Auf der rechten Seite des Bootes

Wer hat mir im Misserfolg durch sein Vertrauen weitergeholfen? Wer sagte mir ein Wort, das mich neu beginnen ließ? Und mich menschlich weiterbrachte?

Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es.

Joh 21,6

Er ist Epileptiker, stottert, hat leichte motorische Störungen. Die Schule hat er nicht abgeschlossen, keine Ausbildung, kein Arbeitsplatz. Sebastian war den ganzen Tag zuhause, die alleinerziehende Mutter verzweifelte. Sie hörte von unserem Projekt, unserer Gemeinschaft. Ob Sebastian bei uns mitarbeiten könne? Wir nahmen ihn auf. In der Tischlerei begann er. An die gefährlichen Maschinen durfte er nicht, damit er wenigstens noch seine zehn Finger behielt. So sollte er die Malarbeiten übernehmen. Oft flogen die Farbtöpfe um, seine Arbeitskleidung war manchmal mehr vom Rot getränkt als die Hinweisschilder, die er beschriften sollte. Doch wir stellten fest, dass Sebastian viele Begabungen hat. Er ist belesen, hat einen reichen Wortschatz, macht sich viele Gedanken. Im Morgengebet erklärte er die Bibelstelle und überraschte uns mit seinem starken Glauben und mit aufbauenden Gedanken. An den Gemeinschaftsabenden, wenn wir Musik machten, ergriff er das Mikrofon und rappte voll Hingabe, mit starker Stimme und oft mit spontanen Texten. Er übernahm Dienste im Haus. Doch dann verliebte er sich in eine Volontärin – und prallte mit seiner Liebesenergie an ihr ab. Sie wusste ihn zu reizen und genoss sein phantasievolles und intensives Werben, um ihn dann wieder zu demütigen. Sebastian war fertig. Als wir alle im Wohnzimmer saßen, kam er herein – ein Blick auf seine Angebetete, ihr Blick. Das war zu viel. Er knallte ein Buch in die Ecke, stapfte hinaus, die Türe flog zu, die Scheiben klirrten.

In seinem Zimmer wartete er darauf, dass ich ihn nach Hause schickte. Er reflektierte alles sehr klar, auch die „chemischen und physikalischen Vorgänge“, die ihn bestimmten. Im Gespräch hörte ich seine Sehnsucht heraus, seine enttäuschte Liebe. Er folgte dem Ratschlag, nicht an seiner Enttäuschung zu hängen, sondern die anderen in der Gemeinschaft wahrzunehmen. Sebastian begann mit unseren Kindern Lesen zu üben, zu spielen, zu musizieren. Er ist ein sensibler großer Bruder für sie geworden. Die Kinder schauen zu ihm auf. Manchmal stottert er nicht mehr beim Reden.

Sebastian brauchte in der Not Ermutigung und nicht Prügel. Wie die Schüler Jesu nach der erfolglosen Nacht beim Fischen. Auf „der rechten Seite“ des Bootes sollen sie jetzt das Netz auswerfen. Was meint Jesus damit? Die rechte Seite ist in der Bibel die Ehrenseite. Der Messias sitzt zur Rechten Gottes. Jesus blamiert die erfolglosen Fischer nicht, sondern rückt sie auf den Ehrenplatz. Sein Wort des Vertrauens im Augenblick des Misserfolgs macht die Versager wieder leistungsfähig und verändert sie. Früher waren sie Fischer, jetzt lernen sie, was es heißt, Menschenfischer zu sein.

Wer hat mir im Misserfolg durch sein Vertrauen weitergeholfen? Wer sagte mir ein Wort, das mich neu beginnen ließ? Und mich menschlich weiterbrachte? Wie Sebastian, der plötzlich mit anderen reden konnte.