes, anders übersetzt, eine Statue, die ihn in der Welt repräsentiert. Der Mensch darf und muss in Gottes Namen handeln. Der Psalm 8 beschreibt Würde und Aufgabe des Menschen: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße.“ Wir sind aber nicht gleich wie Gott, wir sind erdverhaftet. Das drückt der Name aus: Adam, hebräisch, ist abgeleitet von adamah, Erde. Der Mensch, das Abbild Gottes, ist ganz irdisch. Die Schöpfungserzählung zeigt in Adam die Spannung von göttlicher Größe und irdischen Grenzen.

In jedem Menschen, und wenn er noch so schmutzig, widerlich, verwahrlost ist, widerspiegeln sich die Gesichtszüge des Adam, des Menschen, oft verschüttet durch Missbrauch oder durch Gewalt entstellt wie beim gekreuzigten Jesus. Der Glaube an das Göttliche hilft, niemanden aufzugeben oder mit Feinden umzugehen.

 

4. Januar 2019
von Max Heine-Geldern SJ
Päpstlicher Fitnessplan

Gründen – Vertiefen – Reifen

Dann sprach Gott: Die Erde bringe Lebewesen aller Art hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Wildtieren der Erde nach ihrer Art. Und so geschah es. Gott machte die Wildtiere der Erde nach ihrer Art, das Vieh nach seiner Art und alle Kriechtiere auf dem Erdboden nach ihrer Art. Gott sah, dass es gut war.
Gen 1,24f

Gründen – Vertiefen – Reifen

Dann sprach Gott: Die Erde bringe Lebewesen aller Art hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Wildtieren der Erde nach ihrer Art. Und so geschah es. Gott machte die Wildtiere der Erde nach ihrer Art, das Vieh nach seiner Art und alle Kriechtiere auf dem Erdboden nach ihrer Art. Gott sah, dass es gut war.

Gen 1,24f

Der Saal ist prächtig geschmückt. Kostbare Gobelins hängen unter einem kunstvollen Fries, deckenhohe Vorhänge lassen nur diffuses Licht in den Raum fallen. Die Stühle sind in Reih und Glied aufgestellt. Uns gegenüber steht ein weißer Thron. Meine Mitbrüder und ich warten auf den Höhepunkt unseres 50-jährigen Jubiläums des „Collegio Internazionale del Gesù“. Es ist jener Ort in Rom, an dem Ignatius von Loyola den Jesuitenorden gegründet und bis zu seinem Tod geleitet hatte. Vor 50 Jahren machte ihn sein Nachfolger Pedro Arrupe zu einem internationalen Studienort, wo heute 50 junge Jesuiten aus fast 30 Nationen gemeinsam Theologie studieren.

Die Stimmung ist gut, wir blödeln, machen Selfies. Da geht die Tür auf, ruhig tritt Papst Franziskus ein. Klein und müde wirkt er in all dem Prunk. Seine Haltung hat nichts Theatralisches, genauso wenig seine Worte. Er kommt gleich zur Sache. Erinnern heißt sich wieder neu gründen, sagt er. Das heißt für uns, zu dienen und nicht bedient zu werden, auch wenn das Verleumdung und Verfolgung auslöst. Aber unser Trost ist nicht weltliche Anerkennung, sondern Ostern. Wenn wir dazu nicht bereit sind, sind wir nicht gut verankert. Dann setzt er mit dem zweiten Punkt fort, dem Wachstum. Ein Prozess, der im Verborgenen stattfindet und tieferer Sinn der langen Ausbildung ist. Der Papst verwendet das Bild eines mit Gott vernetzten Herzens, das es sich nicht gemütlich einrichtet, sondern ständig wachsen möchte. Das Krisen nicht fürchtet, weil sie Zeichen des aktiven Ringens mit den Versuchungen des eigenen Egos und einer verweltlichten Spiritualität sind. In dieser Auseinandersetzung empfiehlt er uns das persönliche Gespräch mit dem Gekreuzigten.

Schließlich kommt er zum dritten Punkt, dem Reifen. Wir reifen, indem wir Früchte hervorbringen, die wiederum Samen auf die Erde fallen lassen. Aber bitte nicht dort, wo schon viele säen! Franziskus fordert uns auf, dorthin zu gehen, wo Ideologien aufeinanderprallen, an die Grenzgebiete, wo die Kirche nicht ist, in die Wüsten der Menschheit. Sie sind Teil des einen Lebensraumes, der einen Welt, die Gott so liebt. Auch wenn wir uns wie Lämmer unter die Wölfe gesandt fühlen. Abrupte Pause, er blickt uns an: „Aber bleibt Lämmer!“ Fordernde Worte von einem Mann, der weiß, wovon er spricht. Mitten in all dem Prunk höre ich seine Sehnsucht nach einer armen Kirche für die Armen, die mehr einem Feldlazarett gleichen soll. Deren Hirten wie ihre Schafe riechen und die Eucharistie nicht wie eine Belohnung für die Braven verteilen sollen. Und ich höre das Heulen der Wölfe, das ihm entgegenschallt. Es geht mir unter die Haut, denn es kommt von gar nicht so fern.

Wie gerne aber würden wir uns diese Wildtiere vom Leibe halten! Im Schöpfungshymnus werden sie an dritter Stelle genannt, nach den zahmen Tieren, dem Vieh, und nach den Kriechtieren. Möglichst weit weg. In der zweiten Aufzählung hingegen rücken sie an die erste Stelle. Es ist die Perspektive Gottes, der ihnen nahe sein will.

Diese Sehnsucht pocht im Herzen des Papstes. Sie lässt ihn unermüdlich immer wieder neu aufbrechen. Gründen, Vertiefen, Reifen – dieser Dreischritt hält ihn dabei fit.

28. Dezember 2018
von Ruth Zenkert
Guten Appetit – mit Respekt vor dem Schwein

Wie achten wir das Leben der Tiere, von denen wir uns ernähren?

Gott segnete die Tiere und sprach: Seid fruchtbar und mehrt euch! Füllt das Wasser im Meer und die Vögel sollen sich auf Erden vermehren. Es wurde Abend und es wurde Morgen: fünfter Tag.
Gen 1,22-23

Wie achten wir das Leben der Tiere, von denen wir uns ernähren?

Gott segnete die Tiere und sprach: Seid fruchtbar und mehrt euch! Füllt das Wasser im Meer und die Vögel sollen sich auf Erden vermehren. Es wurde Abend und es wurde Morgen: fünfter Tag.

Gen 1,22-23

Liebevoll streicht Bogdan über sein kräftiges, großes graues Pferd. Er ist stolz auf seinen Freund, träumt doch jeder Bub im Dorf davon, ein Pferd zu haben. Er ordnet die Mähne, löst Schmutz heraus und prüft die Hufe. Dann versucht er dem Pferd eine Decke überzuwerfen. Nicht leicht, denn die Decke ist schwer, immer wieder rutscht sie vom Rücken des Tieres. Endlich ist es geschafft. Bogdan redet auf seinen Freund ein, lobt ihn. Das Pferd neigt den Kopf und genießt die Zuwendung. Es bekommt Zucker und Gras. Dann schwingt sich Bogdan auf seinen Rücken. Am kräftigen Hals kann sich der Bub festhalten, die Decke muss als Sattel dienen. Bogdan nimmt die Zügel, zieht nach rechts und gibt einen schnurrenden Laut von sich. Schon setzt sich das Tier in Bewegung, zunächst langsam, dann galoppiert es über die Dorfstraße. Eine Staubwolke bleibt. Wenig später rast es um die nächste Ecke, gefolgt von einem zweiten Pferd mit jungem Reiter. Die Burschen machen ein Wettrennen. Katzen, Hunde und alte Mütterlein springen zur Seite. Dann parken die Burschen ihre Pferde vor dem großen Strohhaufen. Wieder werden die Tiere gestreichelt, geputzt, begutachtet.

Bogdan liebt sein Pferd. So wie Gott die Tiere liebt. Als Gott zum ersten Mal zu seiner Schöpfung spricht, segnet er die Tiere, sie erhalten seine ganz besondere Zuwendung. Die Pflanzen wurden nicht gesegnet, denn sie erzeugen nur unbewusst Samen und Früchte, ihr Wachstum hängt von Sonne und Regen ab. Tiere hingegen gesellen sich zur Fortpflanzung zusammen. So segnet Gott mit seinem Wort die Gemeinschaft: „Seid fruchtbar und mehrt euch!“ Das bedeutet: Sie sollen sich nicht nur fortsetzen, sondern mehr werden. Das ist notwendig, weil der Mensch sich an den Tieren bedient und ihre Anzahl vermindert. Er fängt, tötet und isst sie: So deuten die jüdischen Rabbiner die doppelte Aufforderung Gottes.

Gott vertraut dem Menschen die Tiere an und erlaubt ihm, davon zu essen. Dieser wiederum muss den von Gott gesegneten Wesen Respekt und Ehrfurcht entgegenbringen und so auf den Segen antworten. Es beginnt damit, den Tieren ein artgerechtes Leben zu ermöglichen. Sie nicht in Ställen zusammenzupferchen, um schnell Fleisch für den Teller zu produzieren. Auch beim Essen um das Leben und den Wert des von Gott geschaffenen Tieres zu wissen. Ein befreundeter Buddhist saß mit uns am Tisch und betrachtete sein Gulasch. Sein „Gebet“ lautete: Liebes Schwein, ich entschuldige mich, dass du wegen mir sterben musstest. Danke für dein Leben und die gute Speise, mit der du mich stärkst. – Vielleicht ist das eine Anregung, wie man auf die lebenden Tiere schauen könnte. Müssen wir jedes Insekt, das uns stört, töten? Wie gehen wir um mit den Tieren, die Gott selbst anspricht? Sie, die ihm so nahe sind, vertraut er uns an. Geben wir ihnen genügend Lebensraum?

Achten wir das Leben der Tiere, von denen wir uns ernähren? Segnen wir die Tiere?

Guten Appetit – mit Respekt vor dem Schwein!

21. Dezember 2018
von Josef Steiner
Ein gutes Auge

Gott schaut auf die Menschen – zu Weihnachten besonders.

Gott sah, dass es gut war.
Gen 1,21

Gott schaut auf die Menschen – zu Weihnachten besonders.

Gott sah, dass es gut war.

Gen 1,21

Kindheitserinnerungen. Am Beginn der Adventszeit bekam jedes von uns dreizehn Kindern eine gereinigte, gewellte kleine Holzschindel als persönliches Krippelein. Immer wenn wir etwas Gutes taten – nicht Streiten, nicht Lügen, auf Süßigkeiten Verzichten oder beim abendlichen Rosenkranz nicht Einschlafen –, durften wir in die symbolische Krippe einen Strohhalm legen, um so dem Christkind ein warmes und weiches Bett vorzubereiten. Ein Adventskalender der besonderen Art.

Am Vormittag des Heiligen Abends wurden wir – normalerweise ein wilder Haufen – angehalten, auf alles, was Lärm machte, zu verzichten, um das noch schlafende Christkind nicht zu wecken. Alles Schreien, Raufen, Fluchen, selbst Husten sollen wir vermeiden. Eine kluge pädagogische Maßnahme, um zumindest für ein paar Stunden im Haus etwas Ruhe und Stille zu schaffen.

Am Abend zog dann die gesamte Hausgemeinschaft prozessionsartig durch das Haus. Voran der Vater, eine alte gusseiserne Pfanne schwingend, in der glühende Kohlen getrocknete Kräuter und Weihrauchkörner verbrannten. Zimmer für Zimmer, Gang für Gang, Ecke für Ecke wurden „ausgeräuchert“. Selbst in den Heustadel wagte sich der Vater. Er der sonst eindringlich vor allem Zündeln und mit dem Feuer Spielen in der Nähe des Stadels warnte, schwang die Pfanne, Funken sprühten. Aber die geweihten Kräuter und das Weihwasser, das wir hinterher spritzen, würden in dieser Nacht den Feuerteufel schon in die Schranken weisen. Wohnhaus und Wirtschaftshaus, von Rauchschwaden und besonderem Duft durchzogen, waren an diesem Abend von allen bösen Geistern gereinigt.

Um elf Uhr in der Nacht wurden wir aus dem Schlaf gerissen und zur Christmette in die Dorfkirche geschickt. Eine halbe Stunde Weg, meist war es bitterkalt, der gefrorene Schnee knirschte unter den Füßen. Dann eineinhalb Stunden Singen, Beten, Zuhören in der Kirche. Alles war leicht auszuhalten, denn das Christkind kam bei uns erst nach der Mitternachtsmesse. Selten liefen wir so schnell nach Hause wie in dieser Nacht. Die Wohnstube war mit Geschenken übersät, das Suchen begann. Es waren meistens kleine praktische Dinge, von Tanten gestrickte Socken, Mützen und Handschuhe, kleine Spielsachen und Süßigkeiten aus dem Gemischtwarengeschäft des Dorfes – die drei Pflegekinder kamen von dort.

Wenn wir Buben dann, zu viert in einer engen Kammer auf unseren Strohsäcken sitzend, die von der Mutter gebackenen einfachen Kekse und ein paar Süßigkeiten verzehrten, war alles gut. Schöne Weihnachten. Nur einmal verweinte ich den Rest der Nacht. Mein zwei Jahre älterer Bruder hatte seine ersten Schi bekommen, ich einen Spielesel mit eingebauter mechanischer Feder. Wenn man sie aufzog, wedelte der Esel mit dem Schwanz. Kindheitserinnerungen.

Gott blickt in diesen weihnachtlichen Tagen auf ein gewaltiges Lichtermeer, auf geschmückte Häuser und Wohnzimmer, auf eine beeindruckende Geschenkkultur, auf eine Flut von Grußkarten, Briefen und Segenswünschen. Er sieht, dass es gut ist. Mit seiner Schöpfung, mit seinem Volk Israel, mit seinem Messias Jesus aus Nazareth ist ihm etwas Großes gelungen. Alle Welt schaut nun Gottes Heil.

14. Dezember 2018
von Ruth Zenkert
Das Gewissen strahlt mehr als die Macht

Auf den hören, der dich geschaffen hat. Mut zur Entscheidung.

Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: vierter Tag.
Gen 1,17-19

Auf den hören, der dich geschaffen hat. Mut zur Entscheidung.

Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: vierter Tag.

Gen 1,17-19

Dan stand vor mir, den Blick auf den Boden gerichtet, die Hände in den Hosentaschen, und murmelte, es sei alles zu schwierig. Die Leute machten nicht mit, wenn er mit ihnen arbeiten wolle. Er selber sei schon krank und überhaupt, warum bekomme er nicht wie alle anderen ein Haus? Ich war unzufrieden mit seiner Leistung. Gewiss, er hatte keine leichte Aufgabe. Vor einem Jahr waren hier noch Lehmhütten gestanden, Familien hausten in äußerster Not, viele Kinder hatten Hepatitis. Kein Wasser, kein Strom, überall Müll. Auf Drängen des Bürgermeisters hatten wir mit den Männern die Hütten abgerissen und zwölf neue Häuser gebaut, in die die Familien eingezogen waren. Nun stand dort eine Reihe bunter Häuschen mit kleinen Gärten. Aus dem Elendsviertel wurde das „Cartier Marghita“, mit einem Sozialzentrum, in dem die Kinder essen, sich waschen, die Zähne putzen, Hausaufgaben machen, spielen.

Wir bauen weiter. Im Zentrum ist es sauber, die Kinder haben schnell gelernt, sich an einfache Regeln zu halten. Aber sobald man ins Cartier Marghita kommt, zeigt sich das alte Problem: Aus allen Ecken quillt der Müll. Dan sollte mit den Leuten saubermachen, Mülleimer aufstellen, Häuser und Gärten pflegen. Leider war nicht zu sehen, dass er irgendwo eingegriffen hätte. Das einzige Ergebnis war, dass alle im Viertel ihn hassten, weil er sich bei ihnen als Chef aufgespielt hatte. Jetzt schlurfte er davon und vergrub die Hände noch tiefer in den Taschen.

Ratlos fragten wir Doina, ob sie nicht mitmachen wolle. Sie sorgt für ihre behinderte Schwester und für ihre Kinder. Ihr Mann ist schon lange verschwunden. Auch wenn sie fast nichts hat, es ist immer blitzsauber in dem rot ausgemalten Zimmer. Sie gibt den anderen Müttern ein Beispiel und packt mit ihnen an. Bald wird das nächste Haus fertig. Dan hatte schon allen verkündet, es sei für ihn. Doina aber bestimmte jetzt, dass Florin mit seiner großen Familie einziehen werde. Er geht arbeiten, in seine alte Hütte regnet es herein, er braucht am dringendsten ein winterfestes Haus. Doina hat eine mutige Entscheidung getroffen, obwohl sie sich damit auch einen Mächtigen zum Feind gemacht hat.

Doina ist für mich wie ein Licht, das Gott an das Himmelsgewölbe setzte, „damit sie über die Erde leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden“. Die Lichter, die Gott geschaffen hat und am vierten Tag am Gewölbe befestigt, sind wörtlich übersetzt „leuchtende Körper“. Sie leuchten nicht selbst, sondern haben die Funktion, das Licht weiterzugeben. Sie dienen und sind nicht eigenmächtige Herrscher. Neben der wichtigsten Aufgabe, die Erde zu erhellen, geben sie dem Menschen Orientierung. Sie regeln den Kalender, Jahreszeiten, Festtage, sie unterscheiden Tag und Nacht.

Wenn der Mensch sich als Geschöpf des Einen Gottes weiß und auf IHN hört, kann er zwischen Tag und Nacht, zwischen Gut und Böse unterscheiden. Wer auf die Stimme seines Gewissens hört, bekommt Mut zur Entscheidung. Und kann im Sinn des Einen richtig handeln, leuchten, Frieden stiften.

7. Dezember 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Freisetzende Erdung

Was hilft mir meine Berufung zu leben?

„Gott machte die beiden großen Lichter, das große zur Herrschaft über den Tag, das kleine zur Herrschaft über die Nacht, und die Sterne.“
Gen 1,16

Was hilft mir meine Berufung zu leben?

„Gott machte die beiden großen Lichter, das große zur Herrschaft über den Tag, das kleine zur Herrschaft über die Nacht, und die Sterne.“

Gen 1,16

Sie fiel kaum auf. Die meisten Jugendlichen konnten mit ihr wenig anfangen. Manche schluckten ihre Präsenz wie eine bittere Pille, viele störten sich nicht an ihr. Anderen wiederum gefiel der Kontrast, den ihre Anwesenheit ausstrahlte. Ihr Platz war neben der Bar, zwischen Filmpostern von „Romeo und Julia“ und „Easy Rider“. Von Attraktivität keine Spur. Ihre Gestalt war vielmehr klobig und groß, etwa 90 Zentimeter hoch. Ihre Linien folgten der Marienfigur am Montserrat, einem spanischen Pilgerort in der Nähe von Barcelona. Dort hatte unser Ordensgründer, Ignatius von Loyola, lebensprägende, geistliche Erfahrungen. Aber hier mitten im Jugendzentrum? Hatte das nicht den Hauch einer Verhöhnung? Oder einer postmodernen Anbiederung? Über die Jahre war sie zur Hausdame geworden. Immerhin prägte sie den Namen des Jugendzentrums: „Marianische Kongregation“.

Ob das auch für die Jugendlichen galt? Sie legten ihre Lebenswelt vor der Türe nicht ab, sondern brachten sie rein in das Zentrum. Dafür war es da. Hier probierten sie sich. Checkten aus, wie sie gesehen wurden. Etiketten wie „Opfer“, „Looser“, „Streber“ oder „Moralapostel“ standen nicht gerade hoch im Kurs. Vielmehr die Labels ihrer Klamotten. Shopping gehörte zum Alltag wie das Amen zum Gebet. Die neuen Errungenschaften frönten dem eigenen Prestige. In diesem gängigen Wettkampf um die obersten Plätze der Vergötterung behaupteten sich andere mit ihrer scharfen Zunge oder fein platzierten Scherzen. Einige Bonuspunkte erzielte natürlich auch die jeweilige Trinkfestigkeit. Besonders gefinkelt waren schließlich jene, die sich durch ihr „Understatement“ profilierten. Ungeschminkt ließen sie mich an ihrer Welt teilnehmen. Und mich erkennen, dass ich in ihr wahrlich kein Fremdkörper war.

Natürlich schmeichelten mir die spürbare Anerkennung, mein Erfolg und das Label des „coolen Jesuiten“. Manch meiner ironischen, saloppen Sprüche löste zuerst Verwirrung dann schallendes Gelächter aus und erhöhte letztlich meinen Podest.

Wie erdend war da unsere Hausdame für mich! In all ihrer Zurückhaltung unterbrach sie diese zeitgeistigen Vergötterungen.

Eine Unterbrechung, wie sie in ähnlicher Weise die Verse des Schöpfungshymnus ausdrücken. In ihrer altorientalischen Umgebung wurden Sonne und Mond als wichtige Götter verehrt. Das Gottesbild des Volkes Israel hingegen holte sie vom Götterhimmel auf die Erde. Wie alles andere sind sie geschaffen worden und erhielten klar begrenzte Aufgaben. Anstatt angebetet zu werden, durften sie Tag und Nacht leuchten und damit zur Entfaltung der ganzen Schöpfung beitragen.

Wie der Schöpfungshymnus wies mich Maria auf mein Gottesbild hin. Sie trug es in ihrem Schoß. So half sie mir, mich im Göttergewimmel immer wieder neu zu orientieren, um die Menschen zu sehen, die wir sind. Eine Erdung, die mich freisetzte meine Berufung leben und die Jugendlichen bei der Entfaltung der ihren begleiten zu können.

 

 

30. November 2018
von Ruth Zenkert
Sternstunden

Es gibt Sterne, Menschen und Stunden, die das Leben hell machen.

Sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, um über die Erde hin zu leuchten. Und so geschah es.
Gen 1,15

Es gibt Sterne, Menschen und Stunden, die das Leben hell machen.

Sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, um über die Erde hin zu leuchten. Und so geschah es.

Gen 1,15

An einem Sonntagmittag hatten wir mit Gästen eine kleine Aufführung vor unserer Musikschule geplant. Ich war schon neugierig, wie schnell die nervösen Nachbarn kommen würden, um sich zu beschweren: „Nicht mal am Sonntag haben wir unsere Ruhe!“ Es sind ausgewanderte Sachsen, die den Sommer in Siebenbürgen verbringen. „Im Dorf war es ruhig, bis ihr mit den Zigeunern gekommen seid“, so jammern sie. Wir würden diese vom Ortsrand in die Dorfmitte locken. Am Tag störe der Lärm der Musikschüler, nachts trieben sich am Vorplatz Jugendliche herum, die Lärm machten und Steine auf ihre Dachziegel werfen würden. Man könne hier nicht mehr leben, sie müssten ihre Fenster zumachen und die Türen versperren. Wenn wir ein Konzert oder eine Veranstaltung haben, zu der viele Dorfbewohner kommen, müssen wir immer vorher die Nachbarn beruhigen. Es gibt aber auch andere Dorfbewohner; die freuen sich darüber, dass auf dem lange verwahrlosten Grundstück jetzt ein schönes Gebäude steht, dass Kinder und Jugendliche eine sinnvolle Beschäftigung finden und schöne Musik erklingt. Leben sei wieder in das hoffnungslose Dorf eingezogen, so sagen sie.

Die Musikgruppe hatte sich also für das Konzert aufgestellt, die Roma-Familie in bunten Kleidern war versammelt, und es begann mit feuriger Musik. Schon rasten Kinder auf den Fahrrädern herbei, Leute schauten von der Straßenecke aus zu, und da erschienen auch die Nachbarn. Ich erwartete, dass der alte Herr schimpfen würde, aber er kam mit seiner Frau näher, hörte und schaute. Fröhliche Leute brachten ihre Gäste mit, immer mehr standen um uns herum. Und auf der anderen Bachseite versammelte sich hinterm Zaun die Familie des Dorfkaufmanns, sie sind die Reichsten und haben das Sagen. Selbst die Schwester des Kaufmanns, die im Rathaus über den Akten sitzt und immer streng ist, war gekommen. Einige fotografierten mit ihren Handys und nun begannen auch sie zu tanzen. Die Kauffrau entdeckte mich unter den Musikern und winkte mir fröhlich zu. Plötzlich waren wir alle eine Gemeinschaft geworden – Roma und Nicht-Roma, genervte Nachbarn und die wilden Krachmacher. Alle waren zusammengewachsen und sangen und tanzten. Der alte Sachse sagte mir danach: Ihr spielt wunderbar, die Kinder haben die Musik im Blut, so etwas bringen wir nicht zusammen. Es war eine Sternstunde für mich.

Wie dieser Augenblick meinen Alltag erhellt hat, der vom Dunkel der Diskriminierung der Roma gezeichnet ist, so hell sind auch die Sterne am Himmel. Sie sind dazu geschaffen, über der Erde zu leuchten, um Leben und Wachstum zu ermöglichen und die Herzen froh zu machen. Hier im Dorf gibt es nachts oft keine Straßenbeleuchtung, dann zeigt uns der Mond den Weg. Ich bestaune die Sterne, den Orion, den Großen Wagen, die Milchstraße, und bin dankbar für ihr Licht. Und ich denke glücklich daran, welche Menschen-Sterne und Augenblicke in mein Leben strahlen.

Es gibt Sterne, Menschen und Stunden, die das Leben hell machen.

22. November 2018
von Josef Steiner
Hilfreiche Leuchten

Wann haben mir Sonne, Mond und Sterne zur Orientierung geholfen?

Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen als Zeichen für Festzeiten, für Tage und Jahre dienen.
Gen 1,14

Wann haben mir Sonne, Mond und Sterne zur Orientierung geholfen?

Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen als Zeichen für Festzeiten, für Tage und Jahre dienen.

Gen 1,14

Es war oft und viel dunkel in dem Dorf, am Ende eines kleinen Tales gelegen, nur durch einen Tunnel erreichbar, von hohen Bergen umgeben, die der Sonne den Zugang erschwerten. Ein Elternhaus, ein Einödhof, eine halbe Stunde vom Dorfzentrum entfernt, an einem lawinensicheren Platz an den Waldrand gebaut, auf der Schattenseite des Tales. Drei Monate lang, vom 1. November bis zum 2. Februar, keine Sonne. Im gesamten Haus, wo es in meiner Kindheit erst in Stube und Küche elektrisches Licht gab, wurde es gegen Abend finster. Dunkle Kammern, finstere Gänge – immerhin zum Versteckenspielen und sich gegenseitig Erschrecken wunderbar geeignet – flößten Angst ein. Vor allem der Gang zum „Plumpsklo“ am Ende eines langen Balkons war für uns Kinder in der Nacht und im Winter eine besondere Herausforderung. Das Bettnässen hatte deshalb weniger tiefenpsychologische Gründe, zu wenig geliebt zu werden oder einsam zu sein – bei zehn Kindern und drei Pflegekindern nicht das Hauptproblem – als  praktische: Angst, Kälte, Bequemlichkeit, Unentschlossenheit. Und als wir größer wurden und manche Nächte im Dorf und in dessen Gasthäusern verbrachten, wurde die Heimkehr ohne Straßenbeleuchtung und über  ungesicherte Brücken zweier reißender Bergbäche zu einem gefährlichen Abenteuer.

Gott sei Dank gab es hilfreiche natürliche Leuchten am Himmel. Die Sonne. Am 2. Februar stellte die Mutter, eine tiefgläubige und lebenstüchtige Frau, in der Stube ein Glas Milch auf ein Fensterbrett, zur Begrüßung der Sonne, die in diesem Augenblick ihre ersten Strahlen in das Innere des Hauses schickte. Ein heidnischer Brauch zwar, wir Kinder lachten darüber, aber das kleine Zeichen signalisierte Dankbarkeit und Freude der Mutter. Der Frühling war nicht mehr weit, Licht, Wärme, geschenkt vom Schöpfer des Lichts, begannen neu das Schattendasein aufzuhellen. Dann der Mond. Eine Tante, naturverbunden und sensibel, wusste Bescheid über die verschiedenen Mondphasen und die damit verbundenen Kräfte. Wenn sie vom zunehmenden Mond sprach, war das ein gutes Wort zum Schlafengehen, denn der Gang zum Klo erschien dann leichter. Und schließlich die Sterne. Es mag vielleicht eine Täuschung gewesen sein: Aber in einer klaren Nacht, ich war nicht ganz nüchtern auf dem Heimweg, legte sich das Sternenmeer wie eine Decke mit tausend Lichtern über das Dorf und erhellte mit seinem diffusen Licht den Weg zu Elternhaus, Ruhe und Bett. Bruchstückhafte Erinnerungen aus einer Kindheit und Jugendzeit, in der technische Lichtquellen noch nicht die natürlichen überflüssig machten. Aber gerade darin sehr biblisch.

Denn Gott bastelte aus dem kosmischen Urlicht – so das biblische Bild – mit seinem Wort ein paar kleine für den Menschen nützliche Lichter und heftete sie an die von ihm gehämmerte Festplatte, an den Himmel. Die Sonne für den Tag, Mond und Sterne für die Nacht. Durch sie bekam die Zeit eine Ordnung, eine Form, einen Rhythmus. Wann haben mir diese „himmlischen“ Lichter zur Orientierung geholfen?

16. November 2018
von Max Heine-Geldern SJ
Mächtige Worte

Welche Zusage gibt mir Halt mitten im Chaos?

„Dann sprach Gott: Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort und das Trockene werde sichtbar. Und so geschah es. Und Gott nannte das Trockene Land und die Ansammlung des Wassers nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war.“
Gen 1,9f

Welche Zusage gibt mir Halt mitten im Chaos?

„Dann sprach Gott: Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort und das Trockene werde sichtbar. Und so geschah es. Und Gott nannte das Trockene Land und die Ansammlung des Wassers nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war.“

Gen 1,9f

Sie schaut die werdenden Eltern an. Die junge Ärztin sucht nach Worten, kleidet ihre Erkenntnis in den Mantel des Verdachts: beim Kind könnte etwas nicht in Ordnung sein. Es wäre besser, wenn die Eltern einen Experten aufsuchen würden. Ihre vagen Worte genügen dem Vater nicht. „Was ist Ihre Vermutung?!“ Zögernd entfaltet sie ihre Deutung des Organscreenings. Der Kleinhirnwurm zwischen den beiden Lappen hat sich nicht gut entwickelt.

Sie vermutet ein Dandy-Walker Syndrom. Die Folgen können unterschiedlichen Grades sein. Aber die Wahrscheinlichkeit einer starken Behinderung und ständiger Schmerzen ist hoch. „Kann es sein, dass sie sich doch irren?“ fragt die Mutter nach. „Das würde ich mir wünschen, aber dann würde ich morgen hier kündigen.“ Ihr Verdacht fällt wie eine Flutwelle über die beiden. Ungewissheit wirft sie hin und her. Drei Tage später soll ihr Termin beim Experten sein. Simon und Agnes suchen nach Halt, erkundigen sich bei einer befreundeten Ärztin. Doch auch sie kann die Diagnose nur bestätigen. „Und bitte googlet nicht „Dandy-Walker Syndrom“! Wenn ihr Fragen habt, wendet euch direkt an mich.“ Natürlich googlen sie. Die beschriebenen Szenarien steigern ihr emotionales Chaos.

Sie müssen drei Stunden auf ihre ersehnte Untersuchung warten, um schließlich zu erfahren, dass der Experte noch im Urlaub ist. Ein anderer Arzt untersucht Agnes. Der Kleinhirnwurm sieht besser aus, aber eine totale Entwarnung kann er nicht geben. Die Ungewissheit bleibt. „Wird unser Kind Schmerzen haben? Wie werden wir unseren zweijährigen Sohn darauf vorbereiten? Wie werden wir das finanziell stemmen? Können wir unsere Berufe weiterverfolgen?“ Unter all ihren Fragen taucht eine nicht auf: Wollen wir dieses Kind? „Ja, ich weiß, vielleicht ist es eine naive Vorstellung. Doch wir sind uns sicher, dass wir auch dieses Kind aus ganzem Herzen lieben werden. Dass es glücklich sein wird.“ An dieser Zusage halten sie fest. Sie drängt die Macht der Anfragen zurück. Auf ihr stehend warten sie auf die Untersuchung.

Eine solche Zusage der Liebe bezeugt der Schöpfungshymnus. Beinahe kindlich naiv wirken seine Worte. Doch sind sie von Lebenserfahrungen eines Volkes durchwoben, das immer wieder von Großmächten überschwemmt wird. Die Fluten von fremden Streitkräften kann es nicht bändigen. Sie gleichen dem Meer, das aus der Sicht des kleinen Volkes für Chaos steht. Mitten in seiner Hilflosigkeit wendet es sich aber nicht an die fremden, siegreichen Götter, sondern kehrt sich vielmehr seinem Gott zu. Es erinnert sich an seine Zusage, „ich bin bei euch“ und ringt mit ihr. Dabei erfährt es immer wieder aufs Neue, wie diese Worte den hochschlagenden Krisen standhalten und entdeckt so ihre Tragfähigkeit. Von diesem errungenen Vertrauen kündet selbst sein Name: „Israel – der Gottesstreiter“ (Gen 32,29).

Schließlich ist der ersehnte Termin da. Der erfahrene Arzt schaut die werdenden Eltern an. Er braucht nicht nach Worten zu suchen. Der Kleinhirnwurm hat sich in der Zwischenzeit prächtig entwickelt. Solche Verzögerungen können vorkommen. Simon und Agnes sind fassungslos vor Freude.

 

 

9. November 2018
von Ruth Zenkert
Schauen, wo etwas wächst

Wo sprießt Grünes, wo sind Junge? Wachstum kann ich nicht hervorrufen, aber pflegen.

Dann sprach Gott: Die Erde lasse junges Grün sprießen, Gewächs, das Samen bildet, Fruchtbäume, die nach ihrer Art Früchte tragen mit Samen darin auf der Erde. Und so geschah es. … Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag.
Gen 1,11-13

Wo sprießt Grünes, wo sind Junge? Wachstum kann ich nicht hervorrufen, aber pflegen.

Dann sprach Gott: Die Erde lasse junges Grün sprießen, Gewächs, das Samen bildet, Fruchtbäume, die nach ihrer Art Früchte tragen mit Samen darin auf der Erde. Und so geschah es. … Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag.

Gen 1,11-13

An einem der letzten sonnigen Herbsttage führte mich Angela durch ihre Gärten. Sie ist verantwortlich für unsere Lehrlinge im Gartenbau. Wir begannen oben am Ortsrand beim Kartoffelacker. Drei Mädchen klaubten die letzte Reihe der guten Ernte auf und füllten die Säcke. Dieses Jahr bringen wir den Keller voll, es wird über den Winter reichen. Die kleinen Kartoffeln werden aussortiert, um im Frühjahr wieder gesetzt zu werden. Dann gingen wir den Abhang hinunter, hier wuchs nur Gestrüpp, schlechter Boden voller Steine und Lehm. Im Gewächshaus öffnete sich eine neue Welt. Die Bewässerungsschläuche waren in die gerade gezogenen Furchen gelegt, die Pflanzen an Stützen gebunden; alle waren mit Schildern versehen, die über Sorte und andere Daten Auskunft gaben. Da hingen noch rote Tomaten, prall und saftig. Eine musste ich versuchen, sie schmeckte wunderbar. Die Auberginen wurden eben geerntet, nächste Woche sollten die dicken Krautköpfe rollen, um dann in Salz eingelegt zu werden. Hier wuchsen Minze und Melisse, aus deren Blättern wir jeden Morgen Tee zubereiten. An einem Faden waren Petersilienbüschel zum Trocknen aufgehängt, darunter lag eine Zeitung. Die herausgefallenen Samen würden so für die nächste Saat aufgesammelt werden. Im Garten nahmen zwei junge Frauen von den verwelkten Ringelblumen die Blüten ab, auch hier wurden die Samen für das kommende Jahr entnommen. „Und das“, sagte die Gärtnerin, „ist der Kompost. Er muss ruhen und immer wieder aufgemischt werden. In dem nährstoffreichen Boden bekommen die jungen Pflanzen viel Kraft zum Wachsen.“

Zum Schluss führte mich Angela in den Keller, wo die Regale schon voll waren mit haltbar gemachtem Obst und Gemüse: Tomaten, Gurken, Paprika, Karotten, Marmelade, Säfte – herrlich. Ich bewunderte die vielfältigen und kostbaren Früchte in den Gläsern und Flaschen. Noch mehr als die reiche Ernte freute mich jedoch, wer diese Arbeit geleistet hatte: Mädchen aus den armen und verwahrlosten Familien in unserem Dorf. Ihre Mütter haben nie gesät, gehackt, geerntet. Wo sie herkommen, gibt es keinen Haushalt. Keine ihrer Lehmhütten ist so liebevoll gepflegt und sauber wie unser Gewächshaus.

Ich freue mich über das doppelte Wachstum. Zwei Mal geht der Samen auf: In den Gärten wachsen Pflanzen mit Früchten. Und aus den verwilderten Kindern werden gute MitarbeiterInnen. Beide, die Samen wie die Kinder, brauchen viel Pflege. Wenn unsere Mädchen eine Ausbildung und Zuwendung bekommen, wachsen sie heran zu Frauen, die selbstbewusst ihre Zukunft planen, die eine Familie gründen und ihren Kindern ein Zuhause schenken können. Dann setzt sich der Teufelskreis der Verwahrlosung nicht weiter fort.

Es wachsen die Pflanzen und wachsen die Jugendlichen. Gott sieht, dass es gut ist. Es wird Abend und es wird Morgen am dritten Tag.

Schauen, wo etwas wächst. Wo sprießt Grünes, wo sind Junge? Wachstum kann ich nicht hervorrufen, aber pflegen.